Fabian Kettner
Georg Lukács' Theorie der Verdinglichung und die Verdinglichung der Theorie.
Die Theorie der Verdinglichung von Georg Lukács als eine Theorie von Ideologie stellt gegenüber dem ideologietheoretischen Fundus der marxistischen Tradition sicherlich einen Fortschritt dar. Dort galt Ideologie, mehr oder minder unverblümt ausgesprochen, letzten Endes als Resultat von Einschüchterung, Beeinflussung oder Manipulation, ausgeübt von den "Herrschenden" oder von niederen Zuarbeitern, die von diesen abhängig seien. Eine Clique von Verschworenen mit gemeinsamen Interessen (je nach Belieben: Gier nach Macht oder Geld) halte die Arbeiterklasse/die Subalternen, sei's durch die materielle Gewalt der Bajonette, sei's durch die ideelle, bewusstseinstrübende Gewalt der Täuschung und Verblendung, im Zaum.
Im ersten Falle müssten die gesellschaftlichen Verhältnisse von Macht und Ausbeutung klar zu Tage liegen: jeder wüsste Bescheid, worum es geht, die Herrschenden wie die Beherrschten, und nur die Übermacht staatlicher, bewaffneter Kräfte bewahrte die herrschende Klasse vor ihrem Untergang.
Im zweiten Falle bedienten "die Herrschenden" sich ungleich feinerer Mittel, die Ausgangslage wäre jedoch dieselbe: eigentlich liege die Wahrheit über die herrschenden Verhältnisse auf der Straße, die Herrschenden und die ihnen zur Verfügung stehenden "ideologischen Mächte" (Engels/Haug) oder "Apparate" (Althusser) wären nur so raffiniert, diese Wahrheit nicht als solche erscheinen, resp. die Subalternen sie nicht wahrnehmen zu lassen. Lug & Trug enthalte ihnen vor, dass sie ausgebeutet werden und mit Ideal und Ideologie würden sie von ihren handfesten, materiellen Interessen abgelenkt.
Solch eine Vorstellung von Ideologie ist letzten Endes auf eine "Priestertrugstheorie" (d'Holbach) zu reduzieren: es gebe die einen, die es wissen und die die Wahrheit hüten - und die anderen, die davon nichts wissen und aus böswilliger Täuschung nichts davon wissen können. Sieht man mal davon ab, dass hiermit eine ihrerseits ideologische Verschwörungstheorie vorliegt, wie sie von »Akte X« bis zum ausgereiften Antisemitismus bedient wird, dann handelt diese Ideologietheorie sich das Problem ein, zur Genese von Ideologie nichts sagen zu können - oder, besser: zur Genese von Ideologie nicht mehr sagen zu können als dass es jemanden gebe, der sich etwas ausgedacht habe. Woher dieses 'Ausdenken' kommt, in welchem Zusammenhang es zu den gesellschaftlichen Verhältnissen steht, wieso dieses Ausgedachte so überaus gut verfängt, das wird nicht erklärt.
Wie gesagt: dieser 'Erklärung' gegenüber stellt Lukács' Theorie der Verdinglichung einen Fortschritt dar. Lukács verlagert die Sicht auf die Subjekte/Objekte der Herrschaft selbst, auf den Ideologiebildungsprozess, der in ihnen vonstatten geht. Er besinnt sich auf die Genese von Ideologie, und er versucht, eine Erklärung dafür zu finden, wieso die Menschen im Kapitalismus meinen, die Verhältnisse seien so, wie sie sind, und darüberhinaus so auch noch richtig und unabänderlich, geschichts- und zukunftslos. Er versucht dies jenseits einer 'Erklärung', diese Sichtweise nütze den "Herrschenden" resp. stabilisiere die herrschenden Verhältnisse - was sicher richtig ist, aber erstmal keine Erklärung, sondern nur eine Beschreibung einer ideologischen Funktion. Lukács' Theorie der Verdinglichung leitet eine Verödung individuellen wie gesellschaftlichen Bewusstseins aus den allgemeinen Strukturprinzipien kapitalistischer Vergesellschaftung ab. Getäuscht wird das Bewusstsein auch hier, aber nicht bewusst und funktional von interessierter Seite (wenngleich zu deren Nutzen), sondern von den gesellschaftlichen Verhältnissen selbst, von der Art & Weise, wie diese erscheinen, wie diese sich darstellen. Ideologisch ist das Bewusstsein, welches sich innerhalb dieses Horizontes bewegt, welches die gesellschaftlichen Verhältnisse nach Maßgabe der bürgerlichen Gesellschaft korrekt abbildet (und damit kein Bewusstsein, "Bewusst-Sein" (Liebrucks), also bewusstes, bewusst gemachtes Sein, ist). Ideologie ist hier notwendig falsches Bewusstsein, weil es in einem unmittelbaren Zusammenhang zu seinem Grund steht.
