Obwohl es angesichts der zahlreichen historisch-spezifischen wie nationalspezifischen Ausprägungen problematisch ist, von 'dem' modernen Antisemitismus15 zu sprechen, so lassen sich gleichwohl einige zentrale 'transhistorische' Komponenten des modernen Antisemitismus aufweisen. Zentral ist die Identifikation 'der Juden' mit dem - so notwendig wie folgenschwer falsch begriffenen - Kapitalismus. Die eigene Ohnmacht, Abhängigkeit und Nutzlosigkeit wird tagtäglich erfahren am Geld, vermittelt über den Besitz bzw. Nichtbesitz dieses Abstraktums. 'Geld regiert die Welt', so beginnt das falsche Credo der Alltagserfahrung, die, wie schon Proudhon, eine so evidente wie falsche Reduktion des Kapitalismus auf das Geld vollzieht, Ausbeutung als bloße Beutelschneiderei innerhalb der Zirkulationssphäre verkennt und als geheimes Zentrum der Macht das Bank- und Börsenkapital ausmacht. Doch Geld, das denkbar Abstrakteste, muß einfach einem konkreten Geldbesitzer gehören, welcher aus dem Hintergrund die Welt regiert, und so endet diese 'Logik', auch hier ist Proudhon beispielhaft, beim Antisemitismus, wenn in einem letzten Schritt der Geldbesitzer dann als 'Jude' namhaft und haftbar gemacht wird. Die vom Antisemitismus 'dem Juden' zugeschriebenen Eigenschaften - Rast- und Wurzellosigkeit (Ahasverus), Internationalität, Abstraktheit, parasitär von fremder Arbeit lebend, alle Werte zersetzend, als geheime Macht hinter dem Rücken der Menschen das Schicksal der Gesellschaften bestimmend - lassen sich dechiffrieren als auf 'den Juden' projizierte und in ihm personifiziert Eigenschaften des aus der Universalisierung der Tauschbeziehungen entspringenden Kapitals.
Das ökonomische Tun der vereinzelten Privateigentümer bringt als seine notwendige Konsequenz den bürgerlichen Staat und damit diejenige Herrschaftsform hervor, die sie selbst wiederum als abstrakt gleiche Staatsbürger über die Medien formales Recht, bürokratische Verwaltung und notfalls mit Repression zusammenzwingt. Die Schwierigkeit der Atomisierten, ihre Unterworfenheit unter die abstrakte Zwangsinstanz 'Staat' erklären und ertragen zu können, die daraus resultierende so blinde und wie vergebliche Suche nach konkreter, 'natürlicher' Gemeinschaft einerseits und dem Wunsch nach Identität von 'guter' Herrschaft und Beherrschten andererseits läßt das Wahnbild des Zwillingspaares von 'Volk und Nation' entstehen als ideologisches Vehikel zur Einfügung der ohnmächtig Atomisierten in das herrschaftliche Gefüge. Dieses Bedürfnis, eine Zusammengehörigkeit zu (er-)finden, die auf mehr beruht als dem Zufall der Unterworfenheit aller einzelnen unter die gleiche abstrakte Herrschaft, erfuhr in Deutschland aufgrund seiner spezifischen Geschichte die Ausprägung einer blinden, rückhaltlosen Identifikation mit der bestehenden staatlichen Macht, gepaart mit antidemokratischem Ressentiment sowie einer völkischen Definition des 'Deutsch-Seins'. Beginnend mit der militanten Germanomanie von Fichte, Arndt und Jahn erfüllte das Konstrukt 'die Juden' zunehmend die Funktion des "Anti-Volkes"16 , der "Gegenrasse"17 als dessen Gegenbild erst 'der Deutsche bzw. Arier' entstehen konnte. Der Versuch, der 'deutschen Identität' ihre eigene Leere vom Leibe zu halten und die Homogenisierung zur Volksgemeinschaft zu erreichen, brauchte geradezu die versprochene, intendierte oder praktizierte Bekämpfung 'des Juden' durch das sich in der aggressiven Verfolgung anderer erst findende Kollektiv der 'Deutschen'.18
Es lag nahe, 'die Juden' gleich auch noch für alle weiteren, mit der Durchsetzung der kapitalistischen Ökonomie einhergehenden und als vitale Bedrohung empfundenen Umbrüche bzw. Phänomene der Moderne - Auflösung traditionaler Familien-, Geschlechts- und Autoritätsbeziehungen, Verstädterung, Vereinzelung, Infragestellung überkommener Moral und aller bisher sicherer Werte und Normen, freie Presse, Kultur, Liberalismus, Parlamentarismus, Individualismus, für die 'Ideen von 1789' in toto, radikale Kritik, Sozialismus, Bolschewismus und Psychoanalyse - zu identifizieren. In einem manichäischen Weltbild wurden 'die Juden' zum Verursacher alles Bösen, für alles galt das Urteil: Zersetzung durch 'den Juden'. Die Aggression besonders stimulierend wirkte, daß die Juden gleichzeitig auch das so Gehaßte wie Ersehnte zu repräsentieren schienen: Aufschein von Lohn ohne Arbeit, Schönheit, Glück, Luxus, Geist und Kultur, eine Gemeinschaft, die sich wußte, obwohl seit Jahrhunderten zerstreut in vielen Staaten lebend und viele Sprachen sprechend, die Provokation eines Volkes ohne Staat. "Die Juden sind unser Unglück" faßte Treitschke dieses Denken in eine prägnante Formel.19
Damit ist auch der fundamentale Unterschied zum Rassismus
benannt, der es verbietet, den Antisemitismus als bloße
Unter- und Spezialform des allgemeineren Rassismus zu betrachten.
Der Rassismus projiziert auf die als 'die andere Rasse" (bzw. heute:
'Kultur') Definierten idealisierte Natur, triebhafte Sexualität,
starke Körper, Faulheit, Leistungsunfähigkeit und -unwilligkeit,
niedrigere Intelligenz, ungehemmte Emotionalität, Kriminalität
und Irrationalität. Im Ersatzobjekt symbolisiert und bekämpft
wird die Angst vor dem drohenden Rückfall des disziplinierten
und sich selbst disziplinierenden Subjekts in den Naturzustand. Die Angst,
in der Konkurrenz zu unterliegen, nicht mehr ökonomisch und herrschaftlich
vernutzbar zu werden, treibt den lohnarbeitenden Staatsbürger
zur aggressiven Abwehr des Wissens um die eigene Wertlosigkeit und Ersetzbarkeit,
welche gleichzeitig angstvoller Appell an den Staat darstellt, die
ständige Selbstunterwerfung auch zu honorieren.20
'Der Jude' dagegen symbolisiert die andere Seite,
er steht für Kapital, abstrakte Herrschaft, künstliche
Zivilisation und verunsichernde Moderne, erhält die Attribute
hoher, aber verschlagener Intelligenz, sagenhafter Macht und kalter
Berechnung zugeschrieben. Der moderne Antisemitismus leistet wesentlich
mehr als der Rassismus (in seiner klassischen Form)21 : Er bietet als
Geschichtsphilosophie eine ursächliche Erklärung der gesamten
kapitalistischen Moderne aus einem Prinzip, macht 'die Juden' für
deren Nöte und Krisen, Zwänge und Katastrophen verantwortlich
und verheißt Erlösung: die 'Lösung' des 'Judenproblems'.
Abschließend gilt es noch zwei Momente zu benennen, die die ideo- wie psychologische Dynamik des modernen Antisemitismus ausdrücken wie ausmachen: seine Immunität gegen jegliche Versuche rationaler Überzeugung und sein Charakter als zwar objektiv konformistische, weil am Ersatzobjekt sich ausagierende, subjektiv aber ernst gemeinte Rebellion. Die Resistenz der antisemitischen (wie auch der rassistischen oder nationalistischen) Denkform gegen ihr widersprechende Realität, ihre Immunität gegenüber Argumentation und Kritik, speist sich aus dem psychischen Gewinn, den sie verschafft. Sie erlaubt nicht nur die einfache Orientierung inmitten einer weithin unverständlichen und widersprüchlichen Welt, gepaart mit der stolzen Befriedigung, der Gemeinschaft der Eingeweihten und Wissenden anzugehören, sondern durch die Projektion alles Bösen auf das prospektive Opfer 'Jude' vermag der Antisemit sich selbst zum absolut Guten zu erklären und so den Freibrief sich auszustellen, in Notwehr zur ersehnten Gewalttat am Ersatzobjekt zu schreiten, den lebenslang aufgestauten und beständig neu sich ansammelnden Haß ausleben zu dürfen. So wenig das Projizierte mit dem Objekt zu tun hat, so wenig will der Projizierende diese Differenz erkennen, müßte er doch sonst kritisch auf sich selbst reflektieren und fände so kein Ziel für seine Vernichtungswünsche. Der Antisemitismus ist eine Bewußtseinsform, die nicht über sich selbst aufgeklärt ist und sich dagegen wehrt, über sich selbst bewußt zu werden. In der radikalisierten und strikt binären Ideologie des NS standen 'die Juden' am konsequentesten für das abstrakte Böse in Ökonomie, Staat wie Kultur. Sie deutete die Weltgeschichte als Kampf zweier Prinzipien und stellte die Alternative von katastrophischem Untergang versus Bekämpfung des im Juden personifizierten abstrakten Bösen durch das gute Konkrete auf. Der moderne Antisemitismus und insbesondere der Nationalsozialismus verstanden sich selbst als nationale wie antikapitalistische Bewegung, als veritable 'deutsche Revolution' gegen das "Sinnbild alles Bösen" (Hitler22 ) zur Rettung der Welt.
