Paul Mentz
Israel und die deutsche Linke
(Vortrag, Bochum, 11.6.2002)
Bereits 1976 stellte Jean Amery, verbittert über die Linke und ihre Haltung gegenüber Israel, resignierend fest: "Wenn er (der Antisemitismus) heute sich wieder aktualisiert, drei Jahrzehnte nach der Entdeckung des von den Nazis Veranstalteten, dann hat dies nicht nur mit der schweigend und unablässig die ethische Entrüstung erodierenden Zeit zu tun, sondern auch, ja wahrscheinlich in erster Linie mit den Verhältnissen im Nahen Osten. Bestürzend ist hierbei, daß die Jugend, und namentlich eine sozialistische im weitesten Begriffsumfang verstehende, vor unseren ungläubigen Blicken das Uralte und längst abgelegte Geglaubte hervorholt."1
Ein naiver Betrachter der aktuellen innerlinken Nahostdebatte könnte wahrlich dem Aberglauben verfallen, daß Amerys Bemerkung nicht mehr zutrifft und die heutige Linke in großen Teilen dem Antisemitismus und damit auch dem Antizionismus abgeschworen hat, zumindest bis auf die wenigen Antiimperialisten, die an ihrem antisemitischen Weltbild festhalten. Schließlich sind mit den meisten besetzten Häusern auch die antisemitischen Parolen mit dem Aufruf zum Boykott israelischer Waren von den Wänden verschwunden. Bei genauerer Betrachtung sieht es aber vielmehr danach aus, daß viele Linke nur ihr Metier gewechselt haben. Die ehemaligen antizionistischen Kämpfer sind zu allerorts gern gesehenen ehrlichen Maklern mutiert, denen der nationalsozialistisch anmutende Ruf "Intifada bis zum Sieg" (1. Maidemo Berlin, Aufruf zum Palästina Soli-Block) noch lange kein Grund ist, mit ihren antiimperialistischen Genossen auf allen Ebenen endgültig zu brechen. Spätestens beim Antigrenzcamp kämpft man ja wieder gemeinsam. Die neue Rolle als ehrlicher Makler bietet aber auch einige neue Möglichkeiten, z. B. öffentlich und linksradikal seine kritische Meinung zu Israel zu verkünden, ohne des Antisemitismus verdächtigt zu werden. Dafür ist der scheinbare Bruch mit der antiimperialistischen Linken, als notwendiges Übel, zu vollziehen. Es stellt sich letztlich aber doch die Frage, ob Fischers Fritze und Mahlers Erben sich wirklich so unversöhnlich gegenüber stehen, wie es nach außen scheint.
Die antiimperialistische Linke und Israel
"In Palästina ist die Hölle los..." verkündet Dr. Victoria Waltz in einem Gastkommentar der Zeitschrift "SoZ". Gemeint sind damit aber nicht die menschlichen Bomben von Jerusalem und Tel-Aviv, sondern daß israelische Soldaten "inzwischen ein halbe Million Olivenbäume mit den Wurzeln ausgerissen haben."2 Auch der "Kein Mensch ist Illegal"-Freund und ehemalige migrationspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in NRW Jamal Karsli stimmt in diesen Chor mit ein: "Ohne Rücksicht auf die Langzeitfolgen werden ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht, Hunderttausende Bäume entwurzelt und Trinkwasser vergiftet."3 Als wenn es die Antisemiten aller Couleur nicht schon lange geahnt hätten, die Feinde des verwurzelten Lebens, die jüdischen Brunnenvergifter sind wieder am Werk. Doch nicht nur die Bäume haben es den antiimperialistischen Linken angetan, denn auch das eingeborene palästinensische Volk droht entwurzelt zu werden.4 "Wenn man seit 1948 zusammenzählt, wie viele Palästinenser vom israelischen Staat vertrieben, enteignet oder vor kriegerischen Auseinandersetzungen geflohen sind, so ist das Ergebnis ca. 5 Mio. Flüchtling..."5 Zu diesem gewagten Ergebnis kommt die Zeitschrift Pro-K aus München nach einer eingehenden "Analyse". Seltsam, daß sich die palästinensischen Flüchtlinge noch Jahre nach ihrer Flucht zahlenmäßig vermehren, wie sonst nur die Schlesier, Sudetendeutschen und Ostpreußen es fertig bringen. Schon die antiamerikanischen Friedensdemos gegen den Antiterrorkrieg waren den linken Kameraden eine willkommene Gelegenheit, für den Ernstfall zu Proben. In Düsseldorf wurden z. B. Kritiker des Antisemitismus von der Demonstration ausgeschlossen, mit der Begründung die mitgebrachte Israel-Fahne stelle