So sehr Lukács ketzerte, auch er verblieb noch unter dem Bann der Orthodoxie, deutlicher als Karl Korsch, mit dessen Aufsatz »Marxismus und Philosophie« sein »Geschichte und Klassenbewusstsein« 1923 zeitgleich erschien. Beide Werke sind angetrieben von der Suche nach einer Erklärung, warum die Revolution von Seiten der Arbeiterklasse, die nach der Geschichtsphilosophie des offiziellen Marxismus doch eintreten müsste, ausbleibt, obwohl die Zeit und ihre Verhältnisse danach schrien.
Lukács' Orthodoxie liegt bspw. in der Emphase der Produktionssphäre und dem hiermit verbundenen Bezug auf die Arbeiterklasse als verbürgtes revolutionäres Subjekt. Das Weltbild eines Menschen bilde sich durch seine Praxis, resp. durch sein Verhältnis, in dem er zur 'materiellen Basis' stehe, so einer der Grundsätze des HistoMat. Unter "materieller Basis", unter "gesellschaftlichem Sein", das das Bewusstsein bestimme, wurde aber sehr bald nur noch "Arbeitsplatz" verstanden. Die Philosophen seien weit von der Arbeitswelt entfernt, deswegen fielen ihre Gedanken luftiger, abgehobener, abstrakter aus; das Proletariat aber sei mittendrin. In der Produktionssphäre konstituiere sich Weltsicht und Weltverständnis des Proletariats. Unter kapitalistischer Organisation aber sei dieser Arbeitsprozess feindliches Terrain. Zum einen werde dem Menschen seine Arbeit "als etwas Objektives, von ihm Unabhängiges, ihn durch menschenfremde Eigengesetzlichkeit Beherrschendes gegenübergestellt". Die "Tätigkeit des Menschen" und ihre Produkte würden "zur Ware" (Lukács). Zum anderen unterliege auch der Prozess zur Herstellung dieser Gegenstände einer qualitativ tiefgreifenden Veränderung. Unter Rekurs auf Marx, noch mehr aber auf Max Weber, beschreibt Lukács die Transformation der Arbeitsprozesse in der Industrie durch die Einführung des tayloristischen Systems. Der menschlich-individuelle Faktor werde in der Produktion immer stärker reduziert, indem der Arbeitsprozess "in stets wachsendem Maße in abstrakte rationelle Teiloperationen zerlegt wird" (Lukács). An dieser Stelle meint Lukács i.ü. die "abstrakte Arbeit" gefunden zu haben, womit er einem Missverständnis dieser Marxschen Kategorie aufsitzt, wie noch fast jeder Marxist. "Abstrakte Arbeit" ist nicht Arbeit am Fließband oder an der Maschine; "abstrakte Arbeit" ist reiner Reflexionsbegriff.
