„Sie morden aus Verzweifelung“, so lautete der Titel eines Essays der
Wochenzeitung Stern im Sommer diesen Jahres.1 Folgt man dem Autor
dieses Artikels über die Selbstmordanschläge palästinensischer
Gruppierungen, dann liegen die Hintergründe der Intifada ähnlich
wie die der Anschläge vom 11. September in der Auswegs- und Perspektivlosigkeit
der Menschen in der arabischen Welt, und insbesondere in den palästinensischen
Gebieten.
Wie vor Jahren Christian Ströbele, der die israelische Politik
für die Scud-Angriffe des Iraks auf Tel Aviv verantwortlich machte,
war Jürgen Möllemann einer der ersten, der nach dem 11. September
auf Israel zeigte, um die eigentlich Verantwortlichen zu entlarven. In
weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit hat sich sehr schnell eine
Argumentation durchgesetzt, in denen die Anschläge als Reaktionen
auf die israelische Besatzungspolitik interpretiert werden.
Im Folgenden geht es mir darum, Debatten in arabischen Ländern
zusammenzufassen, die eine andere Lesart der Anschläge und des artikulierten
antiisraelischen und antiamerikanischen Protestes nahelegen. Anhand einiger
Kontroversen möchte ich aufzeigen, inwiefern sich die Auseinandersetzungen
in der arabischen Öffentlichkeit um Israel und die Juden in den letzten
Jahren verselbständigt haben. Die Entkoppelung des Bildes von Israel
und den Juden von jeglichen Bezügen zur Realität macht deutlich,
wie wenig sich diese Bilder mit konkretem Handeln israelischer Regierungen
oder sonstigen jüdischer oder israelischer Institutionen in Verbindung
bringen lassen.
In den Kommentaren, die in den letzten Monaten in arabischen Talkshows
und Zeitungen unter dem Motto »Warum hassen wir Amerika?« veröffentlicht
wurden, lassen sich wenig Belege für die These finden, dass es sich
bei den Protesten gegen die US-geführte Intervention in Afghanistan
und die drohenden Angriffe auf den Irak um einen unbeholfenen Hilfeschrei
der Unterdrückten handelt. Betrachtet man den Kontext der Kritiken
an der amerikanischen Außenpolitik, wird der interpretatorische Rahmen
deutlich, innerhalb dessen sich diese Konfliktwahrnehmungen bewegen.2
Beispielhaft steht dafür die Geschichte, die wenige Tage nach
den Anschlägen vom Fernsehsender der libanesischen Hisbollah verbreitet
wurde. Die zentrale Botschaft lautet, dass nicht Usama bin Laden, sondern
vielmehr die Juden für den Anschlag verantwortlich seien. Als »Beleg«
wird angegeben, dass die über 4 000 Juden, die angeblich am 11. September
auf wundersame Weise nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen,
rechtzeitig vor dem Anschlag gewarnt worden seien. Daher könne es sich
bei dem Anschlag nur um eine jüdische Verschwörung handeln. In
verschiedenen Variationen zieht sich diese Geschichte seither durch die
Debatten.3
Es ist genau diese Reduktion gesellschaftlicher Konflikte auf übergeordnete,
undurchschaubare Kräfte, die auf das Auseinanderfallen von Geschehen
und Deutung des Geschehens hinweist und kaum noch als eine Kritik politischer
und ökonomischer Unterdrückungsverhältnisse verstanden
werden kann.
Konfrontation zwischen dem Islam und dem Westen
Diese Theorien einer jüdischen Verschwörung, die hinter
den Anschlägen vermutet wird, gehen einher mit Darstellungen, in
denen die Anschläge des 11. Septembers und die anschließende
US-geführte militärische Intervention in Afghanistan als Ausdruck
einer Konfrontation zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt
interpretiert werden. Die Gegenüberstellung der zwei Blöcke
geschieht dabei keineswegs anhand des Kriteriums der unmittelbaren Herrschaft,
also im Sinne einer Konfrontation zwischen Unterdrückten und Unterdrückern.
Dies zeigt sich beispielhaft in Positionen, die das so genannte links-islamische
oder revolutionär-islamische Spektrum vertritt. In seinen jüngsten
Interviews und Vorträgen äußert sich ein renommierter Vertreter
dieser Strömung, Hassan Hanafi, über die Notwendigkeit einer »neuen
arabischen Renaissance«, in der sich die arabisch-islamische Welt
vom Westen ideologisch, ökonomisch und politisch befreien müsse.
