Paul Mentz

New York - Sieg im Volkskrieg?

Islamistische Terroristen sind keine Mörder. Der gewöhnliche Mörder folgt jedermann verständlichen und nachvollziehbaren Motiven. Er ist auch nicht bereit sein eigenes Leben zu opfern, um möglichst viele Menschen mit in den Tod zu reißen, handelt also aus Gründen der Befriedigung individueller Ziele oder Bedürfnisse. Die islamistischen Attentäter aufs World Trade Center vom 11.09.2001, wie auch palästinensische Selbstmordattentäter in Israel wollen, im Gegensatz zum gewöhnlichen Mörder, vielmehr einer Gemeinschaft, die das individuelle Elend moralisch überhöht, zum Endsieg über die kosmopolitischen Gesellschaften der USA und Israels, welche durchaus noch das Streben nach individuellem Glück und Reichtum kennen, führen. Deshalb sind islamistische Terroristen keine Mörder, sondern etwas viel schlimmeres.

Die Erkenntnis, welche spätestens mit dem Anschlag auf das World Trade Center, dem letzten Linken gekommen sein sollte: Dass nämlich der Islamismus momentan das größte und barbarischste antisemitische Aggressionspotential birgt, scheint sich auch jetzt nicht durchzusetzen. Wie sonst ließe sich erklären, dass Horst Mahler im Einklang mit Globalisierungsgegnern und anderen vermeintlichen Linken verkünden kann, dass die "USA als Garant des räuberischen Freihandels", der "globale Kapitalismus" in seinen "Symbolen der mammonistischen Weltherrschaft" getroffen worden sei. Diese auch vielen Linken nicht fremde Argumentation suggeriert, dass die antisemitische Aggression der Täter einen Grund in seinem Objekt hätte, als ob Juden selbst dafür verantwortlich sind, wenn sie von palästinensischen Antisemiten massakriert werden. Die barbarischen Motive der Täter werden rationalisiert, und in den USA erhält die gesellschaftliche Ohnmacht der Elenden ein Gegenbild, das alles das verkörpert, was einem selbst versagt geblieben ist und aus diesem Grund gehasst wird. Insbesondere im Islamismus reflektiert sich das gesellschaftliche Sein der von den Segnungen der Kapitalakkumulation Ausgeschlossenen. Die Nichtigkeit der eigenen Existenz wird dadurch kompensiert, dass der eigene Verzicht auf das Streben nach individuellem Glück und materiellem Wohlstand zur höchsten moralischen Stufe des irdischen Lebens erklärt wird und alles, was an die eigenen Versagungen erinnert, verfemt, verfolgt und vernichtet wird. Weltlichen Verlockungen, wie sexueller Freizügigkeit und individueller Selbstverwirklichung wird der große Dschihad erklärt. Frauen als Verkörperung "sexueller Verlockung" werden entrechtet und "unsichtbar" gemacht. Ein durch das je eigene Unglück zusammengeschweißtes Fahndungskollektiv wacht über die Einhaltung der Tugend und reagiert an realen oder halluzinierten Delinquenten den eigentlichen Selbsthass in barbarischer Weise ab. Im großen Dschihad hingegen wird die dem Islamismus äußere westliche Welt als bereits vom Bösen eingenommene Bastion bekriegt. Die unbegriffenen abstrakten Prozesse des globalisierten Kapitals, die immer mehr Menschen ins Elend stürzen, bekommen Name und Adresse: die Juden als Inkarnation des von den Bevölkerungen der jetzigen islamischen Länder nie erreichten Kosmopolitismus und "materialistischer Dekadenz" die den einzigen bürgerlich-demokratischen Staat in der Region schufen und ökonomisch reüssierten, und die USA als deren militärisch-weltpolitische Agentur. Auch hierzu weiß der Nazi Horst Mahler zu berichten: Die Juden hätten "zielstrebig die politischen und militärischen Potentiale der USA usurpiert, um unter deren Schutz... das ihnen von Jahwe verheißene Land an sich zu bringen und ethnisch zu säubern." Es ist Richtig, dass die islamistisch-völkische Ideologiebildung nichts der westlichen Zivilisation äußerliches darstellt, insofern die ökonomische Rückständigkeit jener Region mit der Überlegenheit der westlichen Gesellschaften ursprünglich zusammenhängt. Trotzdem führt die Erkenntnis, dass die USA ihr eigenes Alter Ego bekämpft, bei großen Teilen der deutschen Linken zu keinem anderen Ergebnis, als der Stärkung der ihnen eigenen strukturell antisemitischen Sicht. Denn ihr Versuch jegliche Differenz zwischen den USA und dem Islamismus zu eliminieren, lässt jegliche Möglichkeit im unwahren Ganzen Partei zu ergreifen, obsolet werden. Die Vorstellung, der Islamismus wäre nicht die barbarische Kehrseite der Zivilisation, sondern mit ihr identisch, führt direkt zur Konferenz gegen Rassismus nach Durban.

