Udo Wolter

Das gute Volk im wilden Kurdistan

Kulturalistische Projektionen der Linken und die (un)heimliche Verwandlung von Dialektik in Dualismus - Ein Fallbeispiel

Vorbemerkung

Neben allgemeineren, durch die Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems bedingten Zweifeln an der Wirkungsmacht nationaler Befreiungsbewegungen hat sich eine spezifische Auseinandersetzung um das Verhältnis der deutschen Linken zum kurdischen Befreiungskampf und die nationalistische Ideologie der PKK entwickelt. Ausgangspunkt war hier eine hauptsächlich seitens antinationaler bzw. antideutscher Strömungen entwickelte grundsätzliche Kritik an jeder Form affirmativer Aneignung nationaler und ethnischer Identitätsbildungen. Hintergrund ist der Umgang relevanter Teile der deutschen Linken mit ihrer und der deutschen Geschichte und Nation, also dem "eigenen Volk", und revolutionsromantischen Erwartungen an die Möglichkeit emanzipatorischer Gesellschaftsveränderung; sowie die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, nicht zuletzt in Form rassistischer Gewalt und Ausgrenzung, im wiedererstandenen Großdeutschland seit dem Ende der DDR. Doch auch zuvor gab es bereits eine teilweise sehr heftig und polemisch geführte Auseinandersetzung um die Projektion enttäuschter revolutionärer Hoffnungen auf zu "kämpfenden Völkern" verdinglichte vermeintlich revolutionäre Subjekte im Trikont, die sich nicht zufällig am Verhältnis der deutschen Linken zu Israel und dem palästinensischen Befreiungskampf entzündete.

"Auf 'die' Palästinenser projizierten von der eigenen Erfolglosigkeit frustrierte, bundesdeutsche Linke ihre Träume und Hoffnungen, wie sie diese, ähnlich undifferenziert, auf viele andere Völker projizierten, von Vietnam bis Portugal, von Nicaragua bis Kurdistan" schrieb hierzu Ingrid Strobel (Das unbegriffene Erbe", in: Antisemitismus in der Linken, Zürich 1994, S.15). Ingrid Strobel war nach ihrer Verhaftung wegen eines angeblich für die RZ besorgten Weckers vor genau 10 Jahren zu einer Art Symbolfigur der militanten Linken gekürt worden. Und gerade die Art, wie Sie seit der von ihr im Zusammenhang mit dem Antizionismus formulierten Kritik am linken Ausstieg aus der geschichtlichen Verantwortung als "Nachkommen der Täter"(ebd) zur Buhfrau eines Teils eben dieses Spektrums mutierte, sagt viel aus über den Charakter der Abwehrreaktionen, mit denen sich auch Kritik an der Ideologiebildung in der Kurdistan-Soliszene immer wieder konfrontiert sieht.

Neben einem allgemeinen Vorwurf, Kritik am Nationalismus der PKK betreibe "Entsolidarisierung" und diene nur der Legitimation eines Rückzuges aus internationalistischer Praxis auf eine "nur beobachtende Haltung"(Eine Gruppe aus der Kurdistansolidarität, radikal 151) tritt immer wieder der einer Art Teutozentrismus der antinationalen Kritik an der PKK:

"Gerade an der Frage der Solidarität mit dem kurdischen Kampf entwickelt sich eine schriftstellerisch sehr virulente nationalistische (!) und sehr 'weiße' Anti-'Bewegung'...Ausgehend von der Analyse , in der Konstituierung der Deutschen als Nation das Grundübel entdeckt zu haben, wird natürlich in der Unterstützung eines nationalen Befreiungskampfes, hier des kurdischen Volkes, eine letztlich konterrevolutionäre Position entdeckt...Von der Entwicklung eines Internationalismusbegriffes her, ist das auf der Ideologischen Ebene der größte Rückschritt, den Teile der Linken gegenwärtig machen" schreibt beispielsweise die Gruppe "kein Friede" in einem Papier (11/95, S.14)

Diese Art der Reaktion auf jede innerhalb der Restlinken geäußerten Kritik gehört mit ihrem Bezug auf das "kurdische Volk" bereits dem Verblendungszusammenhang an, auf den im weiteren eingegangen werden soll. Zurecht weist die Hamburger Gruppe "demontage" in einer Antwort auf dieses Papier darauf hin, "daß auch der PKK-Nationalismus eine homogenisierende Tendenz besitzt, und damit einer kommunistischen Politik und einer umfassenden Befreiung im Wege steht. Das genügt, um den Nationalismus einer Befreiungsbewegung nicht zu akzeptieren".

Meine Kritik am Diskurs der Kurdistan-Solidarität bedeutet nicht, daß ich der Meinung bin, daß aktive Solidarität mit den hier politisch aktiven KurdInnen überholt sei. Insbesondere das PKK-Verbot und die damit verbundene Repression sollte ebenso wie die fortdauernde Unterstützung der BRD für die Kriegspolitik des Regimes in der Türkei auch weiterhin Anlaß zu einer aktiven Einmischung der Linken sein. Es geht dabei auch nicht nur um die Politik der BRD - ethnisch und rassistisch begründete Ausgrenzung und Repression nach innen und die Exekution machtpolitischer Interessen nach außen -, sondern auch um Unterstützung emanzipatorischer Kämpfe gegen den zwangsautoritären Staat in der Türkei. Genau hier ist allerdings bezüglich der Frage, worauf Linke sich dabei beziehen können, das bisherige Internationalsmusverständnis in Frage zu stellen, welches auch die Kurdistan-Soliarbeit bisher angeleitet hat.

Das artikulierte Interesse an einer Perspektive weltweiter Befreiung und der sich daraus ergebenden Solidarität mit den brutaler staatlicher Unterdrückung ausgesetzten KurdInnen überlagert sich in zahlreichen Äußerungen von Linken zur PKK mit einer Affinität zu ethnisch-nationalen und kulturalistischen Identitätskonstruktionen, welche über den genannten Zusammenhang deutlich hinausschießt. Und das wirft Fragen nach dem theoretischen Verständnis der Grundlagen des emanzipatorischen Wollens auf. Um den Hintergründen projektiver Nebelbildungen in solidarisch bewegten linken Köpfen - wobei sich der Autor keineswegs aus dem Kreis der Betroffenen ausschließen will - näher auf die Spur zu kommen, gilt es die ethnisch-kulturalistischen Mystifikationen im Weltbild von Teilen der Solibewegung nachzuzeichnen und auf ihre Ursachen zu befragen. Die ethnisch-nationale Identitätspolitik der PKK selbst wird dabei nur insofern dargestellt werden, als der Nationalismus der PKK-Befreiungsideologie in den Mystifikationen der Soli-Bewegung seine Entsprechung findet und mit ihr in inniger Symbiose verschmilzt. Ich möchte also den Schwerpunkt im weiteren auf die Analyse der verdinglichenden Ideologiebildung der internationalistischen deutschen Linken am Beispiel der Kurdistansolidarität legen.