Zwar geht es auch in diesen Deutungen immer wieder um die Erfahrungen des
Kolonialismus und der westlichen Dominanz. Der ägyptische Professor
für Philosophie macht allerdings keinen Hehl daraus, dass die von ihm
geforderte islamische Revolution eben keineswegs nur eine Befreiung von
dem kolonialen Unterdrücker anstrebe. Im Gegenteil. Nachdem alle antikolonialen
Bewegungen gescheitert seien, sieht er allein im islamischen Widerstand
in den palästinensischen Gebieten, in Bosnien und dem Kosovo, in Südafrika
und insbesondere in Südostasien die Chance, auch die Fragen nach »Identität
und dem Anderen, Unabhängigkeit und Abhängigkeit, Gegenwart
und Zukunft, Erneuerung und Authentizität« 4 zu stellen.
Hanafi, der bereits in den frühen 80er Jahren für das Ineinanderfallen
islamistischer Ideologie und sozialistisch argumentierender
Sozialkritik stand, verweist dabei ausdrücklich auf Oswald Spenglers
Werk »Der Untergang des Abendlandes«, das die Aufklärungskritik
der völkischen Revolution der zwanziger Jahre in Deutschland repräsentiert.
Er widerlegt damit auch den letzten Verdacht, bei dieser »Befreiung
vom Westen« könnte es sich um den Versuch einer emanzipativen
Überwindung der Ambivalenzen der westlichen Moderne handeln.
‚Der Jude’ im Wandel der Zeit
Die Verbindung von Kritik der westlichen Moderne und antisemitischer
Verschwörungstheorie findet sich besonders deutlich im Bild des »jüdischen
Freimaurertums« als einer »verborgenen Hand«, die in
einigen Kommentaren hinter den Anschlägen ausgemacht wurde. Das jüdische
Freimaurertum ziele letztlich nur darauf ab, so ein Autor mit Hinweis auf
die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion, unter dem Banner säkularer
und aufklärerischer Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
sowohl dem Christentum als auch dem Islam den Garaus zu machen.5
In besonders eindringlicher Weise äußern sich Theorien
über jüdische Verschwörungen auch in den Auseinandersetzungen
mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus. Der Holocaust, so lautet
ein geläufiges Argument, sei ein Mythos, der mit Hilfe von Verschwörungen
in den Medien und der Politik vom Zionismus und Israel geschaffen wurde,
um die Existenz Israels und die Besatzungspolitik zu legitimieren. Eindrucksvoll
brachte der Herausgeber der französischsprachigen Wochenzeitung al-Ahram
Hebdo, Muhammad Salmawy, diese Sichtweise auf den Punkt. In einem Artikel,
den er »Suche die Juden!« übertitelt, berichtet er von
dem Prozess gegen den französischen Holocaustleugner Roger Garaudy in
Paris, die Einreiseverbote gegen den britischen Revisionisten David Irving
in Deutschland und Kanada und die Affäre Monica Lewinsky.
In seinem Text stellt Salmawy die These auf, dass hinter allen drei
Geschehnissen eine jüdische Verschwörung zu erkennen sei. Der
Versuch, die Wahrheit über den Holocaust zu verbergen, trieb die
Verschwörer an, Garaudy und Irving juristisch auszubremsen. Monica
Lewinsky wurde zu jenem Zeitpunkt im Weißen Haus platziert, als
bekannt wurde, dass William Clinton bei einem anstehenden Besuch des israelischen
Premierministers Benyamin Netanyahu Zugeständnisse gegenüber
den Palästinensern fordern würde.6
Salmawy beendet seinen Artikel, dessen Überschrift auf den Ausspruch
Napoleons »Suche die Frau« anspielt, mit der Frage: »War
es wirklich die Frau, nach der Napoleon suchte«, die hinter diesen
Ereignissen stand, »oder war es etwas anderes, etwas weniger Schönes,
dafür aber umso Zerstörerisches als die Frau?« Ähnliche
Interpretationen finden sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen
- egal ob es sich dabei um die Angriffe auf Afghanistan oder einen unerklärlichen
Anstieg von Nierenschäden seit dem Abschluss des Vertrages von Camp
David mit Israel handelt. Die Erklärung sozialer Probleme reduziert
sich auch hier auf Verschwörungstheorien, hinter denen mehr oder minder
deutlich die Juden, mindestens aber der Zionismus zu erkennen ist.