Die deutsche Linke und der Anschlag auf das World Trade Center

Selbst der Abzug der amerikanischen und israelischen Delegierten von der Konferenz gegen Rassismus in Durban führte innerhalb der deutschen Linken nicht zu Protesten gegen eben jene Konferenz. Während in Durban die Judenfrage wiederentdeckt wurde und arabische Organisationen antisemitische Flugblätter verteilten, auf denen ein Palästinenser am Boden liegend mit einer Fahnenstange im Herzen, auf deren Fahne ein Davidstern und ein Hakenkreuz abgebildet waren, regte sich in Deutschland kaum eine Stimme. Auch als die südafrikanische Polizei Juden und einige nichtjuden, die ein Flugblatt mit dem Bild eines Treffens von Arafats Großonkel, dem Mufti von Jerusalem al Husseini, mit Adolf Hitler verteilten, vor antisemitischen Übergriffen schützen mussten, war dies den Antirassisten hierzulande keine Stellungnahme wert. Schließlich sprach ihnen der Uno-Generalsekretär Kofi Annan aus dem Herzen, als er erklärte: "Das jüdische Volk war Opfer von Antisemitismus in vielen Teilen der Welt und des Holocaust in Europa. Es ist daher verständlich, dass viele Juden tief getroffen sind von den rassistischen Anschuldigungen gegen Israel. Doch können wir von den Palästinensern nicht erwarten, dass sie deshalb anerkennen, dass das gegen sie verübte Unrecht ignoriert wird." Auch der in der deutschen Linken sich größter Beliebtheit erfreuende antisemitische Propagandist Mumia Abu Jamal veröffentlicht in der Jungen Welt seine Gedanken zur Berechtigung der "Judenfrage" in Durban (junge Welt, 15.09.2001): "Die Bulldozer, die Heckenschützen ... und die ganze Macht des israelischen Staates werden aufgeboten, um zu schaffen, was niemand hier so nennen würde, aber alle so meinen: Lebensraum." Konnte man zum Zeitpunkt der Konferenz noch der Idee verfallen, dass der Grund für den geringen Protest gegen Durban, im Vergleich zu G-8 und IWF Treffen an der großen Entfernung zu Südafrika lag, wurde man spätestens nach den Anschlägen auf das World Trade Center eines Besseren belehrt.

Kurz nach den Anschlägen vom 11.9.01 schrieb junge welt Chefredakteur Arnold Scholzel von den zu erwartenden "militärischen Vernichtungsaktionen". Weiter heißt es bei ihm, diese würden jenem Terror folgen (gemeint sind die Anschläge) "mit jener Konsequenz, mit der die Nazis den Reichstagsbrand nutzten". Zeitgleich wird in den deutschen Medien das Ende der Spaßgesellschaft bejubelt, welche es in Deutschland noch nie gab und die es wohl auch absehbare Zeit nicht geben wird. Der Kampf gegen die Spaßgesellschaft ist eröffnet und findet in dem populären Stichwortgeber des antiimperialistischen Kampfes Mumia Abu Jamal einen ersten Fürsprecher: "Warum? (auf die Frage der Amerikaner nach den Ursachen des Hasses auf alles Amerikanische) Dies ist eine typisch amerikanische Reaktion, typisch für eine Kultur, die kein Gestern kennt, nur das Morgen ihrer leiblichen Genüsse, ihrer fettarmen Eiscreme und schillernden Luxuswagen." Ja, ist eine Gesellschaft von Menschen, die nur ihr individuelles Glück kennen, nicht selbst dafür verantwortlich, wenn ihre Häuser von Terroristen in die Luft gesprengt werden? Wen mag es da noch wundern, dass deutsche Tageszeitungen hämisch verkünden: "Israel unter Druck". Man hört es fast, das kollektive Aufatmen der Deutschen. Schließlich hatte man wie die U Z, im Einklang mit Nazis wie Horst Mahler, schon mal das linksemanzipatorisch verbrämte Bekennerschreiben zum Anschlag vorgelegt, als man schrieb: Die Ziele des Anschlags seien "wohlüberlegt ausgewählt (worden). Sie symbolisieren die Macht- und Schaltzentralen der neuen kapitalistischen Weltordnung." Kaum die Häme über die menschlichen Opfer verbergend wird ein "deutsches Sprichwort" bemüht: "Wer Wind sät wird Sturm ernten... bezahlen muss dafür nicht der Mann im Weißen Haus, müssen nicht FBI und CIA, die Auftraggeber in den Banken und Konzernzentralen, bezahlen mussten dafür unschuldige Amerikaner (U Z 14.9.01)." In einer auf der Webseite des Antifa-KOK erschienen Erklärung heißt es zur "Ursache für Anschläge wie in den USA" bereits nach wenigen Satzzeichen "Israels blutige Besatzungspolitik wird gefördert." Mit den Worten: "Ohne weltweite Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden" wird abschließend jede Distanz zu den antisemitischen Mordtaten aufgehoben.