eine Parteiergreifung im Krieg dar. Steckt also doch eine globale jüdische Verschwörung hinter all den Kriegen auf dieser Welt? Das scheint zumindest die Meinung der Demonstranten zu sein, wie sonst könnte die Israel-Fahne eine Parteiergreifung darstellen, denn schließlich ist Israel nie Teil der Antiterrorkoalition gewesen. Am "Tag des Bodens" bot sich vielen Linken schließlich endgültig die Möglichkeit, ihrem antisemitischen Ressentiment freien Lauf zu lassen. Beim "Tag des Bodens" handelt es sich nicht etwa um einen Aktionstag der deutschen Heimatvertriebenen, wie es der Name vermuten lassen würde, sondern um einen Tag, "an dem die Palästinenser ihr Festhalten an ihrem Land wiederbestätigen..." (Flugblatt der "Antiimperialistischen Koordination). Begleitet vom Brüllen der antisemitischen Mörderbanden Hamas, Al-Aqsa Märtyrerbrigaden, Hisbollah und wie sie alle heißen, trugen auch die Linken am "Tag des Bodens" ihren Protest gegen den "Unrechtsstaat Israel" auf die Straße. In München schlug, begleitet von "Tod den Juden" Rufen, dieser multikulturelle Mob, bestehend aus Linken, Moslems, Palästinensern, Nazis etc., am Platz der Opfer des Nationalsozialismus auf einige junge Menschen mit Israel- Fahnen ein. Gegen die Juden gilt es schließlich alle Kräfte zu sammeln, selbst klerikalfaschistische Kommunistenhasser gelten dabei als legitime Bündnispartner, wenn "die besetzten Gebiete eher an die Homelands des rassistischen Südafrika und die Politik des Staates Israel an die des Apartheidregimes (erinnern)." (Pro-K) In der jungen Welt vom 30.April 2002 bestätigt der "Israel-Kritiker des Tages", Erzbischof Desmond Tutu, diese Einschätzung, weist aber auch auf die große Gefahr, die von der "starken jüdischen Lobby in den USA" ausgeht, hin. Diese sei, so Tutu, dafür verantwortlich, "daß diejenigen dem Verdacht des Antisemitismus ausgesetzt seien, die es wagen, das 'Falsche als falsch' zu bezeichnen."6 Wer jetzt glaubt, es bliebe afrikanischen Friedensnobelpreisträgern überlassen, in der Nahost-Debatte der deutschen Linken derartige antisemitische Verschwörungstheorien zu kolportieren, der kennt den Herausgeber der "Marxistischen Blätter" Hermann Kopp noch nicht. Auf dem Podium einer Diskussionsveranstaltung der antifaschistischen Düsseldorfer Stadtzeitung "terz", machte jener Herr Kopp "die ganze Bagage des jüdisch-amerikanischen Israel-Establishments"7 für das Schweigen der bürgerlichen Medien zum Leiden des palästinensischen Volks, verantwortlich. Dem konnte auch seine Freundin im Geiste Victoria Waltz nur rhetorisch fragend beipflichten: "Sind Regierung und Medien derart verstrickt und selbst imperial gepolt, daß es auch ihnen im Nahen & Mittleren Osten nur um die Sicherung des Schmier-Öls für die europäische/amerikanische Wohllebens-, Industrie- und Rüstungsmaschinerie geht – koste es was es wolle?"8 Mindestbedingung dieser Argumentation zu folgen, ist, taub und blind zu sein, oder aber wohl von einem tiefsitzenden antisemitischen Ressentiment geleitet zu werden. Gerade die Palästinenser sind momentan die Stargäste einer jeden Talkshow und wer nicht ständig die gleiche Propaganda gegen Sharon und das israelische "Terrorregime" ertragen möchte, müsste wohl auf das Fernsehen und Zeitungslesen gänzlich verzichten. Eine eifrige Kämpferin für das Recht der Palästinenser, selbstbestimmt im Elend zu leben, stört dies freilich nicht. Denn ihrer Ansicht nach beherrschen die Juden inzwischen auch die USA, wobei man sich fragt, ob sie das selber recherchiert hat, oder aber einfach beim Palästinenserfreund Adolf Hitler abgeschrieben hat. Die USA sind ihr auf jeden Fall nur noch ein Vasallenstaat Israels: "Clintons Wahlkampf durch die Israelische Arbeiterpartei mit-finanziert, Bush´s Wahlkampf durch den Likud Block – fast die Hälfte der amerikanischen Regierungsmitglieder sind Doppelstaatler, Israelis und Amerikaner..."9 Horst Mahler hätte das kaum besser formulieren können, denn was Frau Waltz hier zu beweisen versucht, ist nichts anderes