Selbst aus den Kreisen der al-Azhar Universität in Kairo, der
bedeutendsten Stätte religiöser Orthodoxie in der islamischen
Welt, werden ähnliche Konfliktinterpretationen angeboten. In einem
Beitrag für eine wöchtliche Zeitung der Universität wird
der Koran zur Feindbestimmung herangezogen. Der Artikel, der unter der Überschrift
„Kenne die Feinde“ erschien, ist dabei sehr eindeutig: Feinde, das sind
dem Teufel zunächst auch die »kriegerischen Ungläubigen«.
Als besondere Bedrohung, die weder »an den Grenzen Palästinas«
noch am Nil oder dem Euphrat halt mache, sondern die die Beherrschung der
Welt und die Zerstörung des zivilisatorischen Erbes und der menschlichen
Werte anstrebe, müsse man sich aber vor allem der Juden erwehren.
Seit Menschengedenken seien die Juden dafür bekannt, dass sie weder
»Versprechen noch Pakt« hielten. »Die Juden sind diejenigen,
die die Propheten töteten«, »die Heuchler«, »die
Betrüger«, die, »die Verderbnis bringen« und die
»Menschen zum Materiellen verleiten«. Sie sind die »Feinde
der Gläubigen« und stehen »heute wie damals hinter dem
Teufel«.7
Dieses Bild des ewigen Juden, der in Feindschaft zur menschlichen
Gemeinschaft stehe, wird selbst von Sheikh Muhammad al-Tantawi, dem Sheikh
der al-Azhar Universität und damit der obersten religiösen Autorität
des sunnitischen Islam, gezeichnet. In seinem umfangreichen Werk »Die
Söhne Israels in Koran und Sunna«, das 1998 erschienen ist, geht
es ihm ausdrücklich nicht um eine Auseinandersetzung mit den Juden
zur Zeit Muhammads. Denn, so Tantawi, »der Beweis für die Zuverlässigkeit
der koranischen Beschreibungen der Juden« sei ja gerade, dass sich
deren Darstellungen »zu jeder Zeit und an jedem Ort« bestätigt
fänden. Seine ausführliche Auseinandersetzung mit den »Protokollen
der Weisen von Zion«, die er als authentische Quelle der jüdischen
Geschichte ausweist, wird nur noch mit dem Abdruck einer gefälschten
Rede des amerikanischen Politikers Benjamin Franklin gesteigert, mit der
er die Nation vor der jüdischen Gefahr gewarnt wissen will.
Tantawis Studie über die Juden im Islam schließt mit den
Franklin zugeschriebenen Sätzen: »Ich warne Sie, verehrte Herrschaften,
wenn Sie die Juden nicht auf ewig von der Einwanderung ausschließen,
werden Ihre Kinder und Ihre Vorfahren Sie noch im Grabe verfluchen. Der
Geist der Juden unterscheidet sich von unserem, selbst wenn sie seit zehn
Generationen unter uns leben. (...) Die Juden sind eine Gefahr für
das Land. Wenn Sie eindringen, werden sie es zerstören und verderben.«
8
Globalisierung und die „Herrschaft des Teufel“
In einer Schrift des Autors Muhammad Qutb, der in seinem Buch über
die Globalisierung den Gefahren der drohenden »Herrschaft des Teufels«
nachspürt, werden die Hintergründe der jüngsten gesellschaftlichen
Herausforderungen auf den Punkt gebracht. Hinter der Globalisierung, daran
lässt Qutb keinen Zweifel, steht »das internationale jüdische
Kapital, was bereits seine Ursprungsländer beherrscht und danach strebt,
diese Herrschaft über die ganze Welt auszudehnen«. 9 Diese »Geschichte
der jüdischen Herrschaft über die Menschen«, die mit der
Globalisierung ihre aktuellste Stufe erreicht habe, äußere sich
in »der Verbreitung moralischer Verderbnis, sexueller Anarchie, Ketzerei,
Drogen und verschiedenen Formen des Wahns und Besessenheiten.« 10
Diese Verbindung von Globalisierungskritik und einer Verteidigung
von Moral und kultureller Identität, die bereits in den Darstellungen
Hanafis deutlich wurde, verweist auf ein anderes Thema, welches in den Auseinandersetzungen
mit gesellschaftlichen Konflikten immer wieder in arabischen Medien aufgegriffen
wird: Drogen, Prostitution und kultureller Verfall.
