Fabian Kettner
Der Solitär
„Der Solitär“ ist Harald Schmidt und der sei „einfach genial“
(9). „Der begnadetste Komiker der Berliner Republik“ (142) mache „die boshafteste
und klügste Satiresendung, die das deutsche Fernsehen je gezeigt hat“
(97). „Es gibt derzeit keine intelligentere, anvanciertere, witzigere und
gegenwartsnähere komische Literatur“ (142), denn sie ist das Werk der
„Einzigartigkeit“ (55) eines „Genies“ (52) mit schönen „feingliedrigen
Organistenhänden“ (86), von einem, „der kein einfacher Satiriker ist,
sondern ein Künstler“ (142).
Kay Sokolowsky ist sein Fan, daran lässt er keinen Zweifel. Im Gegensatz
zum Verehrer, der lieber nicht über sein Objekt der Verehrung nachdenken
möchte, weil ihm dessen Banalität und seine eigene Grundlosigkeit
aufgehen könnte (und was er dann dem reflektierenden Kritiker als dessen
Miesmacherei anlasten möchte), kann Sokolowsky nicht nur erklären,
warum er Fan ist; er schafft es auch, dadurch den Genuss an der Harald
Schmidt-Show zu steigern.
Der Lachende hat immer Anteil an der Schamlosigkeit des Komikers. Lachen
wirkt „als eine Befreiung vom Zwang zur Scham“ (30). Aber von welcher Scham?
Wurden nicht auch bei der als „Kult“ abgefeierten RTL-Show Samstag Nacht
lässig „alle Tabus gebrochen, die ein braver Neonazi eh nie gekannt
hat“? Ja, es wurde. Das weiß Sokolowsky auch. „Man lachte über
die, die sich nicht wehren konnten, verhöhnte menschliches Leid, fand
statt Pointen nur Gemeinheiten und fühlte sich dabei kannibalisch wohl.“
Man bediente „reaktionäre Tendenzen“ (60) und stellte Stereotype nicht
bloß, sondern zementierte sie. Auch Schmidt rannte mit angeblichen Tabubrechern
wie Polenwitzen und Sexismus bei den Deutschen offene Türen ein und
stoppte erst, als „inferiore Krawallmacher wie Ingo Appelt, Stefan Raab oder
Niels Ruf“ auftauchten; seitdem aber gilt er als „Zyniker, der er nie gewesen
ist“ (55).
Seit dem Jahre 2000 sei dies anders. Sein Studio sieht zwar immer noch
aus wie eine übliche Late Night-Show, aber von deren Form hat er sich
emanzipiert. Seitdem macht er, der ausgebildete Schauspieler, Theater: er
inszeniert sich und seine Kunstfigur. Er betreibt mit Laien wie Wasserträger
Sven, Pappenhalterin Suzana, der Französin Nathalie und Bandleader Helmut
Zerlett eine Kleinbühne, einen Familienstadl. Sokolowsky führt
dies ausgiebig an transkribierten Szenen der Show vor. Am wichtigsten ist
Andrack, der „Gegenpart, der keine Lust hat, sich zu inszenieren“ (137):
bei ihm kann Schmidt sich gehen lassen und bei Unsicherheit sofort Rückversicherung
holen. Dann kann das „Improvisationsgenie“ (20) seine „sagenhafte Verwandlungskunst
und –lust“ (21), seine „Tics und Obsessionen“ (138) ausleben, in verschiedene
Rollen schlüpfen. Aus der „multiplen Bühnenpersönlichkeit“
(26) wird „die neurotische, außerordentlich mackenbehaftete Kunstfigur“
(130) ‚Schmidt’, mit der Schmidt seiner „Lust an der Verwandlung in widerwärtige
Charaktere“ (105) nachgeht, zu denen er sich völlig indifferent verhalte.
Georg Seeßlen nannte Schmidt 1994 den „postmodernen Entertainer“:
er liefert Fernsehunterhaltung und gleichzeitig deren Parodie; er arbeitet
in und fürs Medium und reflektiert auf seine Rolle in ihm, sowie auf
dessen Wirkung und Macht. Die übliche Kritik sei reflexiv immer schon
eingeholt und soll so wirkungslos werden. Diese Destruktion der üblichen
Unterhaltung ist aber nicht die Sabotage des Fernsehens, sondern eine Steigerung
seiner Macht und Reichweite. Zeleberiert wird ein „affirmativer Desillusionismus“.
Dies wird geschaut von Menschen, „die Fernsehen blöd finden und trotzdem
gucken, oder, allgemeiner, die den Kapitalismus für beschissen halten,
denen aber keine Alternative einfallen will.“ Der Konsument wird nicht mehr
betrogen, sondern unmittelbar erniedrigt; in der „seriellen Massakrierung
der Pointe“ wird Schund nicht mehr bemäntelt, sondern offen als Schund
offeriert. Dadurch beklatscht der Zuschauer nicht mehr seinen Betrug, sondern
belacht seine eigene Erniedrigung. Das aufklärerische Moment bleibt
allerdings aus. Der Schein wird nicht mehr zerrissen, weil er schon nicht
mehr als heiler geliefert wird. „Am Ende steht nicht der Zuschauer, der sich
über die Dummheit des Mediums und seiner Zuschauer amüsiert, sondern
der Zuschauer, der unter dem Zugriff des postmodernen Entertainers lustvoll
und debil seine Bewußtseinsspaltung zelebriert. ... Der Witz lacht über
seine Konsumenten.“
Sokolowsky weiß das, aber er meint, Schmidt sei darüber hinaus.
Man kann „den Entertainer Harald Schmidt dabei beobachten, wie er einen Entertainer
namens ‚Schmidt’ spielt und permanent kommentiert, was der da treibt“ (135).
Dessen Monologe betreiben die „permanente Zerstörung der Hermetik,
die im Fernsehen sonst Pflicht ist“ (132). Schmidt soll das Kunststück
geschafft haben, ‚drinnen’ zu sein, sich die Hände schmutzig zu machen
und gleichzeitig darüber hinaus zu sein. „Er bedient das Medium, indem
er sich ihm verweigert. Das konnte ihm allerdings nur gelingen, weil er
keine kohärente Figur auf das Schirmbild stellt, in tausend Stimmen
redet und alles, sogar die eigene Ironie, ironisiert“ (75). Worin besteht
dann aber der Fortschritt zu früher? Die „Methode Schmidt“ besteht „in
dieser rasend changierenden Uneigentlichkeit und in der komischen Dramatisierung
des völlig Banalen“ (26). Schmidt maßt sich „mit voller Absicht
keinen didaktischen Auftrag, kein moralisches Amt“ (87) an. Ganz im Gegenteil
führt er nach wie vor, jetzt allerdings ironisch reflektiert, „Dirty
Harry“ vor. Er bedient chauvinistische Vorurteile und führe dabei den
Chauvinismus vor, und „es ist ihm dabei von Herzen egal, ob man ihn mißversteht“
(142). Ob dies ein Vorteil ist, ist fraglich. Diese „bizarre Mehrfachcodierung“
seiner Witze, so Seeßlen, führt allerdings zu einer Fangemeinde,
die „von postmodernen Faschos bis zu noch modernen Intellektuellen reicht.“
Und die gehen gut zusammen.
KAY SOKOLOWSKY: Late Night Solo. Die Methode Harald Schmidt. Hamburg:
Konkret Literatur-Verlag, 2003. Ca. 140 Seiten, € 12,90