Nachdem bisher schon mehrfach der Begriff ethnisch-kulturalistisch gefallen ist, sollte vielleicht noch kurz geklärt werden, was hier unter "kulturalistisch" zu verstehen ist. Gemeint ist damit ein Kulturbegriff, der Kultur zu einer wesenhaften, statischen Eigenschaft von Großkollektiven wie Ethnie und Nation verdinglicht und im Zusammenhang mit dem Begriff des Volkes im Übergang von einem biologistischen Diskurs der Rasse zu einem gleichermaßen essentialistischen Begriff von Nationalkultur und "kultureller Identität" gerinnt. Im Gegensatz zu diesem essentialistischen Kulturbegriff steht z.B. der Begriff von Kultur, wie er etwa in den angloamerikanischen Diskursen von Cultural Studies und postkolonialer Kritik entwickelt wurde - als einem offenen, prozeßhaften und immer politisch umkämpften Terrain, daß stets von heterogenen und widersprüchlichen Einflüssen und Überschneidungen bestimmt wird. Daß auch dieser Kulturbegriff einer materialistischen Kritik zu unterziehen ist, kann hier insofern vernachlässigt werden, als der Gebrauch des Begriffes "kultureller Identität" seitens des Mainstreams der deutschen Linken und namentlich der Kurdistan-Soliszene meist derart unreflektiert und phrasenhaft daherkommt, daß "kulturelle Identität" einfach als Synonym für ethnische Identität genommen werden kann.

Ich werde nun im weiteren zunächst in Anlehnung an meinen Artikel in der "links" und den "blättern des iz3w" vorgehen und

  1. Die ethnisch-kulturalistischen Projektionen der Kurdistan-Solidarität nachzeichnen
  2. Ihre theoretischen Implikationen bezüglich eines linken antiimperialistischen Weltbildes nachzeichnen
  3. Einige Konsequenzen für das politsche Handeln der Kurdistan-Solidaritätsarbeit aufzuzeigen versuchen und schließlich
  4. Aufgrund einiger seit der Entstehung des Artikels leider deutlicher hervorgetretenen Entwicklungen im Diskurs der Kurdistan-Soliszene sowie aus aktuell gegebenem Anlaß nochmals auf das Thema Antizionismus und Antisemitismus in der Linken zurückkommen.

Das gute Volk...

Es ist schon merkwürdig anzusehen, wie Linke, die normalerweise für nationale Flaggen höchstens ein Feuerzeug und vielleicht noch ein Fläschchen Benzin übrig haben, im Flugzeug auf der Rückreise von einer Delegation nach Kurdistan (1994) plötzlich sich mit allerlei Schleifchen und Tüchlein in den kurdischen Nationalfarben versehen, um solchermaßen geschmückt und bekränzt wie die Pfingstochsen bei der Ankunft am Flughafen ihren in Deutschland lebenden kurdischen FreundInnen und der deutschen Medienöffentlichkeit entgegenzutreten. Auch 1996 berauscht sich noch der Kurdistan-Rundbrief (20/96, S.6) angesichts des Kurdistan-Festivals in Köln: "Überall auf den Rängen sah man auf und abwiegende Reihen, die zumeist in die kurdischen Nationalfarben grün, gelb und rot getaucht waren". Es drängt sich der Verdacht auf, daß hier am "fremden" Objekt ein Bedürfnis ausgelebt wird, daß im "eigenen" Nationalzusammenhang auszuleben sich aus bekannten geschichtlichen und aktuellen politischen Gründen verbietet, zumal diese emphatischen Aufwallungen begleitet werden von regelmäßig wiederkehrenden essentialisierenden Diskursen zu "Volk" und "Nation" in Veröffentlichungen aus dem Bereich der Kurdistansolidarität.

Handelt es sich dabei vielleicht nur um die bekannten revolutionsromantischen Projektionen auf die "Kämpfe im Trikont", welche sich um so mehr an diese heften, je tiefer die Krise und je weiter die Auflösungstendenzen der Linken hier fortgeschritten sind? "Der politische und militärische Kampf des kurdischen Volkes hat in dieser Situation nicht nur für alle Linken, fortschrittlichen und freiheitsliebenden Menschen eine Bedeutung" erklärte diesbezüglich eine Gruppe "antiimperialistischer Männer mit profeministischer Orientierung" in einem Flugblatt zur dann verbotenen und polizeistaatlich unterdrückten Kurdistan - Demonstration am 18.11.'95 in Köln, die im übrigen weiß, daß der von der PKK geführte der "heute nicht nur militärisch, sondern auch politisch und sozial am weitesten entwickelte antiimperialistische Befreiungskampf der Region" sei. Mal abgesehen davon, daß hier alle offen zutage liegenden Widersprüche in Theorie und Praxis der nationalen Befreiungsbewegung PKK mit revolutionsromantischem Pathos zugekleistert werden, vollzieht diese Wendung die von der PKK und ihrem Vorsitzenden vorgenommene Gleichsetzung von Partei, Guerilla und "kurdischem Volk" nach. Sie wiederholt damit genau die dem ethnisch-nationalen Diskurs der Identitätspolitik eigentümliche Homogenisierung und Verschmelzung von Individuum und Kollektiv, welche auf dem Hintergrund einer auch die Nation einbeziehenden kritischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie allererst zu dekonstruieren wäre. Es ist daher durchaus nicht nur überzogene Polemik, wenn sich die Hamburger Gruppe "demontage" durch die erwähnte Darstellung der "zum Leben erweckten Masse" grün-gelb-rot wogender Leiber im Kurdistan-Rundbrief an eine Symbolsprache erinnert fühlt, "die in Deutschland vor 60 Jahren auch recht populär" war (1996, S.21). Die kurdischen Menschen erscheinen durch den im Kurdistan Rundbrief auf sie gerichteten Blick nicht mehr als Individuen, sondern nurmehr als die Nation symbolisierende Masse, als in rythmischem Gleichklang bewegter "Volkskörper".

Daß dies nicht nur Peanuts im vor allem durch die "revolutionäre Praxis" zu bestimmenden "Kampf um Befreiung" sind, zeigt die ständige Wiederkehr der Phrase vom "Volk im Kampf" in prokurdischen linken Solidaritätsadressen unterschiedlichster Provinienz. Die hier lebenden KurdInnen werden dabei kraft ihres "hohen Organisierungsgrades" auch schon mal quanti tutti zur "stärksten linken Kraft in der BRD" (v)erklärt (radikal 149, 3/'94). Oder die PKK wird einfach als "überhaupt die stärkste sozialistische oder revolutionäre Organisation im Bundesgebiet" (radikal 151, aao.) bezeichnet, ohne auch nur im geringsten zu klären was mit diesem schwammigen "sozialistisch oder revolutionär" anderes gemeint sein könnte als irgendwie militant und Massenorganisation - und obwohl sich die PKK ebenso bekannter- wie auch erklärtermaßen überhaupt nicht auf die Verhältnisse in der BRD bezieht. "Der Bezug von Teilen der Solibewegung auf das kämpfende, schon von sich aus revolutionäre Volk wird zum Schnittpunkt der aktuellen Politik und der eigenen deutschen Geschichte. Ein als Einheit kämpfendes Volk, eine Vorstellung, die sich für den deutschen Kontext verbietet und anscheinend doch herbeigesehnt wird, kann zumindest in den Projektionen auf eine imaginäre kurdisache Nation seine Entsprechung finden." schreibt die "demontage"-Gruppe weiter. Und diese Feststellung läßt sich allerdings weit über die Kurdistansolidarität hinaus verallgemeinern. Dieser Bezug auf ein herbeigesehntes einheitliches und kämpferisches Volk als revolutionäres Subjekt durchzieht die ganze Geschichte der deutschen Nachkriegslinken, er manifestiert sich im Mythos vom "anderen Deutschland" und der Verdrängung des Anteils der Organisationen der Arbeiterklasse am Antisemitismus in Deutschland durch den Arbeiterbewegungsmarxismus genauso wie in den Projektionen auf "kämpfende Völker". Daher bestätigt sich hier bis heute das von Adorno schon vor 45 Jahren im Hinblick auf die damalige deutsche Arbeiterbewegung getroffene Diktum "Der Loyale muß zu einem Volk sich bekennen, gleichgültig welchem. Im dogmatischen Begriff des Volkes selber aber, der Anerkennung eines vorgeblichen Schicksalszusammenhanges zwischen Menschen als der Instanz fürs Handeln, ist die Idee einer vom Naturzwang emanzipierten Gesellschaft implizit verneint" (Minima Moralia, Ffm. 1970, S. 147)

Zu hinterfragen sind daher vor allem die mit diesen Projektionen einhergehenden Implikationen für das linke Gesellschaftsbild und das daraus folgende politische Handeln.