Diese Zurichtung des Arbeitsprozesses gilt Lukács quasi als Urbild einer gesamtgesellschaftlichen Rationalisierung, die also nicht auf die Produktionssphäre beschränkt bleibt. Nicht nur werde der Arbeitsprozess beständig zerrissen und zerlegt, auch die Gesellschaft fortschreitend fragmentiert, atomisiert. Die Einsicht in die Totalität, unter der Lukács das Zusammenwirken der Menschen versteht, werde auf diese Weise vom kapitalistischen Vergesellschaftungsmodus unterbunden. Was zerrissen auftritt, könne nicht als Totalität erkannt und verstanden werden. Von der Einsicht in die eigentliche Totalität hänge aber die Möglichkeit zur Veränderung ab. Lukács gibt mit seiner Theorie der Verdinglichung eine Erklärung, warum die Arbeiterklasse in ihrem Elend verharrt: das Bewusstsein ihrer empirischen Akteure sei verblendet von den Mechanismen kapitalistischer Vergesellschaftung. Diese verhinderten die Einsicht in die 'wirklichen Verhältnisse', in ihre Veränderbarkeit und in die besondere Rolle, die der Arbeiterklasse dabei zukomme. Der Kapitalismus weise die Raffinesse auf, aus sich heraus - als Bonusleistung - Opposition gegen ihn als aussichtslos bis unmöglich erscheinen zu lassen. Das Proletariat bleibt also das Objekt der Begierde des Theoretikers, auch bei Lukács. Und so wird dem Proletariat, gegen die Tendenz der eigenen Theorie, einen hermetisch geschlossenen Zusammenhang zu konstruieren, auch hier ein besonderer Standpunkt zugeschanzt. Es sei in der Lage, auf Grund seiner Stellung im gesamtgesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozess, die gesellschaftlichen Verhältnisse besser (und d.h. besser als die Bourgeoisie) und auf ihr 'wahres Sein' hin zu durchschauen. Grundsätzlich, aber nicht faktisch; und die Antwort auf die Frage wieso, die bleibt Lukács schuldig. Weil das Proletariat dies aber irgendwie trotzdem nicht hinbekomme, deswegen - und hier schlägt die Orthodoxie noch viel kräftiger zu - brauche es die Partei, um dem Proletariat das Bewusstsein beizubiegen, das ihm eigentlich, ontologisch, zukomme.
Trotz dieser Tradition - wieso sollte das Proletariat über einen privilegierten Erkenntnisstandpunkt verfügen?, ist der Ausgangspunkt überhaupt gerechtfertigt?,- und Fehler (abstrakte Arbeit) und trotz der zentralen Bedeutung, die sie in diesem Konzept haben, hat das Konzept der Verdinglichung geistesgeschichtlich im westlichen Marxismus eine enorme Wirkung entfaltet und galt obendrein als eine theoretische Bemühung zurück zu Marx. Und es sollten nicht die einzigen Unklarheiten und Fehler bleiben. Es bleibt deswegen die Frage zu stellen, ob nicht Lukács und in der Folge der westliche Marxismus darin der Orthodoxie verhaftet bleiben, dass sie Marx zwar offener handhaben, aber auch nicht richtig verstanden haben.
Die Theorie der Verdinglichung geht auf Totalität, d.h. sie zeigt, wie die Verdinglichung "alles" erfasst, sogar ins Private eindringt. Sie dient der Kultur- und Gesellschaftskritik, wie sie sich bspw. in Adornos »Minima Moralia« findet: an einer Fülle von Beispielen wird gezeigt, wie Bewusstsein, wie das Denken der Menschen verdinglicht wird/ist. Dies bedeutet vornehmlich, dass Prinzipien, wie man sie aus den sog. 'harten wirtschaftlichen Vorgängen' kennt (also Profit-/Gewinndenken, Berechnung, Rechenhaftigkeit, Rationalität im weitesten Sinne), vom Bewusstsein der Menschen aufgenommen, verinnerlicht und auch in Bereichen praktiziert werden, die eines unmittelbaren Bezugs zur Ökonomie zunächst entbehren. "Verdinglichung" meint hier, dass auch Menschen zum Ding werden, dass alles, Dinge wie Menschen Mittel zum Zweck werden, für einen Zweck, der sowohl außerhalb der Menschen liegt, wie er sie erhält: der Aufrechterhaltung des Kapitalverhältnisses. Indem Menschen sich selber als Ding betrachten, das zum Zwecke verbesserter Wertproduktion und -realisierung dem herrschenden gesellschaftlichen Prinzip angeglichen resp. für es optimiert werden müssen, verdinglichen sie sich selbst.
Verdinglichung ist hier also sowohl eine Sache des Bewusstseins wie der Praxis. Sie findet in bestimmten Bereichen statt, wird als Bewusstseinshaltung aufgenommen und in andere Bereiche mit hineingetragen. Sie ist aber auch vorhanden als objektive, unhinterfragte Form der Praxis: andere Menschen werden als Mittel benutzt. Sie ergibt sich aus den Imperativen und Rahmenbedingungen meines Handelns, ohne dass mein Denken erst verdinglicht sein müsste.