als die Vorstellung eines "zionist overtaken government", daß den Nazis zufolge die USA regiert. Jener sich auf die "Protokolle der Weisen von Zion" berufenden Weltverschwörungsthese, nach der die Juden schon lange die Herrschaft über die Medien und Regierungen dieser Welt erlangt haben, um die Menschheit zu versklaven. Um den Kampf der eigenen Großeltern gegen diese "jüdische Weltverschwörung" fortsetzen zu können, gilt es diesen "antifaschistisch" umzudeuten. Damit dies gelingen kann, sind die linken Enkel der Nazis gezwungen, eine neue Form der antisemitischen Propaganda in Spiel zu bringen, die nicht nur den Vorteil besitzt, gerade nach Auschwitz die deutschen Massen gegen Israel und die Juden zu mobilisieren, sondern auch das eigene Volk von der Schuld des Nationalsozialismus befreien zu können. Aus dem "Apartheidsstaat Israel" werden die "jüdischen Nazis". "Israelische Armee wendet Nazi-Methoden" an, heißt es dazu bei Jamal Karsli. Dieser ist der Meinung, daß er in Israel endlich ein KZ entdeckt habe: "Journalisten berichten von der Konzentration Tausender gefangener Palästinenser in großen Lagern, wo diesen Nummern in die Hand tätowiert werden."10 Es liegt der Verdacht nahe, daß es sich bei den Journalisten unter anderem um Dr. Viktoria Waltz handeln könnte, schließlich hatte sie schon mehr als zwei Wochen vor Karsli ähnliches geschmiert, allerdings auch ohne einen Verweis auf ihre Quellen: "... allein in den Lagern bei Bethlehem, Deheisheh und Alda an einem Tag rund 800 Männer gezwungen worden, sich vor den Soldaten zu versammeln, Oberkörper freimachen mussten, den Kopf verbunden bekamen, darauf später Nummern gestempelt, die danach in die Hand 'tätowiert' wurden und sie dann in unbekannte Gegenden mit Lastwagen abtransportiert und in fernen Lagern konzentriert wurden."11 Bis heute blieben diese Vorwürfe unbestätigt und selbst Gruppen wie "human rights watch", nicht bekannt für ihre israelfreundliche Position, erklärten, daß es definitiv kein Massaker an Palästinensern während der "Operation Schutzwall" gegeben habe. Dies hat den Antiimperialisten in seiner Argumentation aber nicht zu stören, dann schließlich streben einflussreiche Gruppen in Israel "ein Erez-Israel (=Großisrael) in den von der Bibel historisch belegten Siedlungsgebieten der Juden an." (Pro-K) Dieses herbeihalluzinierte "Großisrael" macht aus den Palästinensern die "Opfer der Opfer" und die Juden werden zu den Nazis des 21. Jahrhunderts, so oder ähnlich lautet die Argumentation der linken Völkerfreunde. Um dies zu beweisen, greift man gerne auf jede noch so absurde Behauptung zurück. Denn gerade die Tatsache, daß die eigenen Thesen sich nicht beweisen lassen und sich nur auf Gerüchte begründen, hat schon immer den Antisemiten als Beweis für deren Richtigkeit gedient. Die israelischen Soldaten würden Palästinenser in den Flüchtlingslagern zusammenpferchen, "um von dort aus den Fenstern – gedeckt durch Möbel, durch Leichen und durch lebendige Jugendliche – gezielt Menschen abzuschießen,"12 behauptet Frau Waltz in der "SoZ". Womit sie der beliebten These von den "jüdischen Kindermördern" huldigt. Nach Frau Waltz haben es die Israelis nicht nur auf die Kinder abgesehen, sie wollen vielmehr alle Palästinenser vernichten und haben zu diesem Zweck auch schon "Todesschwadronen" im Einsatz. Spezialtruppen würden "sich mit UN- und palästinensischen Ambulanzen 'bewaffnen', um unerkannt in die Flüchtlingslager zu gelangen und dort wahllos zu töten – auch Ärzte, Helfer Verletzte."13 Wer sich erst mal mit dieser Propaganda ideologisch gerüstet hat, dem fällt es nicht schwer, das Ermorden von Juden als Notwehr zu deklarieren. "Warum hören wir nie etwas über die Beweggründe der Selbstmordattentäter? Weil sie immer gleich erschossen werden, damit sie gar nicht sprechen können, aus welchem Lager und welchem Teil Palästinas sie ursprünglich kommen, was ihren Vätern, Müttern, Geschwistern und Freunden, so lange sie zurückdenken können geschah..."14 (Dr. Victoria Waltz). Nicht