Nach der durch Auschwitz gesetzten Zäsur konnte der Antisemitismus weder in alter Form, noch als offener Antisemitismus überhaupt fortbestehen. Im öffentlichen Diskurs waren bislang antisemitische Äußerungen tabuisiert, der Antisemitismus ist als Welterklärung wie als politische Bewegung verschwunden. Gleichwohl erweisen die mit sicherer Regelmäßigkeit ruchbar werdenden antisemitischen 'Entgleisungen', die allzu offensichtliche Verdrängungs- und Entlastungsfunktion des öffentlich zur Schau getragenen Philosemitismus wie auch alle empirischen Erhebungen die hartnäckige Fortdauer antisemitischer Stereotype in bedeutenden Teilen der Bevölkerung. Unterhalb der Schwelle von geschlossenen Weltbildern und politischen Bewegungen wird Antisemitismus als Alltagsdenken beständig (re-)produziert. Weil nach Auschwitz selbst Antisemiten keine mehr sein können, gibt es einen 'Antisemitismus ohne Antisemiten', welcher in Deutschland gleichzeitig noch ein 'Antisemitismus ohne Juden' ist - Beleg für die gesellschaftliche Produktion dieser Ideologie, die erst im letzten personifizierenden Prozeß 'den Juden' konstruiert. Ebenso existiert das im klassischen modernen Antisemitismus Gebündelte aufgespalten in Anti-Intellektualismus, Anti-Amerikanismus, Antikommunismus und kulturpessimistische Ängste vor Wertezerfall und Untergang weiter, die 'Teilkomponenten' des Antisemitismus müssen sich nicht zwingend im 'Juden' vereinen.23
Paradoxes und perverses Novum des Antisemitismus nach 1945,
gerade in Deutschland, ist, daß Auschwitz gar als neue Quelle
eines 'sekundären Antisemitismus' wirken kann. alle Versuche der
Verleugnung, Entschuldung und Relativierung des Nationalsozialismus
zeugen allesamt von der Existenz jener Schranke, die die 'deutsche Tat'
Auschwitz jedem Bedürfnis nach 'deutscher Identität' setzt
und so gerade nicht nur einen Antisemitismus trotz, sondern einen "Antisemitismus
wegen Auschwitz" 24stimuliert.
Die antisemitischen Emotionen, die sich an exemplarischen
Ereignissen wie der Rückgabe jüdischer Vermögen zu
Beginn der 50er Jahre, der Fassbinder-Kontroverse, Bitburg, der Waldheim-Affäre
aus scheinbar heiterem Himmel entluden, das immense Verlangen der überwiegenden
Mehrheit der Deutschen, 'endlich einen Schlußstrich unter die
Vergangenheit' zu ziehen und Israel 'als einen Staat wie jeden anderen
auch' behandeln zu wollen, die nationalistischen Tendenzen weiter
Teile der Friedensbewegung der 80er Jahre wie während des Golfkrieges,
die neue Konjunktur des alten christlich-antijudaistischen Stereotyps
des unversöhnlichen alttestamentarischen Rachegottes sind allesamt
Symptome dieser aus unbewußten kollektiven Schuldgefühlen
und aggressiven Entlastungswünschen sich speisenden "bedrohlichen
Präsenz der Juden im kollektiven Bewußtsein in Deutschland
nach Auschwitz" .25 Treitschkes Schlachtruf, 'Die Juden sind unser
Unglück' erhielt durch Auschwitz jenen tatsächlichen Gehalt,
daß jeder Jude ganz real der ersehnten 'deutschen Identität'
im Wege steht, erinnert er doch an die deutsche Untat. "Die Deutschen
werden den Juden Auschwitz nie verzeihen" .26
Die Neue Linke der 60er Jahre dagegen, die sich maßgeblich
in ihrem Engagement gegen den Vietnam-Krieg sowie in ihrer Kritik
der nachnazistischen autoritären bundesdeutschen Demokratie
formierte, nahm ab Ende der 60er Jahre eine gänzlich andere
Haltung zum Staat Israel ein. Den Wendepunkt bildete der Juni-Krieg
von 1967, der nur drei Tage nach der Erschießung Benno Ohnesorgs
während einer Demonstration gegen das Schah-Regime begann, als
die APO sich mit der bis dato massivsten staatlichen Repression sowie
der tagtäglichen Hetze der Springerpresse konfrontiert sah.
Just diese feierten den Sieg Israels mit einer Blitzkriegsbegeisterung,
in der sich der ohnehin fadenscheinige offizielle Philosemitismus
mischte mit der kaum verhohlenen Freude und tiefen Genugtuung, daß
'die Juden' endlich Untaten begingen und Krieg führten wie andere
auch, sowie der Erleichterung, daß die 'Rache der Juden' nicht
die Deutschen ereilte, sondern die arabischen Staaten, welche dazu noch
als Vorposten des 'Kommunismus' galten.30 Innerhalb kürzester
Zeit kippte die Position der Neuen Linken von einer verhalten geäußerten
pro-arabischen Neutralität um in eine überbordende Verurteilung
Israels als 'imperialistisch-faschistisches Staatengebilde', während
die Al Fatah zum avantgardistischen Subjekt der sozialrevolutionären
Umwandlungsprozesse in der 3.Welt stilisiert wurde.
Argumente, Kritiken und Warnungen bekannter 'Alt-Linker'
wie E. Bloch, H. Marcuse, J. Améry. J.-P. Sartre, I. Fetscher
u. a. m.31 , welche die Selbstverständlichkeit einer
Differenzierung zwischen der Existenz des Staates selbst und der Kritik
an der israelischen Regierungspolitik einforderten und auf die "unerträglichen"32
Vernichtungsdrohungen (Meinhof) und die "nationalistische Demagogie"33
(Deutscher) der Araber hinwiesen, vermochten den Umschwung nicht
aufzuhalten34, der als ein signifikantes Anzeichen für
den Niedergang der Neuen Linken gelten muß. Exemplarisch für
diesen Sprung nach hinten steht auch die Biographie Ulrike Meinhofs:
Sie forderte noch 1967 politische Vernunft und historische Verantwortung
der Linken ein anstelle blinder Parteilichkeit. Wenige Jahre später
fiel sie mit der RAF auf von verzweifeltem Aktivismus und historischer
Amnesie gezeichnete Positionen zurück.
Ab 1969 wurde der Palästinakonflikt nur noch wahrgenommen
als "ein Bestandteil des Kampfes aller unterdrückten Völker
der Dritten Welt gegen den Imperialismus", und alle Gruppen der zerfallenden
APO waren sich einig in der Parole "Nieder mit dem chauvinistisch-rassistischen
Staatengebilde Israel!"35 Schon 1969 hatten es die anarchistisch-spontaneistischen
'Schwarzen Ratten - Tupamaros Westberlin', eine Vorläufergruppe
des 2.Juni, nicht mehr bei Verbalinjurien belassen, sondern waren
zur stolz verkündeten Tat geschritten: "Am 31.Jahrestag der faschistischen
Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüdische Mahnmale mit
'Schalom und Napalm' und 'El Fath' beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus
wurde eine Brandbombe deponiert." Bislang habe infolge des deutschen
Schuldbewußtseins nur eine "neurotisch-historizistische Aufarbeitung
der geschichtlichen Nichtberechtigung eines israelischen Staates" stattgefunden.
