Michael Heinrich
Radikale Kurzschlüsse
aus: jungle world 16, 10. April 2002
In den Imperialismustheorien treffen sich Ökonomismus und
moralisierende Kritik. Sie taugen nicht dazu, den weltweiten Kapitalismus
zu analysieren. von michael heinrich Was nun? Taugt der Begriff des Imperialismus
noch für eine Kritik des globalisierten Kapitalismus? Wer heute die
Erschließung des Weltmarktes erklären will, könne sich jedenfalls
nicht mehr auf Lenins Thesen berufen, meint Martin Krauss (13/02). Für
Alexander Schudy war der »Imperialismus« schon immer ein politischer
Kampfbegriff und keine analytische Kategorie (14/02). Die Reihe wird fortgesetzt.
In einer Zeit, da der Kapitalismus als Zivilgesellschaft verharmlost wird
und Kriege als Interventionen zur Durchsetzung der Menschenrechte bezeichnet
werden, mag die Rede vom »Imperialismus« als besonders radikal
erscheinen. In der Tat haben sich in den neunziger Jahren viele ehemalige
Linke, die inzwischen die Segnungen des Marktes entdeckt haben, vom Begriff
des Imperialismus verabschiedet. Allerdings lässt sich nicht im Umkehrschluss
folgern, dass das Festhalten an den Imperialismustheorien eine radikale
Kritik des Bestehenden garantiert.
Meistens soll der Begriff des Imperialismus deutlich machen, dass die Politik
der führenden kapitalistischen Länder nicht der Verbesserung der
Welt, sondern der Durchsetzung von Kapitalinteressen dient. Bei jeder militärischen
Intervention einer »imperialistischen Macht« wird von den Imperialismustheoretikern
nach den Rohstoffquellen oder den Routen für zukünftige Pipelines
gesucht, um die es »eigentlich« gehe.
Bei Lenin, dessen Imperialismustheorie die Kombination des sozialdemokratischen
Vulgärmarxismus seiner Zeit mit der bürgerlichen Imperialismuskritik
von John A. Hobson war, folgte diese Auffassung aus der Vorstellung, der
»Konkurrenzkapitalismus« sei vom »Monopolkapitalismus«
abgelöst worden. Nicht mehr die Konkurrenz und das (unpersönliche)
Wertgesetz, sondern die bewusste Herrschaft der »Finanzoligarchie«,
der Vertreter des Finanzkapitals, d.h. der Verbindung von großem Industrie-
und Bankkapital, charakterisiere den gegenwärtigen Kapitalismus. Und
diese »Finanzoligarchie« habe sich auch gleich noch den Staat
unterworfen, staatliche Politik nach außen diene lediglich der Absicherung
des Kapitalexports und der Kontrolle von Rohstoffquellen.
Dagegen wurde schon oft argumentiert, dass sich der Kapitalismus des 20.
Jahrhunderts keineswegs als »Herrschaft der Monopole« beschreiben
lässt. Die zunehmende Kapitalkonzentration, der »empirische Beleg«
für die Monopolisierung, ist nicht gleichbedeutend mit dem Verschwinden
der Konkurrenz und mit der persönlichen Herrschaft weniger Monopolisten.
Deshalb lässt sich auch die ökonomistische Staatsauffassung von
Hobson und Lenin, denen der Staat in erster Linie als Instrument zur Durchsetzung
der Interessen der Finanzoligarchie galt, nicht mehr aufrechterhalten. Ökonomistische
Staats- und Politikauffassungen sind in der Linken jedoch auch jenseits
leninistischer Strömungen weit verbreitet, so dass diese Seite der
Imperialismustheorie auf weniger Kritik stieß.
Auf Hobson geht auch ein anderer Aspekt der Imperialismustheorie zurück:
die moralische Kritik an der Ausbeutung fremder Völker (und nicht nur
des eigenen) durch den Imperialismus. Die Rede vom »parasitären«
Charakter des Imperialismus, die bei Lenin eine wichtige Rolle spielt, stammt
wörtlich von Hobson. Für einen bürgerlichen Imperialismuskritiker,
der den schlechten, imperialistischen Kapitalismus durch einen besseren,
reformierten ersetzen will, ist eine derartige Auffassung konsequent, aber
kaum für jemanden, der eine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus
formulieren will.
