Günther Jacob

Self-Fullfilling Prophecy

Popmoderne Politik, Retro-Moden und radikale Linke

Dieser Beitrag möchte den vielen Besprechungen des Buches "Die Offenbarung der Propheten" Thomas Ebermann und Rainer Trampert (E/T) keine weitere hinzufügen. Indem er auch von Codierungen und Images spricht, bezieht er sich auf andere Weise auf dieses Buch und seine bisherige Rezeption. Dieser Beitrag ist vor allem eine Polemik, deren Ausgangspunkt die Irritation darüber ist, daß ein linkes Buch, das ich für schrecklich schlecht halte, im etablierten Feuilleton wie auch in der Restlinken gleichermaßen positiv rezipiert wurde.

Meine These ist, daß die freundliche Aufnahme des Buches mit dem, was in einer bestimmten Tradition als "Inhalt" verstanden wird, alleine nicht zu erklären ist. Wenn dem so wäre, müßten auch gebundene Flugblattsammlungen linker Aktivistengruppen oder ein Nachdruck des letzten Jahrgangs der Zeitschrift "Bahamas" zu kleinen Bestsellern in Universitäts- und Szenebuchhandlungen werden können.

In Buchbesprechungen wird normalerweise so getan, als habe man sich an den "puren Text" gehalten und sich von Kon-Texten und Images nicht weiter beeindrucken lassen. Die ideale Buchbesprechung gibt vor, über Autoren und ihre Situierung im sozialen Raum nichts zu wissen bzw. davon bewußt abgesehen zu haben. "Text", "Ausdruck" und "Bedeutung" werden auf diese Weise als unproblematische Begriffe gehandhabt. Indem man die symbolischen Codierungen sowie die scheinbar zufälligen Momente der psychosozialen "Kundgabe", die in jedem "Text" enthalten sind, von einer denkerisch zu erfassenden "idealen Bedeutung" ablöst, konstruiert man die letztere als "rein" und kontextunabhängig. Nach dieser Lesart gibt es weder einen blinden Fleck - den Punkt, von dem aus "der Autor" sieht und den er gerade deshalb selbst nicht sehen kann - , noch ein Problem des Verstehens. Verschriftliche Sprache erscheint dann als transparentes Medium vorgängiger Gedanken, statt als Markierung, die vom Urheber und dessen Intentionen abgelöst werden kann. Damit wird schließlich auch bestritten, daß Texte immer schon codiert sind und daß wir diese Codes ganz selbstverständlich "mitlesen".

Weil alle mir vorliegenden Besprechungen den Anspruch erheben, nur vom "Inhalt" des E/T-Buches zu handeln, gelingt es ihnen nicht, seine Position deutlich zu machen. Die Regel ist, daß lediglich aufgezählt wird, welche Themen in "Die Offenbarung der Propheten" angesprochen werden. Auf detaillierte Kommentare läßt sich dabei kaum jemand ein. Statt dessen finden sich häufige Hinweise auf die politische Biographie der Autoren, sowie auf ihren Humor und ihren Stil. Die 'ZEIT' spricht von einer "knappen, anschaulich geschriebene Studie", die "nirgendwo schlecht gelaunt geschrieben ist", der 'Freitag' von "radikaler Unterhaltung" und einem "vor allem schönen Buch", der 'Rolling Stone' betont, daß hier, bei aller Kritik, "nichts in Melancholie versinkt" und die 'Taz' meint: "Ebermann, der sich Kommunist nennt, ist nie um einen guten Spruch verlegen."  


Auffallend ist, daß außer Heiner Möller, der das Buch für 'Konkret' besprochen hat, niemand behauptet, "die Kritik der politischen Ökonomie" stehe hier "im Mittelpunkt" und das Interessanteste an dem Buch sei seine Analyse der "allmählich sinkenden Profitraten der letzten 20 Jahre". Georg Fülberth kommt im 'Freitag' sogar zu einem ganz entgegengesetzten Urteil: Das Thema des Buches ist seiner Meinung nach "nicht, wie die Verfasser wohl manchmal selbst annehmen, der Kapitalismus, sondern der von ihnen begründet verabscheute Zeitgeist". Das scheint nicht nur Fülberth erkannt zu haben. Daß den Autoren einen Freundschaftsdienst erweist, wer die "ersten beiden Kapitel, die sich angeblich mit Ökonomie beschäftigen", ignoriert, scheint, wenn auch von unterschiedlichen Positionen aus, allgemeine Überzeugung zu sein: Die meisten Rezensionen beginnen erst auf Seite 109; niemand interessiert sich ernsthaft für das, was E/T über Aufstieg und Fall der Profitrate zu erzählen haben. Das größere Interesse gilt den vergnüglicheren Abschnitten, in denen es um den FC St.Pauli oder Gameshows geht, also um all das, was die Autoren den alten Gebräuchen gemäß (und unter beifälligem Nicken der bodenständigen 'Frankfurter Rundschau") einem "Überbau" zuschlagen.  

Dafür, daß man die "Ökonomiekapitel" wirklich überblättern kann, ohne Gefahr zu laufen, das Folgende nicht mehr zu verstehen, haben die Autoren Sorge getragen. Obwohl sie einen derart rigorosen Determinismus propagieren, daß man, würde man ihrer Logik folgen, auch sagen könnte: "Der Kapitalismus hat das Buch 'Die Offenbarung der Propheten' veröffentlicht", fällt hier alles auseinander. Was als Determinismus auftritt, ist in Wirklichkeit nur eine Strategie der Simplifizierung. Die Ableitungsrhetorik kann die collagenhafte Anordnung des Materials nicht verbergen. Doch das ist mehr als nur methodische Unbeholfenheit. Über den politischen Nutzen ihres deskriptiven Verfahrens geben die Autoren freimütig Auskunft. In einem Interview mit der 'jungen Welt' (1.11.95) erläutern sie am Beispiel ihres 1984 unter dem prophetischen (!) Titel "Die Zukunft der Grünen. Ein realistisches Konzept für eine radikale Partei" erschienenen ersten Buches, wie man politisch beweglich bleibt: "Bei dem alten Buch ist es so, daß man alle Teile noch mit Gewinn lesen kann - außer die, die sich mit der Partei beschäftigen." Mit anderen Worten: Die apokalyptischen und "kulturpessimistischen" Szenarien, die damals die Notwendigkeit einer Mitgliedschaft bei den Grünen "veranschaulichen" sollten, waren nur "Beispiele", die sich in den Dienst beliebiger politischer Strategien stellen lassen. Sie sind an das, was sie "zeigen" sollen, überhaupt nicht gebunden, weil sie einen schon vorher fertigen "Standpunkt" nur illustrieren sollen und niemals das Material waren, aus dem die Analyse erst entwickelt werden sollte.

Wenn ich mich nicht täusche, liegt hier eine erste Erklärung dafür, daß bei Medien wie 'NDR' 'ZEIT', 'FR', 'Woche', 'TAZ', 'Freitag', 'Rolling Stone', 'Spex' etc. nicht der Verdacht aufkommt, sie hätten es hier mit einem unversöhnlich linksradikalen Titel zu tun: Die zusammenhangslose Präsentation diverser Urteile nötigt niemand eine Kapitalismuskritik auf, und das wird honoriert: Im Unterschied etwa zu dem "K-Gruppen-Theoretiker Robert Kurz" ('ZEIT'), ist bei E/T "von reiner Lehre, etwa marxistisch-leninistischer Doktrin, wenig zu finden" ('Woche').