Doch "der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung
mit den kämpfenden Fedayin." Denn "aus den vom Faschismus vertriebenen
Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen
Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen."36
Damit war der Antizionismus innerhalb der Linken nicht
etwa diskreditiert, sondern in der Folgezeit gründeten sich zahlreiche
Palästina-Komitees; der Antizionismus erlebte in den 70er Jahren
seine Hochkonjunktur. Nach der Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft
durch ein Kommando der palästinensischen Organisation 'Schwarzer
September' in München 1972 führten die harten staatlichen
Repressionen gegen in der BRD lebende Palästinenser und Araber
nicht nur zur politischen und praktischen Solidarisierung mit diesen,
sondern ging einher mit einem weiteren Aufschwung antizionistischer
Agitation; die RAF äußerte in einer längeren Erklärung,
die jener der 'Schwarzen Ratten' um nichts nachstand, ihre Begeisterung
über den beispielhaften Charakter der "antiimperialistischen,
antifaschistischen und internationalistischen" Gehalt der Aktion des Schwarzen
September.37
Sowohl die 'Organe' der Palästinakomitees mit so
martialischen Titeln wie 'Die Front' oder 'Die Revolution' wie auch
die Zeitungen aller K-Gruppen der 70er Jahre bezeugen, daß
seinerzeit der bedingungs- und besinnungslose Antizionismus zum Grundausstattung
einer sich revolutionär dünkenden 'linken Identität'
zählte. Selbst die Ungeheuerlichkeit der Selektion der jüdischen
(und nicht nur der israelischen) Fluggäste während der Entführung
eines Verkehrsflugzeuges nach Entebbe 1976 durch ein Kommando der palästinensischen
PFLP und zwei Angehörigen der bundesdeutschen Revolutionären
Zellen mit dem Ziel der Freipressung von inhaftierten Palästinensern
wollte weiten Teilen der Linken kaum ins Bewußtsein dringen,
während z.B. die KPD "dem Ministerpräsidenten von Uganda,
seine Excellenz Idi Amin ... uneingeschränkte Solidarität"
ausdrückte und ihm "unser tiefempfundenes Mitleid"38
versicherte. Vorerst nur in kleinen Teilen der Linken begann in der Folgezeit
eine erste Antisemitismusdebatte39 , welche durch die öffentlich
begründeten Auswanderungen von Henryk Broder und Lea Fleischmann nach
Israel weiter verstärkt wurde40 und für einige zum "Ende
einer falsch verstandenen linken Toleranz"41 gegenüber
dem Antizionismus führte.
Die Welle der Empörung, die durch die Libanon-Invasion
der israelischen Armee und die Massaker in den Flüchtlingslagern
Sabra und Schatilah 1982 hervorgerufen wurde, erschreckte durch das
zwanghafte Bedürfnis der Analogisierung zwischen Israel und
dem NS, welches sich von den Palästina-Komitees bis hin zu
den Grünen manifestierte. Doch die Schlagzeilen über die
"Endlösung der Palästinenserfrage" u.ä. stießen
auf eine bereits heftigere Kritik, welche nicht nur der Palästinasolidarität,
sondern auch in den neuen sozialen Bewegungen antijüdische Tendenzen
bis hin zu einem 'Antisemitismus von links' vorwarfen.42
Diese Kritik, aber auch der allgemeine Niedergang der
Zerfallsprodukte der APO, das Ende des 'Mythos des Internationalismus'43
sowie eine beginnende Umorientierung der PLO in Richtung auf Verhandlungsbereitschaft
drängten den 'harten Kern' der Palästinasolidarität
zunehmend in relativ isolierte Zirkel und ließ - Musterbeispiele
sind die Zeitschrift 'Al Karamah' sowie der an der Hamburger Universität
wirkende Pädagoge Karam Khella - völkisch-nationalistische
Denkweisen immer stärker hervortreten. Der grundlegende Dissens
schwelte weiter und brach immer wieder auf. So provozierten die von
keiner Einsicht getrübten antiisraelischen Äußerungen
von Nahostgruppen, mit denen diese die gerade begonnene Intifada
zu unterstützen trachteten, 1988 erbitterte innerlinke Auseinandersetzungen
und Trennungsprozesse.44 In den Diskussionen um die linken
Positionen zum Golfkrieg und zu Israel im Jahre 1991 gingen die ohnehin
zusammengeschmolzenen Nahostgruppen fast all der noch verbliebenen Stützen
ihrer Identität verlustig, nachdem selbst 'Gefangene aus dem Widerstand'
und eine Gruppe der Revolutionären Zellen den Antizionismus vehement
kritisierten.45 Trotzdem ist aus guten Gründen zu bezweifeln,
daß damit dieser Aufsatz einen Nekrolog gleichkäme.
Über 20 Jahre linke Geschichte von disparaten Gruppen und Sekten, die schon über der Frage, ob El Fatah, PFLP oder DFLP die linke Sympathie zukommen solle, sich heftig befehdeten, die Entwicklung von der anfangs enthusiastischen Hoffnung auf Veränderung über die bald nur noch stereotypen Beschwörungen der weltweiten Einheit der revolutionären Bewegung bis hin zu den verquasten völkisch-nationalen und antisemitischen Phrasen der 80er Jahre, deren Verbreitung sich die Zeitschrift 'Al Karamah' verschrieben hat, - läßt sich all das überhaupt darstellen als 'der' Antizionismus?
Doch je notwendiger eingehendere Analysen oder zumindest das Eingeständnis
eigener Ratlosigkeit und Ohnmacht sowie der Haltlosigkeit der Phrase von
der 'Diktatur des Proletariats' wurde, desto mehr wurde ein maoistisch
eingefärbter Marxismus-Leninismus rezipiert und beschworen. Je weniger
die Revolution daheim zu denken war, desto mehr glaubte man, da die Realität
in der UdSSR trotz aller ideologischer und praktischer Kongruenzen dazu
nicht mehr taugen konnte, wenigstens in den Befreiungsbewegungen der '3.Welt'
die Verkörperung der weltrevolutionären Kräfte gefunden
zu haben.
Im Trikont schien der "klare Trennungsstrich zwischen
sich und dem Feind" (beliebtes Mao-Zitat) noch einfach zu ziehen
zu sein, der monolithische (US-)Imperialismus stand als Verschwörung
der Metropolen weltweit gegen den geeint kämpfenden 'proletarischen
Internationalismus'. Je mehr die eigenen Aktionsformen mit dem staatlichen
Repressionsapparat konfrontiert waren, desto mehr hafteten sich anti-imperialistische
Sehnsüchte an den 'Sieg im Volkskrieg', je deutlicher die objektiven
Schwierigkeiten der linken Theorie und Praxis in der BRD hätten
bewußt reflektiert werden müssen, desto größer
wurde das subjektive Bedürfnis, als Ersatz eine 'linke revolutionäre
Identität' (auch dies neulinke Modebegriffe) aufrechtzuerhalten,
durch den 'Bezug' auf die "geborgte Realität" (Negt) der Befreiungsbewegungen
in der '3.Welt.
Das Modell war griffig: Ein Volk fordert seine Selbstbestimmung
gegenüber fremder Herrschaft und imperialistischer Ausbeutung.
Herrschaft wurde auf Fremdherrschaft, Kapitalismus auf fremde
Ausbeutung reduziert. Die notwendige und richtige Parteinahme für
die aufständische Bevölkerung mutierte zur unkritischen
Pauschalidentifikation mit den jeweiligen Befreiungsbewegungen. Was
realiter primär nationale Befreiungsbewegungen waren, geriet für
die erfolgs- und perspektivlose Metropolenlinke zur Stellvertreter-Bewegung,
die die sozialistische Utopie verwirklichen wolle und könne. Dieser
unkritisch-identifikatorische Bezug auf die Kämpfe nationaler
Befreiungsbewegungen unter Berufung auf die Pseudotheorie des Marxismus-Leninismus,
der schon zu seiner Entstehung wenig mehr war als die nationale Legitimationsideologie
der sowjetrussischen Entwicklungsdiktatur und mit Kommunismus nichts
mehr zu tun hatte47, produzierte eine unhinterfragt positive Besetzung
der Begriffe von Nation, Staat und Volk.
Gelangte die jeweilige Bewegung erfolgreich an die Macht,
so wurde sie zu dem, was sie werden wollte bzw. was erwartbar war:
im besten Fall zu relativ 'normalen' Nationalstaaten, mit ganz normalen
Regierungen, staatlicher Repression usw., oft genug aber auch zu äußerst
diktatorischen Regimes, deren Brutalität, Vertreibungen und Massaker
meist lange kritiklos beschwiegen und bis hin zum Verlust jeglicher moralischer
Maßstäbe und politischer Vernunft mit allerlei marxistisch-leninistischen
Phrasen zu legitimieren versucht wurden, bis dann Hals über Kopf
die blinde Gefolgschaft, enthusiastische Romantisierung und Heroisierung
abrupt abgebrochen und der revolutionäre Weltgeist in einer anderen
Weltengegend neu entdeckt wurde.
Das anti-imperialistische Weltbild ist nicht nur mit einigen Fehlern behaftet, sondern weist - in seiner vereinfachenden Sicht von Herrschaft als Fremdherrschaft, Ausbeutung als fremde Machenschaft, in seinem binären Denken, das unter Verlust des Realitätsbezuges das Weltgeschehen sauber in Gut und Böse sortiert, in seinem Willen, den Kampf um nationale Unabhängigkeit als Revolution mißzuverstehen und der daraus resultierenden unkritischen Identifizierung mit Volk und dessen Gleichschaltung mit dem 'guten Volksstaat', in der Tendenz, Politik und Ökonomie zu personalisieren - zahlreiche strukturelle Affinitäten zum antisemitischen Weltbild auf.
