Fabian Kettner

Volksgemeinschaft und Antisemitismus

Ein Vortrag in zwei Teilen

Teil 1: Bürgerliche Gesellschaft und Antisemitismus

Allgemein bekannt ist die militante Opposition der nationalsozialistischen Bewegung gegen die sozialistische Arbeiterbewegung. Weniger bekannt und oft verharmlost ist ihre Opposition gegen den klassischen bürgerlichen Liberalismus; eine Haltung, die oft als Nebelkerze gilt, als agitatorischer Trick, um in die Arbeiterbewegung einsickern zu können. (Was ihnen tatsächlich wenig gelungen ist.)

Der Liberalismus, sein historisch-gesellschaftliches Subjekt, das Bürgertum, wird als geschichtsmächtige und -verändernde Bewegung erkannt. Die Geschichte seiner Entfaltung und Machterlangung ist die Geschichte eines Verfalls, eine von Niedergang und Zerstörung alter Ordnungen. Die "Ideen von 1789" (Darré 1934, 202), denen der ganze Hass gilt, setzten v.a. das Individuum frei und stellten es in den Vordergrund. Dieser Ego-Zentrizität der bürgerlichen Welt gemäß wurde die Gesellschaft verfasst, wo das Bürgertum die Macht an sich reißen konnte.

  1. Es installierte eine Ich-Sucht in der Wirtschaft, die das persönliche Streben nach Profit über alles stellte und moralisch, sogar unter Berufung auf das Wohl für die Allgemeinheit, zu rechtfertigen suchte (Adam Smith).
  2. Es setzte das verhasste und den Germanen fremde römische Recht ein, das alles verkäuflich macht und das Eigentum vom Gedanken des Gemeinwohls trennt.
  3. Staat und Volk gelten nur als 'Gesellschaft', nicht als 'echte' Gemeinschaft, d.h. lediglich als zufällige Anhäufung von Individuen.
  4. wird die Demokratie eingeführt, der Parlamentarismus installiert, in denen sich fortan die Schwachen und Verführer durchsetzen und das Volk ausnutzen und betrügen können.

Die Errichtung eines solchen Systems, welches in der "Judenrepublik", im "System von Weimar" seinen schmachvollen Höhepunkt fand, ist die eine historische Schuld des Bürgertums. Die andere besteht darin, durch eine verantwortungslose ökonomische Praxis eine Spaltung des Volkes zu betreiben, verarmte Massen, das Proletariat, hervorzubringen1 - und damit denen, die das Volk verderben und spalten wollen, eine fruchtbare Basis und über bürgerliche Freiheiten die entsprechenden Handlungsmöglichkeiten zu verschaffen.2

Der Sozialismus führt die Zersetzungstätigkeit des Liberalismus am Volkskörper fort. Er baut auf den selben Grundlagen wie sein Antipode, formuliert den Ich-Standpunkt des Bürgertums nur aus der Sicht der ökonomisch Benachteiligten.3 Durch geschickte Propaganda hält sie den deutschen Arbeiter in einem Zustand künstlicher Depression, raubt ihm das Selbstwertgefühl, wertvoller deutscher Arbeiter, Bestandteil des Volkes zu sein.4 Der Sozialismus zersetzt aber noch die Lebensgrundlagen der gesunden Volkswirtschaft, die das Bürgertum wenigstens nur missbraucht. Er will das Privateigentum abschaffen, den Lebensquell schöpferischer Tätigkeit und nicht nur hierüber, sondern auch ganz direkt den schaffenden Menschen in Gestalt des wagenden Unternehmers niederzwingen.5 Der Sozialismus verdirbt die Arbeit, und den Drang nach ihr, sowie den Fleiß.6 Der Materialismus des Sozialismus wird in alltagswörtlicher Bedeutung genommen: es geht ihm nur um das 'Materielle', das 'Oberflächliche', um die Befriedigung der Ich-Sucht, um Faulheit und strebt nicht nach 'höheren Werten'.

So zeichnet Gottfried Feder in seinem "Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft" um 1919 ein Bild wie man es von der Kulturkritik seit Oswald Spengler, über Georg Simmel, die dt. Ontologie - also vom klassischen Konservatismus her - bis zur Gegenwart kennt: von Jugendbewegungen, von Teilen des Marxismus und von allen Formen lebensreformerischer Bewegungen bis hin zum Ökologismus und zum Tier- und Naturschutz. Es herrscht das Zeitalter des "Mammonismus":

"Wir stehen in einer der schwersten Krisen, die unser armes Volk in seiner leidvollen Geschichte zu überstehen hat. Schwerkrank ist unser Volk, schwerkank ist die ganze Welt. Hilflos stammeln die Völker; ein heißes Sehnen, ein Schrei nach Erlösung geht durch die dunklen Massen. Mit Lachen und Tanz, mit Kino und Umzügen sucht sich das Volk wie besinnungslos über sein eigenes jammervolles Schicksal hinwegzutäuschen." (Feder 1919, 10)

Unter der "Herrschaft des Geldes" (Hitler 1936, 256) verkommt die Welt. "Mammonismus heißt die Krankheit unserer Zeit" (Feder 1919, 11). Er ist das wirkende Prinzip einer Geisteshaltung wie einer ökonomischen Praxis: "Mammonismus ist die unheimliche, unsichtbare, geheimnisvolle Herrschaft der großen internationalen Geldmächte. Mammonismus ist aber auch eine Geistesverfassung; es ist die Anbetung dieser Geldmächte" (ebd.). Als Geisteshaltung ist er das im Hintergrund wirkende Prinzip und bewirkt eine Diremtion von Sitte und Geschäft. Als ökonomische Praxis findet er seinen sinnfälligsten Ausdruck im "bewußte[n] Zusammenspiel der machtgierigen Großkapitalisten aller Völker" (ebd., 12), v.a. des Banken-, Zins- und Börsenkapitals. Seine Durchsetzung im Wirtschaftsleben bedeutete die Anonymisierung der ökonomischen Prozesse (vgl. Feder 1933, 52). Feder führt an dieser Stelle die ideengeschichtlich erfolgreiche Entgegensetzung von "raffendem" und "schaffendem Kapital" ein. Das "schaffende Kapital" ist verkörpert in der "schöpferischen", produktiven Arbeit (die wohlgemerkt auch Kopfarbeit miteinbefasst). Vom "schaffendem Kapital" lebt das "raffende Kapital". Es ist 'unnatürlich' und existiert rein parasitär, sowohl an der Arbeit der Einzelnen, wie an der ganzer Volkswirtschaften. Das nicht verwurzelte internationale Finanzkapital thront als transnationale Macht über den Völkern, und sein Erfinder ist der Jude, die "alljüdische Weltfinanz" (Feder 1938, 27):

"der raffende räuberische Geist von anders gearteten anderen Menschen, die nie die Luft des Schaffens gekannt haben, die ruhelos von Ort zu Ort zogen, die nirgends Wurzel fassen konnten, die nicht breit und erdverwachsen in langsamer Entwicklung zu immer höherer Kultur emporstiegen, sondern mit ihrem ruhelos beweglichen Geist und mit ihrem Geld von Land zu Land wechselten" (Feder 1933, 21).

Der Jude steht für das, was den "Mammonismus" ausmacht. Er setzte ihn als Prinzip in die Welt, ist der geheime Inszenator hinter den Kulissen der Weltgeschichte. Der "Mammonismus" ist das identische bewegende Prinzip von Liberalismus & Sozialismus, die auf je ihre Weise das Verderben des deutschen Volkes, den perversen Zersetzungsdrang der Juden befördern, sein verderbendes Denken  verbreiten und seine parasitäre Daseinsweise theoretisch und praktisch konstituieren, legitimieren und erhalten.

Damit sind wir beim gesellschaftlichen Grund des Antisemitismus angelangt. Im Antisemitismus artikuliert sich eine bestimmte Wahrnehmungsweise von gesellschaftlicher Konstitution und von gesellschaftlicher Krisenlatenz. (Soviel nur als Andeutung.)

Es ist aber notwendig, sich ganz genau anzuschauen, welche ideologischen Gehalte im Antisemitismus sich niederschlagen. An dieser genauen Analyse gehen traditionelle bürgerliche wie linke Theorien vorbei. Beide sehen Antisemitismus im Grunde nur als ein aufklärerisches Defizit, dem mit entsprechender pädagogisch-didaktischer Bearbeitung entgegenzutreten sei.

  • Bürgerliche Theorien thematisieren Antisemitismus nur unter dem Begriff der Erfahrungsverarbeitung von "dem Fremden", oder des "Anderen" in der Form des Vorurteils7 - ohne dass ihnen diese Kategorien, ihre Konstruktion oder ihr Realgehalt irgendwelche Probleme bereiteten. Vorurteile sind das Problem geistig verstockter Subjekte, denen mit den richtigen sozialpsychologischen und -technischen Kniffen zugesetzt werden muss.
  • Dem ergänzend zur Seite stehen marxistische Theorien, die 'Gesellschaft' in ihre Analyse miteinbeziehen. Dies aber derart, dass nur ein allgemeiner Zusammenhang von ökonomischer Krise und Emergenz von Antisemitismus, oder allgemeiner: Fremdenfeindlichkeit konstatiert wird.8
  • Wie diesen beiden ist auch Theoremen sog. undogmatischer oder autonomer Bewegungen der Antisemitismus nur eine "Spielart des Rassismus" (Materialien No.5, 12; Drei zu Eins, 36) und dieser im Grunde nur eine Sonderform von Hass überhaupt, der seinen Namen entsprechend seines Objektes erhält. (gegen Neger: Rassismus; gegen Frauen: Sexismus; gegen Tiere: Spezieismus; - gegen Juden: Antisemitismus.) (Das ganze fasst man dann in der "unity of oppression" zusammen, hat einen Setzkasten, aus dem man sich bedienen kann aber keinen Begriff von dem, was man entwickeln möchte.)

