Am 15.November 1922 beginnt die Streikbewegung an der Philosophischen
Fakultät der deutschen Universität zu Prag. Vorlesungsboykott,
Kundgebungen und Demonstrationen legen den Universitätsbetrieb lahm.
Die Rebellion erfasst die naturwissenschaftliche Fakultät und die
Technische Universität Brünn. Die streikenden Studenten und die
mit Ihnen sympathisierenden Dozenten und Professoren werden von breiten
Teilen der tschechoslowakischen Bürger deutscher Herkunft unterstützt.
50 Gemeinden im Grenzgebiet Böhmens senden offizielle Solidaritätsadressen.
Deutsche Turn-und Gesangsvereine, Zusammenschlüsse von Hunde,
- Pferde und Kleintürzüchtern, der Bund der Kriegsgeschädigten,
Witwen und Waisen und viele andere kleine und große Vereine stellen
sich hinter die studentische Revolte. Großkundgebungen finden in den
Städten Eger, Joachimsthal und Falkenau statt. Die streikenden Studenten
und ihr breites gesellschaftliches Umfeld sind sich einig: "Weg mit dem
Juden Steinherz. Ein Jude kann nicht Rektor der deutschen Universität
zu Prag sein. Die Regierung der Republik und der für die Hochschulen
verantwortliche sozialdemokratische Minister Rudolf Bechyne waren nicht
bereit den Forderungen des antisemitischen deutschen Mobs nachzugeben.
Am 27. November, zwei Wochen nach Ausbruchs des Streiks beschließen
die deutschen Studenten seinen Abbruch und verabschieden eine Kampfansage
an die demokratische Republik " Mit unserem Auftreten haben wir den verborgenen
jüdischen Faktoren für das künftige Jahrzehnt die Lust
genommen, an die Spitze der deutschen Universität einen Feind des Deutschtums
zu stellen. Der größte Erfolg unseres bisherigen Kampfes liegt
vielleicht darin, dass auch der Gleichgültigste unter uns die Gefahr
des Judentums in ihrer ganzen Größe erfasst und die Überzeugung
erworben hat, dass es für die Deutschblütigen nur eine Lebenslösung
gibt; Die Ketten zu zertrümmern, in die die Auserwählten eines
verbrecherischen Gottes unser armes Volk geschlagen."
Der Historiker Julius Lebherz, tschechoslowakischer Bürger deutscher
Herkunft jüdischen Glaubens wird 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt
ermordet. Die deutsche Universität zu Prag verschmilzt 1942 mit der
Reinhard Heydrich Stiftung zu einer Einrichtung, in der Rassen, - und Ostkunde,
Eugenik und Volkstumsforschung, das deutsche Vernichtungsprogramm wissenschaftlich
unterstützen und begründen.
Die 1920 verabschiedete demokratische Verfassung der CSR garantierte
allen Bürgern der Republik die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung.
Konstituiert aus den historischen Ländern der böhmischen Krone,
der Slowakei und der karpatho-ukraine, folgte sie in ihrem Staatsverständnis
den westlichen Traditionen der Staatsbürgernation, die sich politisch
und territorial definiert. Gemäß den Bestimmungen des internationalen
Minderheitenschutzvertrages von Juli 1919 garantierte die CSR Zweisprachigkeit,
wenn der Anteil des anderssprachigen Bevölkerungsteils 20% betrug.
Kulturelle Autonomie und Schulselbstverwaltung der Minderheiten waren
garantiert. Die Bürger der CSR jüdischen Glaubens erhielten die
Möglichkeit für eine eigene
jüdische Nationalität zu optieren.
Der Präsident der Republik Thomas Masyrik und sein engster Mitarbeiter
Edward Benesch waren seit Jahrzehnten erbitterte Gegner des politischen
Antisemitismus. Masyrik verteidigte 1899 den jüdischen Angeklagten
Leopold Hilsner in einem der letzten Ritualmordprozesse Mitteleuropas. Er
hasste den Antisemitismus und bezeichnete ihn als " geistige Perversion"
In seinen Lebenserinnerungen schreibt Klaus Mann über die Republik,
die ihn und seine Familie 1936 einbürgerte " Die Tschechoslowakei
Masaryks und Benes hätte verdient, dass man um ihretwillen das Äußerste
riskierte. Es war ein gutes Land, eine gute Demokratie. Von allen
europäischen Völkern waren es die Tschechen, die damals am mutigsten
und am klarsten eben die Ideale und Überlieferungen repräsentierten,
die in Deutschland mit Füßen getreten wurden."
Die deutsche Bevölkerung der Republik ist in Ihrer großen
Mehrheit nie bereit, die republikanische und staatbürgerliche Grundordnung
der CSR zu akzeptieren. Ihre Parteien einschließlich der Sozialdemokratie
boykottieren die verfassungsgebende Nationalversammlung und lehnen die Angebote
Masaryks ab, sich an der Regierung zu beteiligen.Die Instabilität des
europäischen Staatensystems und das Erstarken der extremen Rechten
in Deutschland lässt sie auf eine baldige Revision des Verträge
von Versailles und St.Germain hoffen. Die völkische Kampfgemeinschaft
aus
DNSDAP und deutscher Nationalpartei repräsentiert auch in der
Zeit des sog. deutschen Aktivismus, d.h. der Regierungsbeteiligung deutscher
Parteien, immerhin ca. 25% der Sudetendeutschen Bevölkerung. Allein
die sozialdemokratische Partei wird im Verlauf der Zwanziger Jahre zu einer
zuverlässigen Stütze der Republik.
Zwischen diesen beiden Polen agieren die konservativen Parteien des
Bundes der Landwirte und die deutsche christlich soziale Volkspartei. Sie
entsprechen den sogen. Vernunftrepublikanern der Weimarer Republik, die mangels
einer machtpolitischen Alternative die republikanische Ordnung zähneknirschend
akzeptieren. Als klassische Klientelparteien versuchen sie die Interessen
ihrer Wähler ab 1926 auch auf der Ebene der Regierungsbeteilung zu
vertreten. Ein breites Feld von Verbänden, Vereinen, und Interessengruppen
vertritt die " nationalen Interessen" der Sudetendeutschen.