Ein großer Teil der deutschen Linken hat offensichtlich nichts anderes im Sinn, als mit der Agitation gegen die Vorbereitung militärischer Maßnahmen sich den antiimperialistisch gedeuteten Kampf gegen die Zivilisation zu eigen zu machen. Die "Politik der USA, Europa des IWF usw." werden als "Ursache" - also zureichenden Grund - "dieses verzweifelten Ausdrucks von Unterdrückung", so ein Flugblatt von Kein Mensch ist Illegal Wuppertal, ausgemacht und bieten so ein veritables Alibi für antisemitische Massaker. In diesem Sinne ließe sich denn auch die Mordtat als die vielfach beschworene "Rache für Genua" interpretieren, als ein Racheakt an denjenigen die man für die "über Leichen (gehenden)" Handlanger der Reichen hält. Wie man schon während der Antiglobalisierungsproteste nicht zufälligerweise gerade in Deutschland einen breiten gesellschaftlichen Konsens hinter sich wusste, so kann jetzt erst recht auf einen breiten Gemeinschaftskonsens gegen das Streben der USA nach "weltweiter Vorherrschaft" gesetzt werden.

Der deutsche Staat und seine antirassistische Linke

Die Angst der Deutschen, vor der herbei halluzinierten "maßlosen Rache" der Amerikaner an den "islamischen Völkern", scheint momentan neben dem strukturellen Antisemitismus das gemeinsame Bindeglied der Deutschen zu sein, welches auch die letzte verbleibende Differenz zwischen Berliner Politik und der antirassistischen Linken endgültig zu kitten vermag. Während die Linke um ihr Klientel, die unterdrückten Völker (welche man als revolutionäres Subjekt auserkoren hatte) fürchtet, warnt die Bundesregierung die USA davor in ihrer Arroganz die islamistischen Freunde Deutschlands zu verprellen. Einig ist sich die Volksgemeinschaft aber dort, wo sich das kollektive Ressentiment Ausdruck verschafft und dieses lässt sich eben nicht beliebig instrumentalisieren wie es einige Linke zu glauben scheinen. Den Deutschen ging es schon immer darum, die Völker zu denen sie sich schon immer per se zählten, im Kampf gegen eine "abstrakte Ungerechtigkeit" zu verteidigen. Diese "Macht des Geldes", dem die Völker zum Opfer fallen, galten der Volksgemeinschaft schon immer als jüdisch oder zionistisch. Auf die Friedensbewegung ist dabei wie schon im Golfkrieg verlass, denn sie spielt wieder einmal die Rolle einer außerparlamentarischen Avantgarde, welche die zukünftigen Interessen der deutschen Außenpolitik schon jetzt vertritt, während die Bundesregierung momentan noch dazu gezwungen ist, sich öffentlich solidarisch auf die Seite der USA zu schlagen. Denn nur durch die medial inszenierte Identifizierung mit den USA kann Deutschland momentan seine Militarisierung forcieren und seinen Einfluss, als mit den USA konkurrierende europäische Großmacht ausbauen. Langfristig geht es aber darum die Rolle als friedensstiftende Vermittler in Nahost für sich zu beanspruchen. Daher ist es ein Trugschluss des friedensbewegten Protest, zu glauben, die Volksgemeinschaft würde im Moment auf einen "antimoslemischen" Kurs eingeschworen und dieser führt dazu, dass niemand zu merken scheint, dass trotz