Gesellschaft wird beim Traditionsmarxismus wie bei seinem kleinen Stiefbruder derart einbezogen, dass die Kategorie des 'Interesses' als Analyseparameter eingesetzt wird. Der AS dient hier als Instrument, "um den Haß der Unterdrückten von den wahren Ursachen abzulenken" (Autonome Nahostgruppe Hamburg, zit.n. Haury 1992, 146), um den Block, den sie doch eigentlich bilden oder bilden könnten, zu spalten,9 um sie von ihren 'eigentlichen' Zielen abzulenken.10

Allen gemeinsam ist - wie gesagt -, dass sie auf die spezifische ideologische Formbestimmtheit des Antisemitismus nicht reflektieren und ihn mit allen anderen Arten der Abneigung für austauschbar halten. Dabei bringen sie es fertig, seinen spezifischen Inhalt in der Allgemeinheit der analytischen Formen zu verflüchtigen. Sicher bietet der Antisemitismus "entlastende Orientierungs- und Handlungsangebote" (Elfferding 1992, 103) an, wie der Diskurslinksnationalist Wieland Elfferding in ideologisch neutralem Soziologen-Deutsch so schön sagen kann, - aber man muss sich eben ganz genau anschauen, wovon man sich entlastet und für welche "Orientierungs- und Handlungsangebote" man sich warum und wie entscheidet11. Alle entschulden aktiv ihr begehrtes gesellschaftspolitisches Subjekt. Sei's das Wahlvolk des bürgerlichen Theoretikers, sei's das nach einschlägiger Geschichtsmetaphysik potentiell revolutionäre Subjekt des Marxisten/Linken: alle beiden wissen im Grunde nicht, was sie tun, bzw. lassen sich in einer Notlage verständlicherweise ablenken.12 Nicht nur wird über den spezifischen ideologischen Gehalt des Antisemitismus nicht gesprochen, in solchem Verständnis des Antisemitismus findet sich ein bestimmtes - letzten Endes subjektivistisches - Gesellschaftsweltbild wieder.  (Aber das ist hier nicht Thema.)

Die Kritik des Nationalsozialismus am Bürgertum spricht eine Wahrheit aus: in der Tat hat es revolutionär die alte feudale Ordnung aufgelöst. Und dabei hat es in der Tat die sozialistische Bewegung 'hervorgebracht' und ein System un- und überpersönlicher, anonymer Mächte eingesetzt. Dies ent-deckt der Nationalsozialismus, aber in einer Art und Weise, die gleichzeitig eine Verdeckung ist. Er erkennt die beiden die bürgerliche Gesellschaft zumindest potentiell untergrabenden Bewegungen, artikuliert sie aber in der Form des manichäistischen Weltbild des Antisemitismus. "Die Rassenfrage", so Darré, "ist der Schlüssel zum Verständnis der Weltgeschichte" (Darré 1934, 293). Hitler buchstabiert dieses Verkennen in die Geschichte der Entfaltung des Kapitals hinein und interpretiert sie als die Durchsetzungsgeschichte des Judentums innerhalb seiner "Wirtsvölker". Er entfaltet dies auf ein paar der wenigen Seiten in "Mein Kampf", die sich zusammenhängend lesen lassen:

"Der Jude trat historisch als Händler zeitgleich mit den ersten Siedlungen auf. Er zeigte sich in dieser Phase offen als Jude. Über den Handel betätigte er sich parasitär als Mittler in der noch 'gesunden' Wirtschaft, war 'Zwischenglied', nicht 'Produzent'"(Hitler 1936, 338).

Durch seine rücksichtlose händlerische Gewandtheit zeigte er sich den Ariern überlegen. So konnte er seine Macht über Handelsmonopole, Geldverleih und Wucherzins ausbauen. Der Jude siedelte sich als "Staat im Staate" (ebd., 339) an. Durch diese politisch und ökonomisch exponierte Stellung, besonders aber, weil er sich an den heiligen Grundfesten: am Boden vergriff, indem er diesen zur Ware machte, rief er berechtigte Empörung und Widerstand hervor, der sich in Judenhass und Pogromen entlud. Dadurch war der Jude gezwungen, sich "mit widerlicher Schmeichelei" (ebd.) und Geldeinfluss Schutz bei den feudalen Herrschern zu erschleichen. Damit waren die fürstlichen Herren in die Falle gegangen. In dem nun installierten wechselseitigen Verhältnis gerieten die Fürsten in Abhängigkeit und wurden von ihrem Volk entfremdet. Indem der Jude seine Schutzherrn ins Verderben schickte, sägte er an dem Ast, auf dem er saß. Doch er spürte instinktiv frühzeitig diese Gefahr, "er fühlt, wie die Macht der Fürsten langsam ins Wanken gerät, und sucht deshalb frühzeitig eine Plattform unter seine Füße zu bekommen" (ebd., 342f.). Bis hierhin waren die Juden eindeutig identifizierbar, "man legte keinen Wert darauf, als etwas anderes erscheinen zu wollen, und konnte dies auch nicht bei den so überaus ausgeprägten Rassemerkmalen auf beiden Seiten" (ebd., 341). Des Juden  - vornehmlich -  "geldliche Beherrschung der gesamten Wirtschaft" (ebd., 343) hat an der eindeutigen Identifizierung qua Rasse ihre absolute Schranke, d.h. "daß er ohne den Besitz aller 'staatsbürgerlichen' Rechte das ganz ungeheure Gebäude nicht mehr länger zu stützen vermag, auf alle Fälle keine weitere Steigerung seines Einflusses mehr stattfinden kann" (ebd.). Über Taufe, Sprache und "Emanzipation aus dem Ghetto" leitete er seine nach und nach vollständige Assimilation ein und wurde "Volksjude" (ebd.). Nun biederte er sich nicht nur bei den Herrschern, sondern auch beim gemeinen Volk an, stellte sich selbst als bemitleidenswerten Verfolgten dar und spielte sich als humanistischer Wohltäter auf. Er wurde zum Propagandisten politischer Liberalität und der allgemeinen menschlichen Emanzipation. Über die Aktien erhielt er endlich Zugriff auf die Substanz der "wahrhaft volksnützlichen Wirtschaft" und schaffte die "persönliche[.] Besitzerschaft" (ebd., 344) ab. Er begann, die Wirtschaft über die Börse zu kontrollieren, nährt sich seitdem von ihr als "Parasit" und "Schmarotzer" (ebd., 334) und trieb mit der Eigennutzenrationalisierung der Wirtschaft einen Keil zwischen Unternehmer und Arbeiter. - Das Bild der Gegenwart ist bereits bekannt: der Jude hat Demokratie, Bolschewismus und Börse als Werkzeuge zur Beherrschung der Welt in seiner Hand.

Die Geschichte des Judentums ist also eine Erfolgsgeschichte - und damit sollte die Vorstellung von Antisemitismus als eines bloßen Vorurteils, mit Hilfe dessen man auf andere herabschauen, sich besser als andere fühlen kann, endgültig fallen. Der Jude ist ein Übermensch.13 Der Jude ist im Denken und bei wirtschaftlicher Betätigung gewandter, schlauer und so erfolgreicher als die Arier. "Bei kaum einem Volk ist der Selbsterhaltungstrieb stärker entwickelt als beim sogenannten auserwählten" (Hitler 1936, 329). Sie haben das geschafft, worum andere sich vergebens bemühten: "Welches Volk endlich hat größere Umwälzungen mitgemacht als dieses - und ist dennoch immer als dasselbe aus den gewaltigsten Katastrophen der Menschheit hervorgegangen?" (ebd.). "Es ist immer der gleiche Jude", der bspw. "auf die Erhaltung seiner Sprache nur sehr wenig Wert legt, hingegen allen Wert auf die Reinerhaltung seines Blutes" (ebd., 342). Der Jude hat schon immer das geschafft, was die Deutschen erst lernen und erzeugen müssen.

Der antisemitische Diskurs des Nationalsozialismus greift verschiedene, teilweise jahrhundertealte antisemitische Diskurse auf und synthetisiert und systematisiert sie. Es lassen sich v.a. folgende Bilder festmachen:

  1. Der Ahasver14 geht zurück auf einen Mythos in Bestsellerform aus dem 17. Jahrhundert, der sich durch beständige Kolportage und durch beständiges Abschreiben erweiterte und fortpflanzte. Der Ahasver ist der "ewige Jude", der, weil er Jesus auf der via dolorosa Rast verweigerte, dazu verdammt wurde, ewig gleich, barfuß, heimat- und wurzellos die Welt zu durchwandern.
  2. Der Urbantyp15 kommt in den großen Städten vor, die als Produkt moderner Gesellschaften, v.a. als Folge der Landflucht - oder eher Landvertreibung - im Zuge der ursprünglichen Akkumulation erst entstanden. In ihnen werden die Menschen in Massen zusammengefasst.16 Das Stadtleben ist schädlich an sich, es verdirbt die Menschen (besonders die deutschen), weil sie ohne heilbringenden Kontakt mit ihrer natürlichen angestammten Scholle und zu dem dazugehörigen ruhigen, geordneten, gefestigten Leben sind.17 Die Stadt ist ruhelos, durch und durch 'künstlich', reine Machination.18 V.a. ist sie Ort des Handels, was Wirkungsstätte des Juden ist, der deswegen in der Stadt besonders gut gedeihen kann.19 Das Stadtleben bringt als kulturelles Unkraut hervor den Intellektuellen und den Zersetzer.
  3. Der Intellektualismus20 ist schädlich an sich, weil seine Vergeistigung eine "Verödung der Seele" (Krieck 1922, 22) bewirkt. Die kalte zergliedernde Erkenntnis, zu der der Intellektuelle nur fähig ist, verunmöglicht die Schau des wahren Seins, der Einheit, des Seinsgrunds.21 In seiner abstrakten unzugänglichen Welt entfremdet er sich dem Volk.22 Seine reine Verstandestätigkeit hat sich herausgebildet im rational kalkulierenden kaufmännischen Gewerbe. Das Denken wie die dazugehörige ökonomische Praxis aber ist ein Instrument zur Aneignung, d.h. Wegnahme und Zerstörung fremder Werte.
  4. Der Zersetzer23 wurde treffend von Ernst Krieck skizziert in seinem Bild des Literaten: "kalt, zeugungslos, verstandesmäßig, zersetzend bis in die Knochen" (Krieck 1920, 7). "Die Kräfte der Zerstörung, die Meckerer, Stänkerer, heimlichen Ehrabschneider, die Maulwürfe aller Parteifarben, die liberale, die schwarze und die rote Auflösung" (Krieck 1938, 103), - sie alle sind zu keiner positiven, konstruktiven Arbeit fähig. Der Zersetzer schwächt das Volk durch politische Aufwiegelung, durch Streit und schwächt seine Wehrkraft durch humanistische Ideen und durch den Pazifismus.
  5. Der Wucherer24 bereichert sich an der Not Bedürftiger und Abhängiger. Er lebt von den Früchten der Arbeit anderer. Im Zins scheint das mysteriöse Wertprinzip ergriffen werden zu können, das Geheimnis von Mehrwert gelüftet. Im Zins vermehrt sich das Geld wie von selbst.
  6. Das Bild des Wucherers wurde bereits vor dem Nationalsozialismus25 um das des Kapitalisten26, des internationalen Monopolkapitalisten erweitert, der "Staat und Gesellschaft zum Spielball eines als privatives Kapitalakkumulationsunternehmen firmierenden Wirtschaftsliberalismus degradiere" (Enderwitz 1998, 120), den Arbeiter beklaut, an der Arbeitskraft und Volkswirtschaft anderer schmarotzt.
  7. Hinzu kam vom Nationalsozialismus das Bild des kulturzerstörenden bolschewistischen Juden.27

"Der Jude" ist, soviel sollte klar geworden sein, die Verkörperung eines Prinzips , der/das hinter den widersprüchlichsten Erscheinungen steht. Der Jude verkörpert dieses Prinzip, d.h. ist nicht bloß sein Bote oder Repräsentant, sondern seine leiblich reale, handfeste Inkorporation - eines Prinzips, das als bedrohlich empfunden wird. Die "qualitative Andersartigkeit" der Juden im modernen Antisemitismus wird mit Attributen wie mysteriöse Unfassbarkeit, Abstraktheit und Allgemeinheit umschrieben. Diese Macht erscheint gewöhnlich nicht als solche, sondern muss ein konkretes Gefäß, einen Träger, eine Ausdrucksweise finden. Weil diese Macht nicht konkret gebunden, nicht 'verwurzelt' ist, wird sie als ungeheuer groß und schwer kontrollierbar empfunden. Sie steht hinter den Erscheinungen, ist aber nicht identisch mit ihnen (Postone 1995, 31).