Die abgrenzende Bemerkung gegen Kurz, der hier stellvertretend für alle "Dogmatiker der Marxschen Werttheorie" steht, hat nicht nur damit zu tun, daß ihm in dem Buch ein längerer Abschnitt gewidmet ist. Sie spricht auch einen "Stilunterschied" an: Während Kurz sein Publikum immerhin mit den Marxschen Begriffen traktiert und diese bei ihm als komplex und schwer verständlich erscheinen, sind E/T darauf bedacht, diesen Kategorien eine alltagssprachliche Dimension zu geben und sie so als problemlos erscheinen zu lassen. Die Auseinandersetzung mit ihren Ausführungen über "Kapitalentwertung" und "Korrekturen der organischen Zusammensetzung des Kapitals" kommt gerade deshalb nicht zustande, weil sie vor allem aus Pressemeldungen über die Lage der deutschen Polstermöbelindustrie bestehen. Das ist rasch überblättert und hinterläßt dennoch bei Leuten, die es so genau gar nicht wissen wollen, den Eindruck, alles schon zu wissen und mit den Autoren einer Meinung zu sein1.

Die Profitrate

Ich möchte zudem behaupten, daß "Die Offenbarung der Propheten" auch eine gute Presse hat, weil das Buch "dem Kapital" vor allem "Verwertungschwierigkeiten", also ein strukturelles Nichtfunktionieren bzw. ein Gleichgewichtsproblem vorwirft und sich zur Produktion des Mehrwertes nicht näher äußert. Es arbeitet mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Profitbegriff, der die Gesamtheit der Austauschverhältnisse auf bloße Marktbeziehungen reduziert.

Daß einer Redakteurin der 'Woche', wenn sie sich zu diesem Buch äußert, der Unterschied zwischen der Marxschen Definition der Profitrate  - eine Kategorie, die den Ursprung des Mehrwerts verdunkelt - und der VWL-Version, völlig gleichgültig ist, kann nicht verwundern. Daß man sich aber auch in der heutigen  Restlinken, die ohnehin schon davon geprägt ist, daß die ihr Zugehörigen selten aus jenen Gruppierungen kommen, in denen die "blauen Bände" wirklich gelesen wurden, mit solchen apologetischen Begriffen wie "Wertschöpfung" zufriedenstellen läßt, ist doch bedauerlich. Um "politisch" weitermachen zu können, reicht vielen offensichtlich der Eindruck, daß es um die Profitrate viel Ärger gibt: "Besonders solide (sic!) kann dieser Casino-Kapitalismus wohl nicht sein" (Besprechung in der 'jungen Welt' vom 12.3.96). Ob sie sich mit Kurz auf den Standpunkt stellen, daß das, was sie für die Profitrate halten, ziemlich steil abstürzt oder mit E/T, daß die "Rate" sich wieder aufgrund neuer kapitalistischer Gemeinheiten halbwegs gefangen hat, ist eine Frage des Geschmacks. Oder besser gesagt, davon abhängig, mit welchen politischen Positionen die eine oder andere Behauptung einhergeht. Die politischen Orientierungen stehen in linken Gruppenzusammenhängen immer am Anfang. Jede halbwegs dazu passende "Theorie" ist willkommen, wenn sie der Sache - in diesem Fall der antinationalen - mehr Autorität verleiht. 

Deswegen hat sich bisher auch noch kein/e Rezensent/in an Sätzen wie diesen gestört: "Seit etwa zwei Jahrzehnten deutete sich in den Metropolen das allmähliche Sinken der Profitrate an - in sinkenden Wachstumsraten..." (24). "Der tendenzielle Fall der Profitrate macht es aber immer schwerer, die angesammelten Staatsdefizite (?) zu finanzieren..." (47). "Wenn das Wachstum aufgrund einer gesunkenen Profitrate stagniert... muß etwas geschehen." (47). "Die Wiederherstellung einer für die Investitionsbereitschaft ausreichend (?) hohen Profitrate verlangt in der Krise eine Umkehrung der kapitalismuswidrigen (?) Tendenzen" (47).

Wer nicht nur "Lohn, Preis & Profit" gelesen und wer seine Zeit nicht in deutschen Rathäusern und Parlamenten verbummelt hat, wird sofort bemerken, daß E/T die einfache Profitrate p'= m/C (die eine Unterscheidung zwischen variablen und konstantem Kapital bereits unmöglich macht), mit der allgemeinen Profitrate, die durch die Wirkung der Konkurrenz als Durchschnitt der einzelnen Profitraten entsteht, verwechseln. Das müssen sie auch, weil sie sich, wahrscheinlich ohne es zu wissen, in die Tradition einer Linken (Sost, Prokla, Memorandum etc.) stellen, die schon in den 70er Jahren versuchte, in der bürgerlichen Statistik die Entsprechungen zu den Marxschen Kategorien zu finden. Wie damals, so hat man auch heute das Gefühl, daß Marx beim Publikum irgendwie unglaubwürdig wirkt, wenn es nicht gelingt, seine Äußerungen über den tendenziellen Fall der allgemeinen Profitrate zu "veranschaulichen". Während die einfache Profitrate in den Firmenbilanzen auftaucht, läßt sich die allgemeine Profitrate jedoch dummerweise in den von E/T konsumierten Zeitungen nicht finden: Sie existiert nur als Tendenz, als Ausgleichsbewegung; empirisch ist sie nicht faßbar.

Woher also wollen E/T wissen, daß ihre Profitrate "seit etwa zwei Jahrzehnten" sinkt? Weil sie glauben, in der VWL-Kategorie "Wachstum" etwas gefunden zu haben, was der von Marx erwähnten Rate irgendwie "quantitativ" entspricht. Daher der Hinweis auf das "sinkende Wachstum", der besonders unglücklich gewählt ist, weil der Profit, den sie meinen, auch bei sinkendem Wachstum steigen kann. Für E/T ist "Wachstum" ein Indikator der Profitrate, also ein beweiskräftiges Ersatzding, das als Hinweis auf das gesellschaftliche Verhältnis gelten soll, das Marx "allgemeine Profitrate" nennt. Um das Unsichtbare sichtbar zu machen, greifen sie auf verdinglichende Begriffe zurück, die durch die Verbindung von VWL und Revisionismus in den 70er Jahren in verschiedene linke Schriften eingegangen sind: "Kapitalrentabilität", "Grenzprofitabilität", "Verzinsung", "Wertschöpfung", "Volkseinkommen" etc. Im Unterschied zu den damaligen Linken, die noch einen gewissen Anspruch hatten, verzichten E/T gleich ganz darauf, diese Begriffe einzuführen und ihre zwielichtige Herkunft zu erläutern. Auch eine Definition von "Profitrate" wird man in diesem Buch vergeblich suchen. Das schmälert allerdings nicht die unverbrüchliche Gewißheit, daß sie normalerweise "ausreichend hoch" sein sollte (sagt angeblich auch Mattick) und daß sie "seit etwa zwei Jahrzehnten" fällt. Wer will da noch so kleinlich sein und danach fragen, worin denn die Analogie von "Wachstum" und "Profitrate" bestehen soll? Oder auch: Warum Marx den Fall der Profirate theoretisch (!) begründet und ihn mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise beginnen läßt, also nicht erst 1976? Zur Verteidigung von Paul Mattick sei noch bemerkt, daß E/T sich zu Unrecht auf ihn berufen. In seiner 1973 erschienenen Kritik an der deutschen Ausgabe von Joseph M. Gillmans Buch "Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate" hat er sich sehr schön über Gillmans Versuch lustig gemacht, Marx Theorie anhand von Statistiken über Marktvorgänge  "empirisch testen" und "quantifizieren" zu wollen.