Von rebellischen Identifikations- und Projektionsbedürfnissen
getrieben, sucht das binäre Denken auch im Nahost-Konflikt Gut
und Böse und findet letzteres mit schlafwandlerischer Treffsicherheit
im 'Zionismus' und dem, hier darf ausnahmsweise 'das Bewußtsein
das Sein bestimmen', zu dessen "materiellem Ausdruck"48
zurechtgelogenem Staat Israel.
Um den Zionismus zu geißeln, wird zuerst seine üble
Herkunft, sein 'Klassencharakter' als bloße "Ideologie reaktionärer
jüdischer Kapitalisten"49 erwiesen, wobei der vulgärmaterialistischen
Phantasie keine Grenzen gesetzt sind. 'Al Karamah' weiß, daß
der Zionismus von der jüdischen Bourgeoisie in Osteuropa, deren
bislang so arbeitsame jüdische Lohnarbeiter gefährlich klassenbewußt
wurden, erfunden wurde, um mit "der Errichtung eines eigenen 'rein
jüdischen' Staates die Verhältnisse des sich auflösenden
Ghettos ... zu reproduzieren"50 ; die 'Gruppe Arbeiterpolitik'
dagegen hat schon etwas von 'Antisemitismus' gehört und favorisiert
die jüdische Bourgeoisie in Westeuropa, die "das sorgfältig
gehütete Gerüst der 'Assimilation'" angesichts der starken
Zuwanderung von Juden aus Osteuropa schützen wollte, als Urheber.
Wie phantasievoll auch immer 'hergeleitet, der Zionismus ist "die imperialistische
Antwort auf die 'Judenfrage'"51 (was ja wohl besser klingt als
'verzweifelter Fluchtversuch vor dem Antisemitismus').
Dieses abstrakte Böse schuf etwas künstliches, ein
'Gebilde' mit dem Namen "'Israel'". Dieses versucht er zwar "als 'Heimstätte
aller Juden' (zu) tarnen"52 , doch der geschulte Anti-Imperialist
durchschaut und entlarvt dies selbstredend und kennzeichnet mit deutscher
Gründlichkeit diese naturwidrige Existenz mittels Gänsefüßchen
als schleunigst wieder abzuschaffende. Wie konnte Israel, dieser
"Garten des Bösen"53 , dieser Staat, "der ein einziges
Kontinuum des Verbrechens gegen die Menschlichkeit ist"54
entstehen? Natürlich ist 'der Imperialismus' mitbeteiligt. Durch
das Bündnis mit diesem konnte der 'Zionistenstaat' als "Brückenkopf
gegen die nationalen Befreiungsbewegungen"55 geschaffen werden
und hatte "seit jeher die Funktion, die Interessen des Imperialismus
in dieser Region durchzusetzen"56 .
Dank solch übler Abkunft und Absichten taugt 'der
Zionismus' dann als Metapher für das Böse schlechthin,
taucht meist in einem Atemzug mit Imperialismus und Rassismus auf.
Er "wehrt sich vehement gegen ein friedliches Zusammenleben der Völker"57 ,
mit seinen "durch keine Vernunft und Menschlichkeit gebundenen Ungeheuerlichkeit
zionistischer Aggressionen"58 , "ist nicht nur der unversöhnliche
und unreformierbare Feind der Palästinenser. Er ist auch unser
Feind. Er ist der Feind aller Menschen."59
Auf der Gegenseite des abstrakten Bösen in Gestalt des Zionismus-Imperialismus steht geschlossen das konkrete Gute: ein Volk! "Sehr oft wurde behauptet, das palästinensische Volk gäbe es nicht ... Das ist eine absolute Lüge!, denn alle Aktionen und Forderungen beweisen die Einheit des palästinensischen Volkes ... alles spricht dafür und beweist die Integrität und die Einheit dieses Volkes... Israel ... ist mit dem gesamten Volk konfrontiert ..."60 Die Zionisten und Imperialisten "zerstören die sozialen Zusammenhänge der Menschen und vertreiben sie von Land und Boden. Damit vernichten sie ihre Würde und Identität." Insbesondere die "völlige Entwurzelung" gefährde ihre "Identität als Volk"61 . Das derart beschworene Volk ist dem Antizionisten ans Herz gewachsen, weil es Opfer ist, kämpft und das auch noch gegen die 'jüdische Entwurzelung' durch Israel.
Israel dagegen darf kein Volk besitzen, die Juden sind deshalb
auch gar kein richtiges Volk. In der für die PLO wie die deutschen
Antizionisten "grundlegenden Frage, ob die Juden ein Volk sind"62 ,
sind alle der einhelligen Meinung, daß dieses "angebliche Volk"63 ,
"das niemals existiert hatte"64 , selbstverständlich keinerlei
'Naturrecht' auf einen richtigen eigenen Staat zukomme, weil sie,
hier wird gerne die Palästinensische Nationalcharta zitiert, weder
"Heimatboden" vorzuweisen haben noch eine angeborene "Identität
... (als) genuine, unauslöschliche Eigenschaft. Sie geht von
der Elterngeneration auf die Nachkommen über"65 .
Alle richtigen Völker mit reinem Blut und erdigem Boden dürfen
Staaten gründen, Palästinenser wie Kurden, nur die Juden nicht,
weil sie nach deutsch-völkischen Kriterien keines sein können.
'Al Karamah' weiß dies am anschaulichsten vor
Augen zu führen: "Was das Volk letztlich ausmacht, ist sein Land,
seine Bildung, seine Geschichte und auch die folkloristischen und
kulturellen Gewohnheiten und Traditionen spielen eine große
Rolle." "Wenn du die Wurzeln eines Volkes erkennen willst, schau seine
Tänze, seine Folklore an." "Den Zionisten fehlt eine einheitliche
Folklore, weil sie aus verschiedenen Teilen der Welt, aus unterschiedlichen
Kulturkreisen kommen". "Sie bilden keine Nation und müssen sich
nationale Eigenschaften durch Raub erwerben."66
Da "Zionismus und Frieden ... ebenso unvereinbar sind wie Feuer
und Wasser"67 ist klar: "Wer an eine Lösung glaubt, die
an der Beseitigung des zionistischen Regimes Israels vorbeigeht,
der irrt"68 , "'Israel' muß weg!"69 .
Hierbei wird dann innerhalb der linken 'neuen internationalen
Arbeitsteilung' das palästinensische Volk die sozialistisch-ökologisch-feministische
Revolution, ganz nach dem Gusto der metropolitanen Antizionisten
durchsetzen: "Die Perspektiven ... der palästinensischen Revolution
liegen ... in der Befreiung der Menschen, der Wiederherstellung ihrer
Würde und Identität als freie Menschen und in einer Gesellschaft,
die sich an den Bedürfnissen der Menschen und ihrer Verantwortung
gegenüber der Natur orientiert."70
Und während die Tatsache, daß derlei nur
durch Vertreibung oder Tötung derjenigen Millionen von Israelis,
die nicht mit dem Urteil der deutschen Antizionisten einverstanden
sind, hinter der Formel, doch nur die 'zionistischen Staatsstrukturen
zerschlagen' zu wollen, verborgen wird, ruft 'Al Karamah' unverhohlen
dazu auf, "für jede und jeden Palästinenser/in [der getötet
wird] einen Siedler zu liquidieren"71 .
Im "kompromißlosen Existenzkampf" zur "Zerschlagung
der allumfassenden zionistischen Verkörperung in Form des
zionistischen Staates Israel"72 , "mit dem Rücken zur Wand
- da ist kein Platz mehr zum Zurückweichen. Vor sich den
Feind"73
, nämlich Israel, da findet der Antizionist, was er so dringend
benötigt, die "kämpferische nationale Identität,
die nicht zu zerschlagen ist"74 fühlte die RAF doch schon
1972, daß die deutsche Linke anhand derlei "antiimperialistischen,
antifaschistischen und internationalistischen" wie der Aktion des
Schwarzen September "ihre eigene politische Identität wiederfinden"75
könne.
Nachdem so bereits das gute Volk gegen das abstrakte Böse
in Gestalt des Zionismus/Imperialismus steht und die Palästinenser
den Kampf gegen das staatsunberechtigte 'angebliche Volk' als Brückenkopf
national-revolutionärer Identifikationsbedürfnisse bundesdeutscher
Antizionisten führen müssen, finden sich im antizionistischen
Schrifttum auch all die anderen antisemitischen Stereotype, die
bislang noch fehlen.
So kann ungeniert von "zionistischer Weltbewegung"76 geschrieben
werden, und auch die Wall Street darf nicht fehlen: "Die zionistischen Multimillionäre,
die in allen Teilen der Welt leben ..., treffen sich immer wieder in privaten
Konferenzen, um Israels Aggression zu unterstützen"77 .