Damit aber - und das ist wichtig, um wirklich zu verstehen, was Antisemitismus bedeutet - ist Antisemitismus nicht zwingend "Judenfeindschaft", resp. "Judaeophobie".28 Das antisemitische Ressentiment richtet sich nicht unbedingt gegen eine Person, die in Israel geboren oder mosaischen Glaubens ist. Antisemitismus ist eine reaktionsförmige Geisteshaltung, eine spontane "Alltagsreligion" (Claussen 1992) die von der konkreten Person eines Juden ablösbar ist. Einzelne Charakteristika des Antisemitismus lassen sich in zahlreichen ideologischen Phänomenen wiederfinden, die mit Bewohnern Israels oder regelmäßigen Besuchern einer Synagoge gar nichts zu tun haben.29 Sie sind Bausteine eines gebrochenen Antisemitismus, der nach Auschwitz (noch) gezwungen ist, nicht in seiner reinen Form aufzutreten. Er lässt sich wiederfinden in:

  • dem Anti-Intellektualismus, der einem in jeder Theorie-/Praxis-Debatte entgegenschlägt, in dem Ressentiment gegen das abstrakte Denken, gegen kritisches Denken, das nie zur Ruhe kommt und an allem etwas Negatives finden muss;
  • dem diffusen und paranoiden Bedrohungsgefühl sei's durch Umweltgifte, wie man es von der deutschen Ökologiebewegung30, sei's durch atomare Weltmächte, wie man es von der deutschen Friedensbewegung her kennt;31
  • dem schlechten 'Antikapitalismus', der gegen Banken und Geld agitiert (wie man es bspw. von den anarchistischen Theoretikern Pierre-Joseph Proudhon und Silvio Gesell her kennt32), gegen Spekulation, gegen verantwortungs- und vaterlandsloses Kapital;
  • dem Antiimperialismus, der Ausbeutung und Probleme der Dritten Welt als Folge übler Machenschaften machtgieriger Politiker und geldgieriger Konzerne interpretiert, die sich untereinander absprechen33, - der zielsicher den Zionismus als "Feind aller Menschen" (Autonome Nahostgruppe Hamburg, zit.n. Haury 1992, 143) ausmacht, der sich in Fragen Palästinas als "Antizionismus" ausdrückte, der gegen den 'künstlichen Staat', gegen das 'Kunstprodukt' Israel und deshalb für das 'bodenverbundene' palästinensische Volk ist;34
  • der Sehnsucht nach einfachem bodenständigem Wirtschaften in überschaubaren Einheiten, nach dem "einfach leben" wie man es von der deutschen Kommune-Bewegung her kennt;35
  • jedem Ausspielen eines Konkreten gegen ein Abstraktes, - eine Argumentationsform, die sich, wie Moishe Postone gezeigt hat36, innerhalb einer Antinomie bewegt, anstatt diese als Paradigma ganz zu verlassen: in der in den 70ern und 80ern so beliebten Agitation gegen die 'Neon-, Beton- und Plastikwelt', gegen alles, was künstlich und raffiniert ist.37

Der Gehalt des Antisemitismus ist ablösbar und übertragbar auf andere Personengruppen, so bspw. auf die der Flüchtlinge. Ein "Wirtschafts- und Scheinasylant" ist der Flüchtling, der keine Heimat hat und für Geld alles tut: "Wollt ihr so werden wie die, die, heimatlos, wie sie sind, nur an Geld und Kapital denken und wie sie immer reicher werden können?" (Bindseil 1993, 11) "Wer dem Ruf des Kapitals folgt [...], ist ein Wirtschaftsflüchtling" (ebd., 13).

Der Antisemitismus ist eine Geisteshaltung, die den Juden will und braucht. "... existierte der Jude nicht", so fasst Jean-Paul Sartre in seinem äußerst hellsichtigen Essay "Überlegungen zur Judenfrage" zusammen, "der Antisemit würde ihn erfinden" (Sartre 1994, 12). Sartre beschreibt den Antisemitismus als eine "Leidenschaft", der gewiss "in der Form einer theoretischen Aussage auftreten kann" (ebd., 10), die aber fern jeder rationalen Überprüfbarkeit und Zurechenbarkeit ist. Der Antisemitismus ist nach Sartre eine "Wahl" - was zwar ein spezifisch existenzialistischer Terminus, in diesem Zusammenhang aber sehr passend ist -, "die von keinem äußeren Faktor herstammt" (ebd., 14). "Die Erfahrung ist [..] weit davon entfernt, den Begriff des Juden hervorzubringen, vielmehr ist es dieser, der die Erfahrung beleuchtet" (ebd., 12). Er geht als "eine umfassende Haltung, die man nicht nur den Juden, sondern den Menschen im allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber einnimmt" (ebd., 14), "den Tatsachen voraus, die sie entstehen lassen müssten, sie sucht sie, um sich von ihnen zu nähren, sie muß sie sogar auf ihre Weise interpretieren, damit sie wirklich [für ihn] beleidigend werden" (ebd., 14f.). Der Antisemitismus, so könnte man sagen, verhält sich zu den Juden wie eine stehen gebliebene Uhr zur Uhrzeit, von der gesagt wird, sie gehe richtig, weil sie zwei Mal am Tag die korrekte Uhrzeit anzeigt. Der leidenschaftliche Zustand des Antisemitismus, in den der Antisemit sich versetzt/versetzen lässt, ist Selbstzweck der ganzen Veranstaltung (vgl. ebd., 15). Deswegen kann er nicht korrigiert werden, schon gar nicht mit dem Verweis auf seine 'eigentlichen' Interessen oder auf die Anti-Ökonomie solchen Verhaltens. Der antisemitische Bekenner und Täter ist ein wasserdichter Idealist. "Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv. [...] Für das Volk ist er ein Luxus" (Adorno/Horkheimer 1988, 179). Seine "intuitive Gewißheit" (Sartre 1994, 16), die der Antisemitismus aus seiner Weltanschauung zieht, projiziert er in einer 'pathischen Projektion' (Adorno/Horkheimer 1988, 199) auf die Realität, zu der er ein durchweg schizophrenes Verhältnis unterhält, wie auf den Diskurs, in den er sich ab und an begibt, um mit der vernünftigen Argumentation sein Spiel zu treiben. Wer mit Antisemiten diskutieren will, verkennt deren Verhältnis zu ihren Aussagen.

Sie wissen, daß ihre Reden oberflächlich und fragwürdig sind; doch darüber lachen sie, ihrem Gegner obliegt die Pflicht, die Wörter in ernster Weise zu verwenden, da er an die Macht des Wortes glaubt; sie haben das Recht zu spielen. Sie spielen sogar gern mit dem Diskurs, denn indem sie lächerliche Gründe nennen, diskreditieren sie den Ernst ihres Gesprächspartners; sie sind genussvoll unaufrichtig, denn ihnen geht es nicht darum, durch gute Argumente zu überzeugen, sondern einzuschüchtern oder irrezuleiten. Wenn Sie sie zu heftig bedrängen, verschließen sie sich und geben Ihnen von oben herab zu verstehen, die Zeit des Argumentierens sei vorüber (Sartre 1994, 16).

Der AS, so Leszek Kolakowski,

"ist hauptsächlich deswegen keine Theorie, weil er wie die meisten geistigen Erscheinungen, die in dem Kampf gegen den Fortschritt entstehen, dem Wesen nach irrational und daher jeder Kritik unzugänglich, hoffnungslos stupid und total unkritisch ist. Er ist keine Doktrin, die man kritisieren kann, sondern eine Haltung, deren soziale Wurzeln so geartet sind, daß sie nach keiner Begründung suchen muß. Man kann ihm keine Argumente entgegensetzen, denn er ist unweigerlich mit solchen Reaktionsarten verbunden, denen jede Argumentation, also eine Denkform, fremd und verhasst ist. Er ist Antikultur und Antimenschlichkeit, Antitheorie und Antiwissenschaft. Davon hat sich jeder überzeugt, der Gelegenheit hatte, mit einem Antisemiten eine jener hoffnungslosen Diskussionen zu führen, die immer dem Versuch ähneln, einem Tier das Sprechen beizubringen" (Kolakowski 1967, 160f.).

Beim Antisemitismus sind die "Grenzen der Aufklärung" (Adorno/Horkheimer; vgl. Claussen) erreicht. (Deswegen und nur deswegen, aus lauteren Vernunftgründen, diskutiert man nicht mit Nazis; - nicht aus schrillem Moralismus, der sich seiner selbst nicht sicher ist, nicht aus rigidem Abgrenzungsbedürfnis. Deswegen und nur deswegen sind die von Woody Allen zitierten Baseballschläger das einzige und richtige Argument, nicht weil sie qua Militanz irgendwie revolutionärer oder ob der antisemitischen Zumutung das angemessenere Strafmaß wären. Sie sind selbstbewusste reine Vernünftigkeit und kein Ausdruck von argumentativem Unvermögen oder kommunikativer Hilflosigkeit)

Wer mit Antisemiten über ihre Weltanschauung reden will, wer sie in sozialdetektivischer Absicht über ihre 'eigentlichen Intentionen' aufklären will, der

"lenkt von der Tatsache ab, daß antisemitische Urteil per definitionem ihrer Vorurteilsstruktur nicht Reaktionen auf eine äußere, reale Erfahrung sind, sondern Projektionen eines inneren, intentionalen Konflikts, nicht empirisches Produkt eines Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesses, sondern symptomatischer Ausdruck eines Zwiespalts und Widerstands im wahrnehmenden und erkennenden Subjekt selbst" (Enderwitz 1998, 11).