In verschiedenen Gestalten hat sich diese moralisierende Kritik in den
neueren Versionen der Imperialismustheorie erhalten, auch wenn nicht mehr
vom »Parasitismus« die Rede ist. Und wie schon bei Lenin wurde
im »nationalen«, auf einen eigenen Staat zielenden Widerstand
der vom Imperialismus ausgebeuteten Länder ein von vornherein fortschrittliches,
weil antiimperialistisches Projekt gesehen. Zwar war dieser Widerstand in
vielen Ländern verständlich, doch das heißt nicht, dass
der Kampf für einen souveränen bürgerlichen Staat irgendetwas
mit Sozialismus zu tun hätte oder gar das Funktionieren des kapitalistischen
Weltsystems unterminierte, was sich etwa die Studentenbewegung einst von
den antiimperialistischen Bewegungen im Trikont versprochen hatte.
Mit ihrer Verbindung von Ökonomismus und moralisierender Kritik waren
Imperialismustheorien schon früher kein tragfähiges Mittel zur
Analyse des kapitalistischen Weltsystems, heute sind sie es auch nicht. Dass
sich rechtsextreme Gruppen heute als »Antiimperialisten« sehen
und den Kampf »unterdrückter Völker« bejubeln, ist
nicht einfach nur ein Diebstahl von Begriffen. Auch wenn sich linker und
rechter »Antiimperialismus« nicht gleichsetzen lassen, ist die
Existenz eines rechten Antiimperialismus zumindest ein Indiz für grundlegende
Defizite der Imperialismustheorien.
Wird jedoch versucht, jenseits ökonomistischer Verkürzungen vom
Imperialismus zu sprechen, dann bleibt meistens unklar, was mit diesem Begriff
analytisch überhaupt noch gemeint sein soll. Konsequenter wäre
es, diesen mit Vulgärmarxismus, Ökonomismus und Moral getränkten
Zopf des Traditionsmarxismus abzuschneiden.
Damit soll nicht behauptet werden, dass Herrschaftsverhältnisse und
ökonomische Abhängigkeiten auf internationaler Ebene keine Rolle
mehr spielten, wie es etwa die Rede von einer entstehenden weltweiten Zivilgesellschaft,
in der schließlich alles dem »Recht« unterworfen sei,
nahe legt. Solchen affirmativen Konzeptionen durchaus verwandt ist auch
die Überwindung der Imperialismustheorie durch Antonio Negri und Michael
Hardt, und zwar ihre Vorstellung, die verschiedenen konkurrierenden Imperialismen,
welche durch die klassischen Imperialismustheorien zutreffend beschrieben
worden seien, seien durch ein einziges Empire ersetzt worden, das nicht nur
kein Außen mehr kennt, sondern auch keinen Ort der Macht. Der Ökonomismus
der Imperialismustheorien wird damit nicht wirklich kritisiert, es wird lediglich
festgestellt, dass sich die früheren, angeblich klaren Verhältnisse
aufgelöst haben.
Auch in einer nicht ökonomistischen Perspektive ist hervorzuheben,
dass der bürgerliche Staat als »ideeller Gesamtkapitalist«
die Voraussetzungen kapitalistischer Akkumulation einschließlich der
sozialstaatlich vermittelten Existenz einer Klasse, die ausgebeutet werden
kann, zu sichern hat - nicht nur als Funktionsbedingung des Kapitalismus,
sondern als Voraussetzung der eigenen ökonomischen Existenz des Staates,
die an ausreichende Steuereinnahmen, begrenzte Sozialausgaben und ein »stabiles«
Geld gebunden ist.