Die Bücherverkaufstände in ägyptischen Straßen
bieten eine Vielzahl von Büchern zum Verkauf, in denen Geschichten
über Versuche des Mossads beschrieben werden, mit Hilfe von jüdischen
Prostituierten das ägyptische politische und soziale Establishment
zu unterwandern. „Krieg der Prostituierten – Jüdische Frauen und
arabische Politiker“ ist nur ein Titel, der in den letzten Jahren auf
den Markt kam.11
Die Erfolge der israelischen Transexuellen Danna International unter
ägyptischen Jugendlichen sind gerade in dieser Hinsicht aufschlußreich.
Die Kassetten der Sängerin jemenitischer Herkunft wurden verboten
und lösten zudem eine vehemente Debatte aus, in der es immer wieder
um die „zionistischen Versuche einer Normalisierung durch Sex“12 ging.
Während es hierbei in erster Linie um die Gefahren für die
Moral der Jugend geht, geht es in Auseinandersetzungen um Prostitution
auch immer wieder um die Gefahren von AIDS und anderen Krankheiten, die
von Israel mutwillig gestreut werden. Berichte über vergiftete Tomaten,
die aus Israel importiert werden, stehen dabei neben Vorwürfen, Israel
beliefere Ägypten mit HIV-verseuchten Blutkonserven.13
Ähnlich wie Fragen der Moral und insbesondere der Sexualität
bieten auch Konflikte um die historischen Ursprünge und Leistungen
der ägyptischen Gesellschaft immer wieder Anlass für die Artikulation
antisemitischer Ressentiments. Neben immer wieder erhobenene Vorwürfen,
Israel oder „die Juden“ würden Ansprüche auf die Pyramiden oder
andere pharaonische Stätten in Ägypten erheben, stehen dabei
verschiedene Grabstätten im Nildelta im Mittelpunkt der Diskussion.
Renommierte Zeitungen wie die ägyptische Literaturzeitung Akhbar al-Adab
berichten über zionistische Versuche eines „Zivilisationsraubes“14 . In
der Zeitung, die von dem angesehenen Schriftsteller Gamal al-Ghitani herausgeben
wird, erscheinen mittlerweile regelmäßig Artikel über Bemühungen,
die kulturelle Identität Ägyptens zu untergraben.
Die Verteidigung der kulturellen Authentizität, die durch zionistische
Versuche einer „Judaizierung“ bedroht wird, umfasst neben den ägyptischen
Altertümern auch die Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts.15
Die Veränderungen der Alltagskultur im Verlaufe der politischen und
ökonomischen Globalisierung lassen sich in diesem Verständnis
als Teil einer groß angelegten zionistischen Verschwörung deuten.
Ein Überblick über diese Facetten des Judenbildes und der Darstellungen
Israels macht die Dominanz antisemitischer Wahrnehmungen in den gegenwärtigen
Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Konflikte deutlich. Die Politik
Benjamin Netanyahus, Ehud Baraks oder Ariel Sharons spielt in diesen Debatten
keine Rolle. Offensichtlich ist, dass sich diese Interpretationen des Geschehens
nicht aus einer unmittelbaren Nützlichkeit im Sinne einer politischen
Opportunität ableiten lassen. Die häufig aufgestellte These,
es gebe einen Zusammenhang zwischen der Nähe zum Nahostkonflikt und
dem Antisemitismus, erscheint angesichts dieser Darstellungen ebenso fragwürdig.
Vieles deutet sogar darauf hin, dass das Gegenteil zutrifft.
Die wüstesten Verschwörungsszenarien finden sich eben gerade
nicht in der palästinensischen, sondern in der jordanischen und, vor
allem, in der ägyptischen Populärkultur. Hier entlädt sich
wie in kaum einem anderen arabischen Land die Suche nach dem Ursprung der
als Bedrohung wahrgenommenen gesellschaftlichen Veränderungen in
antisemitischen Attacken gegen neu eröffnete Supermarktketten, Schwule
und vermeintlich pornografische Literatur, ganz zu schweigen von Vorwürfen
und Verdächtigungen gegen die verbliebenen 200 ägyptischen Juden.