nur wird außer acht gelassen, daß palästinensische Selbstmordattentäter diesen Namen tragen, weil sie nicht vor haben zu überleben, auch ihre Motive brauchen sie nicht zu erklären, sie sprechen für sich. Es geht ihnen darum, Juden zu töten. Das Phantasieren von jüdischen Verbrechen gehörte schon immer zum Repertoire des Antisemiten und mit ihnen auch das Rechtfertigen des Mords an den Juden als Notwehr. Adorno/Horkheimer schrieben dazu in den "Elementen des Antisemitismus": "Die völkischen Phantasien jüdischer Verbrechen, der Kindermorde und sadistischen Exzesse, der Volksvergiftung und internationalen Verschwörung definieren genau den antisemitischen Wunschtraum und bleiben hinter seiner Verwirklichung zurück."15 Jener Plan zur Verwirklichung des antisemitischen Wunschtraums nennt sich heute unter links-deutschen Antiimperialisten "revolutionäre Lösungsansätze jenseits des bürgerlichen Denkens." (Pro-K) Das Ziel dieses Lösungsansatzes "kann nur heißen, die israelische und palästinensische Kapitalistenklasse zu stürzen, zu enteignen, den europäischen und US-Imperialismus aus dem Nahen Osten hinauszuwerfen und eine sozialistische Föderation der Staaten im Nahen Osten zu errichten, in der die Völker selbstbestimmt... nebeneinander leben können." (Pro-K) Was die "Völker" im Nahen Osten von den Juden halten und was sie mit ihnen zu tun gedenken, kann man jeder arabischen Tageszeitung oder jedem arabischen Volksaufmarsch entnehmen. Das der antisemitische Vernichtungswahn der muslimischen Massen dem Autor der Pro-K nicht entgangen ist und es sich daher bei dem Ziel des "revolutionären Lösungsplans" nicht um einen Ausrutscher des Autors handelt, kann man seiner Definition der antisemitischen Mörderbande "Tanzim-Milizen" entnehmen. Denn wenn es sich bei deren Zielen um demokratische und antirassistische handelt, eine Meinung die der Autor vertritt, dann ist der Antisemitismus und der ihm immanente Vernichtungswahn tatsächlich ein antifaschistisches Anliegen.16
Die neueste deutsche Friedenssehnsucht im Nahen Osten
Nicht wenige Linke werden meinen bisherigen Ausführungen zustimmen, denn mit den Antiimperialisten und ihrem offenen Antisemitismus hat man auch seine Probleme. Leider haben Teile der antifaschistischen und antirassistischen Linken immer noch nicht mit dem Antiimperialismus und dem damit einhergehenden antisemitischen Ressentiment gebrochen. Israel gilt ihnen immer noch als "Brückenkopf des Imperialismus". "Wohl kaum bestritten werden kann, dass die USA mit Israel einen Brückenkopf zur Kontrolle des Nahen Ostens eingerichtet haben... Das hat den Israelis so manchen Krieg eingetragen."17 Noch perfider wird diese Argumentation in einem Artikel von Paul Merker aus der Beilage der "bsz". Nicht nur galt ihm die PLO als "sozialistischer Hoffnungsschimmer", auch "Israel und insbesondere sein Geheimdienst Mossad erledigte zum Teil Geschäfte mit den Militärdiktaturen dieser Welt, die selbst dem CIA zu heikel waren."18 Den Vorwurf, Israel in antisemitischer Manier zum "kleinen Satan" erklärt zu haben, der noch viel Skrupelloser als die USA agiert, würde Merker wohl mit einem Verweis auf folgendes Zitat empört von sich weisen: "Aus der deutschen Geschichte eine uneingeschränkte Bejahung des Existenzrechts Israel zu begründen, sollte für Linke in unserer Gesellschaft genauso selbstverständlich sein, wie eine Wachsamkeit gegenüber dem nach wie vor ausgeprägt vorhandenen Antisemitismus."19 Hat man erst mal das "Existenzrechts-Ticket" gezogen, kann man als kritischer Linker völlig unverhohlen Israel zum "Schurkenstaat" schlechthin erklären, so daß man zumindest von Josef Fischer gelernt zu haben scheint. Auch in anderen Argumentationen ist man dem "Antifaschismus" eines Fischers durchaus nahestehend. Vielen Bochumern wird das Transparent am Bahnhof Langendreer inzwischen vertraut sein. "Der Siedlungspolitik, den Attentaten, dem Krieg ein Ende setzen. Zwischen Israel und Palästina einen gerechten Frieden politisch erzwingen." Wer erfahren