Die Begriffe " Sudetenland" und " Sudetendeutsche" werden nach der
Gründung der CSR als politische Kampfbegriffe der deutschen Nationalisten
kreiert. Sie sind vor 1918 als Selbstbezeichnung der Deutschen in Böhmen
und Mähren kaum gebräuchlich. Sie definieren eine völkische
deutsche " Kampf- und Schicksalsgemeinschaft" jenseits aller geographischen,
ökonomischen, politischen und sozialen Unterschiede, der in den Grenzgebieten
der CSR lebenden Staatsbürger deutscher Herkunft.
Völkisch bedeutet eine Konzeption von deutscher Nation, die sich
in radikaler Frontstellung gegen alle Vorstellungen einer universellen Menschheit
befindet. Daraus folgt der unerbittlicher Kampf gegen alle Formen des Liberalismus,
der Demokratie und des Sozialismus auf gesellschaftlicher und politischer
Ebene. Der deutsche Nationalismus definiert das Volk als unaufhebbare, natürliche
Gemeinschaft, als lebendiges Wesen, dem der einzelne untergeordnet ist.
Als Abstammungs- und Blutsgemeinschaft ist der deutsche Volkskörper
seit Jahrtausenden der Gefahr stetiger Zersetzung ausgesetzt. Römisches
Recht, Kapitalismus, liberale Demokratie, marxistischer Sozialismus sind
dabei den deutschen Volkskörper zu zersetzen. Biologischer Träger
dieses Angriffes und
größter Feind des deutschen Volkes sind die Juden. Die Niederlage
im 1.Weltkrieg, der Vertrag von Versailles, bedeutet daher nicht
nur eine Schwächung deutscher Macht. Auch den Römern, dem Papst,
den Franzosen war dies im Verlauf der Geschichte gelungen. Versailles bedeutet
vor allem die Machtübernahme des schlimmsten Feindes des deutschen
Volkes: des internationalen Judentums. Die Vernichtungswut der radikalen
Nationalisten bündelt sich in der zur Tat drängenden Parole:
Nieder mit der Judenrepublik.
1933 ist in dieser Interpretation viel mehr als eine faschistische Machergreifung
mit blutigen Terror, Zerschlagung der Arbeiterbewegung und des demokratischen
Rechtsstaates. Die nationalsozialistische Bewegung und ihr charismatischer
Führer verkörpern den radikalen. deutschen Nationalismus, der
zur Staatsmacht wird. Die Leichtigkeit mit der es gelingt die politischen
Feinde zu isolieren und auszuschalten, ist Indiz für die gesellschaftliche
Mehrheitsfähigkeit und Attraktivität des radikalen Nationalismus,
der weit über die NSDAP hinausreicht. Das Jahr 1933 bedeutet
den Beginn der Säuberung des deutschen Volkskörpers zunächst
von den politischen und gesellschaftlichen Trägerschichten der Vorstellungen
universeller menschlicher Gleichheit. Liberalismus, Marxismus, Kommunismus.
Gleichzeitig ist es der Beginn des deutschen Vernichtungskrieges gegen den
jüdischen Teil der Menschheit. Die Kriegserklärung wird am 2.
April 1933 formuliert und trägt den prosaischen Titel Gesetz zur
Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums. Neben der Säuberung
der Exekutive von Anhängern der demokratischen Republik bedeutet
die gleichzeitig stattfindende Entlassung fast aller Beamten jüdischer
Herkunft nichts anderes als die Widerrufung der staatsbürgerlichen
Gleichheit und damit die Aufhebung der Emanzipation.
Der Machtantritt Hitlers wird im Sudetenland mit Begeisterung aufgenommen.
Die wachsenden Provokationen der völkischen Kampfverbände werden
aber von der demokratischen Staatsmacht entschieden bekämpft.
Die Führer der DNSDAP werden verhaftet und ihre Organisation im November
1933 verboten. Als Nachfolgeorganisation gründet Konrad Henlein im
gleichen Monat die Sudetendeutsche Heimatfront. Die Heimatfront repräsentiert
ein breites Spektrum völkischer Organisationen und Verbände,
die bereits den Arierparagraphen und das Führerprinzip als politisches
Grundlage akzeptiert haben. Die Sudetendeutsche Heimatfront, 1935 umbenannt
in Sudetendeutsche Partei, ist nicht nur die fünfte Kolonne Hitler
Deutschlands . Der hohe Grad ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und Verankerung
zeigt die freiwillige Verwandlung von Bürgern eines demokratischen
Staates in Mitglieder des homogenisierten sudetendeutschen Staammeskörpers
lange vor dem Anschluss an Hitler-Deutschland. Am 1. März 1937 beschließen
der Sudetendeutsche Turnerbund und der Bund der Deutschen, beides Organisationen
mit mehreren hunderttausend Mitgliedern: "Unser Ziel ist die Reinigung
des Volkskörpers von schweren körperlichen und geistigen Leiden,
besonders von schweren Erbkrankheiten und erblicher Belastung. Weil der
Deutsche Turnverband der Erziehungsverband der sudedendeutschen und die
verpflichtende Vorstufe unseres gesamten völkischen Lebens geworden
ist, betrachtet er es als seine Pflicht, durch Einführung von Gesundheitszeugnissen
den biologischen Reinigungsvorgang in seinen eigenen Reihen zu beginnen."