Worin ein Geheimnis des projektiven Blickes auf die kurdische Gesellschaft liegt, zeigt eine Sentenz, die in ähnlicher Weise ebenfalls des öfteren aus Kreisen der Kurdistansolidarität zu hören ist: "Kurdistan hat eine relativ intakte Gesellschaft. Die unfreiwillige Zerrüttung von Familienstrukturen durch Tourismus, Prostitution, Landflucht, wie in vielen anderen Ländern des Trikont gibt es in Kurdistan kaum." ("Eine Gruppe aus der Kurdistan-Solidaritätsbewegung", radikal Nr. 151, 12/94). Kaum geben dürfte es eher eine Übereinstimmung dieser heimeligen Zuschreibung mit der Realität der kurdischen Gesellschaft - auch unabhängig von deren fortschreitender gewaltsamer Auflösung durch die Kriegsmaschine des türkischen Staates. Die in der kurdischen Gesellschaft bis in die Gegenwart vorherrschende Sozialformation beruht - abgesehen von einem sehr kleinen industriellen Sektor - im wesentlichen auf der ökonomischen Grundlage einer Kombination agrarkapitalistischer Pachtverhältnisse mit halbfeudalem Charakter und Subsistenzproduktion, landwirtschaftlicher Saisonarbeit sowie Handels-/ Schmuggelaktivitäten. Daß dies alles andere als ein vorkapitalistisches Idyll darstellt, so es denn je ein solches gab, braucht wohl nicht näher erläutert zu werden. Um einen möglichen Realitätsgehalt dieser Fiktion kann es auch gar nicht gehen. In ihr offenbart sich vielmehr, in aller Deutlichkeit ausgewiesen durch die Verklärung der "Familienstrukturen", die Sehnsucht des linken antiimperialistischen Subjekts nach einer organischen Gemeinschafts-Gesellschaft, die es in den entpersönlichten, abstrakten und immer komplexeren Verhältnissen der kapitalistischen Warenvergesellschaftung nicht gibt. Da diese Sehnsüchte nach Veränderung über Identität und Aufgehobensein in einer ontologischen Gemeinschaftlichkeit in den Metropolen kaum noch im Aufschein eines gesellschaftlich veränderungsmächtigen "revolutionären Subjektes" mehr befriedigt werden können, projezieren sie sich mit schönster Regelmäßigkeit auf vermeintlich oder tatsächlich revolutionäre Bewegungen in der Peripherie. Das imaginierte Kollektiv von Nation und Ethnie (B. Anderson) strahlt dabei noch das falsche Versprechen der Wärme unmittelbar erfahrbarer Sinnhaftigkeit aus, welche die abstrakte kapitalistische Warenvergesellschaftung in der Moderne gründlich hinweggefegt hat.

Zu welchen Blüten der mit Macht durchbrechende Wunsch der deutschen antiimperialistischen Subjekte nach ihrer Selbstaufhebung in der organischen Gemeinschaft als Hintergrund regressiver Projektionen führen kann, darüber gibt der Umgang mit der von der PKK geforderten vollständigen Verschmelzung des Individuums im Kollektiv von Guerilla und Partei in einem Buch Aufschluß, das den verheißungsvollen Titel "Licht am Horizont - Annäherungen an die PKK" trägt und von einigen AntiimperialistInnen nach einem längeren Aufenthalt an der zentralen Parteischule der PKK verfasst wurde. Am Begriffskomplex "'Volkwerdeung - Parteiwerdung - Soldatwerdung'" etwa finden sie toll, dass er "die unbedingte und disziplinierte Bereitschaft, für die Revolution alles - d.h. auch eine grundlegende Entwicklung der eigenen Persönlichkeit - zu 'geben' " beinhaltet. Wie kaum anders zu erwarten tritt hier als ultimativer Zweck revolutionären Wollens zum Ziel des Sozialismus das von der PKK enthusiastisch betriebene Konzept der Schaffung des "neuen Menschen" auf den Plan. Daß beim Sozialismus-Begriff der PKK "die Vorstellungen zu konkreten gesellschaftlichen Bereichen relativ ungenau" sind, ist auch den AutorInnen aufgefallen, aber macht nichts, denn "Arbeit schafft den Menschen, auch den 'neuen Menschen' ", und durch "Kollektives, gemeinsames Arbeiten...entsteht und wächst Vertrauen, Zuneigung, Wärme, Liebe". Versteht sich, daß dabei "jede Indidvidualisierung...abgelegt werden" und als "Hindernis für den Kampf, für das Kollektiv" bekämpft werden muss. Und dafür wie für andere Vergehen wider das mönchsordensmäßige Kollektivideal steht an der Parteischule ein umfangreiches Arsenal an Selbstkritik-Ritualen, regelmäßig zu schreibenden Berichten und Rapporten an den großen Vorsitzenden etc. zur Verfügung - und natürlich entsprechende Strafen wie z.B. "Ein Jahr Arbeit im Garten der Schule". "Beabsichtigter erzieherischer Aspekt der Strafe liegt in ihrem quasi öffentlichen ÄVollzug', unter ständiger Gegenwart und und Beobachtung des Kollektivs" freuen sich die AutorInnen über die beobachtete Zurechtdengelung der Subjekte fürs Volkskollektiv.

...und die wiedergutgemachte Nation

In revolutionsromantischen und ethnisch-kulturalistischen Projektionen tritt auch ein immer noch in linken Köpfen herumspukendes falsches Verständnis von Kapitalismus und imperialistischer Herrschaft zutage, das den komplexen dialektischen Zusammenhang von kapitalistischer Vergesellschaftung im Weltmaßstab und imperialer Macht herunterrechnet auf einen simplen dualen Gegensatz von "bösem" Imperialismus und "gutem" antiimperialistischen Widerstand.