möchte, wie das aussieht, wenn ex-linke Deutsche einen gerechten Frieden erzwingen, der braucht nur nach Belgrad reisen. Es ist kein Zufall, daß hier von Siedlungspolitik gesprochen wird, denn diese an den Anfang gesetzte Politik bedingt in den Augen der Autoren des Transparents die Attentate und den Krieg. Im letzten Satz wird der unverhohlenen Drohung "einen gerechten Frieden politisch (zu) erzwingen" schließlich noch eins drauf gesetzt. "Zwei Staaten in einem Land international garantieren." Da der eine, Israel, schon existiert, muß die Internationale Gemeinschaft den anderen schaffen, um ihn garantieren zu können. Wie dies durchgeführt werden soll, läßt man bewusst offen, sonst wäre die Kriegserklärung an Israel wohl auch Teilen des eigenen Klientels zu offensichtlich. Es fällt der undogmatischen Linken momentan sehr schwer, die selbstauferlegte Ausgewogenheit beizubehalten, angesichts der jüdischen Cowboys, die man in Israel ausgemacht zu haben glaubt. Worin eine ausgiebige Karl May Lektüre gipfeln kann, führt uns Henrici in der "terz" vor: "Wer freiwillig... sich Israel als Heimstätte aussuchte, musste ein ziemlich hartgesottener Typ sein."20 Den Versuch, sich mit Israel solidarisch zu erklären und sich dabei von den jüdischen Cowboys abzugrenzen unternimmt das autonome Infoblatt "Zeitzünder" aus Wuppertal. "Solidarität mit Israel, nicht mit Sharon! Solidarität mit der palästinensischen Zivilbevölkerung!" Hat man erst mal Sharon zum legitimen Ziel palästinensischer Attentäter erklärt, dann bittet man diese auch noch, ihre mörderische Intifada auf Israel und seine Armee zu beschränken, denn jüdische Soldaten, die gegen den antisemitischen Terror kämpfen und Wähler Sharons dürfen getötet werden, nur in Europa hätte man gerne seine Ruhe. "Es ist unverholener Antisemitismus, wenn nicht zwischen der israelischen Armee und einer jüdischen Gemeinde in Deutschland (oder anderswo) differenziert werden kann..."(Zeitzünder) Man hat Verständnis für das mörderische Treiben der Palästinenser solange es nicht vor der eigenen Haustür stattfindet. Die undogmatische Linke kann nicht für Israel Partei ergreifen, denn auch ihr gilt Israel als faschistischer Staat in der Tradition des Nationalsozialismus. Nachdem das "Bündnis Solidarität mit Palästina" in einem Flugblatt erklärt hatte - "Verletzte verbluten. Krankenhäuser werden gestürmt. Dutzende Gefangene sollen sogar auf offener Straße hingerichtet worden sein." – sah sich Henrici mit seinem kritisch gemeinten Artikel in der "terz" genötigt, dem seine Zustimmung zu erteilen: "Ein schauerliches Bild zeichnen die Verfasser des Flugblattes. Und es bestehen keine Zweifel, daß die Beschreibung korrekt ist."21 Damit wäre wohl Avi Primors Frage, warum überhaupt der Verdacht entstehe, "daß die Israelis sich so verhalten, wie sie sich verhalten, weil sie Juden sind?" (FAZ ) von Henrici mit Ja beantwortet. Denn kein Linker wäre jemals auf die Idee gekommen, der Propaganda der UCK ohne den kleinsten Beweis zu folgen und selbst vermeintliche Beweise für serbische Verbrechen wurden immer wieder in Zweifel gezogen. Wer aber wie Henrici bedenkenlos jeder Gruselgeschichte über die israelischen Verbrechen Glauben schenkt, der hat sich selbst des Antisemitismus überführt. In der Zeitschrift "Lotta", die den Titel "antifaschistisch" nicht verdient, darf ein "Jassir Szuldnfraj" die These aufstellen, "... in ihrer praktischen Umsetzung besteht zwischen israelischen Siedlungen und arischen Wehrbauernhöfen kein prinzipieller Unterschied"22. Damit gibt der Autor mit dem grausigen Synonym jede Distanz zu Gruppen wie der "Antiimperialistischen Koordination Wien" auf, deren Vertreter während einer Veranstaltung im Berliner "Mehringhof" Anschläge auf jüdische Siedlungen mit denen auf arische Wehrbauernhöfe gleichsetzte und das Publikum aufforderte, alles dafür zu tun, daß die "Entzionisierung Palästinas" möglichst schnell erfolgt. Selbst Blut-und-Boden-Argumentationen sind den antinationalen Linken nicht fremd.