Dieses o.g. Verständnis von Verdinglichung erinnert an Marx' Verwendung des Begriffs der "Entfremdung" in den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten«. Hierbei fällt aber ein wichtiger, von Lukács betonter Aspekt heraus: der der Naturalisierung: gesellschaftliche, von Menschen hergestellte und darum auch von Menschen änderbare Verhältnisse werden als immer schon so gewesen und als unabänderlich wahr- und hingenommen. In diesem Zusammenhang wird die Theorie der Verdinglichung mit einer Theorie des Fetischismus vermengt. Lukács' Definition des "Phänomen[s] der Verdinglichung" resp. des "Problem[s] des Warenfetischismus" leistet dem Vorschub: "Das Wesen der Warenstruktur [...] beruht darauf, dass ein Verhältnis, eine Beziehung zwischen Personen den Charakter einer Dinghaftigkeit und auf diese Weise eine 'gespenstige Gegenständlichkeit' erhält, die in ihrer strengen, scheinbar völlig geschlossenen und rationellen Eigengesetzlichkeit jede Spur ihres Grundwesens, der Beziehung zwischen Menschen verdeckt." Diese Definition, die immer und immer wieder zitiert wird, ist ein umgeschriebenes Zitat aus dem Kapitel »Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis« aus dem Marxschen »Kapital«. Dieses Kapitel dient nun in der neueren Diskussion als Grundlegung einer "Erkenntnistheorie" oder auch "Ideologietheorie" (Rensmann). Marx beschreibe hier, wie grundlegende Abläufe oder Formgesetze des Warentauschs und wie die in ihm statthabenden Abstraktionen das Bewusstsein der mit diesen Tauschvorgängen befassten Menschen prägen oder beeinflussen. In der Theorie des Fetischismus also geht es ebenfalls um die Wirkung von gesellschaftlichen Kernstrukturen auf das Bewusstsein der mit ihnen verbändelten Menschen, um eine "Entsprechung der kapitalistischen Produktions-, Waren- und Tauschbeziehungen im Bewusstsein" (Rensmann). Nur ist hier der Begriff der "Warenstruktur", genauer, wörtlicher und enger gefasst. Die Grundlegung einer solchen Fetischismustheorie wird v.a. in den fortgeschrittenen aktuellen Debatten über Antisemitismus herangezogen. Bezugstext ist hierbei Moishe Postones Aufsatz »Nationalsozialismus und Antisemitismus«, der vergleichsweise bekannt ist und den ich deswegen als Beispiel heranziehen will.
Postone erfasst den Antisemitismus auf der Höhe der Zeit und der Theorie: er nimmt den spezifischen Gehalt der Ideologie des Antisemitismus ernst, lässt ihn weder in subjektivistischen noch objektivistischen Erklärungsmodellen verschwinden; er versucht, ihn analytisch mit der Marxschen Theorie zu erfassen, aber jenseits der marxistischen Tradition. Postone erkennt richtig die wesentlichen Momente des Antisemitismus, dessen "qualitative Besonderheit" (Postone) die ihn von anderen Formen von "Xenophobie" unterscheidet: "der Jude" gilt als die Verkörperung von Zersetzung & Umwälzung, von Liberalismus/Kapitalismus & Kommunismus/Bolschewismus, steht für die abstrakten Momente der Vergesellschaftung, für Abstraktheit, Künstlichkeit und Unnatürlichkeit überhaupt, v.a. trete er sichtbar an die gesellschaftliche Oberfläche als Verkörperung des "raffenden Kapitals". Dem gegenüber steht das arische Bild der Volksgemeinschaft von 'schaffendem Arbeiter und Unternehmer', die Versinnbildlichung des Ehrlichen, Handfesten, Natürlichen, Konkreten, Wahren, Eigentlichen, Urwüchsig-Verwachsenen. Diese Gegenüberstellung ist der zentrale Punkt der Argumentation Postones.
Die Erklärung des Antisemitismus verläuft in zwei Bahnen:
- Zum einen auf eine eher deskriptive Weise. Den Juden werden die "Charakteristika der Wertdimension" (ebd., 34) zugeschrieben. Sie seien 'abstrakt', 'abgehoben', überall, transnational; v.a. stehen sie für das sog. "raffende Kapital", welches im nationalsozialistischen Antisemitismus sauber und praktisch unmöglich vom sog. "schaffenden Kapital" getrennt wird. Diese Antinomie sei nicht nur hierauf beschränkt, sondern finde sich im Grunde wieder in allen Anschauungen, wo ein ehrwürdig Konkretes gegen ein verdammenswert Abstraktes, - ein 'Natürliches' gegen ein 'Unnatürliches' - ausgespielt wird.