Um nämlich die Mystifikation von Volk und Nation von einem linken antiimperialistischen Standpunkt aus vollziehen zukönnen, muß der in den imaginierten Kollektiven von Ethnie/Nation (aber auch Klasse!) und Kultur eingeschlossene dialektische Zusammenhang widersprüchlicher und widerstrebender Elemente auf einen einfachen Nenner gebracht werden, der sich dann auf das manichäische Weltbild eines immerwährenden Kampfes von Gut und Böse abbilden läßt. Der komplexe Zusammenhang von Identität und Macht, emanzipatorischen Impulsen und ihrer Aufhebung in homogenisierter Kultur und einschließenden wie ausgrenzendenen Strategien der sozialen Grenzziehung, all das wird aufgespalten in einen dualen Gegensatz von "bösem" imperialen (Metropolen)Nationalismus und "gutem" antiimperialistischen Befreiungsnationalismus. Wie das funktioniert, zeigt die bereits zitierte "Gruppe aus der Kurdistan-Solidaritätsbewegung" in der "radikal". "Schon auf den ersten Blick liegt der Unterschied darin, daß der eine die ideologische Rechtfertigung für Unterdrückung und Unterwerfung darstellt und der andere sich gegen Unterdrückung wehrt" wird phänomenologisch zunächst durchaus zutreffend der Unterschied zwischen dem "faschistischen Nationalismus der Türkischen Republik und nationalistischen Tendenzen innerhalb der kurdischen Massen" markiert. Tunlich unterlassen wird allerdings ein zweiter Blick hinter die Oberflächenstruktur des Konfliktes, denn dieser könnte ja - jenseits der brutalen Gewalterfahrung der KurdInnen - einen strukturlogischen Zusammenhang zwischen Unterdrückernationalismus und dem diesen aufgeherrschten Nationalismus der Unterdrückten enthüllen. Einen Zusammenhang etwa in dem Sinn, wie Edward Said ihn in seiner Analyse von Frantz Fanon als "Teil der Tragödie des Widerstandes" bezeichnet, nämlich "daß er bis zu einem gewissen Grade Formen zurückgewinnen muß, die von der Kultur des Imperialismus entwickelt" wurden (E. Said, Kultur und Imperialismus, Frankfurt 1994, S. 288).

Statt dessen wird retrospektiv noch der "eigene" europäisch-deutsche Nationalismus in einen dualen historischen Phasenverlauf aufgespalten: "Allerdings wichen die gegenüber dem Feudalismus fortschrittlichen aufklärerischen Vernunftprinzipien der Nationalbewegungen recht schnell reaktionären völkischen, rassistischen und biologistischen Begründungen, die im deutschen Faschismus gipfelten." (ebd.) Statt also beide angeführten Dimensionen des Nationalismus als zwei in dialektischem Zusammenhang untrennbar einer Medaille, nämlich der nationalstaatlich organisierten kapitalistischen Warenvergesellschaftung, angehörende Seiten zu begreifen, taucht aus den Tiefen der Geschichte wie ein Deus ex Machina die wiedergutgemachte Nation auf: "Zusammengefasst richteten sich die europäischen Nationalbestrebungen des 19. Jahrhunderts gegen feudalistische Strukturen, die Nationalbestrebungen im Trikont in diesem Jahrhundert gegen den Kolonialismus und später gegen die Vorherrschaft der westlichen Nationen." (ebd.) Auf dieser Grundlage läßt sich dann unverdrossen "die Hinwendung der Völker zu den Wurzeln der eigenen Kultur, der Schrei nach der eigenen kulturellen Identität und die Forderung nach (nationaler) Selbstbestimmung" (ebd.) befeiern. Und ganz nebenbei wird mit der erwähnten Aufspaltung der Geschichte des europäischen Nationalismus in eine emanzipatorische und eine kolonial-rassistische Phase, indem der deutsche Nationalismus explizit in diesem Text nicht von der Entwicklung im übrigen Europa unterschieden wird, auch noch die nur in Deutschland in dieser Form aufgetretene Symbiose von Antisemitismus und völkischer Grenzziehung bei der Konstruktion der Nation ausgeblendet. Dem entspricht es auch, wenn die Gruppe "kein friede" in ihrem Papier behauptet, daß "antisemitische Momente bis zur patriotischen Lobhudelei über kurdische Einzigartigkeit" als reaktionäre Erscheinungen auf den Charakter der "kolonialfeudalen Gesellschaft" in Kurdistan zurückzuführen sei. Damit wird der Zusammenhang von nationalistischen Weltbildern, Antisemitismus und Moderne schlicht auf den Kopf gestellt und jede (selbst vom Mainstream bürgerlicher Historiker vertetene) kritische Analyse des modernen Antisemitismus aufgegeben zugunsten der ebenso simplen wie falschen Vorstellung, im Antisemitismus westen nur die Reste jahrhundertealter Judenfeindschaft fort. Auf die Hintergründe und Konsequenzen dieser Blindheit insbesondere für die Symbiose von völkischem gemeinschaftsdenken und Antisemitismus in der deutschen Geschichte werde ich noch zurückkommen. Auf die kurdische Geschichte bezogen führt sie gelegentlich zu Exzessen naiver nationaler Mythennachbetung, die in ihrer Abstrusität selbst einigen gestandenen kurdischen Nationalhistorikern die Schamesröte ins Gesicht treiben dürften. Die Zauberworte dafür lauten wohl "Kultur" und "Geschichte". Ist dieses Sesam-öffne-dich erst einmal ausgesprochen, gibt es kein Halten mehr und das Verständnis historischer Entwicklungsprozesse von Gesellschaften schlägt um in ethno-mystische Ursprungshuberei. "Die Erde Mesopotamiens verströmt den Geruch von Geschichte" verströmen sich die Sinnsuchenden gleich zu Beginn des bereits erwähnten Buches "Licht am Horizont" und verraten uns später auch, welche Essenzen sie in Kurdistan olfaktorisch wahrgenommen haben: "Das kurdische Volk ist eines der Völker, dessen Geschichte am meisten durch einen akuten Mangel an Führung gelitten hat. Die Vorfahren der Kurden, die Meder, kamen wahrscheinlich um 1000 v.u.Z. aus Nordeuropa (sic!)..." Später schlossen sich dem waldursprünglichen Kurdenvolk "auch andere ethnische Gruppen" an und so "kam es zur Vermischung von kulturellen und gesellschaftlichen Merkmalen". Und so vermischt sich in diesem Text dann auch die auf Kurdistan projizierte Geschichtsmystik mit einem Diskurs ethnisch-kultureller Differenz, der seine Ähnlichkeit mit plattesten Multikulti-Konzepten kaum verbergen kann. Auch dies ist leider kein Einzelfall, in dem Text der Kurdistan-Solidaritätsgruppe in der "radikal" (151, aao.) ist ebenfalls bezüglich den Schwierigkeiten zwischen deutschen Linken und KurdInnen von "Irritationen und Widersprüche(n), die zwischen dermaßen unterschiedlichen Kulturen bestehen" die Rede. Den Anteil linker Diskurse am Multikulturalismus identifiziert der Soziologe Frank-Olaf Radke als "eine romantische Verklärung, die nach Jahren des vergeblichen 'Klassenkampfes' an nationalen Befreiungsbewegungen ihr Vorbild fand und nun wieder die Begriffe 'Nation' und 'Volk' in den 'linken' Diskurs einführte." (F.-O. Radke, "Lob der Gleich-Gültigkeit", in: Uli Bielefeld (Hg.), Das Eigene und das Fremde, Hamburg 1991, S.85)