Zions Herrschsucht ist noch immer unersättlich, und manch ein
Antizionist fragt mit lüsterner Besorgnis: Wird "Groß-Israel
vom Nil bis zum Euphrat"78 reichen? Mitnichten! Israels
"seit Jahrzehnten erklärtes Ziel ... (ist) die mythisch-biblische
Ausdehnung seines Einflusses auf den ganzen nahen Osten ... Plus
Zaire und Südafrika, Mittel- und Lateinamerika in der weiteren
Perspektive."79
Auch die "Beherrschung der Weltöffentlichkeit durch
die zionistische Propaganda" darf nicht fehlen, deren "derartig
organisierte Demagogie, ... in der Lage war, jede kritische Äußerung
gegen den zionistischen Staat Israel zum Schweigen zu bringen"80 .
Und der Staat des staatsunfähigen Un-Volks ist natürlich
ein "mit geraubtem Land und geschnorrtem Geld errichtetes künstlichen
Gebilde"81 mit "parasitärem Charakter"82
.
Daß derlei Antisemitismen einhergehen mit einer systematischen
Ignoranz gegenüber dem Antisemitismus und dessen Geschichte
sowie der durchgängigen Verkennung seines ideologischen Gehaltes,
verwundert nicht. Falls der Antisemitismus überhaupt bemerkt
wird, dann lediglich als 1. eine Form von Rassismus unter vielen,
die deshalb keine gesonderte Betrachtung erfordere und 2. verniedlicht
als bloße Erfindung, Lüge und Täuschungsmanöver
der Bourgeoisie, "um den Haß der Unterdrückten von den wahren
Ursachen abzulenken und zu spalten"83 . Damit glaubt sich der Antizionismus
die Generalabsolution erteilt zu haben, ist doch der Antisemitismus per
definitionem allein bei Bourgeoisie und (Neo-)Nazis möglich, während
er sich "als Teil der unterdrückten Klasse"84 im Kampf gegen
diese wähnt. Daß der moderne Antisemitismus immer auch eine
Bewegung war, die sich als Revolte verstand, wird schleunigst verdrängt.
Dieses pathologisch gute Gewissen der mit der Gnade der späten
Geburt sich Brüstenden spart dagegen nicht mit dem Vorwurf an
die Zionisten, sie hätten, anstatt den revolutionären Kampf
gegen Hitler zu ergreifen, lieber den reaktionären Weg der Flucht
gesucht, nur um ihr Leben zu retten.85
Aber am liebsten mag der Antizionist von Antisemitismus
und Auschwitz nichts hören, und wie er die Entstehung Israels
von Auschwitz trennt, um die Vernichtung des imperialistischen Brückenkopfes
fordern zu können, so wird auch die Entstehung des Zionismus vom
Antisemitismus abgekoppelt: "Die zionistische Ideologie entstand um
die Jahrhundertwende. (...) Erst später kommt bei einigen zionistischen
Ideologen der sog. 'ewige Antisemitismus' als Rechtfertigung für
den Staat Israel hinzu."86
Dem gleichen Strickmuster folgt auch das Bild, das sich der anti-imperialistische Antizionismus vom Nationalsozialismus macht. Streng nach Dimitroff ist auch dieser nur eine Erfindung und Verschwörung der Bourgeoisie gegen die revolutionären Massen, und so unermüdlich die Politik jeder einzelnen Unterfraktion des Monopolkapitals nachverfolgt und jede Reichsmark Spende der Industrie an die NSDAP akribisch aufgelistet wird, so wenig wird Auschwitz wahrgenommen oder als Schlüssel zum Verständnis des NS auch nur in Betracht gezogen. Krampfhaft wird versucht, der Vernichtung einen Sinn abzugewinnen, sie den Kapitalisten zuschreiben zu können. "Theorie selbst wurde zu einer Form psychischer Verdrängung"87 . Nach neuesten Erkenntnissen der Nahostgruppe Hamburg diente "der Terror gegen die jüdische Minderheit zu Warnung an alle, die Widerstand leisten wollten"88 ; Auschwitz war das Mittel, um "den Schein einer ideologischen Motivation aufrechtzuerhalten, daß die Politik des Faschismus nicht allein wirtschaftlichen Zwecken dient"89 . Allenfalls dann, wenn innerhalb einer 'Ökonomie der Endlösung' sich Auschwitz doch noch auf Heller und Pfennig zu rechnen scheint, hat es Chancen, ins anti-imperialistische Weltbild einsortiert zu werden.90
Bereits in der Zuordnung Bourgeoisie/NS/Antisemitismus ist die Tendenz
zur Exkulpation zugunsten der deutschen Nation angelegt. In dem Vorwurf,
die Zionisten hätten gekniffen, schwingt die Hoffnung, die Juden könnten
an Auschwitz doch (mit-)schuldig gemacht werden, mit. Unverhüllt zu
Tage treten diese Bedürfnisse in den von Teilen der Palästina-Solidarität
nur noch als zwanghaft zu klassifizierenden Versuchen einer Verkopplung
von NS und Antisemitismus mit Zionismus bzw. Israel. Zwar war die Linke,
den NS streng nach Dimitroff als bloße Fortsetzung der bürgerlichen
Herrschaft mit etwas rabiateren Mitteln mißverstehend, schon immer
schnell mit dem Faschismus-Vorwurf zur Hand, um irgendwelches Unrecht
als besonders schlimmes moralisch anzuklagen. Doch bei keinem anderen
Staat werden alle, von den K-Sekten bis zur RAF, von Palästina-Gruppen
bis zu den Grünen, so reflexhaft von der Faschismus-Assoziation
überwältigt wie bei Israel.
Der SDS Heidelberg behauptete, die israelische Regierung
wolle "mit den arabischen Völkern ebenso verfahren ... wie die
Nazis mit den Völkern Polens und der UdSSR"91 , die KPD, daß
die Zionisten, "die Nazis unserer Tage", Palästina "araberfrei"92 machen
wollten. Die RAF schrieb vom "Moshe-Dayan-Faschismus - diesem Himmler
Israels -", der "seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden"93 ,
bereits 1969 kursierte die Rede vom "National-Zionismus"94 .
Die Reaktionen auf die Libanon-Invasion offenbarten erneut,
mit welch "obsessiver Beharrlichkeit"95 die deutsche Linke
Bezüge und Analogien zur nazistischen Judenvernichtung herstellen
will. Bundesweit wurde zur Demonstration "gegen den israelischen
Vernichtungskrieg" aufgerufen, schrieben 'taz', 'Antiimperialistisches
Informations-Bulletin', 'Blätter des iz3w' u.a. vom "Holocaust
an den Palästinensern" und der "Endlösung der Palästinenserfrage"96.
Anschaulich äußert sich das Bedürfnis, Israel den
Faschismus anhängen zu wollen, in einer mittlerweile 20jährigen
Kontinuität von unzähligen Karikaturen, die in immer neuen
Variationen das Hakenkreuz mit dem Davidstern verschmelzen lassen.97
In den späten 80ern bemühte sich 'Al Karamah',
"das faschistische Gesicht" und die "faschistischen Vernichtungsmaßnahmen
des zionistischen Siedlerstaates", die "die Maßnahmen des
deutschen Faschismus bei weitem übertreffen"98 ,
zu entlarven. Karam Khella, derzeit Chefideologe der Restbestände
des anti-imperialistischen Lagers, hat gar eine neue 'Faschismustheorie'
zur Beantwortung der ohnehin nur rhetorisch gestellten Frage "Ist Israel
ein faschistischer Staat?"99 entworfen, um zu dem Wunschergebnis
zu kommen, daß 1. der Faschismus in jedem kapitalistischen Staat,
2. besonders ins Israel, 3. aber keinesfalls im Irak zu finden sei. Der
zionistische Faschismus besitze gar einen besonders perfiden Charakter,
versuche er doch die Weltöffentlichkeit über seinen wahren
Charakter zu täuschen, indem er Wahlen, Gewerkschaften und gar
eine KP zuläßt.
Auch in der Vergangenheit suchte sich das aggressive Bedürfnis
nach Exkulpation zu befriedigen.100 So werden das
Ha'avara-Abkommen, das 1933 zwischen dem Reichswirtschaftsministerium
und der Zionistischen Vereinigung für Deutschland abgeschlossen
wurde und gegen den Export deutscher Waren nach Palästina
bis 1939 60.000 Juden die Ausreise ermöglichte, sowie Kontakte
einiger rechtsextremer Zionisten zur SS (als diese noch die Auswanderung
der Juden betrieb) dazu benutzt, ein "Komplott", eine "Kollaboration"101
, eine "verbrecherische Allianz des Zionismus und des Nazismus"102
zu erfinden.