- Zum anderen bemerkt man, mit der Kenntnis der Marxschen Wertformanalyse im Hinterkopf, an dieser Stelle eine frappierende Ähnlichkeit: die gleiche Zwieschlächtigkeit von "raffendem" vs. "schaffendem" Kapital findet sich auch in der Wertantinomie, d.h. in der dialektischen Einheit der Ware von Gebrauchswert und Tauschwert/Wert. Auch auf dieser Ebene zieht das Alltagsbewusstsein die Ware in 'guten Gebrauchswert' und 'bösen Tauschwert', verkörpert im das die Waren angeblich äußerlich okkupierenden Geld, auseinander. Diese Haltung und die ihr zugrundeliegende Wahrnehmungsweise nun, so Postone, sei dem Fetischcharakter der Ware/des Geldes/des Kapitals geschuldet. Durch Verkehrungen, die Resultat gesellschaftlicher Praxis sind, erscheine 'Gesellschaftliches' als 'Natürliches'. Kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen treten nicht als solche in Erscheinung und stellen sich zudem als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem dar. Hier liege der Springpunkt für den Effekt von Naturalisierung und Ent-Historisierung. "Weil [m.Hv.] beide Seiten [...] vergegenständlicht sind, erscheint jede als quasi-natürlich. [...] Die Struktur entfremdeter gesellschaftlicher Beziehung, die dem Kapitalismus eigen ist, hat die Form einer quasi-natürlichen Antinomie, in der Gesellschaftliches und Historisches nicht mehr erscheinen" (Postone). Wie aber kommt man von einem zum anderen?
Der Doppelcharakter der Ware von Gebrauchswert & Tauschwert wie der des Kapitals von "schaffend" & "raffend" sei laut Postone nicht bloß Analogie, sondern das erste auch Erklärung für das zweite. Der Doppelcharakter der Ware strahle aus, schlage sich nieder, die Antinomie "wiederholt sich im Gegensatz von positivistischer und romantischer Denkweisen." Aus dem "Kapitalfetisch" ergäben sich bestimmte "Wahrnehmungsweisen von Kapital" (Postone).
Entfernt man sich nur einen Schritt weiter von Postone, dann geht es noch schneller, geschieht die Wirkungserklärung umso umstandsloser. Marx beschreibt in der Wertformanalyse, dass die gesellschaftlichen Eigenschaften, die das Ding hat, das als Geld fungiert, als dessen natürliche Eigenschaften gelten. "Der Wert scheint den Waren und dem Geld von Natur aus anzuhaften"; "die Eigenschaft, den Wert aller anderen Waren ausdrücken zu können, die Funktion, als allgemeines Äquivalent zu dienen, scheint die natürliche Eigenschaft der zum Geld gewordenen Ware zu sein" (Grigat, Diss.). Und ebenso ergehe es den im Rassismus und im Antisemitismus diskriminierten Gruppen: das, was ihnen als Schicksal von den Kolonialherren und ihren Verfolgern als Verhalten und Lebenumstände auferlegt oder auch nur zugeschrieben wurde, das gilt als ihre natürliche Eigenschaft. - Aber wie gesagt: in diesen Erklärungsmodellen wird aus dieser zunächst bloßen Analogie unter Berufung auf Marx und mit den Ungenauigkeiten bis Verwirrungen des westlichen Marxismus in Sachen Verdinglichung und Fetischismus eine kausale Erklärung gemacht.
Es ist ein fester Topos bei 'der Wertkritik', dass das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware Resultate über Auswirkungen der Waren-/Wertform auf das Bewusstsein und/oder die Wahrnehmung präsentiere. "Marx' Begriff des Fetisch" bilde "die Grundlage einer historischen Erkenntnistheorie" (Postone 1995, 33). Es stellt sich hierbei aber niemand die Frage, was so etwas eigentlich an dieser Stelle in einer Kritik der politischen Ökonomie soll, wieso Marx das getan haben sollte. Die Darstellung ist bei Marx sicher verfahren genug und wurde mehrmals, teilweise gravierend, umgeändert - aber was sollte die fragmentarische Begründung einer Erkenntnistheorie, wahlweise Erkenntniskritik, an dieser Stelle, an einem Ort in einem Werk, wo die Darstellungsgliederung noch von Marx selber autorisiert vorliegt und enorm straff geschnürt ist.