Dieser Konflikt rührt von einer Situation her, in der man bedroht ist von etwas, was für einen selber lebensnotwendig ist. Abgewehrt werden muss, was für einen selber gesellschaftlich und damit individuell konstitutiv ist.38 Was hier im Individuum vorgeht, hat Sigmund Freud in seiner kurzen Notiz "Die Ich-Spaltung im Abwehrvorgang" zusammengefasst: die bedrohliche Realität wird anerkannt und gleichermaßen verworfen (Freud 1992). Der Ich-Spaltung korrespondiert eine Objektspaltung. Die eine Haltung des gespaltenen Ichs "bejaht die Realität, die andere stellt die Realität in Frage und setzt eine Wunschproduktion an ihre Stelle. Diese beiden Haltungen bleiben nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig zu beeinflussen" (Laplanche/Pontalis 1994, 207, vgl. 344ff. und 346f.). Eine solche Objektspaltung findet man bei der Unterscheidung des "raffenden" vom "schaffenden" Kapital. Das Kapitalverhältnis als ganzes wird aufgespaltet in ein 'gutes Objekt': das "schaffende" Kapital, die 'ehrliche', produktive Arbeit, egal, ob auf dem Land, in der Fabrik oder im Büro - und in ein 'böses Objekt': das "raffende" Kapital, das mühelose Einkommen durch Ausnutzen, Schliche, Betrug und Erpressung.39 Diese Spaltung geschieht, um sich dem Aggressor unterwerfen, um sich mit ihm identifizieren zu können.40 Diese Unterwerfung lässt aber kein passives, eingeschüchtertes Individuum zurück. Die Unterordnung ermächtigt und treibt zur aggressiven Aktion gegen das 'Böse', in der der unter dem traumatischen Eindruck der Ich-Spaltung erfahrene Hass gegen den Aggressor, der auf Strafe seines Untergangs nicht ausgespielt werden darf, endlich ausagiert werden kann.41

Diese revoltierende, aggressiv und radikal sich gebärdende Haltung verleitet manchen zur Vermutung, hier liege revolutionäres Potential vergraben, was nur der richtigen Nutzung und Verwendung zugeführt werden müsse. Der Traditionsmarxismus konstatiert allemal eine "Kanalisierung sozialer Unzufriedenheit" (Kühnl 1979, 210): in der nationalsozialistischen Bewegung würden "durchaus vorhandene[.] Affekte gegen das Großkapital" durch "allgemeine antikapitalistische Phrasen, vor allem aber durch Antisemitismus aufgefangen" (Kühnl 1966, 231). V.a. Verständnis ist es, was der besorgte Theoretiker seiner Klientel entgegenbringt: hier äußere sich die "Gewalt der Zukurzgekommenen" (Materialien No.5, 24). Der herablassende Theoretiker kann die Mordaktionen auf ihren eigentlichen Gehalt hin durchschauen.42 "Rassismus-von-unten ist entfremdeter Protest." "Denkt man die Krisen und ihre Folgen hinzu, lässt sich verstehen, daß der Aufschrei der sozial getretenen Kreatur zum Haß-Schrei werden kann. Brandstiftung und Mord können verwandelte Formen des Protests sein - im Modus des entfremdeten Protests gegen Entfremdung" (Haug 1992, 33f.). Da solche Aktionen mitunter das Gewaltmonopol des Staates antasten, werden sie zum "Widerstand" (Leiprecht 1992, 706), zur "Protestform für die Subalternen" (Demirovic 1992, 86) geadelt.

Dabei ist der AS - dies zeigt Gerhard Scheit in seiner sehr empfehlenswerten dicken Studie über die "Dramaturgie des Antisemitismus" - vom historischen Beginn an eine Haupt- und Staatsaktion.43 Er ist ein Appell, ein Signal an die Autorität. Es mag sich dabei um eine Rebellion gegen eine Autorität handeln, aber nicht gegen Autorität überhaupt, sondern ganz im Gegenteil für eine andere, für eine bessere, strengere, verantwortlichere Autorität. Erich Fromm prägte hierfür den Begriff der "konformistischen Revolte". Es ist dies eine 'Revolte', die sich über, mit und unter aktivem oder passivem Einverständnis der Autorität austobt (was die Geschichte und der Verlauf der Pogrome eindrucksvoll belegt). Das Pogrom ist ein Signal des Einverständnisses.

Zwar wird im antisemitischen Klischee Verdrängtes, verfemt Begehrtes thematisiert, wie müheloses Einkommen; unentfremdete Arbeit, Arbeit die keine Plackerei ist; Faulheit, Müßiggang; sexuelle Libertinage, Freizügigkeit; Ungebundenheit von Klassen-, Standes- und nationalen Schranken, - doch ist dies nicht etwas, was der Antisemit heimlich, 'eigentlich', im Grunde seines Herzens haben wollte. Zwar nährt sich sein Ressentiment davon, aber seine Reaktionsbildung darauf bedeutet eine perfekte und vollkommene Entgegenkehrung: sie stehen für eine Freiheit, die er fürchtet. Im Mord kann er sich das entstellt Begehrte aneignen wie ein Kannibale. So mordet er sich die Welt zurecht. Im Mord wird an jedem einzelnen, der dieses Verdrängte darstellen soll, bewiesen, dass seine Freiheit keine ist, wird in jedem einzelnen Fall solche Freiheit ausgelöscht. Die antisemitische Tat ist ein aktives Exterminieren von verdinglichter Freiheit, ist eine Erneuerung von Unterwerfung.

Teil 2: Volksgemeinschaft - barbarische Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft

In den 20er Jahren war "Gemeinschaft", besser noch "echte Gemeinschaft" eines der Zauberwörter, womit Belesene und Halbgebildete sozial sich berauschten. Siegfried Kracauer beschreibt in seinem Roman "Georg" (Kracauer 1995), wie die gleichnamige Hauptperson im Auftrag seiner Zeitung zu Kongressen und Vorträgen geht, in abgehalfterte nachgemachte Salons eines verlorenen Bildungsbürgertums, wo es um nichts als die bemühte wortreiche Revokation dieses abgeschabten Ethos geht, das von der Jugendbewegung, bereits von den "Wandervögeln" her, bekannt ist und seitdem noch jede Jugendsubkultur verseucht und von dort unberechtigterweise sein anti-spießbürgerliches Erneuerungs-Image unter dem Strahlenkranz einer falschen Wahrhaftigkeit hat. Die Stimmung und das verzweifelte Pathos fasste Kracauer an einer Stelle in seiner Studie "Die Angestellten" zusammen:

"Die jungen Leute, Mädchen und Jünglinge, beklagten mit herabhängenden Schultern und Armen ihr Los, der Maschine untertan zu sein, richteten sich dann auf und jubelten in einer Art von Triumphprozession dem Reich der Freiheit entgegen. Ein Schauspiel, dessen gute Absicht nicht minder rührte als seine ästhetische Hilflosigkeit. Es hat die Gemeinschaft Gleichgesinnter vergegenwärtigen sollen, in Wirklichkeit jedoch nicht so sehr das Kollektiv selber als den Willen zu ihm ausgedrückt. Dieser Wille beruht auf dem Glauben, daß Kollektiv einen Sinn tragen oder gar gebären könne, während tatsächlich Erkenntnis das Kollektiv begründet. [...] Hier wie dort nimmt man Menschen hin, ohne der Art ihrer Beziehungen zu den gemeinten Zielen nachzufragen. Wenn nun das Kollektiv überbetont und schon beinahe selbst zum Inhalt erhoben wird, muß jede Abweichung von ihm, jede menschliche Kundgabe, die nicht in die Gemeinsamkeit als solche mündet, mit dem Bann belegt werden." (Kracauer 1971, 115)

In einem längeren Artikel für das "Handwörterbuch der deutschen Soziologie" (Tönnies 1931) erläutert Ferdinand Tönnies, ein typisch deutscher und deshalb bekannter Soziologe bereits 1931 und fern jeder NSDAP-Mitgliedschaft die Begriffe "Gemeinschaft" und "Gesellschaft", v.a. deren Differenzen erläutert, und zwar auf eine solche Art, als hätte er von einem "Blut und Boden"-Theoretiker abgeschrieben. In der "Gesellschaft" kommt die Verbindung durch den "Tausch" zustande, wird rein rational hergestellt durch eine Mittel-Zweck-Relation (ebd., 183f.). Personen stehen sich als isolierte entgegen (ebd., 187). In ihr überwiegt der sog. "Kürwille", der Wille, "worin das Denken das Übergewicht gewonnen hat" (ebd., 185). Tönnies kennzeichnet den "Kürwillen" mit Rationalität, "Bewußtheit", als "Machen", "mechanische Arbeit", "Machinationen" (ebd., 186). "Gemeinschaft" hingegen gründe sich auf tiefere Schichten, sie sei "naturgegeben oder durch übernatürliches Wollen geschaffen" (ebd., 189). Der in ihr überwiegende Wille ist der "Wesenwille" (ebd., 185). Er ist die 'wahre Vernunft', "schaffend[.]" und "gestaltend[.]" (ebd., 186). Diese Gemeinschaft übersteigt jeden Einzelnen, gründet sich auf etwas Über- aber nicht Unpersönliches, auf etwas, was mehr ist als der Einzelne, aber seine unmittelbare Substanz bildet. Diese liegt quasi verschüttet in ihm, und es komme nur darauf an, dass der Einzelne aus seinem Gefühl heraus Gemeinschaft begründet (ebd., 187). - Damit sind die Grundsteine für die Feindschaft gegen die bürgerliche Gesellschaft gelegt, sind die Motive für deren falsche Kritik versammelt.

Was hat das mit Antisemitismus zu tun?