Da scheint die Haganah fast zum Verursacher der NS-Judenpolitik
zu werden, habe sie doch versucht, "die Mithilfe der SS bei der Beschleunigung
der Austreibung der Juden zu gewinnen"103 . Erst entzogen
sich die Zionisten schon durch feige Flucht der Verpflichtung, anstelle
der versagenden deutschen Arbeiterbewegung den NS zu stürzen,
dann brachten sie noch mit dem Ha'avara-Abkommen "jeglichen Versuch
eines wirtschaftlichen Boykotts des Nazireichs zum Scheitern"104
! Selbst sind sie schuld, die Juden-Zionisten, hat doch "ihre Konspiration
mit den Nazis ... dazu beigetragen, das Nazi-Regime zu stärken
und die Front des antifaschistischen Kampfes ... zu schwächen"105
, hielten sie doch "den Faschismus im Sinne ihrer Pläne für
wünschenswert ..., der den Juden den Tod brachte"106
, womit die Zionisten "den Tod von vielen Tausenden von Juden durch
Hitler auf dem Gewissen haben"107 .
Die von den Antizionisten betriebene Verschiebung des NS nach
Israel, die Rede von einer "ideologischen Verwandtschaft zwischen dem
Antisemitismus des NS-Faschismus und dem Zionismus"108
bis hin zur obszönen Behauptung einer Mitschuld an der Vernichtung,
leistet eine derart unverfrorene Verdrängung des NS, Exkulpation
der deutschen Nation und Restituierung deutschen Nationalgefühls
wie sie selbst Nolte et. al. weit von sich weisen würden: an jenem
Staat, der allein durch seine Existenz die Erinnerung an Auschwitz nicht
vergehen läßt und so dem Bedürfnis nach deutschem
Nationalgefühl im Wege steht.
"So sind sie uns perverserweise ähnlich geworden" 109
stellen mit der späten Geburt begnadete deutsche Antizionisten
fest, und die solch scheinheiligem Entsetzen stets auf den Fuß
folgende Entdeckung der Palästinenser als die "Juden der Juden"110
bedeutet in seiner Konsequenz nicht nur Entschuldung, sondern Aufruf
zu neuerlicher Gewalt - die Juden sollen nämlich bloß nicht
glauben, "als hätten sie durch unsere Taten eine Art Mordbonus erhalten"111
. "Angesichts der zionistischen Greueltaten verblassen ... die Nazigreuel"
stellte der Grüne Kalender 1983 befriedigt fest und rief nicht
nur dazu auf: "Kauft nicht bei Juden", sondern fragte erwartungsvoll,
"wann den Juden endlich ein Denkzettel verpaßt wird"112
.
Die typischen Reaktionsweisen auf Kritik sind ein weiterer signifikanter
Beleg für den hohen Anteil projektiver Energien und Identifikationsbedürfnisse
und zeugen von der Brüchigkeit der 'revolutionären Identitäten'
bei den zur Sektenhaftigkeit herabgesunkenen Antizionisten im
anti-imperialistischen und autonomen Spektrum. So wenig der Inhalt
der Kritik auch nur wahrgenommen werden kann, muß jegliche
Kritik, zumal von links, durch aggressive Abwehr verdrängt
werden, müssen Person und Absicht der Kritiker vernichtend
angegriffen werden.
Zu den vergleichsweise freundlichen Vorwürfen gehören
"der Abschied von einer klassenkämpferischen Praxis"113
, "Antikommunismus"114 oder die 'nur' von antiintellektuellem
Ressentiment115 gespeiste Abwehr als "theoretischer Firlefanz"116
seitens "kleinbürgerliche Intelligenz"117 . K. KHELLA erkennt
da schon "gezielt und systematisch betriebene" "Zersetzung" am Werke,
welche den Tatbestand der "Volksverhetzung"118 erfülle.
'Al Karamah' "entlarvt solche Elemente", die "mit veralteten Slogans
wie 'Antisemitismus'" daherkommen, als "pseudolinke Kräfte",
die nur eine "massive Propagandakampagne zugunsten des Zionismus durchführen"119
wollen. Der Antizionist glaubt sich bedroht durch "Fälschungen"
und "Denunziationsversuche" von "Hofideologen"120 , die infolge
ihrer "Lumpenhaftigkeit" "konsequent" "Staatsschutzpolitik"121
betreiben.
Ende 1991 rechnete eine Revolutionäre Zelle mit dem
"Mythos nationaler Unabhängigkeit und dem ihm immanenten ...
homogenisierenden Volksbegriff" ab, dessen "naive Projektionen" und
"handfeste Verdrängungen" spätestens im Falle Israels
zu "historischer Amnesie und moralischer Desintegration" führten.
Schon die "Katastrophe" von Entebbe, die "Selektion entlang völkischer
Linien" hätte zeigen müssen, "daß auch Linke nicht
gegen antisemitische Ressentiments gefeit sind, die notdürftig
mit nationalrevolutionären Definitionen kaschiert werden"122
. Doch auch diese traurige Wahrheit quittierte die anti-imperialistische
Seite in unbewußter Selbstironie postwendend mit dem Vorwurf,
daß eben auch die RZ "Propagandalügen" kolportiere, um eine
"proisraelische Politik" sowie "ihren eigenen Rückzug" zu legitimieren.
Erfolgreich wurden die RZ der "Denunziation nationaler Befreiungsbewegungen",
des "kleinbürgerlichen Anarchismus", der "tiefen rassistischen
Verachtung ... gegenüber dem Trikont" sowie des "bürgerlichen
Antifaschismus" überführt.123
Das anti-imperialistische Weltbild macht keine Fehler, es ist der Fehler: Es tendiert dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu simplifizieren, zu verdinglichen, zu personifizieren, verschwörungstheoretisch zu mißdeuten und damit eine auch moralisch binäre Weltsicht zu entwickeln. Da die eigenen, unreflektierten Bedürfnisse nach Veränderung, kämpferischer Gemeinschaft, eindeutigem Feind und einfach zu durchschauenden Verhältnissen hierzulande keine Erfüllung finden, werden diese in die Fernen des Trikonts projiziert. Die unkritische Identifikation mit nationalen Befreiungsbewegungen muß zwangsläufig zur Unterscheidung von guten und schlechten Staaten, zur Verwechslung von nationaler Befreiung mit sozialer Revolution und so zur Entdeckung guter Völker führen, welche gegen das mit 'Imperialismus' bezeichnete abstrakte Böse kämpfen. (Die letzte Ursache dieser Denkform ist eine falsche Verarbeitung der gesellschaftlichen Verhältnisse im allgemeinen und der durch sie gegebenen objektiven Probleme einer aktivistisch die 'Revolution' wollenden 'Linken' im besonderen. Die Übernahme der Pseudotheorie des 'Marxismus-Leninismus erfolgte aus diesem Dilemma; hätte er nicht bereitgestanden, hätte er erfunden werden müssen.)
Entdeckt diese als strukturell antisemitisch zu bezeichnende Denkweise den Palästina-Konflikt, so muß sie nahezu zwangsläufig auch material antisemitische Erklärungsmuster (re-)produzieren. Denn will der anti-imperialistische Antizionismus mit seinem Bedürfnis nach Revolte die Palästinenser als das gute Volk identifizieren, das im Kampf gegen fremde Herrschaft sich homogenisieren und den 'guten Staat' aufbauen soll, so dürfen die Juden kein Volk sein, muß 'der Zionismus' zur abstrakt-magischen Formel für alles Böse werden, müssen Antisemitismus und Auschwitz relativiert und negiert werden. Schon um die binäre Weltsicht des anti-imperialistischen Antizionismus überhaupt legitimieren und aufrechterhalten zu können, muß objektiv antisemitisch argumentiert werden.
Doch manifestiert sich im Antizionismus nicht nur der Wunsch
nach echter und kämpferischer Gemeinschaft sondern auch der nie
eingestandene Wunsch nach 'deutscher Normalität', nach Entlastung
von der Vergangenheit des 'eigenen' Kollektivs. Keine Linke war vor
1967 so pro-israelisch, keine war nach 1967 so antizionistisch wie
die deutsche Linke. Der unkritische Pro-Israelismus der Linken, der
das Leid der palästinensischen Bevölkerung nicht sehen wollte,
trug den Charakter einer 'Politik des schlechten Gewissens', zeigt
die angesichts der Monstrosität der deutschen Verbrechen verständliche
Befangenheit der deutschen Linken gegenüber Israel. Doch der
Umschwung zum glühenden Antizionismus war mehr als eine 'Überreaktion'
darauf, daß die bisher zu reinen Opfern Stilisierten diesem Bild
nicht mehr entsprachen und gar von der gehaßten Springer-Presse
als Blitzkriegssieger gefeiert wurden, war mehr geschuldet als einem platten
Anti-Imperialismus, der in den Palästinensern neue, und gar 'bessere',
weil sich wehrende Opfer entdeckte.