Allerdings besteht diese staatliche Sicherung einer gelingenden Akkumulation
nicht in der politischen Wahrnehmung eines bereits fertig vorliegenden kapitalistischen
Klasseninteresses. Was zu dieser Sicherung alles nötig ist, wie deren
Vor- und Nachteile verteilt werden, muss überhaupt erst innerhalb der
verschiedenen staatlichen Institutionen und der »bürgerlichen
Öffentlichkeit« ermittelt und zu einem gesellschaftlichen Konsens
gemacht werden. Dieser Konsens betrifft nicht nur die Zustimmung der großen
Kapitalfraktionen zur staatlichen Politik, er muss immer auch die Zustimmung
der subalternen Klassen zu den ihnen aufgebürdeten Lasten einschließen.
Dabei ist die Herstellung dieses Konsenses aber kein bewusstes Projekt einer
alles durchschauenden Gruppe von Politikern, sondern findet selbst noch innerhalb
der Fetischformen kapitalistischer Vergesellschaftung, der »Religion
des Alltagslebens« (Marx), statt.
Auf internationaler Ebene haben wir es nicht einfach mit einem Zusammenstoß
dieser Staaten und der von ihnen verfolgten Interessen zu tun. Nicht nur
sind die staatlichen Beziehungen inzwischen über eine Vielzahl internationaler
Institutionen vermittelt, auch die zunehmende Internationalisierung des
Kapitals, die wiederum neue, nichtstaatliche Akteure hervorbringt, legt
den einzelnen Nationalstaaten spezifische Restriktionen auf und wird andererseits
aber auch gerade durch deren Politik gefördert. In diesem komplexen
Geflecht vervielfältigen sich die Gegensätze und die Ebenen, auf
denen sie ausgetragen werden. Staaten der Nato, die Krieg gegen einen Dritten
führen, verfolgen vielleicht im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO)
höchst unterschiedliche Interessen, die zu einem Handelskrieg eskalieren
können.
Staatliche Macht verschwindet jedoch nicht und wird auch nicht nivelliert.
Nach wie vor können wir von einer US-amerikanischen Hegemonie sprechen,
wobei Hegemonie mehr meint, als nur streng definierte »eigene«
Interessen durchzusetzen. Es geht stets um eine »Ordnung« des
kapitalistischen Weltsystems, von der auch andere (als Lohn für die
Akzeptanz der Hegemonialmacht) mehr oder weniger profitieren. Allerdings
zeichnet sich mit der Formierung der EU in Richtung eines eigenen Staatsgebildes
ab, dass den USA langfristig ein nicht nur ökonomischer, sondern auch
politischer Konkurrent erwachsen könnte.
Für die einzelnen Staaten ist es auf der internationalen Ebene zunächst
einmal wichtig, eigene Handlungsmöglichkeiten zu schaffen und zu erhalten
- was man etwa an den zum Teil krampfhaften Versuchen des vereinigten Deutschlands
beobachten kann, sich an militärischen Interventionen, wie in Somalia,
im Kosovo oder in Afghanistan, zu beteiligen. Die »souveräne«
Verwendung militärischer Macht soll sowohl gegenüber den misstrauischen
Verbündeten als auch gegenüber der eigenen Bevölkerung als
Normalität durchgesetzt werden.
Einfluss nehmen zu können und Dominanz auszuüben sind notwendige
Voraussetzungen, um auf der weltpolitischen Ebene mitspielen zu können.
Insofern lassen sich viele politische und militärische Aktionen, die
auf die Sicherung von Einflusssphären und die Ausschaltung möglicher
Gegner gerichtet sind, gerade nicht auf die Verfolgung bestimmter Kapitalinteressen
reduzieren - auch wenn solche Interessen im Verlaufe dieser Aktionen gerne
bedient werden. Wenn man im Fall eines militärischen Konflikts nach
Rohstoffquellen und Pipelines sucht, wird man zwar immer welche finden, nur
ob es sich dabei tatsächlich um die entscheidenden Ursachen handelt,
wie die ökonomistischen Kurzschlüsse der Imperialismustheorie behaupten,
ist damit noch lange nicht ausgemacht.