Trotz der Verbreitung dieses Denkens, in dem sich völkische und
antimoderne Vorstellungen zu antisemitischen Feindbestimmungen zusammenfügen,
wird immer wieder angemerkt, dass es sich bei diesen Darstellungen um einen
europäischen Import handele. Eine solche Erklärung, in der eine
Ideologie wie die Druckerpresse oder die Straßenbahn zu einem Exportgut
des Kolonialismus wird, führt in die Irre. Versteht man Ideologie
nicht als authentischen Ausdruck einer geografischen oder natürlichen
Besonderheit, sondern als sozial und historisch bedingte Aneignung der gesellschaftlichen
Wirklichkeit, dann ist es zu fragen, weshalb eine bestimmte Ideologie
zu einem bestimmten Zeitpunkt attraktiv, überzeugend und eventell
handlungsleitend wird.
Reaktionen auf Modernisierung und Imperialismus
In diesem Sinne lassen sich auch die beschriebenen Ausbrüche
des Judenhasses historisch herleiten. Sie sind Ausdruck der gesellschaftlichen
Umbrüche, mit denen der Nahe Osten in den letzten zwei Jahrhunderten
konfrontiert war, und damit ähnlich jenem Denken, wie es sich in
Europa und insbesondere in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
entwickelte.16
Die Entwicklung des arabischen Nationalismus steht in unmittelbarem
Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Modernisierungsprojekten, wie
sie sich im Osmanischen Reich und im Ägypten des 19. Jahrhunderts
durchsetzten.17 Die beginnende Industrialisierung der Landwirtschaft,
das Entstehen eines umfassenden Bildungssystems und die Durchsetzung bürgerlicher
Reformen unter den ägyptischen und osmanischen Herrschern fielen
dabei mit religiösen Reformbewegungen zusammen. Der wachsende Einfluss
der Kolonialmächte und deren zunehmende Identifikation mit den sozialen
und politischen Modernsierungen äußerten sich in eindringlicher
Weise in den entstehenden nationalen Bewegungen.
Die kosmopolitischen Enklaven in Alexandria, Kairo oder Beirut, die
unter dem Einfluss der Kolonialmächte am meisten von den Reformen
profitierten, bestärkten diese Identifikation von Modernisierung und
Imperialismus. Die Forderungen nach nationaler Unabhängigkeit, die
sich je nach Region gegen das Osmanische Reich, Großbritannien und
Frankreich und immer stärker auch in Abgrenzung zur zionistischen
Bewegung formierten, bildeten den Kristallisationspunkt der politischen
Bewegungen um die Jahrhundertwende.18
In den Auseinandersetzungen mit dieser Periode wird immer wieder auf
die Rolle Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkischen
Republik, hingewiesen. Die von ihm vorangetriebene Abschaffung des islamischen
Kalifats galt vielen als letzter Beleg für seine jüdische Herkunft.