E/T sind bei ihrem Philosophieren über das "Wachstum" auf Marx - den sie, wie ihre der 'Taz' entnommenen Baudrillard-Zitate ahnen lassen, wahrscheinlich nach alten 'ak'-Ausgaben zitieren - überhaupt nicht angewiesen. Ich will damit nicht sagen, daß nur ein Rederecht haben sollte, wer das "Kapital" gelesen hat, wohl aber, daß diesen Text kennen sollte, wer beansprucht, im Namen der dort entwickelten Kritik zu sprechen. Bei E/T aber, die sich auf Marx ausdrücklich berufen, ist "Profitrate" nur eine kundenfreundliche Metapher für "Zuspitzung der Widersprüche" oder "Die Geschichte ist auf unserer Seite" oder für eine "Tendenz", deren Richtung sie immer schon vorab entlang ihrer jeweiligen politischen Präferenzen festgelegt hatten. Selbst, wenn sie sagen, im Kapitalismus drehe sich alles um den Profit, so darf man sicher sein, daß sie damit mehr an den Alltagssinn dieses Begriffes (Geldgier, Egoismus, Werteverfall) denken. Die Differenz zwischen Wert und Kostpreis, die es z.B. ermöglicht, Waren mit Profit unter ihrem Wert zu verkaufen und die die Grundlage der kapitalistischen Konkurrenz bildet, taucht bei ihnen niemals auf. Dafür aber das "Volkseinkommen", das in der Statistik dem "Nettosozialprodukt zu Faktorkosten" gleichgesetzt wird, wodurch, zusammen mit den Abschreibungen, der Wert der abgenutzten und ersetzten Produktionsmittel verschwindet und somit bestimmte produktive Arbeit unsichtbar gemacht wird. So geht bürgerliche Ökonomie.

Der "Ökonomie-Teil" dieses Buches ist ein kompletter Unsinn, den man einfach ignorieren könnte, wenn er einem nicht so penetrant aufgedrängt würde. Erst der Umstand, daß auch keine einzige linke Rezension sich bisher daran gestört hat, nötigt einen, zur Kenntnis zu nehmen, daß man sich 1996 mit einer antinationalen Orientierung in einem politischen Rahmen bewegt, in dem Positionen, die vor über zwei Jahrzehnten schon abschließend kritisiert wurden, mit einem geradezu Proll-Talkshow-mäßigen Selbstbewußtsein und in behäbiger Verkennung der Defizite, die 25 Jahre bündnispolitischer Aktionismus hinterlassen haben, wieder diskussionswürdig werden können. Nicht weniger unangenehm ist, daß diese "politisch-ökonomischen Dia- und Prognosen" ('FR') wochenlang von etablierten Medien unbesehen zum Konsum empfohlen werden, und daß das auch Linken imponiert, denen klar sein könnte, daß diese Medien selbstverständlich "orthodoxen" Repliken kein Forum bieten werden. Die linke Kritik an E/T wird nur in radikalen Kleinstzeitungen zu lesen sein.

Stop Making Sense

Trotz ihrer - durch gelegentliche Zitate demonstrierten - Inanspruchnahme von Adorno, arbeiten E/T mit dem von Adorno nachdrücklich kritisierten Ursprungsdenken, das in diesem Buch zudem mit dem im Journalismus üblichen positivistisch-deduktionistischen Stil einhergeht. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Autoren positiv auf 'Stern'- oder 'FR'-Artikel beziehen, ist wirklich verblüffend. Aber in der hyper-empiristischen Aneinanderreihung vereinzelter, nicht aufeinanderbezogener "Fakten", können sich offensichtlich viele Rezensenten wiedererkennen. Allein die ersten 23 Seiten dieses Buches bestehen hauptsächlich aus 23 Zitaten aus 'FR', 'SZ', 'Wirtschaftwoche', 'Focus', 'Tango' und 'ZEIT'. Es kommen u.a. zu Wort: ein Ex-BMW-Chef, ein Ex-VW-Chef, ein Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, ein ehemaliger und ein amtierender Chef des BDI, ein US-Präsident, der Herausgeber der Wirtschaftwoche, Kanzler Kohl, Altkanzler Schmidt, Lothar Späth, Heide Simonis, DGB-Chef Schulte. Zitiert werden sie mit Aussagen wie: "Europa wird im 21. Jh. wieder zum wirtschaftlichen und geistigen Zentrum der Welt". "Osteuropa wird jetzt aufgeteilt; wer nicht dabei ist, verliert". "Deutschstämmige aus Osteuropa sind hochmotivierte Leute". "Für die Kosten eines deutschen Arbeiters bekommt man 70 Russen". "Wir wollen die Zukunft der Welt für die nächsten 100 Jahre gestalten". "Die Bundeswehr verteidigt deutsche Interessen". "Wir sollten alle wieder mehr schwitzen".

Im 'Rolling Stone' nennt man das "materialreich", in der 'jungen Welt' "materialistisch" und in der 'Zeit' "aufschlußreiches  Material." Dabei ist diese Auflistung nur aufschlußreich hinsichtlich der Autoren. Sie wollen uns auf diesem Weg zeigen, daß der Zweck der ergangenen Reden darin bestand, die Arbeitsproduktivität in Deutschland zu erhöhen. Der Abschnitt endet daher - man ahnt es bereits - mit dem lapidaren Kommentar: "Soweit die Tatsachen".

E/T verstehen ihre Zeitschriftenausbeute nicht etwa als Basis für eine Analyse - was schon fragwürdig genug wäre - ; für sie ist die Analyse mit den "vielen Zitaten" schon beendet. Das anschließenden Kapitel beginnt mit den Worten: "Offenkundig war der Kapitalismus ... da angekommen, wohin ihn seine Akkumulation immer wieder treibt". All das, so glauben die Autoren, hätte ihre Zettelsammlung "offenkundig" gezeigt. Die Reden von Politikern und BDI-Chefs gelten ihnen wahlweise als authentische und repräsentative Infos über deren "Interessen" (meistens), oder als deren "ideologische" Verbrämung (an zwei Stellen werden Zitate als "Propaganda" bezeichnet werden: "Der Zweck der Lüge war leicht zu durchschauen. Die Menschen sollten die Wahrheit nicht erkennen..."). Und darin folgen ihnen auch alle Besprechungen, was dann - zumal, wenn die zitierten Zitate abermals zu Beweiszwecken zitiert werden - einen interessanten self-fulfilling prophecy-Effekt ergibt: "Ebermann/Trampert erläutern, wie sich der Kapitalismus saniert: 'Wir müssen die Krise jetzt nützen...' zitieren sie den Präsidenten des BDI... Die Autoren belegen ihre Aussagen mit vielen Zitaten." (Baumann/Landgraf in der 'jungen Welt'). Fragen nach Sinnproduktion, Kontexten und Bedeutungshorizonten werden nicht aufgeworfen; statt dessen konstruiert man Wirklichkeit auf der Basis der Vorstellung rationaler Kommunikation. Da die Autoren nicht über einen Diskursbegriff verfügen, erkennen sie auch nicht die kulturalistische Konstruktion in dem Satz: "Deutschstämmige aus Osteuropa sind hochmotivierte Leute".

Die Überzeugung, Marx habe alle gesellschaftlichen Phänomene  metaphysisch auf einen Ursprung bzw. auf eine einzige Logik reduziert, zieht seit jeher die Denkfaulen an, die die Modellbildung der Marxschen strukturalen Analyse mit Strukturdeterminismus und Substantialismus verwechseln.