Die antisemitische Praxis von Aussonderung und Verfolgung konstituiert Volksgemeinschaft. Ihr Zusammenhang miteinander ist unablösbar:

  • Gemeinschaft, Gemeinschaftlichkeit wird hergestellt durch Projektion der Asozialität des eigenen gesellschaftlichen Zusammenhangs auf "den Juden". Der innere Widerspruch (Kapital - Arbeit etc.) wird umgewandelt in einen äußeren (Arier - Jude).
  • "Der Jude" wird als Anti-Rasse, als Feind der gesamten Menschheit im allgemeinen, des deutschen Volkes im besonderen wahrgenommen. Gerade weil er über die Assimilation so verschwiegen tief und fast unerkennbar im "Volkskörper" eingenistet hat, ist der Vorgang der mühseligen Identifizierung und Aussonderung der "Schädlinge" so wichtig an sich. Die schlechte Erkennbarkeit erhöht den Nimbus der Gefährlichkeit, und die Kompliziertheit seiner Dingfestmachung ermöglicht und initiiert den Prozess der Erkenntnis, der Definition und der Festlegung dessen, was 'deutsch' sein soll. Eine Gemeinschaft von losgelassenen Individuen, die auch weiterhin ihre Freiheit nur an der Beschränkung des Anderen haben, kann sich nur im Verfolgerkollektiv als Gemeinschaft erfahren. Sie ist "Gemeinschaft der Tat" (Höhn 1935, 74): sie ist "konkrete Gemeinschaft" durch direktes Handeln.
  • Im Antisemitismus wird die dialektische Logik der Identität vollstreckt: die Konstruktion von Identität gelingt nur über den Bezug auf den anti-sozialen Feind. Der Bezug auf ihn ist ein manischer; wie ein klassisch analer Charakter beständig von dem Dreck angezogen ist, dem er sich nur qua Putz- und Ordnungssucht gefahrlos und unverdächtig nähern kann, so kann der deutsche Antisemit über das Deutschsein gar nicht viel sagen außer der üblichen Phrasen und kommt sofort auf den Juden zu sprechen.44

Doch die antisemitische Theorie und Praxis dient nicht 'nur' der Abfuhr, der Entlastung von eigenen Widersprüchen, sie ist auch eine Drohgestalt für das eigene Volk, ein Selbsterziehungs- und Mahnmittel. In vexierbildlicher Gestalt wird in den Bildern des "Liberalitätsjuden" und seinen Derivaten, des monopolkapitalistischen und des bolschewistischen Juden, den potentiell die gesellschaftliche Ordnung untergrabenden gesellschaftlichen Fraktionen ihr standes- oder klassendünkelbewusstes Sein als Menetekel vorgeführt.

Der Nationalsozialismus weiß sehr wohl zwischen Arbeiterklasse/Arbeiterbewegung und sozialistischer Bewegung zu differenzieren.45 Letztere sei verjudet und habe die Arbeiterklasse auf den falschen Weg geführt, ebenso wie die verjudeten Gewerkschaften.46 Grundsätzlich aber sind Gewerkschaften legitim "als Mittel zur Verteidigung allgemeiner sozialer Rechte des Arbeitnehmers und zur Erkämpfung besserer Lebensbedingungen" (Hitler 1936, 48f.). Genauso wird zwischen verantwortungslosem und verantwortungsbewusstem Unternehmer unterschieden.47 Wie die Gestalten des freien Unternehmers und des freien Arbeiters den gesellschaftlichen Subjekten als Negativfolie, so werden ihnen die Gestalten des fleißigen, pflicht- und qualitätsbewussten treuen Arbeiters und des verantwortungsvollen Unternehmers mit Führerpersönlichkeit als Positivfolie vor Augen geführt, und mit ihnen sollen sie an die Kandare genommen und auf den Gemeinwohlgedanken zurückgeführt werden.

Das "Gemeinwohl", der "Gemeinnutz" ist einer der zentralen Begriffe der nationalsozialistischen Ideologie. Punkt 24 des NSDAP-Parteiprogramms verkündet fettgedruckt und ausgestellt die Losung "Gemeinnutz vor Eigennutz", und Punkt 18 fordert "den rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemeininteresse schädigen" (Feder 1938, 18 und 17). Die nähere Bestimmung bleibt nichtsdestotrotz verschwommen.48

"Gemeinwohl"  - so meine These -  bezeichnet einen klassenstranszendierenden Standpunkt jenseits der standesdünkelhaften Interessen von Arbeit und Kapital. Der autoritäre Staat tritt als Wahrnehmer und Durchsetzer dieser übergeordneten Interessenperspektive auf.

Der traditionelle Marxismus sieht im Nationalsozialismus stets nur eine vom Großkapital ausgelagerte inszenierte atavistische Mummenschanzpolitik gegen die Arbeiterklasse, - gegen die Durchsetzung von mehr Lohn und mehr Mitbestimmung, - für eine Erhöhung der absoluten oder relativen Mehrwertproduktion. Dies zu erreichen habe sich der nationalsozialistische Staat entweder verschleiernder ideologischer Mittel (Gedanke der Volksgemeinschaft und der arischen Rasse) oder nackter Gewalt (SA) bedient. Richtig ist, dass im Nationalsozialismus nicht bloß die relative, sondern ebenso die absolute Mehrwertabpressung forciert wurde,49 aber ebenso richtig ist die Kehrseite der Gewinnerhöhung für die Unternehmen: dass diese schlichtweg weitestgehend bevormundet und entmündigt wurden, rigoros eingeschränkt durch eine Vielzahl von Gesetzen, Verordnungen und Erlassen, die die sog. 'freie Wirtschaft' noch unfreier machte als sie schon immer war.50 Der traditionelle Marxismus begeht den Fehler, von allgemein sich verschlechternder Lebenslage für die Arbeiterklasse und von steigenden Gewinnen für die Unternehmer auf einen losgelassenen Kapitalismus zu schließen.

Der Nationalsozialismus machte es sich zur Aufgabe, Arbeiter und Unternehmer zusammen zu führen. Es gilt, "die Arbeiterschaft zu einer positiven Mitarbeit an einer nationalen Wirtschaftsgestaltung zu gewinnen". Der Arbeiter müsse sich als "'aktiver Mitarbeiter der wirtschaftlichen Unternehmung'" begreifen, er müsse verstehen, dass er "nur in der Blüte der nationalen Wirtschaft sein Glück finden kann" (Reupke 1931, 43ff.). Genauso muss "der richtige Unternehmer" (Feder 1933, 61) "Empfinden und Verständnis für die sozialen Fragen haben" (ebd., 22).

Und damit spricht der Nationalsozialismus eine Wahrheit aus, die die Sozialdemokratie seit jeher - unbewusst wie immer - praktiziert und die bei der traditionellen sozialistischen Bewegung nur Abscheu hervorrufen kann. Traditionsmarxismus und Nationalsozialismus identifizieren alle beide Arbeit & Kapital mit den gesellschaftlichen Kollektivakteuren Arbeiterklasse und Unternehmertum (und begreifen sie nicht als Charaktermasken des Kapitals), - doch der Nationalsozialismus hat den Erkenntnisfortschritt voraus, dass der 'Standpunkt der Arbeit' kein systemsprengender (mehr?) ist. (Eine Einsicht, die dann erst der "Krisis"-Kreis wieder stark machte.51) Die KPD lief in der Weimarer Republik mit ihrem Programm schlicht an einem Großteil der Arbeiter vorbei, weil diese die Weimarer Republik als die ihre zu begreifen begannen.52 Die KPD sah Bauernfängerei in der nationalsozialistischen Agitation, wo gar kein Arbeiter mehr gefangen werden musste, auch wenn er nicht die NSDAP wählte oder gar ihr Mitglied war. Und mit dem Widerstand der sudetendeutschen Arbeiter gegen die vorrückende billigere tschechische Arbeitskraft um 1900 herum, aus dem schließlich die NSDAP-Vorgängerin DAP hervorging, mit der bewussten Orientierung der Arbeiterbewegung am autoritären Staat, der gefälligst als Sachwalter auch ihres Interesses aufzutreten habe, beging die Arbeiterbewegung den Sündenfall, der für den weiteren Verlauf ihrer Geschichte und Rolle in der gesamtgesellschaftlichen Gestaltung so überaus verhängnisvoll sein sollte.53 - Und seitdem sollte klar sein, dass der Kommunismus nicht die Interessen der Arbeiter, sondern die Sache der Vernunft und der "Menschheit" (Kant) vertritt.

Der Nationalsozialismus weiß, dass Arbeit und Kapital zusammengehören - unter der Ägide des autoritären Staates. In der Tat kann der Arbeiter wie der Unternehmer nur in der "Blüte der nationalen Wirtschaft sein Glück finden" (Reupke); in der Tat ist der Einzelne als Arbeiter resp. als Unternehmer auf das Wohlergehen der volkswirtschaftlichen Gesamtheit angewiesen. Das objektive Interesse eines Individuums als Arbeiter ist die Realisierung eines bestmöglichen Verkaufs seiner Arbeitskraft und das eines Individuums als Unternehmer das der bestmöglichen Verwertung seines Kapitals, wobei beide  - trotz und wegen ihres wechselseitig ruinösen Verhältnisses -  aufeinander sowie auf den Staat als Mittler und als Moderator angewiesen sind. Wenn der Nationalsozialismus auch den Unternehmer zu einer Kooperation um des Gesamtwohl willen bewegen will, dann spricht er die Wahrheit aus, dass Arbeiter und Unternehmer dem kapitalistischen Gesamtprozess unterworfen sind. Beide haben die "Wertbildungsrücksichtsperspektive" (Enderwitz) zu wahren. Im Rahmen der Interessenartikulation als Arbeiter und als Unternehmer - und als diese sind sie vorausgesetzte Subjekte eines gesellschaftlichen Prozesses, innerhalb dessen sie eine sehr bestimmte Stellung einnehmen - ist deren Verpflichtung auf ein Gemeinwohl im eigenen und beiderseitigen Interesse zwingend. Das Gemeinwohl ist das, was sich über Arbeiter wie Unternehmer hinwegsetzt und keine Phrase, um die von ihm Betroffenen bei der Stange zu halten. Der Staat tritt als Sachwalter des Gemeinwohls auf, d.h. als Garant des Fortbestandes kapitalistischer Reproduktion.