Denn schon die von Anfang an kursierende Täter-Opfer-Metaphysik,
die die Palästinenser zu den 'Opfern der Opfer' und damit 'die
Juden' zu 'Tätern' definierte, betrieb die Relativierung der
deutschen Verbrechen auf Kosten der Juden. Die Dialektik dieser nur
scheinbar abstrakt-moralischen Rede fand alsbald ihre logische Konkretion
in der skandalösen Gleichsetzung Israels bzw. des Zionismus mit
dem Faschismus.
Mit dem "Pathos des doppelt reinen Gewissens"124
, das sich als nachgeboren und 'links' als von jeglicher selbstkritischen
Reflexion über die eigenen Beweggründe enthoben definierte,
verurteilten deutsche Antizionisten, oder genauer: antizionistische
Deutsche Israel als zu eliminierendes 'Gebilde'. In der Projektion des
NS auf Israel äußert sich nicht nur das Bedürfnis, 'revolutionär'
und 'links' sich im antifaschistischen Kampf phantasieren zu wollen,
sondern gleichzeitig der Wunsch, sich endlich 'normal' und unbelastet
von der Geschichte des eigenen Kollektiv fühlen zu wollen. "Allein
der Vergleich an sich ist schon ein Skandal. Man muß um jeden
Preis Auschwitz aus dem Gedächtnis der Menschen auslöschen
wollen, um einen solchen Vergleich anzustellen. Tatsächlich werden
sich am Tage, an dem man bewiesen hat, daß die Opfer genauso schuldig
sind, wie die Henker, die Henker oder die Kinder der Henker erleichtert
fühlen."125 . In der Bekämpfung der deutschen Vergangenheit
an Israel wird so das Geschäft der Normalisierung und Restituierung
des deutschen Nationalgefühls betrieben, wieder einmal auf Kosten
der Juden - veritabler sekundärer Antisemitismus 'linker' Provenienz.
Wenn nicht mehr unterscheidbar ist, ob die national-emotional aufgeladenen Metaphern 'Feind der Welt' oder 'Feind der Menschen' oder 'blutrünstige und machtgierige Bastion gegen die Völker' oder 'Sinnbild alles Bösen' nun von 'rechten' deutschen Nationalsozialisten auf 'die Juden' oder von 'linken' deutschen Befreiungsnationalisten auf 'den Zionismus' gemünzt sind126 , wird endgültig deutlich, wie kurz der Weg vom "Antiimperialismus der dummen Kerls"127 , den Deutscher 1967 fälschlicherweise bei den Arabern befürchtete, zum Antisemitismus ist.
So ist der Antizionismus gleichsam eine 'doppelt verschobene' und damit doppelt konformistische Rebellion. Er verschiebt nicht nur alles Böse auf das Abstraktum mit dem Namen 'Zionismus', sondern delegiert auch noch den Widerstand an die Palästinenser, die als Brückenkopf nationalrevolutionärer deutscher Bedürfnisse Israel von der Landkarte tilgen sollen (und sind diese zu derlei Selbstaufopferung nicht bereit, wird eben auch die PLO des kleinbürgerlichen Verrats geziehen). Der Sache der palästinensischen Bevölkerung erweist die sich revolutionär gebärdende und mit der Gnade der späten Geburt brüstende geschichts- und reflexionslose Unschuld einen Bärendienst, weil gerade sie den so beklagten pauschalen Antisemitismus-Vorwurf der israelischen Regierung an die Solidaritätsbewegung teilweise wahr macht.
Die Kritik des Antizionismus trifft nicht nur den sektiererischen
Kern der Palästina-Solidarität, sondern gilt generell dem
manichäischen anti-imperialistischen Weltbild und dem Nationalismus
von links, wie er nicht nur während des Golfkrieges sich zeigte.
Antinationalismus stellt nicht nur eine Grundbedingung zum Begreifen
und Erkennen des Antisemitismus, sondern auch eine Grundbedingung
der Linken überhaupt dar. Als gesellschaftlich geprägte Individuen
sind 'Linke' potentiell so nationalistisch und antisemitisch wie die
sie umgebende Gesellschaft, als hierzulande aufgewachsene sind sie
ebenso anfällig für die spezifischen Zwänge eines deutschen
Nationalismus, die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der belastenden
Vergangenheit und die symptomatischen Wiederkehr des Verdrängten
in Form eines 'sekundären Antisemitismus'. Als radikal kritisch
sich begreifende und historisch reflektierende politische 'Linke' ist
es deshalb ihre unabdingliche Aufgabe, sich der (selbst)kritischen
Auseinandersetzung zu stellen: Das eigene Bedürfnis nach kollektiver
und damit potentiell nationaler Identität reflektieren, das die
gesellschaftlichen Verhältnisse verdinglichende anti-imperialistische
Weltbild als ideologisches und falsches zu kritisieren, den Antizionismus
als das aufzuweisen und zu denunzieren, was er ist, ihn nicht weiter
als 'links' gelten zu lassen - dies muß zum grundlegenden Selbstverständnis
einer der Aufklärung und Kritik verpflichteten Linken zählen,
will sie sich noch als solche bezeichnen.
1 Unsere Zeit (DKP), 13.3.1975; zit. n. Broder (1976), S.43.
2 Roter Morgen (KPD/ML), 23.11.1974. Zit. n. Broder (1976), S.42.
3 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
4 Schwarze Ratten/Tupamaros Westberlin; zit. n. Baumann (1976), S.67ff.
5 Arbeiterkampf (Kommunistischer Bund), Oktober 1973; zit. n. Broder (1976), S.43.
6 Interim (1992), S.6.
7 Rote Fahne, 5.6.1974; zit. n. Broder (1976), S.44.
8 RAF (1987), S.38.
9 Al Karamah Nr.7/1988, S.3.
10 Vgl zur Geschichte des Antisemitismus (Massing (1986), Berding (1988), Poliakov (1977ff.) sowie die gesellschaftstheoretischen Erklärungsversuche (Claussen (1987a, b), Postone (1982, 1988), Adorno/Horkheimer (1984). Zur psychodynamischen Komponente vgl. Adorno (1973), Fenichel (1987).
11 Claussen (1989), S.112.
12 So Broder (1976) und Poliakov (1977ff.).
13 So Silberner (1962), S.6; ders. (1983).
14 So Silbermann (1976).
15 In Deutschland entstand der Antisemitismus mit dem gegen die napoleonische Herrschaft gerichteten völkisch-romantischen Nationalismus und lag um die Wende zum 20.Jahrhundert ausbuchstabiert vor. Er trug zwar bereits den Charakter eines flexiblen Codes, in dem sich die heterogene Rechte finden und all ihre diffusen Ressentiments verknüpfen konnte, verblieb aber auf der Ebene eines 'Bierzelt-Antisemitismus', der keine organisatorische Struktur zur dauerhaften Einbindung seiner Anhänger aufzubauen vermochte. Der Antisemitismus aber, der sich nach 1918 radikalisierte, systematisierte und organisierte, wurde zum zentralen Fluchtpunkt der nationalsozialistischen Ideologie und der Praxis einer (sich auch selbst als solche verstehenden) Bewegung. Ursachen dieser immensen Aufladung des Antisemitismus waren zum einen die Niederlage im Weltkrieg, die mehrfachen ökonomischen Krisen- und politischen Umbruchserfahrungen, zum anderen die Frontstellung bis hin zum Bürgerkrieg gegen KPD wie russischen Bolschewismus sowie auch die ideologische Herausforderung durch die ausformulierte kommunistische Geschichts- und Klassenkampfideologie. Hiervon unterschieden werden muß wiederum die Herrschaft des NS, die die Ideologie als Staatszweck institutionalisierte damit eine destruktive Dynamik freisetzte, die schließlich in der Realisierung der ideologischen Konsequenz der Weltanschauung kulminierte: der Einheit von Krieg und Vernichtung der Juden. Vgl. Arendt (1986); Jäckel (1969); Mommsen (1983); Broszat (1986); Pohlmann (1990).
16 Améry (1990), S.201. Vgl. auch Hoffmann (1990).
17 Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20.Jahrhunderts (1934), S.462.
18 Vgl. Poliakov (1977, 1986); Hoffmann (1990).
19 Deshalb ist auch wesentlich zu unterscheiden zwischen dem Antijudaismus der traditionalen Feudalgesellschaft als eine verschobene, periodisch ausbrechende Rebellion gegen die Zumutungen christlicher Religion, fürstlicher Herrschaft und beginnender Warenvergesellschaftung und dem modernen Antisemitismus, der zwar zahlreiche Motive des Antijudaismus aufnahm, aber gerade keinen 'Rückfall ins Mittelalter' darstellt. Hier stehen 'die Juden' als zentrales Chiffre aller die Gesellschaft bestimmenden Kräfte (Kapital, Staat, Moderne) im Fluchtpunkt einer so systematischen wie pessimistisch-destruktiven Weltanschauung, Welterklärung und -veränderung.