In den wirklichen Verhältnissen können die Autoren nur die Fleischwerdung eines ewig gleichen Kapitalismus erkennen. In der Reihung von Aussagen wie: "Subventionen sind dem Kapitalismus ein Dorn im Auge", "der Kapitalismus braucht Verunsicherung, die er für die Durchführung seiner Programme (!) nutzen kann", "die Endlösung war eine Leistung des hochentwickelten Kapitalismus", "der Kapitalismus expandiert durch Krieg" etc., erscheint das gesellschaftliche Verhältnis "Wert" nur noch als geschichtslose und versubjektivierte Welt, worin "Monsieur le Capital" (Marx) als fixierter sozialer Charakter seinen Spuk treibt. Nach dieser (fetischisierten) Vorstellung von einem unveränderlichen kapitalistischen "Kern" einerseits und dynamischer aktueller Gestalt andererseits, läßt sich jedes aktuelle Phänomen auf eine einfache Gleichung reduzieren: Krieg = Kapitalismus, Friede = Kapitalismus, Sozialversicherung = Kapitalismus, keine Sozialversicherung = Kapitalismus, Techno = Kapitalismus, Talk Show = Kapitalismus. Eigentlich gibt es nur drei Ausnahmen: Opern, handgemachten Rock und linke Taschenbücher. Selbst zwischen Herrschaft und Ausbeutung muß nicht mehr unterschieden werden, denn wir wissen ja, daß die Regierung der "politische Ausschuß der Kapitalistenklasse ist" (S.79). Nicht anhand der realen Souveränität des konkreten Staates wird gezeigt, wie er sich in den Inhalten seiner Tätigkeit seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen unterordnet, sondern die Unterordnung wird bis zur Leugnung der Notwendigkeit einer Macht, die über den konkurrierenden Bürgern steht, abstrakt mit Hilfe enthistorisierter Marxscher Kategorien behauptet. Selbst eine einzelne Schlagerrevue auf der Hamburger Reeperbahn führen die Autoren schnurstracks auf "Ursachen" zurück, die für sie "klar auf der Hand liegen". Dort, wo eine Beziehung zwischen einer bestimmten politischen Maßnahme und einem bestimmten ökonomischen Nutzen für bestimmte Leute empirisch nachweisbar ist, behaupten sie, daß dieser doch nur post festum festgestellte Zusammenhang die "Ursache" für die konkrete Politik gewesen sei, diese also theoretisch erkläre. 

Sobald diese Kategorien ("Krise" etc.) nicht mehr als Begriffe für etwas verstanden werden, erscheinen sie wie geschichtsphilosophische Metaphern, die zeitlos "angewendet" werden können. Aber Begriffe sind veränderlich und verändern sich im Kontext der Rezeption, die immer mehrere Bedeutungshorizonte zuläßt. Bekanntlich sind selbst so scheinbar feste und verläßliche Bedeutungssysteme wie die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie schon in völlig andere Deutungshorizonte (Reformismus, Revisionismus) versetzt worden. 

Marx hingegen wollte gerade weg von den Überdeterminierungen und hin zum Studium der "wirklichen Individuen (!), ihrer Aktionen und ihrer materiellen Lebensbedingungen". Er hat bekanntlich nicht nur auf die zentrale Stellung von Ausbeutungsmacht (Ökonomie) und Herrschaftsmacht (Politik) insistiert, sondern auch - vor allem im Band 3 von "Das Kapital" - gezeigt, daß zwischen dem System objektiver Regelmäßigkeiten und dem System der direkt wahrnehmbaren Verhaltensformen eine strukturierte und strukturierende Vermittlung existiert, die z.B. von Bourdieu als Habitus bezeichnet wird. Wie sonst auch will man das - nicht nur von "Ökonomisten" verleugnete - Feld der symbolischen Macht analysieren, auf dem die sozialen Unterschiede als symbolisch-kulturelle Differenzen (u.a. als Rassismus, Kulturalismus, "Geschmack") ausgetragen werden? 

Die Rezensenten haben sich vom "Ursprungsdogmatismus" dieses Buches allerdings nicht verwirren lassen, sondern darin eine Stilgeste erkannt. Diese enthält eine doppelte Täuschung: Zum einen stimmt es, daß wo immer es zwei Möglichkeiten einer Erklärung gibt, E/T sich für die vulgär-deterministische entscheiden. Problemlösung durch Komplizierung ist ihre Sache nicht. Andererseits strukturiert diese Substantialisierung, die bei einigen Leuten sicher das Image einer "Prinzipienfestigkeit" einbringt, nicht wirklich ihr praktisches Handeln. Die Öffentlichkeit kennt sie als bewegliche Zeit-Genossen, die es im Zweifelsfall doch lieber mit Kafka halten werden: "Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht". Trotz der in dem Buch vorherrschenden "unversöhnlichen" Sprache, wird niemand den Autoren ernsthaft Dogmatismus vorwerfen.

Die ersten Postmodernen

E/T stellen sich in ihrem Buch als entschiedene Gegner einer sogenannten Postmoderne vor. Daß sie nicht definieren, was das ist (Gegenkultur? Zeitgeist? Politischer Neokonservativismus? Aufstand der "Minderheiten"?), und ab wann sie beginnt (Baudelaire im letzten Jahrhundert? Sedlmayrs "Verlust der Mitte" in den 40er Jahren? US-amerikanische Literatur in den 50er Jahren? Pop-Art in den 60er Jahren? Architektur in den 70er Jahren? Neuer Journalismus in den 80er Jahren?), gehört zu ihrer Methode. Indem sie statt Definitionen "Beispiele" aus der Tagespresse anführen, schaffen sie es, "Postmoderne" mit "Schickimicki", "Computer" oder "Handy" zu übersetzen, also die Feindbilder von bestimmten Linken mit Gerüchten zu bedienen. Doch das Ressentiment kann nicht davon ablenken, daß gerade sie zu den ersten "Postmodernen" der 70er Jahre-Linken gehörten und daß sie auch heute noch nach Regeln agieren und wahrgenommen werden, die in den Feuilletons als "postmodern" bezeichnet werden.

Ihr erster Schritt in diese Welt war ihr Beitritt zur Partei der Grünen. In Westdeutschland wurde das "postmoderne Wissen" gerade über die Politische Ökologie etabliert, über eine Anschauung also, die in der Welt nicht mehr eine Einheit sieht, sondern ein Patchwork sozialer Relationen, in dem sich die Frage, ob jemand "links" oder "rechts" steht, erübrigt. Viele Stichworte, die - häufig unberechtigt - als solche der Postmoderne gelten, wurden in der BRD im Kontext der Öko-Bewegung popularisiert: Dezentralisierung, kleine Netze, Mikropolitik (Bürgerinitiativen), Alltag, Bei-Sich-Selber-Anfangen, das Private ist das Politische, Abschied von Proletariat und "Industriegesellschaft", "neue soziale Bewegungen", Raumorientierung, "Kulturrelativismus", "Krieg dem Ganzen" (Lyotard) etc. Bei Vilém Flusser heißt es zustimmend: "Das ist also die postmoderne Lebensstimmung, und in ihr ist die Ökologie, was in der Moderne die Physik war." Zygmunt Baumann sagt es noch pointierter: "Das Schlagwort der Moderne war Kreativität - das der Postmoderne ist Recycling. Die Moderne - eingelassen in Stahl und Beton. Die Postmoderne - verpackt in biologisch abbaubares Plastik." Auch Autoren wie Foucault ("Dispositive der Macht") und Deleuze/Guattari ("Anti-Ödipus") wurden Ende der 70er Jahre vor allem in jenen Alternativszenen gelesen, die dann in der Grünen Partei aufgingen - als Handbücher der Lebenskunst. Zwar läßt sich mit absoluter Sicherheit unterstellen, daß E/T von diesen Autoren niemals gehört haben, aber man muß eben keine "postmoderne" Literatur gelesen haben, um so zu fühlen. Auch die meisten Autonomen haben nie Deleuze oder Derrida gelesen und sich trotzdem als dezentrierte Subjekte aufgeführt.