Und nur insofern dient der Nationalsozialismus dem Kapital; wohlgemerkt dem Kapital und nicht als bestallter Büttel von Kapitalfraktionen. Mitnichten ist also "der Standpunkt Hitlers" "eindeutig" "ein Klassenstandpunkt" (Haug 1988, 245). Um das Kapitalverhältnis vertreten zu können, muss er sich über Kapital und Arbeit stellen. Der Liberalismus erwies sich als unfähig, das zu verwalten, was er als seinen ureigensten Gegenstand reklamierte. Der Nationalsozialismus will die Sache des Liberalismus gegen ihn besser machen; nur insofern hat er Affinität zu ihm. "Die Sucht, den Liberalismus bis in den entlegensten Winkel hinein zu hetzen und zu jagen, lässt nun unstreitig darauf schließen, daß er, psychoanalytisch gesprochen, so etwas wie eine Verdrängungserscheinung ist. Man verfolgt ihn mit Hass, weil man ihn in sich hat" (Kracauer 1977, 95). Im objektiven Interesse der kapitalistischen Gesamtreproduktion behält er sich die Möglichkeit der Enteignung und Bevormundung von Arbeit und Kapital vor, weil sie sich in ausschließlicher Verfolgung ihrer bornierten unmittelbaren Interessen ihr eigenes Grab schaufeln würden. Sie würden den sozialen Prozess untergraben, der sie als solche konstituiert. Wenn Herbert Marcuse sagt, der Nationalsozialismus betreibe die Aufhebung der Klassengesellschaft auf dem Boden der Klassengesellschaft (Marcuse 1965, 34f.), dann ist damit genau dies gemeint: der Nationalsozialismus hat erkannt, dass der Klassenstandpunkt nur beibehalten werden kann, wenn er zurückgenommen wird.

Wenn also alles so belassen wird, wie es ist, so stellt dies keinen Widerspruch dar zum sog. 'Sozialismus' des Nationalsozialismus. Die nationalsozialistische Weltanschauung unterscheidet zwischen dem 'bolschewistischen' und dem echten, dem "nationalen Sozialismus" (Feder 1933, 55), "der dem deutschen Volk im Blut liegt" (Frauendorfer 1932, 17). Dieser Sozialismus ist eng an den Begriff des Volkes geknüpft. Darré definiert deutschen Sozialismus als die "gestaltete Ordnung des Volkskörpers nach seinen Lebensgesetzen†und den Staat als "das Mittel, diese Ordnung zu gewährleisten und sicherzustellen" (Darré 1934, 291f.). Sozialismus sei die "höchste sittliche Idee" (Feder 1919, 7 und 11), denn er bedeute die Erfüllung der Pflicht gegenüber dem Volksganzen.54 [Vgl. die deutschen K-Gruppen in de 70ern: "Dem Volke dienen!" (Mao)] In diesem 'Sozialismus' ist Volksgemeinschaft mit dem Gemeinwohlgedanken verwirklicht, der sich auf "den Gedanken der Harmonie" (Reupke 1931, 38) richtet. "Die Harmonisierung von Gemeinwohl und Sonderinteressen durch ein organisches Wirtschaftsrecht ist die Aufgabe einer wahrhaft sozialistischen, sie ist aber auch die Aufgabe einer wahrhaft nationalistischen Wirtschafts- und Staatsordnung" (Klagges 1932, 71). In der Volksgemeinschaft gibt es ausschließlich "die schöpferische, schaffende Arbeit, die Arbeit der Stirn und Faust" (Feder 1932, 303). Sie ist die Gemeinschaft der Klassen, die sich der Erhaltung und Hegung des Allgemeinen widmen. "Alle Deutschen bilden eine Werkgemeinschaft zur Förderung der allgemeinen Wohlfahrt und Kultur des deutschen Volkes" (Feder 1933, 65); sie bilden die "Gemeinschaft aller wertvollen und werteschaffenden Volksgenossen" (Reupke 1931, 45). Die Klassen werden nicht aufgehoben, sondern sollen zur Anerkennung ihrer Stellung und ihrer Notwendigkeit gebracht werden, wenn alles so bleiben soll und damit alles so bleiben kann, wie es ist. Hier hat jeder seine Stellung. Der schaurige Spruch "Jedem das Seine" (bspw. Feder 1933, 15 und 16), einer der Standardslogans der nationalsozialistischen Weltanschauung, der über dem Eingangstor des KZ Buchenwald angebracht war, fasst dies zusammen und stellt mitnichten einen Zynismus dar. Er soll die naturgegebene Verschiedenartigkeit der Menschen berücksichtigen und den dritten Weg neben egoistischer Übervorteilung Einzelner im Liberalismus und ihrer 'Gleichmacherei' im bolschewistischen Sozialismus realisieren. "Denn weil die Menschen verschieden sind, ist auch ihre Leistung und damit ihr Wert für die Gesamtheit verschieden" (Frauendorfer 1932, 17). Wenn der Arbeiter weniger, aber angemessen viel verdient, dann erfüllt er seine Stellung im Organismus der Volksgemeinschaft, - und als Arbeiter muss er dies objektiv tun.

Der Antikapitalismus des "deutschen Sozialismus" (Werner Sombart) ist erbaulich v.a., wenn er das Übel des Kapitalverhältnis in sozialen Missständen zusammenfasst, d.h. am vernachlässigten Proletariat versinnbildlicht, das durch soziale Ungerechtigkeit, und das meint stets durch "hochkapitalistische Ausbeutung" (Feder 1933, 65), also durch mangelnde Versorgung mit Geld und Gebrauchswerten, kurz und kränkelnd gehalten wird. Deswegen fordert der Nationalsozialismus eine bessere, gerechtere Gewinnbeteiligung, "ohne marxistisch zu sein" (Feder 1932, 216). Der Kapitalismus sei an sich gar nicht schlecht, nur in der gegenwärtigen Form zum Schlechten entartet.55

Die Stellung der nationalsozialistischen Weltanschauung zum Kapitalverhältnis, ihre absichtsvolle und traumwandlerisch sichere Ahnungslosigkeit dessen basalen Kategorien gegenüber, findet sich auch in der umstrittenen Frage, wie sie zum Privateigentum steht. Punkt 17 des NSDAP-Parteiprogramms forderte die "Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke" (= Feder 1938, 16f.). (Eine Formulierung, die besonders dem Strasser-Flügel zusagte, der die der NSDAP eigentümlichen Ressentiments gegenüber der alten Elite des Adels zu einer Politik v.a. gegen die ostelbischen Großgrundbesitzer hatte ausbauen wollen.) Weil es also so schien, als sei die Institution Privateigentum grundsätzlich in Frage gestellt, als sei seine Unverletzlichkeit nicht mehr gewährleistet, wurde besagtem Punkt 17 eine "Erklärung" Hitlers vom 13.04.1928 nachgereicht, in der eindeutig und unabänderlich festgelegt wird, dass die "N.S.D.A.P. auf dem Boden des Privateigentums steht" und die Spitze der Enteignungsmöglichkeit nur "gegen die jüdischen Grundspekulationsgesellschaften" gerichtet sei (ebd., 17). Diese Richtigstellung darf keinesfalls als Kotau vor dem wichtigen Bündnispartner Großbourgeoisie verstanden werden.56 Denn auch der angeblich radikalere und anti-bourgeoisere Strasser-Flügel stand auf dem Boden der gleichen Begründung des Privateigentums wie seine parteiinternen Gegenspieler Adolf Hitler oder Gottfried Feder: alle verstehen Privateigentum als gegenständliches Haben und nicht als gesellschaftliches Verhältnis, und beiden gilt das Privateigentum ontologisch-anthropologisch verwurzelt. Die Anerkennung des Privateigentum "ist zutiefst verankert im arischen Wesen", da es notwendig für den "schaffende[n] Geist" (Feder 1933, 21) ist. Die Bindung an die "schöpferische Persönlichkeit" verhindert seine asoziale Verwendung (Feder 1932, 304). Das Privateigentum soll dem Volk gegenüber verantwortlich genutzt und somit einer "Versittlichung" unterzogen werden (ebd., 316). ("Eigentum verpflichtet!" - vgl. die Kampagne vor einigen Jahren)

Wenn Herbert Marcuse ein wenig pejorativ, denunzierend den bürgerlichen Liberalismus dahingehend resümiert, dass der Grundstock seiner zu verteidigenden Ideen letzten Endes auf das schnöde Privateigentum zusammen schrumpfe,57 dann übersieht er  - These -  , dass Freiheit, bürgerliche Freiheit (und das ist nicht wenig) tatsächlich im Privateigentum sich realisiert und auf ihm konstituiert58; und er übersieht, dass der Nationalsozialismus sich daran machte, auch diese substantielle Freiheitssphäre zu schleifen, oder besser gesagt: das Verhältnis von Besitz und Besitzendem umzukehren. Schlagendes Beispiel ist hier das "Erbhofgesetz", wo im Geiste der "Blut und Boden"-Ideologie die Nachkommen von Bauern daran gehindert wurden, ihr Erbe nicht anzutreten, um die Erbhöfe, die Kontinuität des "Blutstroms" in Gestalt von Herd, Dach, Boden und Geschlecht zu sichern.59 Hier wird die Person dem Eigentum unterstellt; hier findet sich die höchst ideologisch motivierte Beherrschung der Menschen durch Dinge (und das gänzlich unmetaphorisch), durch ihre gesellschaftlichen Beziehungen. Die Unterordnung der Menschen unter den von ihnen getragenen, gleichwohl aber subjektjenseitigen Zweck, der sich hinter ihrem Rücken über die Dinge vollzieht, findet in der Volksgemeinschaft, in der subsumierenden Einheit von Mensch und Ding in "Blut und Boden" seine Apotheose.

Die Einordnung der Individuen in die Volksgemeinschaft geschieht über den Bezugsrahmen 'Volk', der eine "überpersönliche Ganzheit" (Krieck 1938, 51) sei. Substanz eines Volkes sei die "Rasse", ein geschichtstranszendentes und -transzendentales Kontinuum, die "innere Stetigkeitskomponente" (ebd., 76), die den Einzelnen zu "Gleichart" lenkt und in den "Blutstrom" einordnet (ebd., 73f.). Die Einzelnen sind hierbei nur Träger des Überdauernden; sie müssen dem "Blutstrom" dienen.60 Die "Blut und Boden"-Ideologie ontologisiert Banalitäten: dass Reproduktion der Einzelnen gewöhnlich in gesellschaftlicher Form stattfindet, dass sie ihre Individualität von der Gemeinschaft oder Gesellschaft haben, in die sie zwangsgeboren sind oder in der sie sich aus welchen Gründen auch immer bewegen und am Leben erhalten müssen. "Das Volk ist für alle seine Glieder Lebensgrundlage, Lebens- und Schicksalsraum, in dem sie ihre persönliche Bestimmung, den Sinn ihres Lebens erfüllen" (ebd., 52). Aus diesen Tatsachen dreht der Nationalsozialismus seinen schicksalsverbundenen Subjekten den Strick, dass sie ohne ihr Volk nichts sind. Damit spricht er die Wahrheit aus, dass der Einzelne auf Gedeih und Verderb dem Kollektiv ausgeliefert ist, dem er nunmal angehört; die Wahrheit, dass der Einzelne vollkommen bedeutungslos ist für den Fortgang und Fortbestand des unwahren Ganzen, "die radikale Ersetzbarkeit des Einzelnen" (Adorno 1997, 312). Die nationalsozialistische Weltanschauung übersetzt den historischen Stand der Subsumtion der Einzelnen in eine adäquate Ideologie. Der Einzelne sei eingebunden in eine 'natürliche Ordnung', in eine unumgängliche Seinsverbundenheit, er geht am Gängelband seiner volklichen Determiniertheit. Hieran schließt sich das an, was man einen 'rationalen Kern' des Antisemitismus innerhalb seiner eigenen Para-Logik nennen könnte: Wer solche Gemeinschaftszugehörigkeit nicht an sich hat, wie bspw. die Juden, der kann keiner natürlichen Ordnung angehören, der muss ausgemerzt werden aus Gründen der Wahrung des natürlichen Gleichgewichts.