Die freiwillige innere Gleichschaltung ist nach der Selbstauflösung
der bürgerlichen Parteien im Frühjahr 1938 fast vollzogen Bei
den Kommunalwahlen im Mai und Juni erreicht die Sudetendeutsche Partei,
die nunmehr 1,2 Millionen Mitglieder zählt zwischen 80 und 90 Prozent
der Stimmen, und dies bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 3,4 Millionen
Menschen. Im Herbst 1937 wird der taktische Legalitätskurs der sudedendeutschen
Partei zugunsten der unverhüllten Unterstützung der deutschen
Aggression gegen die CSR aufgegeben. In Abstimmung mit der Nazi-Führung
in Deutschland werden die Forderungen nach Selbstbestimmung und Abtrennung
immer weiter radikalisiert. Am 28. März 1938 vereinbart Konrad Henlein,
der Volksgruppenführer, mit den höchsten Naziführern bei
einer Unterredung in Berlin das weitere Vorgehen: Die Forderungen an die
Regierung der CSR sollten immer maßloser werden und für diese
auf jeden Fall unannehmbar sein. Die Organisationen paramilitärischer
Banden, das sogen. Sudetendeutsche Freikorps und der SA- ähnliche "
Freiwillige Schutzdienst" sollten bewaffnete Konflikte provozieren und loyale
Bürger der Republik mit Hilfe von Terror und Mord einschüchtern.
Mit gewaltigem Aufwand beginnt Nazi- Deutschland ab April
1938 eine internationale Propagandakampagne für die "gequälte,
von Völkermord und Vertreibung" bedrohte deutsche Minderheit. Das
propagandistische Trommelfeuer wird begleitet von einer erneuten Radikalisierung
des antisemitischen Terrors in Deutschland. Die Hauptsynagogen
München und Nürnbergs werden im Sommer 1938 unter Abhaltung
von Massenkundgebungen in Anwesenheit Zehntausender Deutscher zerstört.
In Franken beginnt Mitte September die Vertreibung der gesamten jüdischen
Bevölkerungaus den Dörfern und Kleinstädten. Die wirtschaftliche
Ausplünderung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung
wird beschleunigt zu Gunsten der deutschen Aufrüstung.
Während des Frühjahrs und Sommers 1938 kommt es im Sudetenland
analog zu den Vorgängen in Deutschland zu spontanen Gewaltaktionen
gegen die jüdische Bevölkerung, die sich im September zu lokalen
Pogromen steigern. Die Städte Warnsdorf und Komotau brüsten sich
bereits im September 1938 , noch vor der Annexion, sie seien "judenfrei".
Von ihren Verbündeten Frankreich und England im Stich gelassen, unterwirft
sich die Regierung der demokratischen CSR Ende September 1938 einem der
größten und brutalsten Erpressungsunternehmen der modernen
europäischen Geschichte. Ohne auf Widerstand zu stoßen besetzen
die Nazi-Truppen ab dem 1.Oktober ein Gebiet von 28000 qkm. Nach dem Anschluss
Österreichs im März 1938 besiegelt die Annexion der westlichen
Grenzgebiete der CSR die deutsche Hegemonie über Mittel- und Südosteuropa.
Der Einmarsch der Wehrmacht und der SS wird von der sudetendeutschen
Bevölkerung mit euphorischer Begeisterung gefeiert. Der Stamm
wird aufgenommen in die große deutsche Volksgemeinschaft. Es folgt
eine Explosion der Gewalt in vielen Dörfern und Städten. Die Ausschaltung
der wenigen tausend aktiven Sozialdemokraten und Kommunisten verläuft
ohne Probleme. Sie waren geächtet in einer Gesellschaft in der die
Ideale von Adolf Hitlers Rassenstaat, der Traum von der homogenen Einheit
des zur Herrschaft bestimmten und zur Vernichtung legitimierten deutschen
Herrenvolks zur Überzeugung der übergroßen Mehrheit wurden.
Nach der Vereinigung wird der Terror gegen die jüdische Bevölkerung
durch die Übernahme der antisemitischen Nazigesetze innerhalb von
zwei Monaten institutionalisiert. Es beginnt das große Beutemachen.
Die Massenflucht der jüdischen Bevölkerung, es handelt sich um
ca. 30000 Menschen, beschleunigt und erleichtert die Inbesitznahme ihres
Eigentums. Dresdner und Deutsche Bank schicken ihre Plünderungsexperten
in den Sudetengau, um ihre Anteile an Fabriken und Bergwerken zu sichern.
Aber auch der einfache Volksgenosse erhält seinen Anteil. In Karlsbad
werden 71 Kurhäuser und Hotels sowie 93 Geschäftshäuser "arisiert".
In Aussig gab es 178 jüdische Geschäfte, die alle im Januar 1939
bereits im Besitz von Volksgenossen sind.
Im Mustergau Sudetenland verbleiben 400000 Menschen tschechischer Herkunft.
Der öffentliche Gebrauch ihrer Sprache wird untersagt. Ihre Schulen
und kulturellen Einrichtungen werden verboten. Die rüstungswirtschaftliche
Bedeutung ihrer Arbeitskraft für das deutsche Reich im beginnenden
2. Weltkrieg verhindert die von der sudedendeutschen Volksgemeinschaft
geforderte totale Germanisierung des Mustergaus.
Der völkische Radikalismus wird durch die Erfordernisse des Aggressionskrieges
gebremst, macht sich aber in spontanen Enteignungs- und Terroraktionen gegen
die verbliebene nicht-deutsche Bevölkerung immer wieder bemerkbar.
Der Auflösung der staatlichen Existenz der CSR im März 1939
und die Bildung des "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren"
auf dem verbliebenen Territorium des tschechischen Teils der Republik werden
von den Sudetendeutschen als endgültiger Sieg über das " minderwertige
Tschechentum" gefeiert. Die Ernennung Reinhard Heydrichs, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes
, zum "stellvertretenden Reichsprotektor" am 27. Sept.1941 wird von
der deutschen Bevölkerung mit großen Hoffnungen aufgenommen.
