Fabian Kettner
The Famliy is Saw
Seit mehreren Jahren beschäftigen sich Welzer et al. mit der sozialen
Konstitution von Erfahrung, mit ihrer Organisation und Weitergabe von Generation
zu Generation. Es ging dabei nicht darum, festzustellen, wie alte Menschen
über den NS denken, sondern um die Analyse des intersubjektiven Prozesses
im Gespräch: wie Zeitzeugen Geschichte weitergeben und wie die Nachgeborenen
dies aufnehmen und ihrerseits weitergeben. Welzer et al. untersuchten zunächst
die Formen der Tradierung im intergenerationellen Gespräch, zunächst
zwischen einander unbekannten Zeitzeugen und Interviewern (»Was sind
wir für schlechte Menschen«), später innerhalb dreier Generationen
einer Familie (»Opa war kein Nazi«).
Die Gesprächssituation ist ein „intersubjektive[s] Produktionsverhältnis“,
bei dem (a) sich die Erzähler rhetorischer und narrativer Mittel bedienen,
wie auch die Zuhörenden ihnen mit Erwartungshaltungen entgegenkommen
und (b) beider „Geschichtsbewusstsein freiwillig und unfreiwillig zum Ausdruck“
kommt. Geschichtsbewusstsein unterscheidet sich von Geschichtswissen.
Während das „historische Wissen“ explizit und kognitiv vermittelt
wird, ist das „implizite Gedächtnis“ zwar auch „handlungsleitend“,
aber „unbewußt“. Es prägt die Art des Denkens und Sprechens über
den NS und ist „von frühkindlichen Phasen ab sozialisationsrelevant“,
„intentional äußerst schwer korrigierbar“ und „die am stärksten
sozial präformierte Art von Erinnerung“. Die Formen des individuellen
Erinnerns sind von „Erinnerungsmilieus“ abhängig, die sowohl den Inhalt
wie die Art des Vermittelns bestimmen.
Das Sprechen über den NS geschieht in „Aushandlungsmedien“, in „wiederkehrende[n]
Strukturelemente[n] des Verfertigens der Vergangenheit“, „Tradierungstypen“
genannt. Im Tradierungstyp „Opferschaft“ stellen die Erzählenden sich
als Opfer der Nazis und/oder der Siegermächte dar. Ihm verwandt ist
der der „Überwältigung“ durch große anonyme Geschehnisse
ohne Subjekt. In der „Rechtfertigung“ reagieren die Zeitzeugen auf Vorwürfe
der Nachkommen; mit „Distanzierung“ stellen sie leicht eine Verbrüderung
her, indem durch kabarettistisches Veralbern von Nazi-Größen
die angeblich schon damals gegebene innere Gegnerschaft demonstriert werden
soll. Immer noch gibt es „Faszination“, in der sich Zeitzeugen für
einige Aspekte des Dritten Reichs begeistern und die Weimarer Republik und
die BRD als negative Vergleiche nutzen.
In diesen Tradierungstypen steckt schon, was das wichtigste Ergebnis
der Studien: dass über Generationen hinweg der NS durch das Reden
über ihn zur leeren historischen Hülle, zur Veranstaltung der
Anderen, die man „die Nazis“ nennt, dass er täterlos wird; dass Zeitzeugen
und Nachfahren sich entgegenkommen; dass erstere nicht letzteren etwas
verschweigen, sondern die Nachfahren empathische Leidensgeschichten hören
wollen und Beteiligung ihrer Vorfahren (die öfter zugegeben wird,
als allgemein angenommen) schlicht überhören. Die Generationen
gehen ein „intergenerationelle[s] Bündnis“ ein, zeugen die Volksgemeinschaft
in kommunikativer Form fort.
Das immer noch wichtigste Erinnerungsmilieu sei offenkundig die Familie.
Hier werden „emotional basierte Auffassungen“ gelegt, die über eine
„selbstverständliche Gewissheit“ die Wahrnehmung des NS und
der verwandten Zeitzeugen fomen. Dabei werden nicht Familiensagas getreu
weitererzählt, sondern jeder Angehörige entwickelt eine eigene
Version, die denen der anderen zwar widersprechen mögen, aber in der
Form des Familiengedächtnisses als „synthetisierende[r] Funktionseinheit“
zusammenfinden. Wichtig ist die „Aktualisierung“ dieses Familiengedächtnisses
im Gespräch, die Vergegenwärtigung und Herstellung von Gemeinschaft
über Erinnerung an Erinnertes (nicht an wirklich Geschehenes!), nicht
die getreue Nacherzählung.
Jene wäre auch kaum möglich, da die Erzählungen „offen“
sind, unklar, diffus, oft sinnlos und widersprüchlich. In dieser Form,
das haben die Erzähler herausgefunden, kommen sie am besten an, denn
so bieten sie den Zuhörenden am besten Anschluss für eigene Bedürfnisse
und Deutungen. Die Nachfahren spüren die „Leerstellen“ eifrig auf
und füllen sie bereitwillig. In den Familiengesprächen stellte
sich heraus, dass dem Tradierungstyp „Überwältigung“ kaum noch
Bedeutung zukommt; nun wird den Vorfahren „Heldentum“ unterstellt. Jedes
nur mögliche Deutungsangebot wird augegriffen und von zweiter zu dritter
Generation sukzessive in einer „akkumulativen Heroisierung“ zu Widerstandshandlungen
ausgebaut. Da wird aus der Juden denunzierenden Großmutter eine mutige
Judenversteckerin, aus dem führenden SA-Mann ein innerer Emmigrant
und aus dem Gestapo-Angehörigen, der an der Juden-‚Aussiedlung’ mitarbeitete,
ein Fluchthelfer.
Die Geschichten, die hierbei verfertigt werden, folgen neben den Tradierungstypen
auch anderen „Drehbüchern“. Mehr und mehr wird die „Wechselrahmung“
angewandt, d.h. „Merkmale, die Bildern und Geschichten zum Holocaust entstammen“,
werden in die Erzählungen eingebaut, um das Leiden der Vorfahren zu
illustrieren. Dies ist sicherlich auch auf das über die Massenmedien
extensivere wie intensivere Einsickern medialer Vorgaben in das Bewusstsein
und Unbewusstsein zurückzuführen, die regelrechte „retroaktive[.]
Skript[s]“ liefern, aber (und über das, was deutsch ist, schweigen Welzer
et al. sich aus) v.a. sollte man darin die Enteignung der Juden von ihrer
Vergangenheit sehen, die Entlastung von den eigenen Verbrechen, eine Fortsetzung
der Erzählung, die Deutschen seien die eigentlichen und immer noch Opfer
des NS und die eigentlichen Juden gewesen.
Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall. „Opa war kein
Nazi.“ Nationalsozialismus im Familiengedächtnis. Unter Mitarbeit von
Olaf Jensen und Thorsten Koch. Frankfurt/M: Fischer, 2002. ca. 240 Seiten.
€ 10,90
Robert Montau, Christine Plaß, Harald Welzer. „Was wir für
böse Menschen sind!“ Der Nationalsozialismus im Gespräch zwischen
den Generationen. Tübingen: Edition Diskord, 1997. ca. 220 Seiten.