Als E/T damals zu den "postmodernen" Grünen gingen, waren sie ihren biederen KB-Genossen, die immer noch im Sinn der "Hochmoderne" an die Existenz einer bürgerlichen Öffentlichkeit und die Kraft des besseren Arguments glaubten, weit voraus. E/T hatten - darin (und nur darin) Cohn-Bendit und Joschka Fischer ähnlich - begriffen, daß es einen symbolischen Mehrwert gibt und politische Positionen sich über Images in der Warenöffentlichkeit besser plazieren lassen. Voller heimlicher Bewunderung mußte die Biederfraktion ansehen, wie aus unsichtbaren Politarbeitern medienwirksame Polit-Popstars wurden, die ihre Persönlichkeit (Charme, Witz, Hobbies, Essgewohnten, Modevorlieben) als Argument ins Spiel brachten. Leute mit einem Medienimage, die sich in den sogenannten postmodernen Strukturen bewegen können und die heutigen Regeln des Wahrgenommen-Werdens beherrschen.

Obwohl ihr neues Buch, innen (der Stil) wie außen (Klappentext mit Popfoto und Hinweisen auf Prominentenstatus und Autorenfunktion beim "Rolling Stone") verrät, daß sie diese Regeln wirklich kennen, vermeiden sie es nicht nur, sie zu thematisieren, sondern sind sogar bemüht, sich als gegen jede Verführung resistent darzustellen. Bourdieu spricht in diesem Fall von einem "interessierten Schweigen", das es erlaubt, öffentliche Sichtbarkeit als eine Frage des (angeborenen) Talents erscheinen zu lassen. Auf diese Weise werden generell objektiv-materielle Positionen im sozialen Raum in distinktiv-symbolische Eigenschaften transformiert. Es läßt sich eben nur über die Kategorie des symbolischen Mehrwerts erklären, warum Bücher wie dieses auch in den etablierten Medien Besprechungen erhalten. Die antinationalen BasisarbeiterInnen hingegen, die sich mit solchen Themen meistens nicht beschäftigen, werden sich weiterhin mit ihrer Unsichtbarkeit abfinden und nicht begreifen, warum ihre Flugblätter, in denen ungefähr das steht, was auch in diesem Buch steht, nicht im Rundfunk verlesen und in der 'Zeit' besprochen werden. Man muß schon etwas von Pop wissen, um verstehen zu können, unter welchen Voraussetzungen antinationale Stichworte zu einer Talk-Show zugelassen werden.

Um es deutlich zu sagen: Nicht, daß E/T glamouröse Radikalsubjektivisten mit hohem Unterhaltungswert sind, ist das Problem. Nicht ihr Imagebewußtsein stört, sondern daß sie, obwohl sie das postmoderne hedonistische Individuum genau so repräsentieren, wie es in den "Modernes Leben"-Rubriken der Wochenzeitschriften entworfen wird - Freie Autoren mit Single-Haushalt im urbanen Raum etc. - , dennoch die empirische Existenz solcher Individuen bestreiten, statt zu fragen, was der Kapitalismus mit dieser Figur zu tun hat.

Und ganz so, wie die Autoren als "schillernde Individualisten"  wahrgenommen werden, die sich in der Medienwelt souverän bewegen können, so gehorcht auch dieses Buch bis ins Detail den "postmodernen" Essentials: Es ist feuilletonistisch, atmosphärisch, collagenhaft, assoziativ, mehrdeutig, flüchtig montiert, besteht auf einem "absichtsvollen Wechsel der Stilmittel: Analyse, Erzählung, Satire" (Vorwort), samplet Baudrillard und Marx aus Sekundärquellen, springt zwischen den Referenzen, zitiert die Sprache des eigenen Milieus (Szenekneipe im linken Viertel), gleicht die persönliche Erfahrung ruckzuck mit Theoriefragmenten ab, spielt strategisch mit der Revolte und existentialistischen Issues ("Nicht-Mitmachen").

Genau so haben es "postmoderne" Autoren (Lyotard, Deleuze und Guattari vor allem) gefordert: Schluß mit den "Großen Erzählungen" - hin zur "kleinen Literatur", zum Essay und zum Fragment. Anhänger der Moderne erkennt man daran, daß sie - wissenschaftsgläubig - ein Buch von Deckel zu Deckel "durcharbeiten". Postmoderne Bücher hingegen, "sollte man aufschlagen, wie man Türen eines Theaters aufstößt" (Foucault über Deleuze). Man erkennt sie nicht nur am extensiven "Sampling", sondern vor allem daran, daß sie ohne Rücksicht auf große Autoritäten auch "illegitime" Quellen ("veraltete" wie Mattick, "wissenschaftlich fragwürdige" wie z.B. das 'Eppendorfer Wochenblatt', "subkulturelle" wie z.B. 'Bahamas', mündliche Überlieferungen, z.B. die Meinung des eigenen Großvaters etc.) zitieren. 

Am bild- und jargonhaften Surfen auf den Metaphern können die Rezensenten dieses Buches also bemerken, daß der "antibürgerliche Dogmatismus" der Fab Two als Stilvariante rezipiert werden kann, die im pluralistischen Szenario als Retro-Mode durchgeht, ähnlich wie z.B. die jüngste "Anthology" der Beatles, die ja auch keine Entwicklung umkehrt. Da E/T sich als die sympathischen, wuschelköpfigen, jeanstragenden Lausbuben des antinationalen Rock'n'Roll präsentieren, als Selbstgedrehte rauchende und "durch die Nacht in den Tag hinein tafelnde und trinkende" ('Rolling Stone') Viertel-Hemingways, verzeiht man ihnen auch die Ausfälle gegen die "Postmodernen". Das radikale und ohnmächtige Nein, das sie der Welt via staatlichem Rundfunk entgegenschleudern, wird als theatralischer Schopenhauerscher Pessimismus gewertet, als ein maskulin-agitatorisches Mit-der-Faust-auf-den-Runden-Tisch-hauen, an dem man in der nächsten "Phase" (S.260) wieder sitzen will. Im Umgang mit Kunstschaffenden geübte Medienleute wissen schließlich: Wer sich einen derartigen Synkretismus von schlampiger Begrifflichkeit und moralisch-norminativen Implikationen leistet, der muß es sich leisten können. Auch die derbe Kneipensprache dieses Buches - verschiedene Akteure sind "impotent" (S. 235) oder "kastriert" (167); der polnische Jude Zygmunt Baumann wird mit einem "Scheißhaus im Garten" (261) in Zusammenhang gebracht etc. - , muß man sich erst einmal leisten können. Der auffällige Kontrast zum sprachlichen und theoretischen Niveau des Feminismus ist kein Zufall. Nicht alle können zwischen "Momentan machen wir nicht mit" und "Demnächst geht's wohl wieder" so willkürlich entscheiden. Das im Buchvorwort postulierte taktische "Wann wieder 'mehr geht' für Linksradikale, wissen wir nicht" enthält ein grundsätzliches Ja zu konstruktiven Vorschlägen (vgl. auch "Der Konkret-Kongreß", S.38: "Ich lasse mir die Verteidigung des kleineren Übels nicht nehmen"), dessen Umsetzung oder Nichtumsetzung ganz im Ermessen der Autoren steht. "Nichtzugehörige", also alle Menschen, die in diesem Land keinen wirklich sicheren Ort haben, können sich solche geschmäcklerische Reden überhaupt nicht erlauben.    