Atatürk gilt als herausragendes Beispiel eines so genannten Dönme,
eines zum Islam konvertierten Juden unter osmanischer Herrschaft. Trotz
des neuen Glaubens standen diese Konvertiten immer unter Verdacht, an ihrer
früheren Religion festzuhalten und im Schatten ihrer formellen Zugehörigkeit
zum Islam die Interessen der Juden durchzusetzen. In den Vorwürfen
gegen Atatürk drückt sich zudem der Übergang von religiösen
zu modern-rassistischen Vorstellungen von »dem Juden« aus.19
Der Entwicklung eines Begriffs vom »inneren Feind«, der
als fünfte Kolonne äußerer Mächte gegen die wahren
Interessen der Gemeinschaft arbeite, steht in diesem Kontext. Während
sich frühe ägyptische Nationalisten mit ihren Warnungen vor
den dukhala, den Eindringlingen, noch in erster Linie gegen syrische Emigranten
wendete, richtete sich der Gründer der Syrisch Sozial-Nationalistischen
Partei, Antun Saada, mit seinem Nationalismus ausdrücklich auch gegen
die »inneren Juden«.20
Antijudaismus als Überlieferung
Gerade diese Definition des Feindes lag nahe. Ebenso wie für
den europäischen Antisemitismus lässt sich auch für die
arabisch-islamischen Länder der Zusammenhang von religiösen
Stereotypen und den kollektiven Feindbestimmungen nachzeichnen. Der immer
wieder erhobene Einwand, die islamische Geschichte sei insgesamt weit weniger
blutig als die christliche, bleibt dabei völlig unbestritten. Bei
der Auseinandersetzung mit den heutigen Konflikten geht es aber eben gerade
nicht um einen Vergleich des religiösen Zusammenlebens im christlichen
und islamischen Mittelalter, sondern um das Weiterwirken tradierter religiöser
Stereotype in modernen Gesellschaften. Ebenso wie der christliche Antijudaismus
vom modernen Antisemitismus zu unterscheiden ist, ist zwischen der relativen
Harmonie im mittelalterlichen Andalusien und den Auseinandersetzungen im
20. Jahrhundert zu differenzieren.
Die antijüdischen Stereotype, die sich sowohl im Koran als auch
in der Sunna in den Beschreibungen über die Auseinandersetzungen zwischen
Muhammad und den jüdischen Gemeinden finden, sind daher bedeutungsvoll,
weil sie - heute wie vor 1 400 Jahren - als ein Bezugspunkt im Verhältnis
zwischen Muslimen und Juden dienen. Während die frühen koranischen
Beschreibungen noch von dem Wunsch geprägt waren, die Juden von Muhammad
zu überzeugen, der als Messias das letzte Glied in der göttlichen
Offenbarungsgeschichte repräsentiere, verschlechterte sich das Verhältnis
mit der fortwährenden Weigerung der Juden, den neuen Glauben anzunehmen.
In diesem Kontext stehen die Suren, in denen die Juden als vertragsbrüchig
und korrupt, unaufrichtig, materialistisch und intrigant beschrieben werden.21
Die Konstruktion des Feindes, der die im Zuge der gesellschaftlichen
Modernisierung zunehmend abstrakter werdenden Gewaltverhältnisse verkörperte
und zugleich die negative Bestimmung des eigenen Kollektivs ermöglichte,
konnte auf die überlieferten Stereotype der religiösen Quellen
zurückgreifen. Die europäischen Missionare, deren Antijudaismus
bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu zahlreichen Ritualmord-Vorwürfen
gegen Juden führte, sowie die arabischen Christen trugen ebenfalls
dazu bei, die antijüdische Definition der Gemeinschaft durchzusetzen.
Gemeinschaft der Antiimperialisten
Die antimoderne Utopie einer homogenen organischen Gemeinschaft, die
sich in den antiamerikanischen Demonstrationen und den Selbstmordanschlägen
in den palästinensischen Gebieten artikuliert, beschränkt sich
nicht auf islamistische Bewegungen. Gerade das ideologische Zusammenwirken
von säkularen und religiösen, islamischen wie christlichen Strömungen
in arabischen Ländern weist darauf hin, dass die Bezüge auf die
islamischen Quellen nur eine Facette in der Formierung dieses Denkens ausmachen.
In der Entwicklung des Konzepts des Heldentodes, der mit dem Versprechen
auf ‚72 schwarzäugige Jungfrauen’ im Paradies zur Option eines Dienstes
an der Gemeinschaft wird, lässt sich dieses Ineinanderfallen unterschiedlicher
Strömungen in einer nicht mehr notwendigerweise religiösen Ideologie
der Gemeinschaft zeigen. Wenngleich sich der Begriff des Shahid, des Märtyrers,
aus dem Koran ableitet, wird er in den gegenwärtigen Diskussionen
keineswegs mehr alleine von oder für Muslime angewendet. Ebenso wie
das Symbol des Felsendoms in Jerusalem mittlerweile als nationales, und eben
nicht mehr als religiöses Symbol verwendet wird, bezieht sich das Gerede
vom Märtyrertum mittlerweile immer häufiger auch auf Christen.
Als Konzept des Opfertodes für die gemeinsame Sache gewinnt diese
Vorstellung ihre Wirkungsmacht in den sich annähernden nationalen
und religiösen Ideologien. Es ist eben nicht allein der islamistische
Attentäter, der sich als Belohnung für seine Tat das Paradies
herbeisehnt, sondern es sind mittlerweile auch die Bombenbauer der PFLP,
die in den letzten Monaten ihre Anschläge an das zuvor nur von der
Hamas und dem Islamischen Jihad bekannte Zeremoniell des Gemeinschaftsdienstes
anpassten.
