Fabian Kettner
Falscher Gegensatz
Erfreulich und für dt. Historiker ungewöhnlich hart geht Gerhard
Paul, selber Professor für Geschichte in Flensburg, mit der Beschäftigung
der dt. Historiographie mit der Shoah und ihren TäterInnen ins Gericht.
Es gebe eine „Angst der deutschen NS-Forschung vor den Tätern“, sie
bilde „kein isoliertes akademisches Terrain“, sondern spiegele „die Tabus
und Verdrängungen, die Ängste und Interessen der deutschen Nachkriegsgesellschaft
und der Geschichtswissenschaft wider“ (13). So beginnt er seinen vorzüglichen
ausführlichen Literaturüberblick, der Die Täter der Shoah
einleitet, und im Gegensatz zu den in der letzten Zeit beschworenen, selbstverschuldeten
Leiden der Deutschen bei Bombennächten (Jörg Friedrich) und Vertreibung
(Günter Grass) gibt es hier wirklich einige weiße Flecken zu
tilgen.
In dem „Erinnerungskompromiß einer nachdiktatorischen Gesellschaft“
(18) wurde die Shoah bis Ende der 1960er Jahre mit abstrakten Begriffen
wie „Gewaltverbrechen“ und „Katastrophe“ (16) vernebelt, in einer „Operation
der Abspaltung und Ausgrenzung“ (17) institutionell auf SA und SS isoliert,
den ausführenden Organen ein Befehlsnotstand zugestanden, was die Vorstellung
einer zentralen Planung voraussetzt. Von Beginn der 60er bis Ende der 80er
Jahre wurde zwar über die Betonung gesellschaftlicher Strukturen eine
breitere Verantwortung thematisiert, doch über eine „objektivistische
Deutung“, ein „funktionalistisches Täterbild“ und einen „amorphen
Täterbegriff“ wurde ein „neuer Vermeidungsdiskurs“ (20) geschaffen.
Das „Paradigma der technisierten Tat“ (Auschwitz) und das „Modell des autoritätshörigen
Täters“ (Höß, Eichmann) wurde zu einem „System quasi axiomatischer
Glaubenssätze“ erhoben. Das „Bild eines fabrikmäßigen, hygienischen
und anonymen Massenmordes“ (21), wie es nicht zuletzt durch Hannah Arendt
und Raul Hilberg (i.ü. entgegen ihren Intentionen) entworfen und vom
marxistischen Diskurs ergänzt wurde, erlaubte den Nazi-Kindern eine
Distanzierung vom Geschehen, ohne die Tat selbst leugnen zu müssen.
Vor Daniel J. Goldhagen gab es keinen eigenen Diskurs einer „quellengestützten
Hinwendung zum konkreten Verbrechensgeschehen vor Ort“ (37). Goldhagens Hitlers
willige Vollstrecker wird bei aller Kritik an der Methode zugestanden,
als „Schneisenbrecher“ (41) gewirkt zu haben. Ähnlich wie in dem von
Ulrich Herbert hg. Band Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1933
– 1945 (Fischer, 1998) bekommt man in Die Täter der Shoah
Einblick in umfangreiche neue Arbeiten, die, v.a. durch den relativ neuen
Zugang zu osteuropäischen Archiven ermöglicht, die „Politik der
Vernichtung“ (Longerich) umfassend beschreiben und die Beteiligung der diversen
vor Ort tätigen Gruppen analysieren. Karin Orth analysiert Struktur,
Zusammensetzung und Handeln der Konzentrationslager-SS, Klaus-Michael Mallmann
schreibt über die Sicherheitspolizei in Westgalizien, Jürgen Matthäus
über die Beteiligung der Ordnungspolizei, Walter Manoschek über
die der Wehrmacht an der Shoah, Bogdan Musial widmet sich der Rolle der Zivilverwaltung
im Generalgouvernement und Dieter Pohl der von ukrainischen Hilfskräften.
Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg versammelt 26 kleinere Arbeiten über
die „Türöffner der Endlösung“ (Mallmann), in institutioneller
Perspektive, auf internationaler wie auf regionaler Ebene.
Paul sieht hierin „insgesamt einen fruchtbaren Perspektivenwechsel weg
von den Entscheidungszentren des Dritten Reichs hin zu seinen Randgebieten“,
womit man ein „differenzierteres Bild der Taten und der Täter“ zeichnen
könne (60). Die durch den Titel von Christopher R. Brownings Studie
Ganz normale Männer (Rowohlt, 1993) aufgeworfene Frage,
ob die Täter „hauptsächlich Männer mitten aus der Gesellschaft
– keine ideologisierten Roboter, sondern Durchschnittstypen, ein Querschnitt
der deutsch-österreichischen Bevölkerung unter dem Nationalsozialismus“
(Mallmann) waren oder nicht, wird unterschiedlich beantwortet. Weil man
sich zunfttypisch stereotyp gegen „Monokausalität“ ausspricht und
stattdessen lieber „multifaktorell“ ein ganzes „Bündel von objektiven,
kulturellen, von kognitiven und situativen Faktoren“ (Paul, 62f.) schnürt,
bleibt die Rolle des Antisemitismus oft unterbeleuchtet, weil Ideologie
auf über Indoktrination angenommene Weltanschauung und bewusste explizite
Propagierung, wenn nicht gar auf eine „Generalabsolution“, für die
eigenen Untaten, auf einen „Antisemitismus der Profiteure“ (Mallmann) reduziert
wird. Hanno Loewy dagegen schlägt in einem der beiden sozialpsychologischen
Betrachtungen vor, Antisemitismus als „etwas wie eine Sprache [aufzufassen],
in der sich die deutsche Gesellschaft über die ganz pragmatischen Fragen
des Alltags und ihre vermeintlichen Lösungen verständigte“ (262).
Dann müsse es auch nicht mehr „entweder fanatische Nationalsozialisten
oder normale Deutsche“ (261) heißen. Ebenso kritisiert Harald Welzer
die Täterforschung dafür, „Täterhandeln prinzipiell als abweichendes
Verhalten“ (241) zu verstehen. Dass es dies nicht war, zeigen die
einzelnen Aufsätze.
Paul freut sich über eine gegenwärtige „von Entlastungs- und
Exkulpationsbedürfnissen weitestgehend freie geschichtswissenschaftliche
Täterforschung“ (67). So gut die Studien der letzten zehn Jahre sind,
so bleibt abzuwarten, welchen Verlauf die Forschung nimmt und welchen öffentlichen
Diskurs sie beeinflussen. Loewy sieht die Deutschen skeptisch als „schuldig
und gereinigt, vor allem aber eines, ein aus Tat und Sühne hervorgegangenes
ethnisches Kollektiv. Also vielleicht genau das, was die Nazis stiften
wollten: ein Volk“ (260).
Gerhard Paul (Hg.): Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten
oder ganz normale Deutsche? (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, Band
2). Göttingen: Wallstein, 2002. ca. 260 Seiten, € 20,-
Gerhard Paul & Klaus-Michael Mallmann (Hgg.): Die Gestapo im Zweiten
Weltkrieg. ‚Heimatfront’ und besetztes Europa. Darmstadt: Primus, 2000.
ca. 660 Seiten, € 49,90 (bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft für
€ 39,90)