Helmut Dahmer
In memoriam Alfred Lorenzer
Alfred Lorenzer wurde vor zwölf Jahren durch eine schwere Krankheit
aus dem wissenschaftlichen Diskurs herausgerissen. Am 26.6. 2002 ist
er, im Alter von achtzig Jahren, gestorben. Seine theoretischen Arbeiten
galten der Rückeroberung jener Dimensionen der Freudschen Psychoanalyse,
die der Anpassung der psychoanalytisch geschulten Ärzte und Psychologen
an die naturwissenschaftlich orientierte Medizin und Psychologie zum Opfer
gefallen waren.1
In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
rebellierte eine aktive Minderheit der nach dem zweiten Weltkrieg aufgewachsenen
Generation gegen den über sie verhängten politisch-kulturellen
Status quo. Studenten protestierten (unterstützt von wenigen Veteranen
der nonkonformistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit) in Osteuropa
gegen die stalinistischen Regime, in Westeuropa und in den USA gegen
die innenpolitischen Folgen des Kalten Krieges, in Westdeutschland gegen
das Beschweigen der Hitlerdiktatur und des Holocaust und gegen die neuen
antidemokratischen Tendenzen, deren Ausdruck die „Notstandsgesetze“ waren.
Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Sackgasse der gesellschaftlichen
Entwicklung wandten die jungen Intellektuellen sich zuerst dem (im Westen
verpönten, im Osten verachteten) Partei-Marxismus, dann häretischen
marxistischen Theoretikern und schließlich Marx selbst zu. Gleichzeitig
entdeckten sie den von Freudianern wie Stalinisten längst in Acht
und Bann getanen und dann vergessenen „Freudomarxismus“ der zwanziger
und dreißiger Jahre (Reich, Fromm, Fenichel u. a.) wieder und begannen,
zögernd, mit der Freud-Lektüre. Der phänomenologisch orientierte
Marxist Herbert Marcuse, der in den dreißiger Jahren – gemeinsam
mit Max Horkheimer – den skeptischen Hegel-Marxismus der (später so
genannten) „Frankfurter Schule“ begründet hatte, identifizierte in
seinem 1955 erschienenen Hauptwerk Eros and Civilization (Eros und Kultur
bzw. Triebstruktur und Gesellschaft) die Freudsche Psychoanalyse als
eine (nachidealistische, subversive) Sozialphilosophie. Eindeutiger als
andere nonkonforme Intellektuelle der älteren Generation stellte Marcuse
sich auf die Seite der neuen Protestbewegungen und wurde bald zu ihrem
Mentor und Sprecher. Die in Westdeutschland nach Kriegsende notdürftig
reorganisierte Psychoanalyse, die es lange Zeit vermied, sich mit ihrer
eigenen Vergangenheit in der Weimarer Republik und in Hitlerdeutschland
auseinanderzusetzen, und die sich an der angelsächsischen, entpolitisierten
und instrumentalisierten („medizinalisierten“) Psychoanalyse orientierte,
war außerstande, sich auf das neue Interesse an der Freudschen Theorie
einzustellen.2 Den timiden Psychotechnikern in den psychoanalytischen
Berufsverbänden und Instituten jagten die demonstrierenden Studenten,
die sich ja unter anderem auf Reich und Freud beriefen, eine Heidenangst
ein.
Zu den wenigen Außenseitern, die – wie Alexander Mitscherlich
– im Inneren der psychoanalytischen Organisationen und Institute frei
genug waren, auf das neu erwachte (in Deutschland zum ersten Mal überhaupt
erwachte) gesellschaftliche Interesse an der Psychoanalyse zu reagieren,
gehörte Alfred Lorenzer. Seine in den siebziger Jahren in rascher
Folge erschienenen Schriften zeigten, daß hier ein freudianischer
Therapeut (wie vor ihm Siegfried Bernfeld) versuchte, sich von der Eigenart
der „unnatürlichen Wissenschaft“3 Psychoanalyse wissenschaftstheoretisch
Rechenschaft abzulegen. Hatten Heinz Hartmann und David Rapaport Freuds
Selbstmißverständnis hinsichtlich des Charakters seiner neuen
kritischen Theorie des Unbewußten systematisiert, so zeigte Lorenzer,
daß es sich bei der Psychoanalyse um eine Hermeneutik eigener Art,
eine „Tiefenhermeneutik“ handelt.4 Er durchstieß auf eigene
Faust den Cordon sanitaire, mit dem sich die in Emigration und Untergrund
getriebenen Psychoanalytiker umgeben hatten, und eröffnete neuerlich
den Dialog mit Philosophie und Soziologie, mit Habermas und Wittgenstein,
mit Marx und George Herbert Mead. Seine Assimilationskraft war erstaunlich.
Seine Schriften hatten oft den Charakter von programmatischen Montagen;
die Umsetzung solcher Programme überließ er anderen, Schülern.