der scheinbaren Widersprüche die "Anti-Kriegslinke" mit ihren Positionen letztlich mit der Berliner Außenpolitik eins geworden ist. Nichts anderes als die Zuspitzung des volksgemeinschaftlichen Ressentiments ist es, wenn linke auf indymedia, im Einklang mit dem Vater des Attentäters Mohammed Atta, darüber spekulieren, ob vielleicht nicht doch der Mossad oder CIA verantwortlich für die Anschläge auf das World Trade Center sind, um sich selbst einen Freibrief für Angriffe auf die islamische Welt zu erteilen. Allein dieser absurde Verdacht reicht schon aus, um sich bedingungslos mit dem Kampf eines beliebigen unterdrückten Volkes gegen die imperialistische Bedrohung zu identifizieren und auf dessen Seite antiisraelisch oder antiamerikanisch zu intervenieren. Eine "antiislamische" Grundstimmung in der deutschen Bevölkerung braucht die antirassistische Linke jedenfalls nicht zu fürchten. Selbst Nazis wie der NPD Anwalt Horst Mahler erklärten schon kurz nach Anschlägen, dass die Verantwortlichen für dieses Massaker die "amerikanisch-jüdische Weltverschwörung " sei. Selbst die von Linken der "Kriegshetze" bezichtigten Medien hatten nach den Anschlägen nichts besseres zu tun, als vor vorschnellen Urteilen zu warnen. So wurde nach den gesendeten Bildern von jubelnden Palästinensern erklärt, man solle aufgrund dieser Bilder sich noch kein Urteil über eine antiamerikanische Grundhaltung der palästinensischen Bevölkerung bilden. Der antirassistischen Linken hierzulande war dies jedoch nicht genug. Nachdem die Theorie, es habe sich bei den Jubelbildern um Archivmaterial aus dem Golfkrieg gehandelt, sich zerschlagen hatte, hieß es auf einmal, die Palästinenser seien mit Süßigkeiten bestochen worden. Hierbei schreckte man nicht einmal davor zurück das antisemitische Bild des Juden heran zu ziehen, der seine nichtsahnenden Opfer mit vergifteten "Bonbons" verführt, welche die Verführten ins kollektive, medial inszenierte Unglück stürzen. Diese auf indymedia häufig kolportierte These stellt auch die Palästinenser auf die Stufe eines infantilen Naturvolkes, welches sich für "Süßigkeiten oder Glasperlen" zu allem instrumentalisieren lässt, selbst wenn es ihren Interessen widerspricht. Die antirassistische Linke bestätigt die Erkenntnis, dass es nun mal keinen Widerspruch zwischen einer zutiefst ausländerfeindlichen Haltung und der Forderung nach dem Recht auf Heimat und Selbstbestimmung aller Völker gibt, mögen sie Deutsche oder Araber sein. Die Bedingung ist allerdings, dass alle Völker auf ihrer eigenen Scholle verweilen. So sind vermeintliche Linke, die in der Berliner Szenekneipe "daneben" den Cocktail "Bin Ladens Favorite" zu sich nahmen und dabei den linksdeutschen Schlager "der Turm stürzt ein" grölten, sich im Kampf gegen den Kosmopolitismus durchaus einig mit der marrokanischen Wochenzeitung "Al Ousboue", die unter das Foto des zerstörten World Trade Centers folgenden Text setzte: "Die Vögel von Babylon haben zugeschlagen." (einer Anspielung auf einen Koranvers, der von einem wundersamen Sieg über die Ungläubigen kündet)