Diese gemeinsame Verteidigung der Gemeinschaft und deren »kulturelle
Authentizität« ist in Ägypten längst zum verbindenen
Element im öffentlichen Diskurs geworden. In einem Prozess gegen Homosexuelle,
der erst vor kurzem abgeschlossen wurde, zeigte sich das einigende Band
dieser Ideologie. Die Forderungen nach hartem Durchgreifen gegen die »Perversionen«
dieser Gruppe von »Satanisten«, denen immer wieder Kontakte
nach Israel unterstellt wurden, kamen aus allen politischen und religiösen
Spektren.22
Als Bewahrer der kulturellen Identität gegen den »weltweiten
Krieg der Perversen gegen Ägypten« 23 profilierte sich die
Opposition, während die regierungsabhängige Justiz 16jährige
unter dem Vorwurf der Prostitution für Jahre hinter Gitter schickte.
Wie weit diese individuelle Verpflichtung auf die Gemeinschaft wirkt,
wurde im Prozess deutlich. Selbst jene, die zufällig Opfer dieser
Einschwörung auf das homogene und authentische Kollektiv wurden, traten
schließlich als deren Verteidiger auf. Auf den Vorwurf, die Gruppe
habe die Abwendung von der Religion propagiert, entgegnete ein Anwalt,
die Angeklagten hätten tatsächlich versucht, gegen eine Religion
zu kämpfen – nämlich gegen die jüdische. Der Kampf gegen
die Juden und die Befreiung Jerusalems könne der Gruppe aber kaum
vorgeworfen werden, schließlich stehe dies mit den religiösen
Pflichten in Einklang.24
Was sich in diesen Wahrnehmungen ebenso wie in den Anschlägen
auf die USA äußert, ist dabei keineswegs auf einen primitiven
islamischen Glauben zurückzuführen. Vielmehr ist dieses Denken
der modernste Ausdruck einer kollektiven Hoffnung auf eine »romantische
Gegenmoderne«25 , die mit der scheinbaren Legitimation einer gescheiterten
Emanzipation der Dekolonisation (Wolter) einhergeht und sich weitgehend
unabhängig von Koran und Sunna als moderne Ideologie entwickelte. Die
Annahme, dass sich diese Ideologie aus einer einheitlichen islamischen Philosophie
ableitet, deren Grundlagen bereits im siebten Jahrhundert geschaffen wurden,
verkennt deren grundsätzlich modernen Charakter.
Der libanesische Journalist Hazem Saghiyeh brachte die Auswirkungen
dieses Denken kürzlich ganz treffend zum Ausdruck. In einem Kommentar
für die arabischsprachige Londoner Tageszeitung al-Hayat schrieb
er: »Wer sich die Nachrichten, die aus Ägypten kommen, und
die Positionen der meisten ägyptischen Intellektuellen, Journalisten
und Politiker anschaut, bekommt den Eindruck, die Welt wache jeden Morgen
auf, reibt sich die Augen und ruft aus: ‚Oh Gott, es ist schon Sieben,
es ist spät, ich muss sofort mit der Verschwörung gegen Ägypten
beginnen.’«
Ägypten, so Saghiyeh, war einst das Symbol »für Fortschritt
und Aufklärung in der arabischen Welt. Heute ist es selbst zum Grund
seines kulturellen Verfalls geworden. Heute (...) ähneln wir der Weimarer
Republik - nur ohne die Freude, die Freiheit und die Kreativität.«26
1 Stern (Hamburg), 26. Juni 2002.
2 Vgl. für ähnliche Auseinandersetzungen zu Beginn der 90er Jahre Walid M. Abdelnasser, “Islam and the West: Perspectives from the Egyptian Press, with Particular Emphasis on Islamist Papers”, in Islam and the West in the Mass Media – Fragmented Images in a Globalizing World, Kai Hafez (Hrsg.) (New Jersey: Hampton Press, 2000), 141ff
3 Vgl. u.a. al-Akhbar (Kairo), 29.10.01. Siehe für einen Überblick über diese Deutung der Anschläge MEMRI Special Dispatch, „Ein neuer Antisemitischer Mythos in der arabischen Presse“, www.memri.de, 08. Januar 2002
4 Akhbar al-Adab (Kairo), 14. Oktober 2002.
5 al-Akhbar (Kairo), 08. Oktober 2002.