Erwartet man doch von dem Mordexperten durchgreifende Maßnahmen gegen
das " Tschechentum". Das im Auftrag Benesch durchgeführte Attentat am
27.5. 1942 , an dessen Folgen er 1 Woche später stirbt , wird von der
sudedendeutschen Volksgemeinschaft mit Empörung und Hassausbrüchen
gegen die tschechische Minderheit beantwortet. Dies ist der übereinstimmende
Tenor aller Berichte der
unterschiedlichsten Dienststellen. "Die deutsche Bevölkerung
hat sich an der Mitfahndung nach den Tätern nicht nur sehr rege beteiligt
, sie hat nicht nur die scharfen Maßnahmen der deutschen Staatführung
einheitlich als gut und richtig angesehen, sondern sie hat
allgemein die Verfolgung der reichsfeindlichen Elemente im Protektorat mit
wahrer Genugtuung aufgenommen..... Die sudetendeutsche Bevölkerung ist
der Meinung, dass den Tschechen noch viel zu viel Freiheiten gewährt
werden, die sie nur zum Schaden des Deutschen Reiches ausnützen."
(Lagebericht
Juni 1942 des Regierungspräsidenten von Aussig)
Noch im April 1944 werden auf einer Konferenz hoher Funktionäre
der SS und der NSDAP in Karlsbrunn Szenarien für die endgültige
Vernichtung der tschechischen Nation diskutiert.
"Das Fernziel nationalsozialistischer Reichspolitik in Böhmen
und Mähren muss auf die Wiedergewinnung des Bodens und der auf ihm siedelnden
Menschen für das deutsche Volkstum und für die Reichsidee gerichtet
sein. Um dies erreichen zu können, gibt es zwei Möglichkeiten:
entweder:
A. Die totale Aussiedlung der Tschechen aus Böhmen und Mähren
in ein Gebiet außerhalb des Reiches
B. Bei Verbleib des Großteils der Tschechen in Böhmen und
Mähren die gleichzeitige Anwendung vielfältigster der Assimilation
und Umvolkung dienenden Methoden nach einem X-Jahresplan. Dabei können
drei Grundlinien verfolgt werden:
1. Die Umvolkung des rassisch geeigneten, also blutsmäßig
für uns erwünschten Tschechen.
2. Die Aussiedlung von rassisch unverdaulichen Tschechen und aller
destruktiven Elemente der reichsfeindlichen Intelligenzschicht
3. Die Neubesiedlung dadurch frei gewordenen Raumes mit frischen deutschen
Blut".
Am 29. September 1944 proklamiert Gauleiter Henlein die allgemeine
Bewaffnung der männlichen Bevölkerung des Sudetengaus. 300.000
Männer werden in Volkssturmbataillonen zusammengefasst. Sie sollen
die Einheiten der Wehrmacht und SS verstärken, jeden tschechischen
Widerstand erbarmungslos unterdrücken, die ca. 300.000 vor allem
in der Rüstungsindustrie eingesetzten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter
unter militärischer Kontrolle halten und die Wachmannschaften der 336
sich auf dem Gebiet des Sudetengaus befindlichen Konzentrations-,
Sklavenarbeiter, - und Kriegsgefangenenlager verstärken. Die Bevölkerung
reagiert zustimmend und erleichtert auf die Bildung der "Volkssturmeinheiten".
Die ständig wachsende Furcht vor einem Aufstand und die Angst vor der
Niederlage NS- Deutschlands verstärken die Entschlossenheit mit allen
Kräften für Deutschlands Sieg zu kämpfen.
Mit dem Vormarsch der Alliierten in das Innere Deutschlands im Frühjahr
1945 wird das Sudetenland zum Durchmarschgebiet und Endziel Zehntausender
Gefangener der deutschen Konzentrations- und
Vernichtungslager. Riesige Kolonnen russischer Kriegsgefangenen
treiben die deutschen Bewacher durch die Orte und Städte des
Mustergaus. Unzählige Gefangene werden von den Wehrmachts- und SS- Mannschaften
erschossen. Die tschechische Bevölkerung reagiert geschockt und voller
Entsetzen auf das Geschehen. Sie finden ihre tiefe Angst, dass die Deutschen
zu allem fähig sind, bestätigt. "Keine Propaganda gegen die
Deutschen könnte so wirksam sein wie der Anblick dieser Elendsgestalten",
notiert ein tschechischer Zeuge des monatelang vor aller Augen durchgeführten
Massenmords. "Geht abrechnen mit den Deutschen für alle ihre Gräueltaten
und habt kein Erbarmen mit den deutschen Mördern" heißt es
im Aufruf der tschechoslowakischen Regierung vom 17. April 1945. Die Bestrafung
der deutschen Nationalsozialisten und die Aussiedlung des größten
Teils der Deutschen war Konsens bei allen Parteien der wiederentstehenden
tschechoslowakischen Republik.
Die Auslöschung der staatlichen Existenz der CSR, die grausame
und brutale Besatzungspolitik, sowie die Pläne zur Vernichtung
der gesamten Nation im Falle eines deutschen Sieges, hatte den traditionellen
Antifaschismus des tschechoslowakischen Widerstandes allmählich in antideutschen
Hass verwandelt Hinzu kommt, dass die wenigen Sudetendeutschen, die nicht
ihrem Führer Henlein folgen, den Tschechoslowaken jede Solidarität
verweigern. Das Angebot Präsident Benesch an den Führer der sudentendeutschen
Sozialdemokratie Wenzel Jaksch im Herbst 1939 in die Exilregierung einzutreten
wurde von diesem abgelehnt
Die von Jaksch geleitete " Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten"
verweigerte sich auch im Herbst 1940 dem Ersuchen der Exilregierung,
Vertreter in das tschechoslowakische Exilparlament zu entsenden und einen
der drei Vizepräsidenten zu stellen. Jaksch verlangte von Benesch die
Annerkennung eines autonomen Sudetenlandes in einer mitteleuropäischen
Förderation, die nach Lage der Dinge von Deutschland dominiert würde.