Zur Solidaritätspolitik

Die bisher vorgetragene Kritik mag angesichts der buchstäblich knüppelharten Unterdrückungspolitik gegen die kurdische nationale Befreiungsbewegung aus der Türkei auch hier in der BRD manchen als ziemlich esoterisch und an den eigentlichen Problemen vorbeigehend erscheinen. Ich komme deshalb nun auf eine Bemerkung der PDS-Politikerin Marion Seeligs zurück, durch die "PKK-Verbote" würden die KurdInnen "ihrer kulturellen Identität beraubt" (ganz ähnlich: Ch. Schmitz, "wie in der Türkei, so auch hier..", in: Hinz-Karadeniz/Stoodt(Hg.), Kurdistan - Politsche Perspektiven in einem geteilten Land", Gießen 1994, S.35ff). Mit solchen ethnisch-kulturalistischen Projektionen als Argument verrennt sich nämlich auch die notwendige praktische politische Solidarität mit den KurdInnen in allerlei Aporien. Zunächst unterschlägt diese Rede einen fundamentalen Unterschied zwischen der ethnisch-nationalistischen Identitätspolitik des Staates in der Türkei und der BRD. Der kemalistische Staat in der Türkei schließt jede kurdische Eigenheit aus und unterdrückt rücksichtslos jede politische Artikulation einer solchen, weil sie prinzipiell als Bedrohung der homogenen türkischen Nation und damit der Grundlagen des Staates und der nationalen Sicherheit empfunden werden - deshalb die ständigen strafrechtlich bewehrten Separatismusvorwürfe gegen jede noch so vorsichtige prokurdische Äußerung. Ganz anders in der BRD: hier werden auf der Grundlage des immer noch geltenden ius sanguinis alle Menschen ohne deutschen Paß auf der Grundlage ethnischer Zuschreibung als nicht Zugehörige aus dem Kreis der über Grundrechte verfügenden StaatsbürgerInnen ausgegrenzt und mit repressiven Sondergesetzen überzogen. Die "PKK-Verbote" richten sich mitnichten gegen Volkstänze, Nationalspeisen und andere Ausdrucksformen einer "kulturellen Identität", sondern sind ganz eindeutig politische Betätigungsverbote. Sie richten sich ausschließlich dagegen, daß sich eine ethnisch-rechtlich aus der nationalen Gemeinschaft der StaatsbürgerInnen ausgeschlossene Bevölkerungsgruppe erfrecht, hartnäckig politische Forderungen an den deutschen Staat und seine Außenpolitik zu erheben und sich dabei gar noch demokratische Rechte anzumaßen. - und das auch noch unter Führung einer eigenen politischen Organisation anstatt im Rahmen des vorgegebenen deutschen Parteiengefüges. Das soll mit dem ständigen Stammtischgeblöke vom "Mißbrauch des Gastrechtes" unterstrichen und durch die Denunzierung der kurdischen Anliegen als "Gewalt" und "Terror" verschleiert werden. Eine ständig mit der Phrase von der "kulturellen Identität" um sich werfende Solidaritätspolitik wendet letztlich die auf Ausgrenzung zielende ethnische Zuschreibung seitens des BRD-Staates nur ins Positive und dürfte deshalb auch in arge Schwierigkeiten geraten, sich von den Vereinnahmungsversuchen der kurdischen Sache durch einen Rechtspopulisten und ausgewiesenen Rassisten vom Schlage Heinrich Lummers abzugrenzen. Prompt wird Lummer denn auch von Clara Morgan im "Kurdistan Report" (5/96, S.38) bescheinigt, zum Kurdistankonflikt "objektiv eine bedeutend fortschrittlichere Ansicht, als viele solcher 'linken KommentatorInnen' (Anführungszeichen im Original)" zu haben.

Auch die Gruppe "kein friede" findet es ganz in Ordnung, wenn sich Öcalan mit Lummer trifft. "Die kurdische Praxis und ihre Volksdiplomatie (ist) als Doppelstrategie angelegt...Deswegen ist es kein Widerspruch für die PKK sich mit ausgewiesenen Reaktionären wie Lummer oder auch dem Verfassungsschutz zu treffen". Die Idee einer "Volksdiplomatie" ist natürlich allein schon deshalb abwegig, weil Diplomatie per definition eine Angelegenheit zwischen Staaten ist, die sich nur als Ausdruck der bürgerlich-nationalstaatlich verfaßten internationalen Geschäftsordnung des Weltmarktes angemessen begreifen läßt. Der Begriff der "Volksdiplomatie" sitzt also der Verdinglichung einer Vermittlungsinstanz zum "Volksstaat" als unmittelbarem Ausdruck einer nur aus sich selbst heraus bestehenden "Volkseinheit" auf. Tatsächlich zielt natürlich auch die Öcalansche "Volksdiplomatie" auf nichts anderes als auf Anerkennung im Kreis der "internationalen Staatengemeinschaft". Der PKK-Führung ist wohl bewußt, daß sie damit ein Feld betritt, daß von den herrschenden internationalen Staatsmächten bereitet ist und für nationale Befreiungsbewegungen allenfalls einen Platz am Katzentisch der "internationalen Staatengemeinschaft" vorsieht. So bemüht sich die PKK um eine Selbstdarstellung und Anerkennung als gemäßigte legitime Vertretung des kurdischen Volkes, mit der sich politisch zur Kontrolle und Regulierung des Kurdistankonfliktes nach Art der PLO ins Geschäft kommen läßt. Deshalb versucht Öcalan mit Verfassungsschutz und Politikern aus dem zweiten Glied der deutschen Regierungsparteien Deals einzufädeln und entschuldigt sich gegenüber seinen Gesprächpartnern aus Deutschland dafür, daß die kurdischen Aktionen "die Gefühle des deutschen Volkes [...] verletzt" haben (Die Welt, 20.5.'96). Daß er im gleichen Interview auch noch den deutschen Nationalismus und Antiamerikanismus bedient ("unwürdig..., daß offenabr viele Deutsche mit Absicht ihr geistig-charakterliches Erbe aufgeben,...ihre Eigenart verleugnen und lieber lauter kleine Amerikaner sind") und gegenüber Wallraf den Rassismus gegen KurdInnen und andere ethnisch Ausgegrenzte auf deren illegale Einreisezurückführt und mit den Worten "die Rechten haben recht" rechtfertigt, zeigt wohl doch eine gewisse Geistesverwandschaft zu Leuten wie Lummer, der mit seinen Beiträgen in der "Jungen Freiheit" im gleichen Sinne die nationalkonservativ-rechtsextreme Formierung vorantreibt. Aus der Logik des nationalen Befreiungskampfes betrachtet, untergräbt die kurdische Flucht nach Europa die Ziele der kurdischen Befreiungsbewegung.Vor allem aber wird dadurch die hier lebende kurdische Diaspora zur Verhandlungsmasse der politischen Diplomatie Öcalans und der PKK gemacht. Vor dem Hintergrund zahlreicher Äußerungen dieser Art erscheint es nicht einmal unplausibel, wenn der SPIEGEL in seiner reißerischen Geschichte über Öcalans Verhaftung und die Folgen behauptet, daß dieser noch während seines Aufenthaltes in Rom über seine Anwälte der Bundesregierung angeboten habe, daß bis zu zwei Drittel der in Deutschland lebenden Kurden in ihre Heimat zurückkehren würden, wenn Bonn sich erfolgreich für eine Befriedung des Konfliktes einsetze.

Die Kritik vieler deutscher Soligruppen an dieser Politik der PKK geht anscheinend von der illusionären Vorstellung alternativer Optionen der Befreiungsbewegung aus. Die zu beobachtende PLOisierung der PKK bzw. Arafatisierung Öcalans wird als Verrat an den hehren revolutionären Zielen beklagt. Es zeugt von geradezu rührender Hilflosigkeit, wenn z.B. die Kurdistan-Solidarität Hannover in einem offenen Brief an die kurdische Befreiungsbewegung im Kammerton des enttäuschten Liebhabers darüber klagt, daß "Öcalan [...] es vorziehe, mit anderen zu sprechen, als mit den FreundInnen des kurdischen Befreiungskampfes in der BRD".

