Ingo Elbe

Zur Kritik "multidirektionaler Erinnerung"

Das Gedenken an den Holocaust wird seit einigen Jahren von antirassistischen und postkolonialen Ansätzen radikal in Frage gestellt. Insbesondere Michael Rothbergs auch in Deutschland gefeierte Theorie einer „multidirektionalen Erinnerung“ stellt die ‚Verflechtung‘ von Gewaltgeschichten in den Vordergrund, um einer, wie er meint, gefährlichen ‚Opferkonkurrenz‘ vorzubeugen und von Rassismus betroffene Menschen in den westlichen Erinnerungsdiskurs zu integrieren. Zu diesem Zweck wird es als produktiv erachtet, die Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden in kolonialen Termini zu erzählen und die Geschichte von Kolonialverbrechen auf den Holocaust zu beziehen, um damit eine Solidarität der Opfer von Massenverbrechen herzustellen. Der Vortrag kritisiert diese erinnerungspolitische Strategie, indem gezeigt wird, dass dabei der Holocaust und der Antisemitismus ihrer Spezifik beraubt werden und an ihre Stelle ein „universell drapierter moralisierender Diskurs über unterschiedslose Opferschaft“ tritt (Dan Diner). Die volkspädagogischen Dogmen und die in der politischen Praxis vertretene Agenda dieses Diskurses weisen zudem eine israelfeindliche und den Antisemitismus der ‚Subalternen‘ oder ‚Anderen‘ verharmlosende Dimension auf.

Link auf das Youtube-Video:

https://www.youtube.com/watch?v=Z1PgsFV-_2c