Die sudetendeutschen Sozialdemokraten verweigerten den Eintritt in die gegen
Hitler im Krieg stehende Front. Skandalös war die Taktik, das generöse
Angebot Beneschs, dessen Annahme bedeutet hätte, sich bedingungslos auf
die Seite der tschechischen Republik zu stellen, durch immer neue Forderungen
scheitern zu lassen. Es erging trotz der Bitten der Exilregierung
kein Aufruf an die sudetendeutschen Sozialdemokraten, sich der im Aufbau befindlichen
tschechoslowakischen Auslandsarmee anzuschließen.
Die Radikalisierung der deutschen Besatzungspolitik durch Reinhard
Heydrich und das Scheitern einer Übereinkunft mit dem demokratischen
deutschen Exil stärken die Entschlossenheit des Widerstands die Sudetendeutschen
nicht mehr als Bestandteil der tschechoslowakischen Nation anzusehen. In der
Öffentlichkeit der alliierten Nationen wächst die Erkenntnis, dass
der Nationalsozialismus und sein Führer die Unterstützung
und Loyalität der übergroßen Mehrheit der Deutschen
besitzen. Ein Sieg Deutschlands wäre der Triumph der Utopie
von Lebensraum, Herrenrasse und Vernichtung. Ab 1943 gibt es in
den alliierten Nationen keinen ernstzunehmenden
Politiker mehr, der sich gegen eine Aussiedlung der Sudetendeutschen
gewandt hätte.
Nach der Niederlage Deutschlands billigt die Potsdamer Konferenz (
17. Juli - 2. August 1945) der drei alliierten Siegermächte im
XIII Artikel des Abschlußberichtes den Transfer der Deutschen aus
Polen, der CSR und Ungarn. Über Zahlen, Zeiträume und Aufnahmegebiete
sollte der alliierte Kontrollrat entscheiden. Er genehmigte am 20.
November 1945 die Abschiebung von 2,5 Millionen
Deutschen, davon 750.000 in die sowjetische und 1.750.000 in
die amerikanische Besatzungszone.
Bis zum Jahre 1947 werden 3 Millionen Deutsche zum Verlassen des Landes
gezwungen. oder flüchten damit sie nicht für begangene Verbrechen
zur Rechenschaft gezogen werden.
Im Frühjahr und Sommer 1945 entlädt sich der aufgestaute
Hass gegen alle Deutschen in den Gebieten des ehemaligen Sudetengaus. Es
kommt zu Lynchaktionen, Selbstjustiz und Exekutionen, denen auch offensichtlich
Unschuldige zum Opfer fallen. Die Zustände waren geprägt von der
Willkür lokaler Behörden und Milizen. Hinzu kommen marodierende
Banden von Kriminellen und Deserteuren, die das Klima der Gewalt und Rechtlosigkeit
verschärfen. Rache, Vergeltung, aber auch kriminelle Gier und
Mordlust kosten nach verschiedener Schätzungen deutscher und tschechischer
Historiker etwa 9.000 Menschen das Leben. Die Verhältnisse normalisieren
sich allmählich mit der Konsolidierung staatlicher Macht ab Herbst 1945
und der Durchführung der alliierten Beschlüsse von Potsdam.
Die Potsdamer Beschlüsse der Alliierten über den Transfer
der deutschen Bevölkerung werden ergänzt durch Dekrete Präsident
Benes, der, legitimiert durch sein in der Kriegs- und Exilsituation entstandenes
Gesetzgebungsrecht, die Umgestaltung der sozialen und politischen Verhältnisse
der CSR einleitet. Die provisorische Nationalversammlung legitimiert am 29.März
1946 die Dekrete Beneschs. Die umfassende politische und ökonomische
Umgestaltung manifestiert sich in 148 Dekreten des Präsidenten. 3 Dekrete
ergänzen die Bestimmungen des Potsdamer Abkommens: Dekret Nr.12 über
die "Konfiskation des landwirtschaftlichen Vermögens der Deutschen,
Magyaren, wie auch der Verräter und Feinde des tschechischen Volkes",
Dekret Nr. 33 über die "Staatsbürgerschaft" und schließlich
Dekret Nr. 108 über "Die Konfiskation feindlichen Vermögens".
Diese drei Dekrete kann man als die Ausführungsbestimmungen des "Potsdamer
Abkommens" bezeichnen. Die Benesch-Dekrete garantieren in ihrer Gesamtheit
die Kontinuität tschechoslowakischer Staatlichkeit, die durch das
"Münchner Abkommen" und die deutsche Okkupation zeitweise zerschlagen
wurde.
Gemäß den Beschlüssen des Potsdamer Abkommens hatten die
alliierten Mächte in ihren Besatzungszonen politische Zusammenschlüsse
der ausgesiedelten Deutschen verboten. Ausgenommen davon waren örtliche
Vereinigungen, die eine Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage
anstrebten. Unter dem Schutz der evangelischen und katholischen Kirche beginnt
die politische Neuorganisation der " Sudetendeutschen". Als Mitarbeiter."christlicher
Hilfsstellen" treiben die sudetendeutschen Nationalsozialisten ab1948
die Planungen für die Gründung legaler Organisationen und Vereinigungen
nach der in Aussicht stehenden Aufhebung des alliierten Koalitionsverbots
voran. Die zentrale "Münchener Hilfsstelle" wird von dem sudetendeutschen
Nazi- Kader und späterem Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Walter Becher mitaufgebaut. Bayern, Hessen, Baden und Württemberg sind
die Schwerpunkte der illegalen Vereine, die sich die Neugründung einer
umfassenden "Volksgruppenorganisation" zum Ziel gesetzt haben.