Es ist nun mal eines der größten Missverständnisse der antirassistischen Linken, zu glauben, am Ausländer würde gerade das "Fremde" gehasst. Am Ausländer wird gehasst, dass er dem Einheimischen auf dem Markt als gleichberechtigter Konkurrent entgegen tritt. Der Ausländerhass resultiert also aus der eigenen Angst auf dem Markt zu versagen und diese Furcht wird auf den als nicht zur Volksgemeinschaft zählenden projiziert. Ganz anders verhält es sich aber mit dem Interesse an den Vertretern "fremder" Kulturen und Religionen. Das Interesse an diesen war in Deutschland schon immer groß, vor allem an jenen Kulturen, die ein homogenes Volk darstellen, wie z.B. die Palästinenser. Wo man von fundamentalistischen Selbstmordattentätern spricht, ist man auch fasziniert von der Bereitschaft eines einzelnen, sich für sein Volk, seine Ideologie oder seine "Rasse" zu opfern. Sie gelten als das Gegenstück zu den Juden und Amerikanern, welche nur ihren individuellen Vorteil kennen und haben damit schon fast eine Vorbildfunktion für das Idealbild der Deutschen von ihrer eigenen Volksgemeinschaft. Bewundert wird an ihnen auch die Konsequenz mit der vermeintliche Verräter am palästinensischen Volk oder der islamistischen Gemeinschaft verurteilt und hingerichtet werden. Darin findet sich auch der Traum der zu spät Gekommenen in Deutschland wieder: Nach Auschwitz endlich wieder ein geeintes Volk sein zu dürfen. Tatsächlich soll diesmal die deutsche Gesellschaft am islamistischen Wesen genesen. Die Sympathie der Deutschen für islamische Republiken und Gemeinschaften ist quasi deckungsgleich mit der angekündigten Verschärfung der Ausländer- und Sicherheitspolitik. Das ist nun mal keine "Heuchelei" wie es der Politik seit einiger Zeit von Antirassisten vorgeworfen wird, sondern die logische Konsequenz, wenn der Islam zur Bedrohung der inneren Sicherheit erklärt wird, und man damit der autoritären Volksgemeinschaftsideologie des Islamismus entspricht. Die Anschläge waren nur der voller Sehnsucht erwartete Anlass sich selbst zum potentiellen Opfer von Terrorismus zu stilisieren, um die "wehrhafte Demokratie" in Anschlag zu bringen. Die antirassistische Linke, die wie auch der Rest der deutschen Gesellschaft, vor einer pauschalen Verurteilung des Islam warnt, ist nichts anderes als eine tragende Säule der Volksgemeinschaft, die im NGO-Format daherkommt. Die ihr eigene Erkenntnis, dass alle Menschen Rassisten sind und daher die individuelle Selbsttherapie ansteht, anstatt die Totalität der Verhältnisse als Folge der globalen Kapitalakkumulation zu kritisieren, mündet letztlich in einem Begriff von Befreiung, der jedem Volk seine eigene Scholle zukommen lassen möchte. Darin ist man sich schlussendlich doch mit der etwas zögerlichen deutschen Außenpolitik einig, denn mit den Stichworten "gegen Rassismus" und "Nie wieder Auschwitz" konnte man sich schon immer hervorragend auf die Seite jeder bewaffneten, völkischen Bande schlagen, die für ihre eigene kulturelle Identität Krieg führt. War man sich im Jugoslawienkrieg noch nicht ganz einig ob die UCK ein unterstützenswerter Verein sind, kann man nun davon ausgehen, dass hinsichtlich einer "antirassistischen" Verteidigung des Islam und der Palästinenser eine Einigung erzielt werden wird. Die Sympathie der Deutschen war nun mal schon immer auf der Seite der "konkreten Völker" und gegen die "abstrakte Macht des Geldes", welche in diesem Fall von Israel und den USA verkörpert wird. Die deutsche Linke hat sich in ihrer nationalrevolutionären Positionierung selbst vom Gedanken der kommunistischen Revolution emanzipiert und ist in den Schoß der deutschen Gemeinschaft, als gleiche unter gleichen zurückgekehrt. Das was lange zu befürchten war, ist eingetreten: die antirassistische Linke steht an der Seite von Josef Fischer, mit ihm einig in dem gemeinsamen Selbstverständnis nur noch deutsche Politik zu betreiben.