Er selbst kam immer wieder auf Freud zurück5 , auf dessen Spuren
er sich in den achtziger Jahren der Religionskritik6 und der Kultur-
bzw. Literaturanalyse7 zuwandte. Man kann sich leicht vorstellen,
welche Wirkungen Lorenzer hätte entfalten können, hätte sich
ihm die Möglichkeit geboten, ein sozialpsychologisches Forschungsinstitut
zu dirigieren. Doch war in Institutionen dieser Art für einen Lorenzer
kein Platz. Das zeigte sich früh im (staatlichen) Frankfurter Sigmund-Freud-Institut,
wo Lorenzer in den sechziger und noch Anfang der siebziger Jahre arbeitete,
wo man aber seine Schriften, die als mehr oder weniger „unverständlich“
galten, weder las noch diskutierte. Lorenzer kam damals in den Pausen
zwischen seinen Analyse-Stunden gern in die Redaktion der Zeitschrift
Psyche, für die ich damals zuständig war. Oft gesellte
sich auch Klaus Horn zu uns. Wir sprachen über aktuelle Politik, über
wissenschaftliche Neuerscheinungen, über Artikel, die für die
Zeitschrift eingegangen waren, über Institutsangelegenheiten8
und, vor allem, über unser gemeinsames Projekt, die Reduktion der Psychoanalyse
auf eine Psychotechnik rückgängig zu machen und sie als eine
Sozialphilosophie sui generis zu entfalten. In diesen Pausen-Gesprächen
über psychoanalytische Sozialforschung9 war auch zum
ersten Mal von einer „kritischen Theorie des Subjekts“ die Rede.10
Lorenzer wurde 1971 nach Bremen berufen und kehrte nach ein paar
Jahren auf einen soziologischen Lehrstuhl in Frankfurt zurück. Um
ihn gruppierte sich bald ein ein „lorenzerianischer“ Kreis von jungen
Wissenschaftlern. Die organisierten Psychoanalytiker haben ihn und seine
Schriften so gut ignoriert wie die von Habermas, Sonnemann, Marquard,
Taubes und Parin oder die von Lacan, Ricœur, Castoriadis und Lyotard. Damit
sind einige der ideellen „Mitstreiter“ Lorenzers genannt, die zur gleichen
Zeit wie er an verschiedenen Orten (und mit höchst unterschiedlicher
Akzentuierung) an einer metatheoretischen Rekonstruktion der Psychoanalyse
arbeiteten. Charakteristisch für diese Intellektuellen und ihre historische
Situation war, daß sie ihre neuartigen theoretischen Untersuchungen
zur Psychoanalyse in völliger Vereinzelung, isoliert voneinander
niederschrieben. Zwischen ihnen gab es keine Kooperation, kaum Kontakte,
keine Diskussion, keine Korrespondenz. Nur in der Imagination des Historikers
nehmen sie sich post festum aus wie ein virtuelles internationales Kollegium
von materialistischen Freunden der Freudschen Psychoanalyse. Wo die einen
mit Marx gegen Freud und mit Freud gegen Marx denken wollten, um beider
Blindheiten zu kurieren, andere in der Kritik von Pseudonatur (also in
der Herkunft von Hegel und Schelling) dasjenige sahen, was Marx und Freud
zuinnerst verband, suchte Lorenzer nach einer Kategorie, die es ihm erlaubte,
Gesellschaftsanalyse und Sozialisations- und Kulturtheorie miteinander
zu verknüpfen (und so den „Freudomarxismus“ der dreißiger
Jahre zu erneuern). Die Kategorie, die ihm dies zu leisten versprach,
war die der (verinnerlichten) „Interaktionsformen“. Interaktionsformen,
der intrapsychische Niederschlag durchlebter Objektbeziehungen, vermitteln
bei Lorenzer zwischen Handlung und System, nehmen also die Stelle ein,
an der bei anderen Autoren von „sozialer Rolle“ oder von „Sozialcharakter“
die Rede ist. Werden solche Interaktionsformen ritualisiert, gegen Erfahrung
und Reflexion immunisiert, dann ersticken sie das seelische Leben. „Szenisches
Verstehen“ ermöglicht es dem Therapeuten (Interpreten) im Dialog
mit seinem Patienten (oder dem Text), Genese und Funktion bestimmter Interaktionsformen
zu erschließen und sie für Revisionen zu öffnen.
Geben wir Lorenzer noch einmal das Wort: „Der Ansatzpunkt des
psychoanalytischen Durcharbeitens ist [...] das persönliche Scheitern
an der Realität; das Fundament des psychoanalytischen Vorgehens
ist die Wendung gegen dieses Scheitern. Die psychoanalytische Neurosenlehre
ist eine Systematik des beschädigten Lebens. Aber das subjektanalytische
Begreifen muß über den Verständnishorizont der klassischen
Psychoanalyse hinausführen, sollen die individuellen Praxiswidersprüche
nicht bloß auf Persönlichkeits- bzw. Familienkonflikte reduziert
werden, sondern als Auswirkungen objektiver gesellschaftlicher Widersprüche
kenntlich werden. [...] Kritisch-dialektisch ist die klassische psychoanalytische
Konfliktverarbeitung selbst schon insofern, als sie die Figuren der Selbstdarstellung
des Analysanden immer als schlechten Kompromiß zweier Organisationsebenen
menschlicher Praxis auffaßt: als einen Dialektik stillstellenden
Kompromiß zwischen bewußtem Handeln und unbewußten Verhaltensregeln.