In Stuttgart treffen sich am 24/25 September 1949 - vier Monate
nach Gründung der Bundesrepublik - 70 ehemalige führende
Nazi - Funktionäre des NS- Mustergaus Sudetenland . In den Referaten
der Tagung werden die politischen und organisatorischen Grundsätze des
zu gründenden "Witiko-Bundes" (benannt nach einer Romanfigur
Adalbert Stifters) formuliert. Der völkische Radikalismus, das Verlangen
nach Revanche und Rache, wird in den Reden offen formuliert. Als
wichtigste organisatorische Aufgabe wurde die Gründung einer einheitlichen
Volksgruppenorganisation angesehen, die möglichst alle "Vertriebenen"
umfassen sollte. Die politischen Zielsetzungen der Nazi-Elite sollten durch
diese "Landsmannschaft" in der Öffentlichkeit vertreten werden. Organisatorisch
ist der Witiko-Bund eine reine Kaderorganisation, dessen Mitgliedschaft auf
1000 Personen begrenzt ist. Vorbild sind die illegalen Nazi- Organisationen
in der CSR von 1933-38, die die legale Sudetendeutsche Partei Henleins steuerten
und kontrollierten. Die Männer, die sich in Stuttgart versammeln, waren
als hohe Funktionäre der NSDAP, der SS, des SD und anderer NS-Organisationen
verantwortlich für die Zerschlagung der CSR 1938/39, die Errichtung
der deutschen Ausplünderungs- und Terrorherrschaft, und schließlich
planend und ausführend an der Ermordung hunderttausender Bürger
der CSR beteiligt. Der organisatorische und politische Rahmen der zu gründenden
" Vertriebenenorganisation" der Sudetendeutschen wird auf
diesem Treffen von der Nazi - Elite festgeschrieben. Ein sogenannter
Gründungsausschuss, dominiert von den Nazis des Witikobundes, übernimmt
die programmatischen und organisatorischenVorarbeiten für die offizielle
Gründung der sudedendeutschen Landsmannschaft, die beim ersten
Pfingsttreffen der " Sudetendeutschen" 1950 in Kempten erfolgt.
Der Begriff "Sudetendeutsch" war 1950 fürviele Bürger der neugegründeten
Bundesrepublik positiv besetzt. Die NS-Propagandawelle des Jahres
1938 für die " arme unterdrückte Minderheit der Deutschen im Sudetenland"
hatte in jedem Volksgenossen den gerechten Zorn auf das "Regime" Edward Beneschs
geweckt. Die Annexion derGrenzgebiete der CSR und ihre Einverleibung
als " Gau Sudetenland" in das Deutsche Reich 1938 waren als grandioser,
ohne Blutvergießen errungener Sieg Adolf Hitlers im kollektiven Gedächtnis
der Deutschen präsent. Die 1950 gegründete "Sudetendeutsche Landsmannschaft"
symbolisiert auch mit ihrer Namensgebung die Kontinuität des völkischen
Radikalismus.
Zum ersten Sprecher der sudetendeutschen Landsmannschaft wurde im
Gründungsjahr Lodgmann von Auen (1877-62) gewählt.
Als Anführer der rechtsradikalen deutschen National-Partei, war Auen
ein erbitterter Feind der tschechoslowakischen Republik". In dem mit 15
Millionen Mark öffentlicher Mittel finanzierten Sitz der Landsmannschaft,
dem "Sudetendeutschen Haus" in München erinnert der Lodgmann
von Aue -Konferenzsaal bis heute an den Vorkämpfer der sudetendeutschen
Volksgemeinschaft. In der 1950 verabschiedeten und bis heute gültigen
Satzung der Landsmannschaft, die sich als "überparteiliche und überkonfessionelle
Volkstumsorganisation der Sudetendeutschen in der Vertreibung" definiert,
wird offensiv die Wiederinkraftsetzung des "Münchener Abkommens" verlangt.
Nichts anderes bedeutet der § 3 Absatz b "Den Rechtsanspruch auf
die Heimat, deren Wiedergewinnung und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht
der Volksgruppe durchzusetzen" Hinzu kommt im nächsten Punkt 3c
die Forderung nach "Rückgabe des konfiszierten Vermögens auf
der Basis einer gerechten Entschädigung" Die erhobenen Forderungen
betragen 1978 130 Milliarden DM. Im Jahre 2002 werden sie von Seiten der
Landsmannschaft auf 266 Milliarden DMveranschlagt. Diese unverzichtbaren
Ansprüche werden automatisch auf jede neue Generation von "
Sudetendeutschen" übertragen. Die "Volksgruppenzugehörigkeit" wird
in Absatz 4 der gültigen Satzung definiert. Sie überträgt
sich automatisch auf alle Nachkommen der "Volksgemeinschaft" in
der Bundesrepublik.
Die Mitglieder der " Landsmannschaft" sind in sogenannten Gebietsgliederungen,
ihren Wohnorten in der Bundesrepublik und in sog. Heimatgliederungen, ihren
frühren Heimatwohnsitzen in der CSR, erfasst. Es werden weiter Geburts-
und Sterberegister geführt. 140 bundesdeutscher Kommunen und Landkreise
unterstützen diesen völkischen Irrsinn durch die Übernahme
von Patenschaften für die "Heimatgliederungen". Das oberste Gremium
der Landsmannschaft bildetet das für 4 Jahre
gewählte " "Exilparlament", die Bundesversammlung. Sie tagt
im bayerischen Landtag und wählt die "Exilregierung", den Bundesvorstand
der Landsmannschaft. Seit der Gründung der "Landsmannschaft" verfügt
der von der Sudetendeutschen Nazi-Funktions- und Vernichtungselite
1949 gegründete Witiko-Bund über die Mehrheit in diesen. Als Kaderorganisation
konzipiert, hat er das biologisch bedingte Ausscheiden der meisten seiner
Gründerväter überlebt und einen erfolgreichen Generationenwechsel
vollzogen. Er ist die politische Steuerungsgruppe der "Landsmannschaft"
und die erfolgreichste Organisation des völkischen Radikalismus
in der
Bundesrepublik. Der Witikobund sieht sich als "geistige Elite", die
dazu berufen ist, die Vertriebenenverbände auf eine radikalvölkische
Politik auszurichten. 4 der 10 Mitglieder des derzeitigen
gewählten Bundesvorstandes der Landsmannschaft sind als Mitglieder
des Witikobundes und langjährige rechtextreme Aktivisten identifizierbar.