Der Krieg und was das alles mit Israel zu tun hat

Weil die Juden trotz Auschwitz nicht bessere Menschen geworden sind, war die deutsche Linke schon lange der Meinung, die Palästinenser seien die "Opfer der Opfer", und somit per se schon mal Deutsche ehrenhalber. Das besondere Interesse an ihnen bestand schon immer darin, sie als Opfer einer "systematischen zionistischen Vertreibungs- und Ausrottungspolitik" wahrzunehmen, also als die Heimatvertriebenen aus Nahost, denen der Untergang kurz bevorsteht. Die Stimmen der Friedensbewegten, welche die Nahostpolitik der USA für die Anschläge mitverantwortlich machen und klammheimlich auf einen Sieg der Taliban gegen die imperialistische Großmacht USA setzen, macht das nächste Ziel der friedensbewegten Deutschen sichtbar, den Übergang von gespielter Gleichgültigkeit zur offenen Aggression, die sich hinter den Bekundungen gegen islamistische Terroristen verbirgt. Da die Teilnehmer an der bürgerlichen Gesellschaft nur als Ware Arbeitskraft existenzberechtigt sind, für die das Prinzip des Tausches nichts anderes darstellt als die Verwirklichung von Gleichheit, des Prinzips, von dem jedoch jeder für sich eine Ausnahme gemacht haben möchte, darum wird, was öffentlich als Glück verehrt wird, doch insgeheim verteufelt. Es ist diese Wut auf die repressive Gleichheit als ökonomische Vergleichung, die im Antisemitismus ihren Ausdruck findet. Die in der postfaschistischen Gesellschaft mit dem "judenfreien" Antisemitismus verschmolzene, ideologiebildende Grundlage kapitalistischer Vergesellschaftung, das Äquivalenzprinzip, macht es unmöglich festzustellen, ob der Geisteszustand der Friedensbewegung auf ideologische Verblendung oder aber auf die Absicht, den antisemitischen Vernichtungswahn der Islamisten zuhause aussitzen zu wollen, zurückzuführen ist. Angriffe auf amerikanische oder israelische Zivilisten sind für die hiesige Linke wohl noch lange nicht Grund genug, die Idee von eventuell auch staatlicher Gewalt als Antwort auf Terror nicht total abzulehnen. Ausnahmen werden nicht gemacht, zumindest nicht für Juden oder diejenigen, die mit ihnen identifiziert werde. Darin macht sich der deutsche Friedenswille mit jenen sich auf ihre gute Absicht berufenden Killern gemein, die das World Trade Center zerstört haben. Der staatlich gesicherte soziale Frieden soll mit dem staatlich inszenierten Krieg, der normale Geschäftsgang der globalen Akkumulation mit seiner gewalttätigen Aufrechterhaltung nicht das geringste gemein haben. Wenn der stumme Zwang der Verhältnisse anderswo Millionen ins Elend stürzt und nur dann ein Thema ist, wenn er im offenen Krieg der "Völkermordzentrale" USA mündet, da ist zu befürchten, das jeglicher Protest nur in die Wärme der Volksgemeinschaft führt. Der Krieg zwischen Taliban und USA mag ausgehen wie er will, Kriege gehören zum Kapitalismus wie der Hurricane und Erdbeben zur Natur. Die toten Zivilisten, die jeder Krieg fordert, brauchen keine pazifistische Parteinahme auf Seiten der Islamisten, sondern verlangen vielmehr nach Widerspruch und Widerstand gegen die Bedingung der Möglichkeit von Krieg, d. h. gegen den Zustand, in dem sich die als Nationalstaaten verfassten bürgerlichen Gesellschaften zwangsläufig befinden und der keine andere letzte Instanz kennt als den Krieg. Da Nationalstaaten auf dem Weltmarkt ständig miteinander konkurrieren, kann Frieden nur das Ergebnis eines endgültigen Bruchs mit Staatlichkeit schlechthin sein.

Insoweit aber der terroristische Krieg der Islamisten sich auch gegen Israel und die mit ihm identifizierte "Schutzmacht" USA richtet, solange die gemeinschaftsstiftende Ideologie der Islamisten der Antisemitismus ist, der zum "antizionistischen Volkskrieg" oder "zum Kampf gegen das "Zionist Overtaken Goverment" aufruft, steht etwas anderes auf der Tagesordnung:

Nämlich die offensive Verteidigung des Existenzrechtes des Staates Israel.

Es ist zu befürchten, dass der Krieg letztendlich unabhängig von seinem Ausgang zu Lasten Israels gehen wird. Israel bleibt jedoch nach Lage der Dinge der einzig vernünftig zu rechtfertigende Staat, den es zu Unterstützen gilt. Krieg ist gerechtfertigt, wenn er hilft seine Existenz zu sichern. Die einzige Alternative zu Israel ist und bleibt die kommunistische Weltrevolution.


Paul Mentz, New York. Sieg im Volkskrieg? (Vortrag, November 2001)
http://www.rote-ruhr-uni.org/texte/mentz_sieg_im_volkskrieg.shtml