Die "Blut und Boden"-Ideologie will dem Geheimnis der Synthesis in der bürgerlichen Gesellschaft auf den Grund gehen, indem sie es dingfest macht und handgreiflich werden lässt. Er will hinter das Mysterium der Verwandlung von Menschen zu Deutschen wie von Produkten zu Waren und deren sicher Wertrealisierung kommen und verknüpft daher beides miteinander.

  • "Blut" bezeichnet einen Äther, ein Fluidum, die Identität der verschiedenen Einzelnen. Das, was sonst nur abstrakt irgendwie den Einzelnen anhaftet; das, qua dessen sie zu einer Gemeinschaft gehören oder auch nicht, von dem man nicht weiß, wie man es packen kann, von dem man nur weiß, dass es über Leben und Tod entscheiden kann; das, was deutsch ist, soll endlich handgreiflich werden
  • In der 'schaffenden Werkgemeinschaft' der Deutschen ist eine jede Einzelarbeit immer schon Arbeit für die Gesamtheit, weil die Gesellschaft (oder eher: Gemeinschaft) ein ursprünglicher und ursächlicher Zusammenhang sei.61 Das Problem der Vermittlung eines isoliert arbeitsteiligen Produktionszusammenhanges, die Adam Smith über die "invisible hand" geregelt sah, die Marx als Wertvergesellschaftung entzifferte, die nach dem fatalen Lauf des blind wirkenden Durchschnittsgesetz des Werts sich abspult, - dieser i.W. katastrophische Zusammenhang wird in der nationalsozialistischen Weltanschauung in einer prä-stabilierten Harmonie der natürlichen Ordnung des Wesenszusammenhangs 'Volk' aufgehoben, dessen jede Störung nur von außen kommen kann.

Das Kapitalverhältnis ist hier nicht mehr bloß Transzendental, also apriorische Bedingung der Möglichkeit von Vergesellschaftung unter bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen (auf die Transzendentalphilosophie noch reflektieren kann und muss), sondern Staat & Kapital und der von ihnen angetriebene Wertbildungs- und Wertrealisierungsprozess sind hier zum Existential der Individuen gereift: sie sind im Sein der Menschen wie in der Natur wesenhaft verwurzelt. In einer Art neo-physiokratischen Werttheorie wird Wert als Naturding aufgefasst, der als innere Energie, messbar in Kilojoule, die Substanz aller Stoffe durchwabert. Der Wert sei eine Natursubstanz,62 die, einmal durch menschliche Produktgestaltgebung amortisiert, der Konsumentenpflicht anheim gestellt ist. In seinen für den US-Geheimdienst angefertigten (jetzt sog.) "Feindanalysen" über die deutsche Mentalität im Nationalsozialismus macht Herbert Marcuse die merkwürdige Beobachtung, dass im Nationalsozialismus alle Motive des persönlichen Lebens immer schon politischer Natur seien, dass gesellschaftliche und private Existenz, Arbeit und Freizeit unmittelbar politische Natur haben.63 Wie erst in den Verfallsformen der deutschen Linken nach 1968, in den Gestalten des sog. "kritischen Konsumenten", der jeden Konsumakt und jede individuelle Tat auf die Bedeutung für sein privates Wohlergehen und das der Menschheit hin befragt, so sieht sich auch der Konsument des Nationalsozialismus vom Gemeinwohl in die Pflicht genommen. Er muss, zusammen mit den Abteilungen Produktion und Distribution, in der "Wertgewinnungsgemeinschaft" (Klagges 1932, 73) die "allgemeine abstrakte Möglichkeit der Krise" (MEW 26.2, 510), die in dem Auseinander von Produktion und Konsumtion sistiert, abwenden, die im Stocken der Wertrealisierung und Wertproduktion durch Überproduktion auftreten könnte. Produzent und Konsument müssen erkennen, dass "sie keineswegs nur entgegengesetzte Interessen haben, daß sie vielmehr vollständig aufeinander angewiesen sind, weil sie eine unlösliche organische Gemeinschaft bilden, die erst durch ihr Zusammenwirken imstande ist, wirtschaftliche Werte zu gewinnen" (Klagges 1932, 59). Die Arbeit in der Volksgemeinschaft für das Gemeinwohl dient dem Existential Wert.

Man darf sich vom "Blut und Boden"-Mystizismus nicht täuschen lassen; aber er ist ein angemessener Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse; zwar in ideologischer Bearbeitung, aber er ist kein Ersatzbild für eine irgend anders geartete Realität. In seinem ideologischen Bild findet Realität sich verzerrt, übersetzt wieder. Der Mystizismus ist auch gar kein Widerspruch zu der 'Realitätstüchtigkeit' des Ideologems, - was in der sich an den großen Historikerstreit anschließenden Debatte um "Nationalsozialismus und Modernisierung"64 stets außen vor gelassen wurde. Wie immer die Kontrahenten dieser Debatte sich auch zu den Modernisierungsschüben des Nationalsozialismus stellten, wie auch immer sie sie betonten und das Gesamtbild resümierten: die Ideologie fällt als Atavismus heraus.

In den oben schon erwähnten "Feindanalysen" unterscheidet auch Herbert Marcuse zunächst zwischen einer sog. "pragmatischen Schicht" und einer sog. "mythologischen Schicht" (Marcuse 1998, 23f.). Die "pragmatische Schicht" steht für Anpassung (ebd., 27), Geschäftsgeist (ebd., 29), technische Rationalität (ebd., 32) und geschäftlichen Durchsetzungswillen (ebd., 44) - die "mythologische Schicht" für Irrationalität (ebd., 32) und Neuheidentum (ebd., 25f.). Marcuse stellt aber fest, dass beide gut zusammen gehen, gar zusammen gehören. Die "mythologische Schicht" dient ihrerseits dem Geschäft höchster Rationalität. Der Mystizismus der Seins-Religion von "Blut und Boden" dient der Liquidierung der klassischen Metaphysik (ebd., 33), der Zerstörung der mit ihr verknüpften universellen Gesetze (ebd., 34), der anti-christlichen Abwehr gegen alle transzendenten und transzendentalen Prinzipien der Moral (ebd., 25f.).

Hierbei muss eines klar sein: Ideologiekritik benennt, was unwahr ist. Aber sie benennt, schon gar nicht denunziert das Unwahre bloß. Sie weist Ideologie als notwendig falsches Bewusstsein nach, d.h. sie weist nicht mit nietzscheanischer Geste auf Heuchelei, Rationalisierung und Lüge hin [wie man es seit einiger Zeit in Filmen wie "Happiness", "American Beauty" oder "Magnolia" penetrant vorgeführt bekommt], um sie als 'Schein' - und das meint hier fälschlicherweise bloß Illusion - zu überführen und abzuschaffen, sondern zeigt deren Bedingtheit, ihren Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen auf, die derlei Vorstellungen hervorbringen und ihre Funktion, die sie für das gesellschaftliche Zusammenleben haben. In der faschistischen Weltanschauung ist der Ideologiekritik eine Konkurrenz erwachsen, die sich ungleich größerer Beliebtheit erfreut, weil sie soweit mitgeht, den Schein à la Nietzsche zu benennen, jedoch das Wesen dieses Scheins aus ebenso handfesten Interessen wie unbewusster Fehlleistung unberührt lässt. Sie leistet Kritik des Bestehenden, dessen Verdammung und theoretisch antizipierte Exekution.65 Sie ist so unaufgeklärt, dass sie meint, alles zu wissen: hinter allem schönen Schein der Natur lauere Tod und die Verwesung (vgl. Benn-Gedicht), hinter allen schönen Ideen stehe Geld, Macht und /oder Sex. [Vgl. die deutsche Comedy und besonders Harald Schmidt]

Hitler, "der wie kein anderer Bürger das Unwahre im Liberalismus durchschaute" (Adorno 1997, 135), macht der bürgerlichen Gesellschaft die Rechnung auf und behält ihre gesellschaftlichen Konstituentien bei. Den Theoretikern des Liberalismus galten die bürgerliche Welt als Ausdruck und geschichtlich zielstrebige Vollendung von Vernünftigkeit. Auf ihrem Scheitelpunkt (Kant, Hegel & Marx) kritisierte sie den status quo und zeigte die Vernunft, wie sie sich darstellt, als Unvernunft. Der Unwahrheit der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber aber wurde der Anspruch der Einlösung der unverwirklichten Vernunft festgehalten (Adorno & Horkheimer). Der Nationalsozialismus macht damit Schluss und setzt den Punkt, "wo die illusionierende Funktion der Ideologie in eine desillusionierende umschlägt: an die Stelle der Verklärung und Verdeckung tritt die offene Brutalität" (Marcuse 1965, 39). Er kritisiert die Welt, wie sie ist, weil nicht so ist, wie sie eigentlich sei - wohlgemerkt nicht, wie sie sein sollte. Hatte das bürgerliche Selbstverständnis durchaus Probleme mit dem Auseinander von Sein & Sollen, Anspruch & Wirklichkeit, verkannte es, dass auf seiner eigenen Grundlage Ideal & Realität sehr wohl zusammen gehören, dass bspw. der reale Schein der Gleichheit (in der Zirkulation) und die Ausbeutung (in der Produktion) zum gleichen gesellschaftlichen Grund gehören, ein Umstand, der auch durch alle 'zivilgesellschaftlichen Demokratisierungsbemühungen' nicht geändert werden kann, so lange man sich auf diesem Grund bewegt, - so betreibt der Nationalsozialismus einen konsequenten Abbau dieses Scheins, um Zustimmung aus dem drohenden Antlitz zu ziehen, mit dem die Subjekte sich bereitwillig identifizieren. Er tilgt den realen Schein und verwirklicht Gleichheit als Realisierung der repressiven Ungleichheit. "Die Horde [...] ist kein Rückfall in die alte Barbarei, sondern der Triumph der repressiven Egalität, die Entfaltung der Gleichheit des Rechts zum Unrecht durch die Gleichen" (Adorno/Horkheimer 1988, 18). Er zieht die Konsequenz und bevorzugt unmittelbaren Zwang; daher die Vorliebe für Stände-Modelle; daher das scheinbar paradoxe Schwärmen der Freikorps-Mitglieder für den sog. "Schützengraben-Sozialismus" des Ersten Weltkriegs: hier fand sich eine "Egalität des Bedrohtseins". "Äußerste Ungerechtigkeit wird zum Trugbild der Gerechtigkeit, die Entqualifizierung der Menschen zu dem ihrer Gleichheit" (Adorno 1997, 258).