Das gleiche gilt für den Vorsitzenden des mitgliederstärksten bayerischen
Landesverbands.
Es sind die geistigen und politischen Zöglinge der NS- Massenmordelite
des Reichsgaus Sudetenland, die bis heute die Politik der "Sudetendeutschen
Landsmannschaft" bestimmen. Die Bundesrepublik rehabilitiert und integriert
seit 1949 die Vordenker und Exekutoren der NS- Vernichtungspolitik
in der CSR, in den Staats- und Verwaltungsapparat. Sie machen Karriere
in den Einrichtungen und Institutionen der Landsmannschaft, sind Abgeordnete
der Landtage und des Bundestages, werden Minister auf Bundes- und Landesebene.
Fritz Karmasin, Führer der "Karpatendeutschen" im Nazi-Marionettenstaat
Slowakei und SS- Hauptsturmführer wurde von der CSR 1947 als Hauptverantwortlicher
für die Ermordung von 60000
tschechoslowakischen Bürgern jüdischen Glaubens zum Tode
verurteilt. Er verbarg sich unter dem Namen Dibak in Österreich und
ließ sich unter richtigem Namen Anfang der fünfziger Jahre in
der BRD nieder. Wiederholt gestellten Auslieferungsanträgen von Seiten
der Tschechoslowakei wurden
nicht stattgegeben. Von 1957 bis zu seinem Tode 1970 war er Geschäftsführer
des Witiko- Bundes, Mitglied des "Exilparlaments" und als
Verlagsleiter der offiziellen "Sudetendeutschen Zeitung" tätig. An seiner
Seite wirkten Hunderte hochrangiger Nazis. Die sehr lückenhafte Dokumentation
der DDR über Nazi-Kriegsverbrecher und Völkermörder in der
Bundesrepublik von1968 enthält die Namen von über 100 führenden
Funktionären der Sudetendeutschen Landmannschaft.
Für die politische Kultur der Bundesrepublik bilden die "Vertriebenen"
einen unverzichtbaren Bestandteil. Sie stillen das tiefe Bedürfnis
der großen Mehrheit der Deutschen, selbst Opfer des
2.Weltkrieges gewesen zu sein. Bereits 1952 wurde im sogen.
Lastenausgleichsgesetz in über 400 Paragraphen vielfältige
Entschädigungszahlungen für die "Vertriebenen" durch den deutschen
Bundestag beschlossen. Bis 1991 addierten sich die Zahlungen auf 121, 2 Milliarden
DM.
Politisch weigerte sich die Bundesrepublik die Niederlage im 2.Weltkrieg
durch Annerkennung der Grenzen gegenüber den östlichen Nachbarn
anzuerkennen. Um die Legitimität der territorialen Forderungen zu untermauern,
wurde eines der bis heute größten zeitgeschichtlichen Großforschungsprojekte
der Bundesrepublik initiiert. Unter der politischen Obhut des sog. "Bundesvertriebenministeriums"
wurde von 1950 bis 61 die sog. "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen
aus Ost- Mitteleuropa" erarbeitet.
Die Dokumentation wurde von seitens des Bundestags zu einer Aufgabe
von nationalpolitischer Bedeutung erklärt. Die Entlarvung des "Unrechts"
des Potsdamer Abkommens der alliierten Siegermächte 1945 und die
Untermauerung des deutschen Anspruches auf die geraubten Ostgebiete
war das Ziel des Unternehmens. Vorbild war die Zeit nach dem 1. Weltkrieg
als deutsche Nationalisten und Historiker im Kampf gegen die Schande von
Versailles eng kooperierten. Die Hasspropaganda gegen "Versailles" wurde
zum Vorbild des Kampfes gegen Potsdam. Mit der Konzentration auf die
Vertreibung der Deutschen sollte die alleinige deutsche Schuld und Verantwortung
für den 2 Weltkrieg relativiert und die völkerrechtliche Position
der BRD
verbessert werden. Die Grundlage des Unternehmens bilden fast
ausschließlich Zeitzeugenberichte. Dementsprechend wurden Hunderte
von sog. " Sammlern" damit beauftragt, Flüchtlinge und " Vertriebene"
zu befragen. Die wissenschaftliche Reputation des ganzen Projekts war in
Frage gestellt, als sich 1952 herausstellte, das die "Sammler" nach der Anzahl,
der in ihren Befragungen dokumentierten Fällen von Mord, Totschlag und
Vergewaltigung bezahlt wurden. Das wissenschaftliche Instrumentarium wurde
oberflächlich objektiviert, an der politischen Stossrichtung veränderte
sich nichts. Es erschienen bis zum Jahre 1961 5 Bände mit 5000 Seiten,
mehrere Beihefte wurden publiziert. 1984 wurde eine unveränderte und
vollständige Taschenbuchausgabe bei DTV gedruckt. Der publizistische
und politische Erfolg zeigte sich in Tausenden von "Sachbüchern", Zeitungs-
und Illustriertenserien . Nie erschienen ist der geplante Band 6.
Er sollte sich mit der " Vorgeschichte" der Vertreibung, der deutschen Aggressions-
und Vernichtungspolitik befassen und die Funktion der "volksdeutschen Minderheiten"
für die Expansion NS- Deutschlands untersuchen.
