Dietmar Richter
Meinhard Creydt, Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit
erstveröffentlicht in: Archiv für die Geschichte des Widerstands
und der Arbeit, No. 17 , 2003, Seite 711-713, Germinal-Verlag
Gesellschaftstheoretisches Denken in den siebziger Jahren ging in der progressiven
Intelligenz der alten Bundesrepublik einher mit der starken Neigung, alles
aus dem Kapitalismus ‘abzuleiten’. Später dann setzte sich etwa mit
Habermas und Luhmann ein Denken durch, das ‘die moderne Gesellschaft’ ins
Zentrum stellte. Der Kapitalismus kam nun, wenn überhaupt, nur mehr
als deren Unterabteilung vor. Creydts Buch hebt die Einseitigkeit beider
Positionen und ihre einfache Entgegensetzung auf, ohne in laue Kompromisse
zu verfallen. Man braucht nach Lektüre des Buches nicht länger
wegen der in der Marxschen Theorie enthaltenen Naivitäten in puncto
Leichtgängigkeit der befreiten Gesellschaft (nach Subtraktion des Kapitalismus
sei ‘eigentlich’ alles ganz einfach zu regeln) seine Kapitalismuskritik abzulehnen.
Und man muß nicht wegen der kapitalismusbezogenen Naivitäten der
Modernetheorie ihre Stärken übergehen. Der Autor erarbeitet ein
umfassenderes Terrain, in dem eine an Marx anknüpfende Kapitalismuskritik
und die verschiedenen Spielarten der soziologischen Theorie moderner Gesellschaft
sich in ein produktives Verhältnis zueinander setzen lassen. Der integrierende
Fokus dieses Buches (1) liegt auf den Schwierigkeiten der Gesellschaftsgestaltung.
Sie bildet für Creydt den Gegenbegriff gegenüber der inflationär
bekundeten politischen Ambition des ‘Gestaltens’. Der Verfasser liest sowohl
die Soziologie wie auch die Kritik der politischen Ökonomie als traurige
Wissenschaften von den Grenzen der Gesellschaftsgestaltung. Thema ist so
neben dem Markt- und Staatsversagen auch ein Politikversagen, insofern Politik
an den den modernen und kapitalistischen Gesellschaften immanenten Gestaltungsgrenzen
aufläuft. Beide Paradigmen enthalten (2) jeweils eine eigene Substanz,
die der andere Zugang nicht zu denken vermag. Creydt sieht als ureigene
Themen soziologischer Theorien moderner Gesellschaften die Komplexität
moderner Gesellschaften, die Auswirkungen der Arbeitsteilung, die gesellschaftlichen
Synthesisformen (Hierarchie, Markt, funktionale Differenzierung und Organisation)
sowie die Effizienz und formale Rationalität als Erfolgskriterien.
Mit der Marxschen Kapitalismuskritik lassen sich eigene Abstände, Trennungen,
Eigendynamiken und selbstreproduktive Kreisläufe bzw. Steigerungsspiralen
des ‘abstrakten Reichtums’ denken. An den Aufweis des rationalen Kerns beider
Zugänge schließt (3) die Kritik an, wie beide Denkrichtungen
sozusagen ihren legitimen Platz überschreiten, in fremden Gefilden
nicht nur wildern, diese sich vielmehr imperial anzueignen trachten und damit
schlußendlich selbst auf Abwege geraten und ihre eigene Legitimität
verspielen. An den soziologischen Modernetheorien zeigt der Verfasser, wie
in ihnen Kapitalismus zur selbstverständlichen Voraussetzung gerät.
Der Schein der Neutralität und Unumgänglichkeit von Ware, Markt,
Geld und der kapitalistischen Organisation und Technik im Arbeitsprozeß
wird zugleich erklärt und de(kon)struiert. Nach Teil I über die
moderne Gesellschaft und Teil II zum Kapitalismus schließt ein dritter
Teil zur „entfalteten Subjektivität“ das Buch ab. Wieder läßt
sich die Argumentation lesen als Verarbeitung zentraler Erfahrungen mit prominenten
progressiven Konzeptionen. Subjektivität wird weder verstanden als bloße
Wiederspiegelung objektiver Verhältnisse noch als das sozusagen apriorisch
gesetzte (‘unkaputtbare’) ‘Leben’, das aller Objektivität trotzt und
ihre Überwindung verheißt. Auch Varianten, sich bspw. habermasianisch
eine Einhegung objektiver Systeme durch die ‘Lebenswelt’ zu erwarten, werden
nachhaltig daran erinnert, wie vermeintlich emanzipatorische Gehalte der
Subjektivität gerade dadurch noch dem verhaftet bleiben, dem sie sich
mit ihrer eigenen Kreativität enthoben vorkommen, indem sie diese Kreativität
entwickeln. Subjektivität nimmt Creydt als eigene Lebenssphäre
ernst, die in Absetzung von der erscheinenden Gestalt der modernen und kapitalistischen
Gesellschaft unter deren Voraussetzung eigenes Leben nolens volens zu gründen
hat. Die Subjektivität kommt damit in Probleme mit sich selbst, weil
sie etwas zur Sphäre eigener Verwirklichung kreativ umzuinterpretieren
und -arrangieren genötigt ist, das anderen Imperativen gehorcht. Die
Subjektivität hat nun noch dies Widerstrebende schon aus eigenen Erhaltungs-
und Steigerungskriterien neuerlich sich zu assimilieren und gerät damit
in eigene Folgezwänge. Der Subjektivitäts-Teil gliedert sich nach
den Stufen der Entfaltung und Verselbständigung von Subjektivität.