Die Kurdistansolidarität läuft, wenn sie all dies unkritisch nachvollzieht, auch noch direkt in die Falle des staatsöffentlichen ethnisch-nationalen Identitätsdiskurses in der BRD. Denn schließlich beruht auch das von der Bundesregierung im Verein mit der Medienindustrie aufgeführte Schmierenstück mit dem Titel "Gute Kurden - böse PKK" auf nichts anderem als der Zuschreibung angeblicher Kollektiveigenschaften. Die im linksalternativen Multikulti-Milieu verbreitete Begeisterung für "authentische" kurdische (oder anderweitig exotische) Kultur steht nämlich in einem durchaus korrespondierenden Verhältnis zu den flottierenden Medienbildern des fanatisierten und gewalttätigen PKK-Anhängers. Es handelt sich dabei um die aus der psychoanalytischen Rassismusforschung bekannte Abspaltung eigener unterdrückter Triebregungen und Wünsche des bürgerlichen Subjektes der Moderne und ihre Projektion auf ein essentiell konstruiertes "Anderes", welches dann je nach Situation zu einem Objekt der Begierde oder einem der Furcht wird. So ist es dann nicht weiter verwunderlich, wenn dieselben Leute, die sich eben noch so betört von kurdischem Volkstanz und Kunsthandwerk gezeigt haben, angesichts gewalttätiger Konfrontationen der deutschen Staatskräfte mit der kurdischen Bewegung in den KurdInnen plötzlich die fanatisch-barbarischen Züge des essentialistischen westlichen Bildes vom "Orientalen" wiederentdecken.

Eine linke Solidaritätspolitik mit den KurdInnen, die nicht die Dekonstruktion ethnisch-kulturalistischer Mythen zur Vorraussetzung politischer Praxis macht, wird allein schon aus diesem Grund auch der staatlichen Repressionspolitik und ihrer medialen Vermittlung und Legitimation niemals etwas wirkungsvolles entgegenzusetzen haben. Es gibt also auch auf der Ebene tagespolitischer Notwendigkeiten einer aktiven internationalistischen Solidarität mit den KurdInnen für Linke jede Menge Gründe, von ethnisch-kulturalistischen Projektionen die Finger zu lassen.

Nationalismus - auch linke "Alltagsreligion"?

Wenn in diesem Vortrag die Logik der ethnisch-kulturalistischen Mystifikation anhand von Zitaten aus verschiedenen Texten ausgewiesen wird, geschieht dies nicht deshalb, weil sich so aus verschiedenen willkürlich zusammengesuchten Zitaten der gewünschte Effekt herstellen läßt. Ich beziehe mich in einzelnen Teilen wie dem Abschnitt über die Affirmierung der Nation ja auch im wesentlichen auf einen Text. Und das nicht deshalb, weil dieser einer bestimmten linksradikal-antiimperialistischen Strömung zuzurechnen wäre, welche für diese Projektionen allein verantwortlich zu machen sei. Sie durchziehen vielmehr Äußerungen zu Kurdistan und anderen "ethnisch-nationalen" Konflikten der unterschiedlichsten, im weitesten Sinne linken Strömungen von revolutionär-antiimperialistisch bis Grün. Sie verweisen damit auf die immer noch vorhandene Virulenz eines manichäischen linken Weltbildes, das seinen Antikapitalismus aus einem moralisch aufgeladenen dualistischen Mißverständnis der kapitalistischen Verhältnisse bezieht - auch wenn sich dieses nicht immer als systematisch geschlossenes antiimperialistisches Weltbild präsentiert. In diesem linken Weltbild regelmäßig enthaltenen ist die Tendenz, "die gesellschaftlichen Verhältnisse zu simplifizieren, zu verdinglichen und zu personifizieren, sie verschwörungstheoretisch zu mißdeuten und damit auch eine moralisch binäre Weltsicht zu entwickeln... Die unkritische Identifikation mit den nationalen Befreiungsbewegungen muß zwangsläufig ...schließlich zur Entdeckung guter Völker führen, die gegen das als "Imperialismus" bezeichnete abstrakte Böse kämpfen." (Thomas Haury, "Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus, in: L. Poliakov, "Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992., S.152) Mehr noch: das abstrakte gesellschaftliche Verhältnis als Ursache der Exekution imperialistischer Machtansprüche durch kapitalistische Staaten verschwindet aus dem Blickfeld, statt dessen wird im personifizierenden antiimperialistischen Weltbild "der Imperialismus" zum geschichtsmächtig handelnden Subjekt verdinglicht, das sogar mit Interessen ausgestattet ist. "Der Imperialismus ist ...sowohl an der Ausbeutung der Menschen wie auch der Natur (und Tiere) interessiert", wenn "das Kapital sich in seinen Interessen bedroht fühlt, setzt es die Medien gezielt ein" und erzeugt so falsches Bewußtsein, das als "herrschende bürgerlich/kapitalistische/imperialistische Ideologie ,..zur psychischen Zerstörung der menschlichen Identität führen soll" schwiemeln sich die AutorInnen von "Licht am Horizont" ihr Imperialismusbild zusammen.

Angesichts solcher Stilblüten stellt sich die Frage, ob nicht auch das so oft angerufene "politische Bewußtsein" der Linken gelegentlich nach einer Logik funktioniert, die Detlef Claussen treffend als "Alltagsreligion" charakterisiert hat. "Alltagsreligionen sind Produkte einer psychischen Tätigkeit, die mehr unmittelbare Befriedigung verspricht als die mühsame Abstraktion kritischen Erkennens. Die Geschichte der Gesellschaft wird vorgestellt als individuelle Person, die Erfahrungen macht und mit der Erfahrungen gemacht werden...Alltagsreligionen bieten schlüssige Interpetationen gesellschaftlicher Situationen, die den Erfahrungshorizont der Individuen überschreiten. Verdeckt wird durch diese Vorstellung das komplexe Verhältnis von Geschichte und Gesellschaft, das kein reines Personenverhältnis ist, sondern nur als ein sachlich vermitteltes Verhältnis von Individuen sich begreifen läßt" (D. Claussen, "Die gebrochene Kontinuität"; in: B. Schoch (Hg.), "Deutschlands Einheit und Europas Zukunft", Frankfurt 1992, S.82). Nur eine Linke, die sich selbst als ontologisch bessere Gegenidentität zur bestehenden Gesellschaft konstruiert und ihre Verstrickung mit deren Verhältnissen ignoriert, kann sich konsequent der Einsicht verweigern, daß das, was Claussen hier anhand des deutschen Mainstream-Nationalismus entwickelt, zumindest fallweise auch auf linke Bewußtseinsformen zutreffen könnte. In einer ausführlicheren Entfaltung seines Begriffes der Alltagsreligion beschreibt Detlev Claussen Wirkungsmacht von Alltagsreligionen im Zusammenhang mit dem Antisemitismus (Grenzen der Aufklärung, Frankfurt 1994, S 20ff), was sich auch im hier behandelten Zusammenhang als zutreffend erweist.