Papa Was A Rolling Stone 

Bezeichnend ist, wie großzügig in den Besprechungen mit der konservativen Kulturkritik des Buches umgegangen wird.

Das prägende Feindbild ist hier immer noch die Massenkultur ("Vermassung", "Einpassung in eine Millionenschar", "vollkommen ferngesteuerte Wesen", "fremdgesteuerte Massenwesen"), die nach einem arbeiterbewegten und neuhumanistischen Hochkulturmuster rundweg als trivial, minderwertig, kulturell unwürdig, verdummend und als Agent der "Postmoderne" (die gesellschaftliche Discoatmosphäre!) beurteilt wird. Daß man so überhaupt nur sprechen kann, wenn man sich selbst für eine höchst individuelle Persönlichkeit hält, fällt E/T überhaupt nicht auf. Die Autoren sind so fest davon überzeugt, daß es Individualität nur dann geben kann, wenn nicht "Millionen Menschen auf allen Kontinenten" (S.136) die gleichen Leggings tragen, daß sie in ihrem Eifer übersehen, wie sie  Individualität mit ästhetischer Differenz gleichsetzen, also genau jene sozialen Distinktionsstrategien bestätigen, die sie zu kritisieren vorgeben. Diese Freudsche Fehlleistung hat damit zu tun, daß sie ihren Sprechort nicht kennen (wollen), wie auch damit, daß sie "Individualität" als nur jenseits des Kapitalismus für möglich halten, obwohl es doch darum geht, die schon von Marx thematisierten kapitalistischen (und damit notwendig bornierten) Individualitätsformen zu analysieren. Da ist bei den Autoren aber das Stichwort "Kompensation" vor. An dieses Wort klammern sie sich, als würden sie befürchten, ihre Kapitalismuskritik könnte zusammenbrechen, wenn sie eine einzige positive Seite finden würden (ich denke etwa an den schönen Umstand, daß man im Kapitalismus seine Nachbarn nicht mehr lieben muß). Würden sie ihre diesbezüglichen Thesen wirklich ernst nehmen, müßten sie ihr eigenes Buch als durchschaubare Kompensationsleistung denunzieren, denn "im Kapitalismus" ist ihrer Meinung nach jeder private Handgriff und jeder Discobesuch vom "Produktionsprozeß determiniert" (S.121+136).

In Verwechslung der Kategorien "Individualismus" (die von den Autoren bevorzugte kulturkritisch-moralische Fassung) und "Individuierung", also unfähig, eine Parteinahme von einem soziologischen Befund zu unterscheiden, weisen sie den "angeblichen Trend zum Individualismus", den sie in meinem Text "Kapitalismus und Lebenswelt - Theorie des bürgerlichen Individuums bei Marx" befürwortet sehen, entschieden zurück, ganz so, als würden sie an einer Volksbefragung teilnehmen, bei der die Alternative: "Sind Sie für oder gegen Individualismus?" zur Abstimmung steht. Doch die Auflösung von relativ homogenen Sozialmilieus, wie sie z.B. im Zusammenhang mit der Montanindustrie entstanden sind, ist nicht - wie die Grüne Partei - eine Sache, bei der man mitmachen kann oder nicht. Obwohl die Autoren mit ihren eigenen Lebensläufen als Beispiel dafür gelten können, daß man(n) in der "Postmoderne" vorgestern Betriebsarbeiter, gestern Abgeordneter, heute Freier Autor und morgen wieder etwas ganz anderes sein kann, obwohl sie den Beweis dafür angetreten haben, daß in "postmodernen" Zeiten mit einer Serie von medienwirksamen Bruchlandungen mehr zu erreichen ist, als mit einer brav ausgearbeiteten Argumentation, obwohl sie ihre höchst individuelle Experimentierphase, die in dieser Form früher einer sehr kurzen Jugendzeit vorbehalten war, bis ins reife Alter ausdehnen konnten und damit lebende Beispiele für die überall diskutierte Zunahme der "biographischen Eigensteuerung" sind, halten sie an der Vorstellung von lebenslänglich stabilen Identitäten und damit am Subjektbegriff der Aufklärung und der bürgerlichen Soziologie fest.

Daß die Auflösung tradierter Sozialmilieus (darauf reagierten E/T bereits in den 80er Jahren mit einem spontanen "postmodernen" Bekenntnis zu "neuen sozialen Bewegungen"!) nicht das generelle Verschwinden von Gruppen, sondern die Herausbildung neuer Habitusgruppierungen zur Folge hat, versteht sich von selbst. Auch hier können die Autoren als Beispiel herangezogen werden: Ihr Geschmack und ihre Ressentiments sind unübersehbar sozial eingebettet und bestimmten konservativen Diskursen verpflichtet. Denn sie stehen nicht allein, wenn sie z.B. Walkman, Radio, TV, Film etc. als eine einzige Verschwörung wahrnehmen. Sie werden, und dies von für sie vielleicht unerwarteter Seite, viel Zustimmung für Sätze wie diese erhalten: "Sprachlos und in maschinellem Rhythmus arbeiten sich Menschen durch die Techno-Disco. Die Kälte der Vergnügungssüchtigen untereinander spiegelt (!) die Kälte der modernen Produktionsästhetik." Auch mit der Behauptung, die "Kids" würden sich das Geld für die optimalen Techno-Klamotten durch "Bettelei und Straßenraub" besorgen, und ein Outfit anstreben, "das selbst die Ungesetzlichkeit integriert", werden sie Beifall finden.

Wie zuvor schon die romantische Literatur (Novalis, Schlegel) und die Öko-Ideologen (Amery), unterstellen E/T eine ursprüngliche, "ganzheitliche" und intakte Individualität, die durch den Kapitalismus "vor die Hunde" ging. Aber eigentlich finden sie (und da können sie sich auf die "Dialektik der Aufklärung" berufen, die den Beginn des Niedergangs allerdings früher ansetzt), daß es auch im Kapitalismus schon mal besser war - in den guten alten Zeiten, da die Rolling Stones noch eine frische Band waren, die Woodstock-Generation (angeblich: vgl.S.128) noch keine Markenartikel kannte und die Arbeiterklasse noch unter einer Fahne marschierte: "Persönlichkeit und Autonomie, die eine große Zahl von Menschen in früheren leidlich klassenbewußten Kollektiven (!) noch hatten, ist buchstäblich in die Hose gegangen." Und zwar, seit es nicht mehr nur einen, sondern "30 Musikstile" gibt. Wann immer das gewesen sein soll: Allein die Aufhebung regionalistischer Separationen führte dazu, daß tausende Musikstile, die immer schon existierten, plötzlich überall verfügbar wurden. Man fragt sich, wieso Antinationale für Verhältnisse plädieren, wo nur nach einer Pfeife getanzt wird?

Diese seltsame Kulturkritik, die offensichtlich auf die Entwertung des eignen kulturellen Kapitals (Rock'n'Roll und 70er Jahre-Marxismus) reagiert, es so aber nicht sagen kann, ist bereits Moment des "postmodernen" Phänomens. Die unwirschen Einwände in diesem Buch reagieren lediglich bedauernd auf jene Erosion tradierter Milieus, die so sehr bestritten oder unterschätzt wird, daß ihre kapitalistische Dynamik aus dem Blick gerät. Auch der blühende Moralismus dieses Buches deckt sich längst, aber ohne es zu ahnen, mit dem bekannten "postmodernen" Interesse an "ethischen" Debatten, an denen übrigens ganz unterschiedliche Kräfte beteiligt sind: Die neokonservative Verurteilung des "postmodernen Nihilismus" (Daniel Bell) kann sich da mit einer rechtslastigen Befürwortung (Baudrillard) ebenso treffen, wie mit dem Ressentiment von Leuten, die nur politisch links stehen, kulturell aber eher auf Seiten des konservativen Feuilletons.