Auf die an sich selbst gerichtete Frage, was die Israelis wollen, antwortet Henrici: "Einen Palästinenserstaat soll es nicht geben, und schon gar nicht eine Rückkehr der Flüchtlinge in die heimatlichen Gefilde ihrer Väter auf dem Gebiet des heutigen Israel."23 Statt der "heimatlichen Gefilde", der Wüste, sind die Palästinenser gezwungen in Deutschland, den USA, Großbritannien und Frankreich völkische Aufmärsche gegen den "Nazistaat" Israel zu organisieren. Bei der Vorstellung, daß man nie wieder seine Wurzeln in heimischen Boden schlagen kann, wird auch der antirassistischen Linken schnell klar, daß Heimat vor Bleiberecht geht. "Samir Khalil muß bleiben!... Samir Khalil ist ein politischer Mensch, der sich immer aktiv für die Rechte seines Volkes eingesetzt hat. Er musste ein Leben als Staatenloser in der Bundesrepublik fristen, zerrieben zwischen der israelischen Besatzung seiner Heimat und der unwürdigen Behandlung in diesem Land."24 (Protestfax einiger Antirassisten) Nicht nur, daß die Israelis Samir Khalil mit der Besatzung seiner Heimat auch in Deutschland mit zerreiben, er muß auch noch ein Leben in der Bundesrepublik fristen. Das Schicksal dieses Heimatvertriebenen rührte die Autoren des Protestfax so sehr, daß sie für dieses Mal auf die Forderung nach "Grenzen auf für alle" verzichten und alle Hebel in Bewegung setzen, daß Khalil wieder in seine Heimat zurückkehren kann. "Die palästinensische Autonomiebehörde hat kein Recht, Palästinenser aus dem Ausland wieder aufzunehmen. Das Rückkehrrecht der Palästinenser sollte ursprünglich im Verlauf der Oslo-Verhandlungen geklärt werden. Israel verweigert sich dagegen bis heute. Darüberhinaus ist die derzeitige israelische Politik die der Verbtreibung, wie wir es im aktuellen politischen Geschehen täglich erfahren."25 Da wird sich Khalil freuen, wenn es einen palästinensischen Staat gibt, dann darf er abgeschoben werden, zumindest wenn es nach seinen antirassistischen Freunden geht. Wenn Juden sich allerdings gegen die Aufmärsche der antisemitischen Vertriebenenverbände organisieren, wird das nicht selten, im Namen der Ausgewogenheit, so kommentiert wie im "Zeitzünder": Es gibt auch "in den jüdischen Gemeinden in Europa, die jetzt zu recht massenhaft gegen die Zerstörung ihrer Synagogen und für Israel auf die Straße gehen, Minderheiten die Menschenjagd auf 'arabisch aussehende' Menschen nach Demonstrationen veranstalten." Ob damit jene jüdischen Jugendlichen gemeint sind, die sich bewaffnet haben, um einen möglichen Angriff auf das ehemalige jüdische Ghetto in Rom, in dem immer noch viele Juden leben, zu verhindern, lassen die Autoren dieser Zeilen offen. Grund genug gab es für diese Vorkehrungen, denn die von Linken, Muslimen und Palästinensern organisierten Fackelzüge um das frühere Ghetto ließen das schlimmste befürchten. Doch wo Übergriffe von Antisemiten aller Couleur immer mehr zunehmen, muß der kritische Deutsche auch jüdische Täter präsentieren, sonst gerät das Weltbild ins Wanken. Damit dies nicht geschieht, greift die kritische Linke immer wieder auf jüdische Kronzeugen zurück, die ihr versichern, ihre Position sei die einzig Richtige. Jean Amery schrieb zu diesem Problem "... selbstverständlich gibt es allerorten ein paar Selbsthaß-Juden vom Dienst, die bereit sind, diese auch für sie gültige Solidarität (mit Israel) zu verleugnen um irgendeines ideologischen Phantasmas willen oder aus Gründen einer illusionären und zugleich suizidären 'Objektivität'."26 Avnery, Zuckermann und Langer sind den Antisemiten solange willkommen, wie sie deren Positionen unterschreiben, doch jeder jüdische Kronzeuge wird zum Verräter sobald er es wagt, seine Position zu revidieren und sich gegen die Meinung seiner ehemaligen Freunde stellt. So schrieb Michael Stötzel in der "Jungle World" Beilage "Subtropen" vom Mai 2002: "So sympathisch die KriegsdienstgegnerInnen sind, insgesamt scheint die Kritik am Krieg eher noch leiser zu werden und prominente bisherige Oppositionelle (wie zum Beispiel laut Newsweek, Benny Morris) wechseln das Lager."27 Juden gehören also nur zum eigenen Lager, solange sie den Antizionisten Material gegen Israel liefern. Sobald sie ihre Meinung ändern, muß sich nicht mehr mit den Gründen für ihre neue Positionierung auseinander gesetzt werden, denn sie haben schließlich ins feindliche Lager gewechselt. Wie gut, daß es im Kampf gegen das feindliche Lager Israel noch einen Uri Avnery gibt. Daß gerade dieser Avnery sich größter Beliebtheit bei menschenrechtelnden deutschen Antizionisten genießt, dürfte kein Zufall sein, hatte dieser doch 1998 die "Palestinian Human Rights Monitoring Group" als "eine neue Art von Kollaborateuren" bezeichnet. Die PHRMG hat sich u. a. gegen die Lynchmorde und die Folter an proisraelischen Palästinensern gewandt. Diese Aussage dürfte seinen friedensbewegten Freunden von der "jungen Welt" bis zum "iz3w" aus dem Herzen gesprochen haben.