Die Wahrheit über das Negative, das in dem Konzept von "Blut und Boden", von Volksgemeinschaft ausgeplaudert wird, das den Menschen widerfährt, gerät ihnen zum Schicksal, dem sie freudig sich unterzuordnen haben. Die Desillusionierung über den Status des einzelnen Menschen und der Vernunft, die seit Nietzsche, über fehlgegangene Psychoanalyse, heideggerschen Existenzialismus bis in die Natur- und Tierliebe unserer Tage immer wieder freudig-bitter und in nihilistischer Pose schallend ausposaunt wird, möchte nicht ernst machen mit dem bisher leider falschen Satz, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Dass er dies bislang nie war, wird nicht gesehen und stattdessen von ihm gefordert, er solle sich gefälligst endlich unterordnen, in seiner Geworfenheit den kosmischen Ruf der Wildnis oder des Seins-Hirten (d.h. des Führers) hören. "Die Wahrheit, die den Menschen aus dem Mittelpunkt der Schöpfung verjagt und ihn seiner Ohnmacht gemahnt, bekräftigt, als subjektive Verhaltensweise, das Gefühl der Ohnmacht, veranlasst die Menschen, mit ihr sich zu identifizieren, und verstärkt damit weiter den Bann der zweiten Natur" (Adorno GS 6, 75f.). Dass der Mensch nicht das Maß der Dinge ist, dass das Individuum weder maßlos noch überhaupt ist, dass die Egozentrizität verzweifelte Ideologie eines sich durch den selber angestoßenen ökonomischen Prozess Stück für Stück entmachtet sehenden Bürgertums ist, - das wird absichtsvoll übersehen; der Schein: das Individuum abgestoßen und sich der grauenvollen Wahrheit des gesellschaftlichen Grundes ausgeliefert, für den die Individuen ihre Haut in die Gerberei der Produktion (Marx) und die Waren zu Markte tragen.

"Daß Freiheit weithin Ideologie blieb; daß die Menschen ohnmächtig sind vorm System und nicht vermögen, aus ihrer Vernunft ihr Leben und das den Ganzen zu bestimmen; ja daß sie nicht mehr einmal den Gedanken daran denken können, ohne zusätzlich zu leiden, bannt ihre Auflehnung in die verkehrte Gestalt: lieber wollen sie hämisch das Schlechtere denn den Schein eines Besseren" (Adorno GS 6, 96).

Doch die Seinsverfallenheit des Nationalsozialismus, wie sie ihren adäquaten Ausdruck in der Philosophie Heideggers fand, ist kein Missverständnis, keine wütende Enttäuschung über die Vernunft. Sie ist losgelassene, besinnungslose Vernunft, die sich selbst abschaffen will, um sich vor sich selbst zu retten.66 Nicht weil sie fälschlicherweise für schuldig gehalten wird, sondern weil sie totaler Herrschaft im Wege steht, weil sie an die Möglichkeit eines besseren Zustandes gemahnt, darf sie nicht sein. Vom "Urgrund" ist sie ausgeschlossen. Vor die Autonomie der Vernunft werden Gegebenheiten gelagert, die normativ wirken, ohne normativen Charakter haben zu dürfen.67 Hier herrscht "Sein, reines Sein", wie Hegel zu Beginn der "Seins-Logik" spottete, "das unbestimmte Unmittelbare", welches "in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts" ist (Hegel Werke 5, 82f.). Diese "einfache Gleichheit mit sich selbst, vollkommene Leerheit, Bestimmungs- und Inhaltslosigkeit" (ebd., 83), dieser Mangel an Inhalt wird in besondere Tiefe umgedeutet.68

Der Nationalsozialismus tritt in dem historischen Moment auf, wo die bürgerliche Gesellschaft über sich selbst hinausweist, wo ihre Aufrechterhaltung durch sie selbst nicht mehr legitimiert werden kann, wo Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit Aufhebung ihrer selbst bedeuten würde. Der Nationalsozialismus legitimiert und vollzieht die Unterdrückung des möglichen Fortschritts durch Denunziation des Fortschritts, der bis zur Gegenwart geführt hat.69 Sein Kampf gegen "die Ideen von 1789" ist kein Kampf gegen die Entfesselung der "Marktgesellschaft" (Polanyi), sondern deren Besiegelung und verbissene Fortführung, - gegen das, was die bürgerliche Revolution als Versprechen mit sich trug und nun dieser Fortführung im Wege steht.


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  • Marxistische Kritik. Zeitschrift für revolutionäre Theorie und Politik. Hg.v. von der Initiative Marxistische Kritik (IMK). Erlangen: Verlag Marxistische Kritik
  • Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ). Hg.v. Hans Rothfels und Theodor Eschenburg. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt

Fußnoten

1 Vgl. Hitler 1936, 47f., 190, 353

2 vgl. Hitler 1936, 85

3 vgl. Darré 1934, 206; Klagges 1932, 4, 32

4 vgl. Reupke 1931, 36ff.

5 vgl. Feder 1932, 301f.; Frauendorfer 1932, 11; Klagges 1932, 102

6 vgl. Klagges 1932, 106

7 vgl. Memmi 1987, 72f.; Niedermüller 1995

8 vgl. Kühnl 1966, 3. 46 und 212

9 vgl. Hall 1980, 508f.

10 vgl. Materialien No.5, 8

11 vgl Scheit 1999, 50f. und 78/Fn 60

12 vgl. hierzu Bruhn 1994, 137f.

13 Vgl. v.a. Bruhn 1994, 77 - 110

14 zur Übersicht Baleanu 1995

15 zur Übersicht Schlör 1995

16 vgl. Darré 1934, 64; Hitler 1936, 288

17 vgl. Darré 1934, 63

18 vgl. Krieck 1920, 6

19 vgl. Darré 1934, 63

20 zur Übersicht Nordmann 1995

21 vgl. Krieck 1922, 58

22 vgl. Hitler 1936, 480

23 zur Übersicht Faber 1995

24 zur Übersicht Raphael 1995

25 vgl. zur Tradition der patriarchalisch 'antikapitalistschen' deutschen Wirtschaftstheorie Barkai 1988, 68 - 102

26 zur Übersicht Barkai 1995

27 vgl. Enderwitz 1998, 139

28 wie Wolfgang Fritz Haug in Anschluss an A. Silberner meint (vgl. Haug 1988, 235 und 245)

29 vgl. Haury 1992, 127f.

30 vgl. die Materialien in Peters 1980, sowie Pohrt 1984/Ig; Pohrt 1984/IIa; Pohrt 1986a; Pohrt 1989a; Pohrt 1989b

31 vgl. die Materialien in Peters 1980, sowie Pohrt 1982a; Pohrt 1982b; Pohrt 1982c; Pohrt 1982d; Pohrt 1984/I c; Pohrt 1984/Id; Pohrt 1984/Ie; Pohrt 1984/If; Pohrt 1984/IIc; Pohrt 1986a; Pohrt 1989a

32 Vgl. die Kapitel über den kritischen Konformismus in Sachen Geld und Kapital bei Proudhon und Gesell in Rakowitz 2000, sowie die Andeutungen bei Postone 1995, 42/Fn 6, sowie zum Gesamtzusammenhang von Anarchismus, insbesondere anarchistischem Individualismus und Faschismus die umfassende Studie Helms 1966.

33 vgl. Haury 1992, 138ff.

34 vgl. Geisel 1984a; Geisel 1984b; Geisel 1984c; Geisel 1992a; Geisel 1992b; Geisel 1992c; Geisel 1992d; Geisel 1992e; Haury 1992; ISF 1990 a; ISF 1990b; ISF 1990c; ISF 2000; Kloke 1990; Pohrt 1984/Ia; Pohrt 1984/Ib; Pohrt 1992, 33 - 150

35 vgl. Pohrt 1982b; Pohrt 1984/Ie;

36 vgl. Postone 1995 passim

37 vgl. Pohrt 1982b;

38 vgl. Fromm 1993, 87

39 vgl. insgesamt hierzu Postone 1995

40 vgl. Fromm 1993, 111ff.

41 vgl. Fromm 1993, 116ff.

42 vgl. Bruhn 1994, 137f.

43 vgl. Scheit 1999, 55ff., 59, 62f.

44 vgl. Feder 1932, 49ff.

45 vgl. Frauendorfer 1932, 19ff. und 22ff.

46 vgl. Hitler 1936, 675f.

47 vgl. Feder 1933, 22, 61; Reupke 1931, 48ff.

48 vgl. Stolleis 1974, 10f.

49 vgl. Bruhn 1982; Barkai 1988, 173ff.; Mason 1978, 147ff.; Schoenbaum 1999, 98ff.

50 vgl. Barkai 1988, 115f.; Schoenbaum 1999, 138ff.

51 vgl. bspw. Kurz/Lohoff 1989

52 vgl. Rotermundt 1980, 38

53 vgl. Nolte 1973, 27

54 vgl. Feder 1932, 316

55 vgl. Feder 1919, 18

56 vgl. Kühnl 1966, 210ff.

57 vgl. Marcuse 1965, 21ff., besonders 23

58 vgl. Hegel: Rechtsphilosophie , 41 - 51)

59 vgl. Barkai 1988, 138ff. und Schoenbaum 1999, 183ff.

60 vgl. Darré 1934, 21, 56, 187, 313

61 vgl. Krieck 1922, 89 und 95f.

62 vgl. Klagges 1932,

63 vgl. Marcuse 1998, 24

64 vgl. das eröffnende Standardwerk Prinz/Zitelmann 1994

65 vgl. Adorno 1997, 47ff.

66 bgl. Kracauer 1977, 85

67 vgl. Marcuse 1965, 27ff.

68 vg. Adorno GS 6, 84

69 vgl. Rotermundt 1980, 44f. und 76


Fabian Kettner, Volksgemeinschaft und Antisemitismus (Vorträge, Bochum 2000)
http://www.rote-ruhr-uni.org/texte/kettner_volksgemeinschaft_und_antisemitismus.shtml