So haben E/T z.B. an Botho Strauß vieles kritisiert, aber nicht seine rechten Bannreden gegen die anything-goes-Kultur. Im Gegenteil, herrscht hier die volle Übereinstimmung. Wo Strauß in seinem Bocksgesangs-Essay mit Blick auf 10 Millionen RTL-Zuschauer sagt: "Die Intelligenz der Massen hat ihren Sättigungsgrad erreicht", heißt es bei E/T, die so tun, als wären die Leute gesetzlich zum TV-Konsum verpflichtet: "Das Fernsehen besorgt die Nivellierung des Denkens". Das war schon vor zehn Jahren so: In ihrem Buch "Die Zukunft der Grünen" ziehen E/T seitenlang gegen die damals noch relativ neuen Videogeräte ("Videoten", "Der Horror-Konsum macht 43% des Video-Umsatzes aus"), Schachcomputer ("...er ersetzt den menschlichen Kontakt". Wirklich köstlich zu lesen!) und PCs ("Man drückt nur die Taste 'Help' und er sagt, was man zu tun hat. Das System greift ständig korrigierend ein") auf eine Weise zu Felde, die sich absolut nicht von den Kampagnen von CDU-Ministern oder dem 'Spiegel' unterscheidet ("480 Morde pro Woche auf dem Bildschirm"). Weshalb Minister ("'Solches Schundzeug verschwindet vom Markt', versprach Heiner Geißler...") und  Nachrichtenmagazin ("Um was es bei Horror-Videos geht, macht die folgende vom 'Spiegel' gegebene Schilderung deutlich...") auch zustimmend zitiert werden. Diese Gemeinsamkeiten existieren tatsächlich. Solange jedoch das Ressentiment gegen den "allgemeinen Werteverfall" sich noch auf Adorno beruft, bleibt es immerhin in den linken Diskurszusammenhang eingebunden und vor dem endgültigen Absturz bewahrt. Wo diese Anbindung jedoch wegbricht, wie z.B. bei Strauß, können sich Diskurskoppelungen mit grünkonservativen bis hin zu offen rechten Strömungen ergeben. Gerade solche, unterhalb der Ebene politischer Gegnerschaften angesiedelten, "kulturellen" Gemeinsamkeiten, sind die Grundlage für Seitenwechsel, die dann vom restlinken Publikum völlig grundlos als "Verrat" wahrgenommen werden. Leute wie Botho Strauß oder Martin Walser sind sich nicht so untreu geworden, wie oft behauptet wird.

When all the world is hype, honesty becomes exotic...

So übt und gefällt sich ein linkes Buch darin, der Welt das Sollen vorzuschreiben, statt sie zu erklären. Man will von dem Dogma nicht lassen, daß Linke vor allem gute Menschen und Volkserzieher sind, die den Leuten "Vergnügungshallen" ausreden und "synthetische Drogen" wegnehmen sollten (vgl. auch die Zustimmung in der 'junge Welt'-Besprechung). Alles, was über ein paar Biere hinausgeht, ist für sie "individuelles Fluchtverhalten", und der Faschist, das weiß man von Wilhelm Reich, schlägt aus "Frustration" zu, denn er leidet an der Unterdrückung seiner "Triebe" (S. 344. Daß E/T Foucaults Kritik an der Gleichung Sex = Natur nicht kennen, beweisen sie mehrfach, nicht zuletzt, wenn sie sagen, Vergewaltiger würden sich an Frauen "abreagieren", vgl. S. 239). Ganz in diesem Sinn und sozusagen als Gratifikation für dieses kritische Engagement leistet man sich das Gefühl einer moralischen Überlegenheit, statt Moral als Unterwerfung kenntlich zu machen. Nur daß diese Moral bei E/T heute nicht mehr weltgeschichtlich, sondern nur noch lebensgeschichtlich zusammengehalten wird. 

Wegen der Unfähigkeit zur Selbstobjektivierung und zur Angabe des eigenen Sprechortes, ist es den Autoren auch unmöglich zu erkennen, daß es zwischen ihren aktuellen politischen Präferenzen und deren "theoretischen" sowie "kulturellen" Begründungen nur einen zufälligen (biographischen) und keineswegs einen zwingenden inhaltlich Zusammenhang gibt. Die von ihnen beanspruchte antinationale Position begründen sie mit einem Siebziger-Jahre-Marxismus, der nicht einmal auf der Höhe des damals Erreichten (Weltmarkt- , Staatsableitungs- und "Kapital"-Debatten) steht. Inzwischen läßt sich Antinationalismus möglicherweise viel besser mit Judith Butler, Robert Miles, Fredric Jameson, Etienne Balibar oder Michel Foucault begründen. Da E/T aber offenbar alle Diskussionen über soziale Konstruktionen und Ideologietheorie ignoriert haben, arbeiten sie ganz unbefangen mit einem vulgären Ideologiebegriff aus alten KB-Zeiten: Rassismus und Nationalismus halten sie für "Vorurteile" (S. 339). Durch das ganze Buch zieht sich die Einschätzung, daß den "Massen" die Machtbeziehungen äußerlich sind. Das "System" zwingt ihnen Musik-Clips und Spielfilme auf, "damit (!) in den eigenen vier Wänden nicht der Hauch der Entspannung aufkommt" (S. 120). "Warum lassen sich die Menschen so leicht täuschen?" (S. 327) und "überreden?" (S.96) wird wiederholt gefragt. Noch in der Feststellung, daß die Mehrheit der "Deutschen" im Nationalsozialismus von den "Anfangssiegen benebelt" (238) war, klingt an, daß die Leute letztlich getäuscht wurden: Wäre da nicht die Propaganda gewesen, die "ausschließlich Siege verkündete" - vielleicht hätten die Leute es sich anders überlegt? Es mag sein, daß das faschistische Fußvolk, hätte es geahnt, daß aus den Bauernhöfen in Rußland nichts wird, auf eine andere Partei gesetzt hätte. Weil die Autoren aus nostalgischer Gewohnheit, "den Menschen" zuerst einmal pauschal ein (anthropologisches) Interesse an "Widerstand" und "Freiheit" unterschieben, müssen sie deren konkrete Handlungen als "ferngesteuert" darstellen. Wo sich die "beiden unversöhnlichen Klassen" (241) in nationaler Freundschaft begegnen, können nur "Ideologie", also Verkennung der "eigentlichen Interessen" oder "Unsicherheitsgefühle" (238) am Werk sein. Auf diese Weise geht die Einsicht verloren, daß die Vorstellungen, die sich die Leute über ihre gesellschaftliche Stellung machen, ihr eigenes Werk sind. Denn die "Massen" betrachten die Lohnarbeit (ihre Rolle als kleines "v") als Mittel ihrer Reproduktion und wünschen sich deshalb den Weltmarkterfolg "ihrer Nation". Daß sie davon abhängig sind, spornt sie nur zu größeren Anstrengungen an. Mit der Behauptung, ihre "Interessen" befänden sich im antagonistischen Widerspruch zum Weltmarkterfolg, können sie nicht viel anfangen, und wenn, dann gibt es keine Garantie dafür, daß sie diese Idee nicht völlig falsch verstehen.