Man sollte meinen, daß die Linke inzwischen endlich bereit wäre, Adornos kategorischem Imperativ zu folgen: "ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe."28 Doch wer wie die Linke nicht begreifen kann, daß die Geschichte sich nicht identisch wiederholt, dem nützt auch der vermeintliche Bruch mit den Großeltern nichts. Hans Meyer stellte dazu fest: "Die Antithese der einstigen Judenfrage wurde ins Weltpolitische erweitert. Aus dem bisherigen isolierten jüdischen Außenseiter inmitten einer nichtjüdischen Bevölkerung wurde ein jüdischer Außenseiterstaat inmitten einer nichtjüdischen Staatengemeinschaft."29 Doch gerade dieser kleine Außenseiterstaat zieht, immer wenn er um seine Existenz kämpft, geradezu magisch die Kritik der sich links nennenden Volksgenossen an, wie es kein anderer Staat weltweit vermag. Häufig wird diese Kritik von der Floskel "natürlich erkenne ich das Existenzrecht Israels an" begleitet. So als ob jene Floskel jeden Angriff auf Israel vom Makel des Antisemitismus reinwaschen könnte. Jede Kritik an diesen verbalen Ausfällen wird abgewehrt. Man müsse doch noch Kritik üben dürfen, schließlich ist doch Israel ein Staat wie jeder andere auch und wer vor dem individuellen Leid der Palästinenser die Augen verschließt ist schlussendlich menschenverachtend. Diese kritischen Freunde Israels mögen vieles sein, Ideologiekritiker sind sie jedenfalls nicht. Ansonsten sähen sie sich wohl kaum gezwungen bei jeder unpassenden Gelegenheit an die 1600 toten Palästinenser der Al-Aqsa Intifada, für viele Staaten ein Wochenwerk, zu erinnern. Wie alle Ideologen sind sie vom Wahn befallen, dass, schafften sie es nur, das Nicht-Identische zu beseitigen, der Weltgeist zu guter Letzt ihnen den erträumten Sozialismus doch noch schenken wird. In einer nationalstaatlich organisierten Welt stellt der aus der Not geborene Außenseiterstaat Israel eben jenes Nicht-Identische dar, das der Zwang zur Identität unterm Kapital als sein Anderes beständig beseitigen möchte. "Die Judenfrage, die schon immer einen Hang zum Universellen hatte, wurde durch die Gründung des Staates Israel qualitativ auf eine Weise verändert, daß der Kollektivjude anstelle des Individualjuden getreten ist – und zwar als eine organisierte Masse,"30 stellte Henryk M. Broder dazu fest. Die historische Besonderheit Israels wird von seinen Kritikern zwar anerkannt, trotzdem wird im gleichen Atemzug behauptet, Israel wäre von anderen Nationalstaaten und ihren negativen Auswirkungen nicht zu unterscheiden. In den "Kollektivjuden" Israel werden schließlich alle negativen Aspekte eines staatlichen Gewaltmonopols hinein projiziert und ins unendliche multipliziert, daß sich die linken Kritiker schon selbst einer Vernichtungsdrohung ausgesetzt sehen. Eben jenes Vernichtungspotenzial und jene Omnipotenz, die der Kritiker in seinen Allmachtsphantasien gerne selber hätte, um sie gegen den ihn vermeintlich bedrohenden Feind in Anschlag zu bringen. Dabei hat "der ehrbare Antisemit ein beneidenswert reines Gewissen, ein meeresstilles Gemüt." 31 Wie könnte es auch anders sein, schließlich befindet sich sein Gefühl im Einklang mit den vermeintlichen Fakten und Erlebnisberichten über den "brutalen Vernichtungskrieg" Sharons. Erst dieses widerspruchsfreie System von Gefühl und Fakten gibt dem antizionistischen Ideologen die Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen. Adornos Feststellung das man im Hause des Henkers nicht vom Strick reden soll, "sonst hat man Ressentiment"32, interessiert ihn nicht, schließlich sitzt der Henker in Tel-Aviv und der Antizionist im Bahnhof Langendreer oder einem beliebigen anderen linken Zentrum. Gegen den pathologischen Zustand, in dem sich die Linke befindet, kommen nicht einmal Jean Amerys verzweifelt mahnende Worte an, denn diese konnten sich von 1976 bis heute scheinbar kein Gehör verschaffen. "Es kann nicht, darf nicht sein, daß die Nachfahren der Heine und Börne, der Marx und Rosa Luxemburg, Erich Mühsam, Gustav Landauer es sind, die den ehrbaren Antisemitismus verbreiten; denn in den Antisemitismus mündet notwendigerweise der rabiate Anti-Zionismus ein, der für jeden Juden, wo immer er wohne, welch politischer Meinung er anhänge, eine tödliche Drohung ist."33