Die Propaganda der Landsmannschaft stilisiert die "sudetendeutsche
Volksgemeinschaft" bis heute zum unschuldigen Opfer tschechoslowakischer
Gewaltpolitik. Behauptete man Mitte der 50er Jahre noch, dass 20.000
Deutsche Opfer der Tschechen wurden, so hat sich die Zahl bis heute mehr
als verzehnfacht. Die Zahl von 250.000 beruht auf statistischen Manipulationen.
Sie ergibt sich aus der Differenz, zwischen den bei der Volkszählung
von Mai 1939 im NS-Gau Sudetenland registrierten Deutschen und der Zahl
der ausgesiedelten Deutschen von 1950 in den Aufnahmestaaten, die teils
errechnet, teils geschätzt werden. Den größten
Unsicherheitsfaktor bilden jedoch jene 143.000 Personen, die von Mai 1945
-Juni 1947 Anträge auf Einbürgerung in die CSR gestellt haben,
sowie die nicht geklärte Zahl der Sudetendeutschen, die als Angehörige
der Wehrmacht, der SS und des sudetendeutschen Volkssturms
gefallen sind. Auf seiten der " Landsmannschaft" und ihrer publizistischen
und historischen Hilfstruppen kann man beruhigt jedes Interesse an einer
seriösen Auseinandersetzung über die wirklichen Opferzahlen
ausschließen. Die mehrfachen Entschuldigungen und Deklarationen der
Tschechen, in denen Sie seit 1989 die Ermordung von Unschuldigen in
der Phase der sog. wilden "Vertreibungen" von Mai bis Okt. 1945 bedauern,
sind für die Funktionäre der Landsmannschaft belanglos.
Die Erfindung von angeblich 250.000, während der Vertreibung, getöteten
Sudetendeutschen ermöglicht die politische Konstruktion der Sudetendeutschen
als Opferkollektiv, dessen Leiden identisch ist mit dem Schicksal
der 260.000 tatsächlich von den Deutschen ermordeten
jüdischen Bürgern der CSR in den Grenzen von 1937. Walter Becher,
Sprecher der sudetendeutschen Landsmannschaft von 1968-82, zeitweiliger
Vorsitzende des " Witikobundes" und Verfasser einer Unzahl antisemitischer
Hetzartikel im offiziellen Organ der NSDAP Sudetenland, der "Zeit",
schreibt in seinen 1990 erschienen Memoiren "Zweifellos ist das an den
Juden begangene Verbrechen einmalig und in der Geschichte ohne Beispiel.
Während indes seine Urheber den Beschluss zu seiner Durchführung
eifrig tarnten, sowie diese selbst in abgeschlossenen Lagern vollzogen, fand
der an den Deutschen in Böhmen und Mähren-Schlesien verübte
Holocaust auf offener Straße statt."
Neben den Deutschen, als größter Opfergruppe, bedauert die Landsmannschaft
heuteauch das "Leid der Juden". Der historische und politischen
Ort der Vorbereitung und Durchführung der Vernichtung der jüdischen
Bürger der Republik ist allerdings verschwunden. Es gibt in der Darstellung
der Landsmannschaft keine antisemitische sudedendeutsche Tätergesellschaft
in den Jahren 1938-45. Die ermordeten 260.000 jüdischen Menschen
werden in der magischen Zahl der 6 Millionen integriert, deren tragisches
Schicksal im "Osten" man bedauert. Die politischen Ursachen und konkreten
Abläufe des deutschen Verbrechens gegen die Menschheit verschwinden
hinter den Taten "von Hitler, Stalin und Benesch".
Präsident Benesch selbst, mutiert in neueren Publikationen, die
von der "Landsmannschaft" empfohlen werden, vom "Werkzeug der Juden",
zum Agenten der "Freimaurer". Den Tschechen selbst, so die offizielle Version
der Landsmannschaft ging es gut unter der Herrschaft der Deutschen. Sie haben
ihre Opferzahlen willkürlich erhöht indem, sie die ermordeten
Juden einfach zu Bürgern der Tschechoslowakischen Republik erklären
und sich, man muss es wohl so sagen, weigern die "Nürnberger Rassegesetze"
auf die von den Deutschen ermordeten Bürger der Republik anzuwenden.
Horst Übelacker, pensionierter Direktor der deutschen Bundesbank, seit
vielen Jahren Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand der
sudetendeutschen Landsmannschaft und aktueller Führer
des Witkobundes schreibt es den Tschechen ins "Stammbuch": "Gehen
wir dem nach, dann stellen wir bei dem leidgeprüften Tschechen fest,
dass sie die höchste Vermehrungsquote in Mitteleuropa hatten, dass
sie nicht zur Wehrmacht eingezogen wurden, sie in der Rüstungsindustrie
oder in der Landwirtschaft arbeiteten und es ihnen im Prinzip nicht
schlecht ging (...) der vorletzte Prager Botschafter behauptet völlig
realitätsfremd, während des Krieges seien Hunderttausende von Tschechen
umgekommen die Opfer von Lidice belaufen sich auf 181 Personen, weitere Opfer
sind in Tausender- Größenordnung zu beklagen. Doch wie viele
Lidice... hat es hingegen im Sudetenland gegeben? Nur darüber
spricht man nicht"
Nachbemerkung :
"Eine historische Leistung eigener Art vollbrachte der Sudetendeutsche
Oskar Schindler aus Zwittau im Schönhengstgau. Zunächst
ein ausgesprochener Kriegsgewinnler, obsiegte bei diesem Mitglied der NSDAP
mit guten Kontakten zur SS schließlich die Menschlichkeit, so dass
er unter monatelanger Gefahr für das eigene Leben über 1200 Juden
vor der Vernichtung rettete... Seine Frau, Emilie Schindler,
wurde als große Persönlichkeit der Sudetendeutschen mit dem
Menschenrechtspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft ausgezeichnet. Über
das Leben und Wirken von Emilie Schindler ist auch eine Ausstellung vorhanden,
die beim Referat Heimatpflege der Sudetendeutschen Landsmannschaft entliehen
werden kann"