Antisemitische Elemente

In den als Artikel veröffentlichten Versionen dieses Vortrages hatte ich formuliert: daß sich manche Kurdistan-Soligruppen aus dem Bedürfnis einer verbalradikalen Kennzeichnung der monströsen Bösartigkeit des Imperialismus heraus einer Art hyperventilierenden Sprechweise bedienen, welche dann die "planvolle Vernichtung eines ganzen Volkes" (J. Hilbert, Kurdistan-Report 69, Juli 1994) halluziniert und so wirklich die Assoziation eines neuen Auschwitz in Kurdistan heraufbeschwört. In der Sonderausgabe des "Kurdistan-Report" zur polizeistaatlichen Eskalation während des Newroz-Festes 1996 ist ohne weiteren Kommentar das Foto eines "Ostermarschierers" mit einem Schild "Damals Juden - heute Kurden - Endlösung" (5/'96, S.28) abgebildet. Das führt allerdings in bedenkliche Nähe zu grassierenden deutschen Geschichtsrevisionen, weil sich - unabhängig von den Intentionen der SprecherInnen - so tatsächlich ein exkulpatorischer Effekt gegenüber der deutschen Vergangenheit einstellt - soweit meine Darstellung in den "blättern". Die Tendenz zur Reproduktion antizionistischer und antisemitischer Stereotype tritt in dem seitens relevanter Teile der Kurdistan-Solidarität gepflegten antiimperialistischen Weltbild wohl mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auf. Es ist wohl aus der bisherigen Analyse schon abzulesen, daß die im antiimperialistischen Weltbild enthaltenen Projektionen, personalisierenden und verschwörungtheoretischen Deutungsmuster strukturelle Affinitäten zum Antisemitismus aufweisen. Dies konkretisiert sich zwangsläufig immer dann, wenn die Verfolgung der KurdInnen in Beziehung zur deutschen Geschichte gesetzt wird. Wenn die KurdInnen die JüdInnen von heute sind, ergeben sich zwangsläufig Verschiebungen im Blick auf die Geschichte des NS.

Verdrängungsmechanismen waren auch an der Nichtreaktion der allermeisten deutschen Kurdistan-Solidaritätsgruppen auf die Veröffentlichung eines offen antisemitischen Artikels unter dem Pseudonym A. Inanc und weiteren Veröffentichungen mit ähnlichem Tenor in der Zeitschrift Özgür Ülke Ende August '94 abzulesen. Erst nach einigen Interventionen, die großteils eher von außerhalb oder vom Rand der Kurdistan-Soliszene erfolgten (interim, bahamas, Radio Dreyeckland, ak, junge welt, alle Anfang bis Mitte '95 ), wurden einige Stellungnahmen nachgeschoben. Diese zeichneten sich zudem dadurch aus, daß sie so gut wie kein Wort über den antisemitischen Charakter des Artikels und die strukturelle Affinität bestimmter ethnisch-kulturalistischer Muster im Diskurs der PKK zum Antisemitismus verlor; d.h. den von der PKK ebenfalls vertetenen und mit antisemitischen Stereotypen aufgeladenen Antizionismus erst recht nicht kritisierte, sondern teilweise sogar noch rechtfertigte indem sie ihren eigenen Antizionismus reproduzierte. "Ich halte es für legitim, den Staat Israel als ein Konstrukt zu bezeichnen, das tasächlich im mittleren osten eine destabilisierende Funktion einnimmt" sagte z.B. Karin Leukefeld in einem Streitgespräch mit Justus Wertmüller in der jungen welt (14./15.10.'95). Die Mediengruppe Kurdistan der TU Berlin sprach unter der Überschrift "Verspäteter Nachtrag" in der von ihr herausgegebenen Solidaritätszeitung für Özgür Ülke von einem "ignoranten Umgang mit antisemitischen Klischees" (zitiert nach Brief d. Gruppe "einige Kommunisten" v. 7.7.'95) in dem kritisierten Artikel von Inanc. Zu diesen verharmlosenden bis rechtfertigenden Umgang gesellten sich Vorwürfe, daß Antisemitismuskritik an der kurdischen Bewegung dem türkischen Staat in die Hände spielen würde ( in "Solidarität mit Özgür Ülke") und schließlich, wieder einmal, daß der Antisemitismusvorwurf gegen die kurdische Bewegung aus einer sehr deutschzentrierten Perspektive erfolge. "Von Deutschland aus muß man das aufgrund der spezifischen Geschichte anders einschätzen" (K. Leukefeld, aao.). Dem ist entgegenzuhalten, daß die spezifisch deutsche Tat, für die der Name Auschwitz steht, Konsequenzen für die Einschätzung des modernen Antisemitismus in all seinen weltweiten Erscheinungsformen haben muß. Und zwar nicht im Sinn einer ständig überall zu witternden Wiederholungsgefahr, das würde in der Tat schon wieder die spezifisch deutsche Geschichte relativieren, sondern für die Analyse des Antisemitismus als notwendig falschem Bewußtsein unter modernen kapitalistischen Verhältnissen. Genau in diese Richtung zielte Horkheimer 1939, also nach den Novemberpogromen 1938 und noch vor der Erfahrung von Auschwitz, in einem Aufsatz, von dem den meisten Linken nur den Satz kennen, daß vom Faschismus schweigen solle, wer vom Kapitalismus nicht reden will. Kaum zitiert werden dagegen die ersten Sätze des Horkheimerschen Textes: "Wer den Antisemitismus erklären will, muß den Nationalsozialismus meinen. Ohne Begriff von dem, was in Deutschland geschehen ist, bleibt das Reden über den Antisemitismus in Siam oder in Afrika bedeutungslos." (M. Horkheimer, Die Juden und Europa, 1939).

In der Kurdistan-Solidaritätsszene hat die Auseinandersetzung um den Artikel in Özgür Ülke und andere antisemitische Gehalte im Diskurs der PKK jedenfalls bis heute zu großen Teilen nicht zu einer erhöhten Sensibilität im Umgang mit dem Thema oder gar selbstkritischer Überprüfung des eigenen Weltbildes geführt. Als in einer Erklärung der ERNK-Europavertretung zu Newroz 1997 gleich im ertsen Abschnitt "Die gefährlichen Machenschaften der internationalen imperialistischen Kräfte und ihrer Brückenköpfe, die faschistische Türkische Republik und der israelische Zionismus, gegenüber den Völkern der Region" beschworen wurden und im weiteren Verlauf der militärische Kooperationsvertrag zwischen Israel und der Türkei noch mehrfach zur "Führungsrolle" eines "Angriffes [...] gegen die gesamten Völker des mittleren Ostens" stilisiert wurde, da trugen unkommentiert und ungerührt solidarisch bewegte deutsche Linke diesen Text auf der Newroz-Demo in Berlin als Kundgebungsbeitrag vor. Auch der Kurdistan-Rundbrief druckte genau diese Passagen genauso unkommentiert wie unbeindruckt nach. (Woran sich bis heute wenig geändert hat, wie der kr durch den gleichfalls unkommentierten Abdruck folgender, in keinem erkennbaren Zusammenhang zum übrigen Text stehende Passage aus einer Zusammenfassung von Erklärungen Öcalans zur kurdischen Fluchtwelle vom Januar '98 im Sender MED-TV bewiesen hat: "Die türkisch-israelische Partnerschaft, deren Planungen von der Adria bis zur chinesischen Mauer reichen, fordere einen Krieg heraus. Wenn diese Zusammenarbeit nicht gestoppt werde, könne sie sogar zum Anlaß für einen dritten Weltkrieg werden." [kr Nr. 2, Jg. 11, 27.1.1998])