Fußnoten
1 Jean Amery: Der ehrbare Antisemitismus – Rede zur Woche der Brüderlichkeit. in ders: Weiterleben – aber wie? Essays 1968-1978. Stuttgart 1982, S.151f
2 Sozialistische Zeitung, April 2002
3 Pressemitteilung
4 dazu Mumia Abu Jamal in der Jungen Welt vom 4./5. Mai 2002: "Die Palästinenser sind ein schönes, tapferes, angriffslustiges und zugleich umzingeltes Volk... Das ist der wahre Grund, warum die gutbezahlten Hofschranzen der weltweiten Medienkonzernen, ihre Herren auf dem Capitol Hill und die monetären Interessen, von denen sie alle geleitet werden, verhindern, daß auch nur ein Finger gekrümmt wird, um einem Volk zu helfen, das in die sandige Erde seiner palästinensischen Heimat gestampft wird."
5 Vorabveröffentlichung der Zeitschrift "Pro K" aus München, Frühjahr 2002.
6 junge Welt, 30. April/1. Mai 2002
7 zitiert nach: Karl Selent: Maristen-Intifadisten. in: Bahamas Nr.36. S.5
8 Sozialistische Zeitung, April 2002
9 Sozialistische Zeitung, April 2002
10 Pressemitteilung
11 Pressemitteilung
12 Sozialistische Zeitung, April 2002
13 Sozialistische Zeitung, April 2002
14 Sozialistische Zeitung, April 2002
15 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, Ffm 1989, S.195
16 Auch an der Wuppertal Universität wollte die PDS Hochschulgruppe mit einem Antrag ihren Beitrag zur "revolutionären Lösung" des Nahostkonflikts leisten: "... sämtliche Partnerschaften der BUGHW mit zivilen, militärischen oder akademischen Einrichtungen Israels aufzukündigen, des weiteren hat der Rat der Stadt Wuppertal sämtliche Partnerschaften mit Israel sofort aufzukündigen. Selbstredend hat der AstA das Rektorat und den Stadtrat unverzüglich dazu aufzufordern."
17 Düsseldorfer antifaschistische Stadtzeitung "terz" 05.2002
18 besondere:zeiten. sporadisch erscheinende Beilage zur Bochumer Stadt- & Studierenden Zeitung. 8. Mai 2002
19 besondere:zeiten. sporadisch erscheinende Beilage zur Bochumer Stadt- & Studierenden Zeitung. 8. Mai 2002
20 "terz" 05.2002
21 "terz" 05.2002
22 antifaschistische Zeitung "Lotta" Nr.8, Frühjahr 2002
23 "terz" 05.2002
24 www.nadir.org/nadir/aktuell/2002/05/15/10117.html
25 www.nadir.org/nadir/aktuell/2002/05/15/10117.html
26 Jean Amery: Der ehrbare Antisemitismus – Rede zur Woche der Brüderlichkeit. in ders: Weiterleben – aber wie? Essays 1968-1978. Stuttgart 1982, S.154
27 jungle World Beilage "Subtropen" #13/05
28 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Ffm 1997, S.358
29 zitiert nach: Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit – Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. Ffm 1986, S. 222
30 Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit – Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. Ffm 1986, S.222
31 Jean Amery: Der ehrbare Antisemitismus – Rede zur Woche der Brüderlichkeit. in ders: Weiterleben – aber wie? Essays 1968-1978. Stuttgart 1982, S.164
32 Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. in: Gesammelte Schriften, Bd.10.2, Ffm 1977, S. 555
33 Jean Amery: Der ehrbare Antisemitismus – Rede zur Woche der Brüderlichkeit. in ders: Weiterleben – aber wie? Essays 1968-1978. Stuttgart 1982, S.166