20 Vgl. Postone (1988), S.277: Bruhn (1991); Jacoby/Lwanga (1990), S.95.
21 Zu der interessanten Frage, inwieweit die derzeitige neue Konfiguration eines europäischen Rassismus vom Antisemitismus die Funktionen des nationalistischen Appells an den Staat, des Ausschlusses eines 'inneren Feindes' zur Selbstdefinition, der konformistischen Rebellion für bessere Herrschaft sowie der Reaktion gegen das 'Fremdwerden' der Gesellschaft übernommen hat, vgl. Balibar (1992), S.19, 23ff.; Taguieff (1991), S.238ff., Hobsbawm (1992).
22 Hitler, Mein Kampf (1936), S.355.
23 Vgl. Claussen (1991); Bering (1982).
24 Diner (1986), S.16.
25 Diner (1986), S.14. Vgl. zum Antisemitismus nach 1945 die Sammelbände Antisemitismus (1990), Antisemitismus (1986) sowie Broder (1986), Wir (1990); zur Friedensbewegung Pohrt (1982), Frieden (1984), Brumlik (1986); zum Golfkrieg Diner (1991), Brumlik (1991), Konkret Nr.3, März 1991; zu empirischen Umfragen vgl. Bergmann/Erb (1990), Weil (1990); Spiegel (1992).
26 Broder (1986), S.125.
27 Grundlegend: Kloke (1990); vgl. auch Fichter (1984).
28 Vgl. Schoeps(1986); Bergmann (1990); Erb (1990).
29 Vgl. hierzu Stern (1991a, b).
30 Vgl. z.B. G. Manns Rede (1960); Meinhof (1980); Diner (1986).
31 Vgl. Améry (1969, 1990a, b); Deutscher (1977); die Angaben bei Kloke (1990), S.71ff..
32 Meinhof (1980), S.102.
33 Deutscher (1977), S.93.
34 Das in diesem Buch veröffentlichte Essay Poliakovs richtete sich seinerzeit an die französische Linke.
35 SDS Frankfurt 1970; zit. n. Kloke (1990), S.80).
36 Zit. n. Baumann (1976), S.67ff.
37 RAF (1987), S.31.
38 Rote Fahne; zit. n. Broder (1984), S.22.
39 Vgl. Broder (1976, 1984, 1986); Claussen (1976); Galinski (1976); Langer Marsch (1979); Fleischmann (1980); Gegenposition bezogen Zwerenz (1976), Geisel/Offenberg (1977).
40 Fleischmann (1980); Broder (1981).
41 Fichter (1984), S.96.
42 Vgl. die Beiträge in: Verlängerung (1983); Solidarität (1984); Brumlik (1986); Diner (1983).
43 Titel des Kursbuchs Nr.57 (1979).
44 Vgl. Deutsche Linke (1988); Initiative (1990); iz3w Nr.150/1988.
45 Vgl. Brumlik (1991); Diner (1991), Konkret Nr.3/1991; Logik (1991); Rosenkötter u.a. (1991); Revolutionäre Zellen (1991); Arbeiterkampf Nr.333/26.8.1991, S.29f., Nr.335/21.10.1991, S.33. Radio (1991).
46 Vgl. hierzu: Améry (1969), S.3421f.; Brückner (1976), insbes. S.162ff.; Reich (1978); Wagenbach (1978); Nairn (1979); Claussen (1979, 1983); Kursbuch 57 (1979); Initiative (1990a, 1991); Revolutionäre Zellen (1991). Als geradezu idealtypisches Beispiel vgl. RAF (1987).
47 Vgl. Claussen (1979), Pannekoek u.a. (1991).
48 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1988), S.9.
49 Rote Presse Korrespondenz 18.10.1973; zit. n. Broder (1976), S.35.
50 Al Karamah Nr.8 (1988), S.40.
51Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.4, 5.
52 Nahostgruppe Freiburg (1988b).
53 Elias (1983), S.93.
54 K. Khella (1988), S.19.
55 Arbeiterkampf November 1973; zit. n. Broder (1976), S.40.
56 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
57 Nahostgruppe Freiburg (1988b).
58 Elias (1983), S.94.
59 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
60 Nahostgruppe Freiburg (1988c).
61 Nahostgruppe Freiburg nach: iz3w Nr.150/1988, S.38.
62 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1988), S.14.
63 Rote Presse Korrespondenz 18.10.1973; zit. n. Broder (1986), S.35.
64 Palästina-Nachrichten Nr.7; zit. n. Broder (1976), S.36.
65 Art. 3 und 4 der Nationalcharta, zit. in: Al Karamah Nr.2/1986, S.13.
66 Alle Zitate aus: Heimrich u.a. (1989), S.123ff.
67 Al Karamah Nr.12/1989, S.4.
68 Nahostgruppe Hamburg (1988), S.10.
69 Interim (1992), S.6.
70 Nahostgruppe Freiburg (1988a), S.42ff.
71 Nr.12/1989, S.4.
72 Al Karamah Nr.3/1986, S.18.
73 Nahostgruppe Freiburg (1988c). Zur Verherrlichung des Kampfes vgl. auch die martialischen Titelbilder von 'Al Karamah'.
74Al Karamah Nr.7/1988, S.3.
75 RAF (1987), S.38.
76Al Karamah Nr.3/1986, S.18.
77Antiimperialistisches Informationsbulletin, April 1971; zit. n. Broder (1976), S.43.
78 B. Heinrich auf der bundesweiten Demonstration gegen die Libanon-Invasion am 21.8.1988; zit. n. Kloke (1990), S.139.
79 Elias (1983), S.85.
80 Al Karamah Nr.3/1986, S.18.
81 Arbeiterkampf Januar 1975; zit. n. Broder (1986), S.42.
82 Konkret, 28.6.1973; zit. n. Broder (1986), S.42.
83 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
84 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
85 Vgl. z.B. den in antizionistischen Kreisen gern gelesene Offenberg (1983) sowie Polkehn (1988), S.12; Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.8.
86 Nahostgruppe Freiburg (1988c).
87 Postone (1988), S.275.
88 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.15.
89 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.19.
90 Vgl. die Rezeption von Heim/Aly (1988, 1991).
91 Flugblatt 'Rote Kommentare' vom 20.2.1970.
92 Rote Fahne, 28.2.1973; zit. n. Broder (1976), S.42.
93 RAF, a. a. O.
94 Améry (1969), S.3419.
95 Kloke (1990), S.139.
96 Alle Zitate n. Kloke (1990), S.139. Neuere Beispiele vgl. Deutsche Linke (1988), S.50f.
97 Vgl. Kloke (1990), S.107ff.; Bruhn (1991a). Neuere Beispiele vgl. Karamah Nr.3/1986, S.19, 24, Nr.9/1988, S.12.
98 Nr.7/1988, S.3. Nr.8/1988, S.3.
99 Vgl. die Broschüre mit dem gleichnamigen Titel (o.J.) sowie Interim (1991).
100 Als 'Beleg' dieser abstrusen Gedankengänge kursieren in antizionistischen Kreisen seit Jahren die Schriften von Polkehn (1970, 1983, 1988), Offenberg (1983). Fundiert zum Ha'avara-Abkommen vgl. Schölch (1983); Nikosia (1989).
101 Polkehn (1970).
102 Al Karamah Nr.3/1986), S.18.
103 Polkehn (1970).
104 Polkehn, zit. in: Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.10.
105 Polkehn (1970).
106 Elias (1983), S.94.
107 Al Karamah Nr.3/1986, S.19.
108 Nahostgruppe Freiburg (1988a); ähnlich Offenberg (1983), S.102.
109 Elias (1983), S.92.
110 Offenberg (1983), S.104.
111 Elias (1983), S.91.
112 Zit. n. Broder (1984), S.45.
113 Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
114 Diesen wirft K. KHELLA (1988, S.20) dem KB vor.
115 Antiintellektualismus war und ist allerdings genuin mit dem Antisemitismus verknüpft: vgl. Bering (1982).
116 Immer rebellieren! (1988b), S.62. Ebenso die Autonome Nahostgruppe Hamburg (1989), S.2.
117 Nahostgruppe Freiburg (1988a), S.44.
118 Khella (1988), S.18, 20.
119 Nr.8/1988, S.37.
120 Nahostgruppe Freiburg (1988a), S.43.
121 Immer rebellieren! (1988b), S.63, 64.
122 Alle Zitate: Revolutionäre Zellen (1991)
123 Alle Zitate: Interim (1992), S.12ff.
124 Simon (1984), S.9.
125 A. Finkielkraut, zit. n. Heenen (1983), S.104.
126 In Reihenfolge: Joseph Goebbels 1942 (zit. n. Hoffmann (1990), S.30); Autonome Nahostgruppe Hamburg (1988, S.9); KPD/ML 1974 (zit. n. Broder (1976), S.42); Adolf Hitler (Mein Kampf, München 1936, S.355).
127 Deutscher (1977).