6 Al-Ahram (Kairo), 02. Februar 2002
7 Saut al-Azhar (Kairo), 03. August 2001.
8 Muhammad Tantawi: Die Söhne Israels in Koran und Sunna (arab.) (Kairo: Dar ash-Shuruq, 1998), S. 751ff.
9 Muhammad Qutb: Die Muslime und die Globalisierung (arab.) (Kairo: Dar ash-Shuruq, 2000), 11.
10 Muhammad Qutb: Die Muslime und die Globalisierung (arab.) (Kairo: Dar ash-Shuruq, 2000), 29.
11 Muhammad al-Ghayta: Krieg der Prostituierten. Die Frauen der Juden und die arabischen Politiker (Kairo, 1995).
12 Vgl. Ted Swedenburg, “Sa’ida Sultan/Danna International. Transgender Pop and Polysemiotic of Sex, Nation and Ethnicity on the Israeli-Egyptian Border”, in Mass Mediations. New Approaches to Popular Culture in the Middle East and Beyond, Walter Armbrust (Hrsg.) (Berkeley: University of California Press, 2000), 94-110, hier 98
13 Vgl. das Wissenschaftsjournal al-Ilm (Kairo), November 2001. Exemplarisch sei hier auch auf Salah Badiwi: Die israelische Penetration der Landwirtschaft in Ägypten (arab.) (Markaz al-Hadara al-Arabiyya l-I’lam w-an-Nashr: Kairo, 1992) verwiesen.
14 Gamal Al-Ghitani, “Zivilisationsraub” (arab.), Akhbar al-Adab (Kairo), 20. Mai 2001.
15 Vgl. Zainab Abd al-Aziz: Der Trick der Modernen Kunst. Zwischen Zionismus-Masonismus und Amerika (arab.) (Kairo: Zahra li-l-I’lam al-Arabi, 1990) sowie das etwas ältere Buch von Medhat Abu Bakr: Israeliyyat - Versuche einer Judaizierung des ägyptischen Menschens (arab.) (Kairo: o.A., 1987).
16 Vgl. insbesondere Hazem Saghiyeh: Die arabischen Nationalisten der Levante. Von Dreyfus bis Garaudy (arab.) (London: Riad el-Rayyes Books, 2000), 147-193., aber auch Bassam Tibi: Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Islam und panarabischer Nationalismus (Frankfurt: Suhrkamp, 1987).
17 Vgl. Israel Gershoni, “Rethinking the Formation of Arab Nationalism in the Middle East, 1920-1945: Old and New Narratives”, in Rethinking Nationalism in the Arab Middle East, James Jankowski/Israel Gershoni (Hrsg.) (New York: Columbia University Press, 1997), 3-25 und Albert Hourani: Arabic Thought in the Liberal Age, 1798-1939 (Cambridge: Cambridge University Press, 1998), 260ff.
18 Sami Zoubaida, „Cosmopolitanism and the Middle East“, in Cosmopolitanism, Identity and Authenticity in the Middle East, Roel Meijer (Hrsg.) (Richmond: Curzon Press, 1999), 15-33.
19 Bernard Lewis: Die Juden in der islamischen Welt (München: C.H. Beck, 1987), 159ff. Vgl. für eine aktuelle Auseinandersetzung um den Einfluss der Dönme eine Rezension des Buches von Dr. Muhammad Muhammad Ibrahim Zaghut: Die Rolle der Dönme-Juden beim Sturz des osmanischen Kalifats (Kairo: Dar al-Tawzia wa-l-Nashr al-Islamiya, 1991) in Madjalla al-Azhar (Kairo), H. 5/2001, S. 292ff.
20 Hanna al-Hadj Ibrahim, “Antun Sa’ada. Palästina ist eine Sache Syriens“ (arab.), Samed al-Iqtisadi (Amman), H. 123-4/2001, S. 100.
21 Léon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Religiöse Toleranz unter dem Islam (Worms: Verlag Georg Heintz, 1979), 21ff.
22 Götz Nordbruch, „Sexualität als Vehikel der Globalisierung“, Gigi – Zeitschrift für sexuelle Emanzipation (Berlin), H. 16/2001.
23 al-Usbua (Kairo), 20. August 2001.
24 Akhbar al-Hawadith (Kairo), 13. September 2001.
25 Jungle World (Berlin), Heft 45/2001.
26 al-Hayat (London), 29. Juli 2001.