Ausgerechnet medico-Chef Hans Branscheidt hat nun kürzlich am eindrucksvollsten vorgeführt, wie kurz sich der Kreis von der Kurdistan-Solidarität zur Reproduktion antisemitischer und antizionistischer Stereotype schließt. In einer eigentlich gegen Justus Wertmüller gerichteten Polemik hebt er schließlich ab auf die "neueren Freunde des 'Blitzkriegs' [...]: die israelischen Beratergeneräle, die eben nicht nur rund um die großen Seen still und wirksam tätig sind, sondern die als Vorposten der Aufklärung auch für das Design des nordirakischen Feldzuges ( der türkischen Armee) verantwortlich waren." ("Der deutsche Putschmüller, Kurdistan aktuell 55, 7./8. 1997). Die Projektion des eindeutig aus der NS-Geschichte stammenden Begriffes "Blitzkrieg" auf die israelische Armee geht zurück auf den Sechstagekrieg von 1967, als zunächst der Spiegel und und andere deutsche Presseorgane in scheinbarem Philosemitismus sich an den neuen "deutschen" Qualitäten der israelischen Armee ergötzten, die da gegen eine arabische Übermacht offenbar im Wüstensand geschafft hatte, was Hitlers Armeen in Europa versagt geblieben war. Der antizionistische Antiimperialismus griff diese Metapher in der Folge begeistert auf und enthüllte durch ihren stereotypen Gebrauch für das Vorgehen der israelischen Armee im Nahostkonflikt ihren wahren Kern: Der Begriff "Blitzkrieg" als Charakterisierung des Vorgehens der israelischen Armee zielt auf ihre Gleichsetzung mit Hitlers Wehrmachts-Vollstreckern. Möglich wird dies für deutsche Linke über die Identifikation mit den Palästinensern als die "Opfer der Opfer". Die Blitzkriegs-Metapher für Israels Armee erfreute sich bei deutschen AntizionistInnen auch im Zusammenhng mit dem Libanon-Feldzug der israelischen Armee 1982 großer Beliebtheit, und genau darauf spielt Branscheidt bewußt an, indem er die türkische Invasion einen "Libanonfeldzug in den Nordirak nach dem klassischen Vorbild Begins und Sharons" nennt. Micha Brumlik schrieb 1986 vor dem Hintergrund der Ereignisse im Libanon und ihre projektive Rezeption seitens der deutschen Linken: "Die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands geschieht durch eine Kritik an der Politik Israels. [...] Aus der Identifikation mit den Opfern ist nun die Identifikation der jüdischen Opfer mit den Tätern geworden. Die Nachfolger der gemordeten Juden werden in der Phantasie eins mit ihren Mördern - womit, schließlich und endlich, in einer zeit- und raumübergreifenden Perspektive die Juden einmal mehr selbst schuld an ihrem Schicksal sind." (M. Brumlik, Die Angst vor dem Vater, in: A. Silbermann/J. H. Schoeps (Hg.), Antisemitismus nach dem Holocaust, Köln 1986). Die Rede von "israelischen Blitzkriegern" ist daher ein kennzeichnendes Stereotyp für einen typisch deutschen Antisemitismus nach oder wegen Auschwitz. Branscheidts kryptisches Raunen von den "nicht nur rund um die großen Seen still & wirksam tätig(en)" israelischen Beratergenerälen fügt dem ganzen auch noch die Assoziation einer jüdischen Weltverschwörung hinzu. Diese Atmosphäre wird in dem Text auch dadurch hervorgerufen, daß die türkisch-amerikanischen Beziehungen als offenes Abhängigkeitsverhältnis dargestellt werden, während der israelische Einfluß "still und wirksam", also gleichsam von hinten angeschlichen kommend erscheint. Schließlich wird laut Branscheidt auch noch mit der jüngsten türkischen Invasion "die Rationalität des Libanonkrieges auf die kurdische Sphäre übertragen". Mit anderen Worten: die Israelis sind die eigentlich Verantwortlichen für das brutale Vorgehen der türkischen Armee im Nordirak auch gegen die kurdische Zivilbevölkerung! Und das kommt von einem Mann, der als Vorsitzender von medico international aus seiner langjährigen Berufserfahrung intensiver Beschäftigung mit dem Kreig in Kurdistan nur zu genau weiß, daß die türkische Armee in dieser Weise bereits seit Jahren immer wieder in den Nordirak eindringt. Und daß sie dies zumindest bis vor kurzem auf der Grundlage eines Abkommens mit dem irakischen Saddam-Regimes getan hat, das ganz sicher nicht von Israel inspiriert war! All das kann Branscheidt jederzeit in den Veröffentlichungen seiner eigenen Organisation nachlesen. Daß die Zurückführung der türkischen Kriegspolitik auf israelische Einflüsterungen eine Projektion ist, die nichts mehr mit berechtigter Kritik an der militärischen Kooperation zwischen der Türkei und Israel zu tun hat, ergibt sich m. E. allerdings allein schon aus den verwendeten Metaphern.

Es bleibt kein anderer Schluß: nur aus dem deutschen "Zwangcharakter antizionistischer Solidarität" (Henryk M. Broder) läßt sich erklären, wie der Vergleich der türkischen Nordirak-Invasion mit dem Libanon-Feldzug der israelischen Armee zur Schnittstelle für ein Anknüpfen an die unseligsten Traditionen eines linken Antiimperialismus in Deutschland durch Teile der Kurdistan-Solidarität werden kann. Daß dies in diesem Fall nicht durch irgendein marginales Atiimp-Grüppchen geschieht, sondern durch den Chef einer ebenso verdienstvollen wie einflußreichen Hilfsorganisation, macht die Sache nur in sofern schlimmer, als Branscheidt sich durch seine Prominenz als Schleusenöffner für einen Diskurs erweisen könnte, der allerdings wie gezeigt unterschwellig bis manifest in relevanten Teilen der Kurdistan-Solibewegung schon längst vorhanden ist.

Mit dieser Kritik an antisemitischen Elementen im Diskurs von Teilen der Kurdistan-Solidaritätsbewegung soll nicht etwa Hans Branscheidt persönlich oder die Kurdistan-Solidarität als Ganzes diskreditiert und ins politische Abseits befördert werden. Es zeigt sich aber hieran, wie zählebig sich auch bei der Kurdistan-Solidarität bestimmte "antizionistische" Mythen halten und wie eng diese mit den verdrängenden Formen der "Vergangenheitsbewältigung" auch durch deutsche Linke verbunden sind. Außer dem in diesem Vortrag dargestellten antiimperialistischen Weltbild mit seinem manichäischen Dualismus kommt darin auch eine Reaktion der deutschen Linken auf die "Verstrickung im Hause des Henkers" zum Ausdruck, die sich z. B. auch in den Abwehrreaktionen relevanter Teile der Linken auf die Antisemitismuskritik äußerte, die den jüngsten antisemitischen Ausbruch in Gollwitz als Ausdruck deutscher Volksgemeinschaftlichkeit interpretierte. Auch dort wollten es einige Linke, z.B. in "junge welt" und ak, nicht wahr haben, daß das Volk, auf das sie ihre Wünsche nach Veränderung beziehen möchten, sich in Antisemitismus und Rassismus als Volksgemeinschaft konstituiert. Einige bezichtigten diejenigen, welche das klar aussprachen, sogar des "Sozialrassismus" (W. Pirker, junge welt 7.10.'97)

Auf das Thema dieses Vortrages bezogen heißt das, daß jeder unkritische Bezug von Linken auf "das Volk", das "eigene" oder andere Völker zu dekonstruieren ist. Die unreflektierte Sehnsucht von Linken nach identifikation mit einem kollektiven "Wir" unterläuft, zumal in Deutschland, die Grundlagen einer kritischen und materialistischen Gesellschaftsanalyse und verfehlt damit auch die Bedingungen linksradikaler Intervention für emanzipatorische Veränderungen der Gesellschaft.


Udo Wolter, Das gute Volk im wilden Kurdistan. Kulturalistische Projektionen der Linken (Vortrag, rru 1997)
http://www.rote-ruhr-uni.org/texte/wolter_das_gute_volk_im_wilden_kurdistan.plain.html