Nachdem heute Berge qualifizierter Literatur über "Nation", "Rasse" oder "Ethnie" zur Verfügung stehen, sind auch die diesbezüglichen Äußerungen in "Die Offenbarung der Propheten" eine Zumutung. Die Argumentation wechselt mit jeder Seite. Einmal werden der Begriff (deutsches) "Volk" in Kontrast zu "Juden und Jüdinnen" gesetzt und "Deutsche" als "Ethnie" (jeweils ohne Anführungszeichen, vgl. S. 171+158) bezeichnet. In anderen Kapiteln wird die Existenz von "Rassen" zwar verneint, allerdings ohne Bezug auf die Diskurstheorie, sondern unter Berufung auf die Naturwissenschaft (S. 347), die den Normalisierungsdiskurs begründet, den auch der Rassismus voraussetzt. Dazwischen finden sich wiederum essentialistische Bestimmungen: "Jeder über vier Generationen hinausreichende Bezug auf die Abstammung ist Betrug" (S. 321). Wo eine exakte Begrifflichkeit besonders wichtig wäre, kommt der linke Stammtisch (wie seinerzeit Christoph Türcke) mit seiner Überzeugung zu Wort, daß im Laufe der Zeit eine ursprüngliche "ethnische Reinheit" durch "Vermischung" verloren ging, und daß nur deswegen Rassismus unsinnig ist. Wie sonst ist die Behauptung zu verstehen, daß "nach den vielen Menschenwanderungen", die zu "Ehen quer durch den Garten" führten, niemand mehr wissen könne, "wieviel ... Römer/innen, Juden und Jüdinnen, Pol/inn/en, Italiener/innen... bei den Vorfahren mitgemischt haben?" Wie sonst die (ironisch gemeinte) Bemerkung, "völkische Inzucht" sei in Deutschland glücklicherweise keine Realität? (321). Frei von jeder kritischen Reflexion ist auch der durchweg positive Bezug auf den bürgerlichen Universalismus (z.B. "Emanzipation"/244 ff, "Menschenrechte"/249 ff). Eine Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Subjekt- und Identitätsbegriff findet ebenso wenig statt, wie mit den Versuchen von Marginalisierten, Differenz als Widerstand gegen einen anmaßenden Universalismus zu behaupten.

Die Dummheit des Gescheitseins

Wer schon gelegentlich beim Zahnarzt oder beim Friseur, um die Wartezeit zu überbrücken, hintereinander 'Stern', 'Spiegel', 'Focus' und die 'ZEIT' durchgeblättert hat, kennt das Gefühl, daß man danach dringend eine bessere Lektüre benötigt, damit der Kopf wieder frei wird. Große Teile dieses Buches bestehen nur aus "Beispielen" aus solchen Presseerzeugnissen oder aus TV-Sendungen. Fast jedes Kapitel beginnt mit Sätzen wie: "Berichten wir von einer Talk-Show des Senders Vox". Oder: "Werfen wir kurz einen Blick in die 'Zeit'". Wurden die "Beispiele" dem Wirtschaftsteil entnommen, endet die Betrachtung meistens auftrumpfend mit Sätzen wie: "Das zeigt doch, daß...".  Sind sie dem Feuilleton entnommen, heißt es entweder: "Ein ausgezeichneter Kommentar", oder: "Das Ziel dieser Propaganda liegt auf der Hand." Und als wäre das noch nicht genug, wird häufig noch die Formel: "Die Beispiele ließen sich fortsetzen" nachgeschoben. Alles ist hier nur bloßes Meinen und somit, wie in den genannten Medien, isolierende Verdinglichung und Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Adorno nennt das "die Dummheit des Gescheitseins": "Mir ist ein Gespräch in Erinnerung, in welchem ein Nationalökonom aus den Interessen der bayrischen Bierbrauer die Unmöglichkeit der Uniformierung Deutschlands bewies. Es sind diese orientierten, weitblickenden Urteile, die auf Statistik und Erfahrung beruhenden Prognosen, es sind die abschließenden Urteile und soliden statements, die unwahr sind." Weshalb von Büchern, wie "Die Zukunft der Grünen" oder - damals auch sehr populär - "Die neue internationale Arbeitsteilung" (Fröbel/Kreye), die aus den Interessen des Chemiekapitals oder aus dem allgemeinen Profitinteresse ("Niedriglöhne in Afrika führen zur Kapitalflucht aus Europa") weitreichende Schlußfolgerungen glaubten ziehen zu können, schon nach kurzer Zeit nicht viel übrig bleibt. Sie werden aber rasch durch neue Titel ersetzt. Die Produktion von Gewißheit findet immer Kundschaft, auch in Gestalt eines gut gemeinten, aber schlecht begründeten Antikapitalismus, der irgendwann der eigenen Begriffslosigkeit zum Opfer fällt und dann zum Beispiel bei reaktionären Kategorien wie "schaffendes und raffendes Kapital" (S.79) und Sozialkitsch (verzweifelte Männer "arbeiten die Hefte der 'Stiftung Warentest' durch", S.119) landet. Dieses Buch sagt nur: "Wir glauben, daß für jeden, der sich verirrt, einer kommen wird, um den rechten Weg zu zeigen". Aber eigentlich sagt das Buch etwas ganz anderes: "Wir, die Autoren, haben der Welt nun in aller Offenheit die Meinung gesagt. Darauf werden wir uns einmal berufen können; denn die beste Voraussetzung für ein neues alternativ-realistisches Programm ist und bleibt ein solides radikales Image. Wir haben unseren Ort gefunden. Links sein, bedeutet identisch zu sein."

Sechs Jahre, nachdem Linke aus den verschiedensten Fraktionen in der Absicht zusammenrückten, gemeinsam gegen Superdeutschland anzutreten, zeigt sich, daß es so nicht geht. Nicht alle haben in diesen Jahren die gleiche Entwicklung durchgemacht. Einige haben sich dort eingerichtet, wo sie schon vor 1990 standen. Daß sie damit immer noch auf Zustimmung stoßen, muß als Auskunft über die Lage zur Kenntnis genommen werden. Antinationale Positionen werden nur zu halten sein, wenn sie mit dieser Art von "postmodernem" Alternativmilieu-Marxismus brechen, der im Bündnis mit den Kulturkonservativen Identitäten festschreiben möchte.


Fußnoten

1 In dem Streit Kurz vs. E/T bin ich ansonsten keine Partei. Obwohl dem Bemühen der Zeitschrift "Krisis" um eine Kritik des "Arbeiterbewegungsmarxismus" zuzustimmen ist, kann der "kulturkonservative" Charakter der dort vorherrschenden "Zeitgeistkritik" nicht ignoriert werden. Soweit ich das sehe, arbeiten beide Seiten zudem mit einer werttheoretisch gestylten Geschichtsphilosophie, die mit raum-zeitlich invarianten historischen Entwicklungsgesetzen arbeitet. In die Zukunft verlängert, vermischt sich solcher Strukturdeterminismus mit einer fragwürdigen "Kulturkritik" und wird zur Wahrsagerei. Ansonsten halte ich eine frühere Mitgliedschaft in K-Gruppen (selbst in der MLPD, der Kurz übrigens niemals angehörte) für ein kleineres und weniger folgenreiches Mißgeschick als eine in der Partei der Grünen oder gar eine Mitarbeit im Deutschen Bundestag. Die Polemik von Autoren, die ihre öffentliche Beachtung weiterhin vor allem ihren spektakulären und häufig machtzentrumsnahen "Irrtümern" verdanken (also nicht einem stringentem theoretischen Entwurf), gegen den "Stalinisten" Kurz, wird in den Medien verstanden. Das stört mich.


Günther Jacob, Self-Fulfilling-Prophecy. Popmoderne Politik, Retro-Moden und radikale Linke (veröffentlicht in Spezial 103/ 1996)
http://www.rote-ruhr-uni.org/texte/jacob_self_fullfilling_prophecy.shtml