'Die Wertkritik' hat von der 'neuen Marx-Lektüre' im Gefolge von Backhaus, Reichelt et al. gelernt, dass die Darstellung der Wertformanalyse eine "Kritik prämonetärer Werttheorien" sei. Aber was das genau heißt, sowenig wie das, was die Bedeutung des Darstellungsganges in der Kritik der politischen Ökonomie ist, darüber wird sich erstaunlich wenig der Kopf zerbrochen.
"Kritik prämonetärer Werttheorien" heißt: eine Kritik an Werttheorien, die von der Existenz von Wert und Waren vor und ohne Geld ausgehen. Ist es richtig, dass die Wertformanalyse eine solche ist, dann bedeutet dies, dass Marx in den Abschnitten über die verschiedenen Wertformen Modelle kritisiert, die von der Möglichkeit einer prävaloren Ware ausgehen. Dies ist das (eine) Ergebnis von Backhaus' Studien. Die "einfache Wertform" bspw. findet sich in dem Tauschmodell von Ursammler und Urjäger bei David Ricardo, wo die beiden Beteiligten aus dem Nichts angeblich auf die in ihren Angeboten enthaltenen Arbeitsmengenquanten reflektieren. Ricardo also sieht in allen geschichtlich früheren Stufen immer nur die Verfahrensweise der bürgerlichen Gesellschaft. Dies ist die eine mögliche Verständnisart von Kritik des bürgerlichen Fetischismus: es hat im Grunde keine Geschichte gegeben, immer nur gesellschaftliche und individuelle Verkehrsweisen nach bürgerlich-kapitalistischer Art, - und wenn es doch eine gegeben hat (wer sollte das leugnen können?), dann führte sie geradenwegs zur bürgerlichen Gesellschaft, die als Vollendung der vor ihr liegenden Geschichte erscheint. Will die bürgerliche Gesellschaft sich selbst erklären, setzt sie sich schon immer voraus; insofern ist sie oder ihre Theorie geschichtslos, also verdinglicht.
Wenn dem also so ist, wenn der Fortgang der Darstellung im »Kapital« ein Fortschreiten von einer falschen Sicht zur nächsten ist, bei dem eine jede kritisch liquidiert wird, dann ist die Warenstruktur, ist die "einfache Wertform" oder irgendeine andere nicht etwas irgendwie/-wo 'Vorkommendes', Gegebenes, das irgend auf das Bewusstsein wirken, deren Fetischismus das Denken irgend beeinflussen könnte. Sie 'existieren' nicht, sondern sind nur Phasen in einer fortschreitenden Darstellung. Der Fetischismus besteht dann nicht in der einfachen Wertform als intersubjektive Tauschpraxis, sondern in der Theorie der klassischen politischen Ökonomie, die von der Existenz einer einfachen Wertform ausgeht und in imaginierter prähistorischer Szenerie bereits den homo oeconomicus handeln lässt, dessen Voraussetzung: die bürgerliche Gesellschaft, sie damit gerade erst erklären wollte.
Das Problem liegt also auf der Hand: es gibt ideologische Sichtweisen, die alles mögliche in der Welt als 'nunmal so seiend', als schon immer so gegeben und als unabänderlich erklären. "Die Menschen sind nunmal so", dieser resignative Satz, der sich als gerissener Realismus verkauft, die Erklärung von allem möglichem als "natürlich" ist Alltagsideologie, der berühmte gesunde Menschenverstand, vor dem einen schaudern sollte. Die lähmende Kraft der bürgerlichen Gesellschaft, wie sich bspw. in Walter Benjamins »Passagenwerk« eindrucksvoll glossiert findet, das trotzige sich Verschanzen im schlechten Gegebenen, ist der große Gegner der Ideologiekritik, ist das Phänomen, an dem sie ihre Mittel zu schärfen, das sie zu erklären und aufzulösen hat. Eine Ideologiekritik jedoch, die sich ihren eigenen Jargon von "Ware", "Wert", "Verdinglichung" und "Fetischismus" bastelt und dabei aus einer Tradition schöpft, die äußerst wichtig war und ist, aber im Detail eben auch sehr wackelig (und auf einige Details habe ich hier wenigstens hingewiesen) - eine solche Ideologiekritik wird nicht sehr weit kommen, sobald sie sich ihren eigenen Grundlagen stellen muss.
http://www.rote-ruhr-uni.org/texte/kettner_verdinglichung.shtml