Die psychoanalytische Tiefenhermeneutik hat die Aufklärung dieses
schlechten Kompromisses und die Freisetzung einer fruchtbaren Dialektik
zwischen den widerstreitenden Strebungen zum Ziel.“11
(7.7.2002)
Fußnoten
1 Vgl. dazu Dahmer (2002): „Regression einer kritischen Theorie. Schicksale der ›Psychoanalytischen Bewegung‹.“ jour fixe initiative berlin (Hg.) (2002): Geschichte nach Auschwitz. Münster (Unrast Verlag), S. 143-163.
2 „Die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie nach Freud gleicht in verschiedener Hinsicht dem allgemeinen positivistischen Trend unserer Zeit; sie eliminiert die Philosophie. [...] Abgesehen von ein paar bemerkenswerten Ausnahmen (wie Róheim, Rank, Reik) haben die orthodoxen ebenso wie die revisionistischen Schulen einen [...] erfolgreichen Kampf gegen die Freudsche Metapsychologie und Metabiologie geführt, gegen die verstörenden Hypothesen und ›Übertreibungen‹ in Totem und Tabu, Jenseits des Lustprinzips und Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Mit dieser wissenschaftlichen Läuterung mag der Versuch unternommen worden sein, die Theorie den Erfordernissen von Therapie und Methode anzupassen, sie zeitigte aber eine noch ganz andere Wirkung. Die Hypothesen und Übertreibungen, die eliminiert werden, sind genau jene, die der reibungslosen Inkorporation der Psychoanalyse in das bestehende Kultursystem und deren reibungslosem Funktionieren als einer sozial anerkannten Tätigkeit entgegenstehen. Nimmt man sie ernst, enthalten die metaphysischen Vorstellungen eine Gesellschaftskritik, die nicht nur mit den therapeutischen Zielen der Psychoanalyse, sondern auch mit dem Begriff der Psychoanalyse selbst unvereinbar ist. Denn die zu heilende Krankheit , die diagnostiziert werden müßte, wäre dann die Geschichte der Menschheit selbst, und die Psychologie würde sich in eine soziale und politische Theorie verwandeln.“ Marcuse, Herbert (1957): „Theorie und Therapie bei Freud.“ Nachgelassene Schriften, Bd. 3 (Philosophie und Psychoanalyse); Lüneburg (zu Klampen Verlag) 2002, S. 115-120; Zitat auf S. 116.
3 Nietzsche, Friedrich (1882, 1887): Die fröhliche Wissenschaft (›la gaya scienza‹), Aph. 355.
4 Lorenzer, Alfred (1970): Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Lorenzer u. a. (1971): Psychoanalyse als Sozialwissenschaft. Lorenzer (1972): Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie. Ders. (1974): Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis. Ein historisch-materialistischer Entwurf.
5 Lorenzer (1984): Intimität und soziales Leid. Archäologie der Psychoanalyse.
6 Lorenzer (1981): Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik.
7 König, H. D., Lorenzer u. a. (1986): Kultur-Analysen.
8 Vom Freud-Institut, in dem wir uns zunehmend fremd fühlten, sprachen wir untereinander ironisch als von einem „Freudenhaus“ (Horn) oder einem „Gespensterschiff“. Lorenzer nannte es abschätzig meist nur die „Kogge“.
9 Vgl. dazu Dahmer (1987): „Das neue Interesse an der Psychoanalyse: Alfred Lorenzer.“ In: Dahmer (1989): Psychoanalyse ohne Grenzen. Aufsätze, Kontroversen. Freiburg (Kore-Verlag), S. 135-141.
10„Alle Versuche, die kritische Theorie der Subjekte und die ihrer politischen Ökonomie miteinander gleichzuschalten, die eine in der anderen aufgehen zu lassen oder die eine durch die andere zu ersetzen, sind zum Scheitern verurteilt [...].“ Dahmer ([1970] 1971): „Psychoanalyse und histori-scher Materialismus.“ In: Lorenzer u.a. (1971): Psychoanalyse als Sozialwissenschaft. Frankfurt (Suhrkamp), S. 60-92; Zitat auf S. 64. [Auch in: Dahmer (1994): Pseudonatur und Kritik, Frankfurt, S. 75-107; Zitat dort auf S. 78 f.]
11 Lorenzer (1978): „Die Analyse der subjektiven Struktur von Lebensläufen und das gesellschaftlich Objektive.“ In: Dahmer (Hg.) (1980): Analytische Sozialpsychologie. Frankfurt (Suhrkamp), Bd. 2, S. 619-631; Zitat auf S. 630.