Creydts Buch gehört weder der Sparte der Politikberatungsliteratur
an noch der Klage der schönen Seele über das unentrinnbare Verhängnis.
Der Autor analysiert die Schwierigkeiten der Gesellschaftsgestaltung in einer
Konsequenz, die die auf diese Gestaltungsschwierigkeiten bezogene ‘Gesellschaftliche
Müdigkeit’ in ihrem Beharrungsvermögen eindrücklich vergegenwärtigt.
Sowohl die realpolitische Verwaltung des kleineren Übels als auch die
bewegungsaktivistische Mobilisierung des guten Willens werden an eine Blockade
erinnert, die imaginär zu überspielen vor allem zu einer leeren
Geschäftigkeit beiträgt. Zugleich zeigt Creydt mit den Figuren
des Doppelcharakters und des Ereignis die Grenzen und Widersprüche der
von ihm dargestellten gesellschaftlichen Formen und Strukturen. In den bestehenden
Verhältnissen entstehen menschliche Kräfte, Fähigkeiten, Verbindungen
sowie materiale technische und organisatorische Ressourcen, die bei aller
konstitutiven Eingebundenheit in die herrschenden gesellschaftlichen Formen
nicht nur mit ihnen nicht identisch sind, sondern auch eine andere Zivilisation
und Kultur ermöglichen. Eine nachkapitalistische Ökonomie erlaube
einen anderen Umgang mit den Sachzwängen der modernen Gesellschaft.
Deren Steigerung über das für moderne Gesellschaften notwendige
Maß sei ebenso zu überwinden wie die für den Kapitalismus
aufgewiesene Vergeudung von Ressourcen. Ihre Freisetzung erlaube größere
gesellschaftliche Freiheitsgrade im Umgang mit modernen Sachzwängen
und damit zwar nicht ihre Auflösung, wohl aber ihre substanzielle Veränderung.
Natürlich ist das Buch bisweilen seinem Gegenstand entsprechend ‘harte
Kost’. Der Leser wird aber durch Einleitungen und Resümees jedes Teils
didaktisch hilfreich an die Hand genommen, manch Theoriewitz lockert die
Lektüre auf und man kann (z. B. in Creydts Luhmannkritik) interessante
Auseinandersetzungen ‘ernten’, die die infragestehenden Theorien nicht innerakademisch-selbstreferentiell
ventilieren, sondern stets auf ihren realen Problemgehalt durchsichtig machen.
Der Moderne-Teil stellt eine auf das Thema ‘Schwierigkeiten der Gesellschaftstheorie’
fokussierte problemorientierte Synopse moderner Soziologie dar und der Kapitalismus-Teil
bietet eine frische Pointierung der Marxschen Kapitalismustheorie, die sich
von der in diesem Metier oft vorherrschenden drögen Nacherzählungsmentalität
und Scholastik (‘MEW-Ehrenwache’) wohltuend abhebt. Das Buch ist eines der
raren Exemplare gesellschaftstheoretischer Grundlagentheorie, die der irreduziblen
Vielfalt sozialer Logiken in modernen Gesellschaften gewachsen sind. D.h.
weder dem Pluralismus eines ebenso indifferenten wie bei allen Konflikten
schiedlich-friedlichen Nebeneinanders von Bereichen (‘funktionale Differenzierung’)
zu verfallen noch einer letztlich dann doch wieder künstlichen Einheitsstiftung.
Letztere weiß die Vielfalt nicht von innen her zu sich aufzuschließen.
Der vorliegende Band kritisiert überzeugend alle ‘Projekte’, die die
gesellschaftliche Müdigkeit nur vergessen machen wollen, ihr sich aber
nicht wirklich zu stellen vermögen. Diese Enttäuschung des Utopismus
führt den Verfasser zugleich aber nicht zu einer wohlfeilen Affirmation
des Gestaltungspessimismus, da er ihn mit der Vergegenwärtigung der
Notwendigkeit und Möglichkeit von Gesellschaftsgestaltung zu kritisieren
weiß, ohne sich über deren Leichtigkeit und Wahrscheinlichkeit
etwas vorzumachen. Dieser diffizilen Konstellation eingedenk bewahrheitet
der Text die Maxime: Nur wer gesellschaftlich etwas will, sieht soziologisch
etwas.
Meinhard Creydt, Theorie gesellschaftlicher Müdigkeit. Gestaltungspessimismus
und Utopismus im gesellschaftstheoretischen Denken, Frankfurt am Main: Campus
Verlag, 2000, 423 S.