Fabian Kettner
Außenseiter, nacherzählt
Biographien dienen Tratsch & Klatsch unter dem Deckmantel der Wissenschaft
und besonders der der Literatur. Wer den ‚persönlichen Zugang’ zum
Werk braucht, der wird hier bedient. Dieser Zugang führt allerdings
am Werk vorbei. Meist findet sich hier nicht, was im Werk fehlte, bestenfalls
bekommt man nette, unterhaltsame Lektüre.
Wozu man schreiben können muss. Friedrich Rothe aber lehrt an der
FU Berlin. Seine Kraus-Biographie ist eine Versammlung von unzusammenhängenden
Einzelstudien, aus denen man sich biographische Daten wohl zusammensuchen
kann. Über die mangelnde Genre-Orthodoxie kann man sich freuen, aber
wieso nennt man es dann „Biographie“? Wozu braucht es auch eine mit einer
Intention, mit der Rothes vorgestellt wird: das Bild vom unleidlichen Menschen
Kraus geradezurücken? Wer einer persönlichen Verteidigung eines
libidinös bestzten Identifikationsobjekts (wozu Kraus ja immer wieder
einlädt) bedarf, der mag zu Rothes Buch greifen.
Dabei ist es weder eine Apologie, der man sich genüsslich-regressiv
hingeben könnte, noch sind die inhaltlichen Ausführungen ergiebig.
Das verzwickte Thema Antisemitismus bei Kraus bspw., wozu Gershom Sholem
meinte, man könne hierbei nur Irrtümer begehen, wird weder durch
Krausens Vita, noch durch Rothes spärliche Erläuterungen erhellt.
Dessen Unverständnis bleibt nicht auf den Antisemitismus beschränkt,
sondern betrifft auch Kraus’ Denken, wodurch er die üblichen Stereotypen
reproduziert. Seit 1911 sei Kraus auf „Traditionssuche“ gegangen (339), weswegen
sich bei ihm ein „ein unverhüllt konservativ-traditionelles Klima“
ausgebreitet habe (348). Wer etwas über die Dialektik von Kraus’ Kritik
an Fortschritt und Moderne erfahren möchte, der greife besser zu Irina
Djassemys Studie.
Weil die Theorie seine Schwäche ist, knüpft Rothe auch noch
dünne Fäden zwischen Kraus und Wittgenstein sowie der Kritischen
Theorie. Bspw. sei für Wittgenstein wie für Kraus Sprache ein
Maßstab gewesen, „der zuverlässig anspruchsvolles Geschwätz
und unabweisbare Wahrheit zu unterscheiden half“ (368). – Wenn man davon
absieht, dass Wittgenstein keine „unabweisbare Wahrheit“ kennen wollte,
dass das, worüber Kraus schreibt, mehr ist als „das, was der Fall
ist“ und für Wittgenstein zu dem zählen müsste, wovon man
mangelnder Klarheit wegen „schweigen“ solle.
Daran hätte auch Rothe sich manches Mal halten mögen, denn
nicht nur weiß er ein Stück von Carl Sternheim als „ein Stück
voll abgründiger Psychologie“ (247) zu beurteilen, sondern mitunter
schreibt er wie Kraus’ Gegner Harden, der exzessiv seine klassische Bildung
in maändernden Vergleichen an kurzer Leine vorführte, wie man es
heute nur noch in der Zeit findet. „Der Kasus war nicht ganz eindeutig.“ Ein
Fall tut es hier nicht. „Der oberste Repräsentant der kaiserlichen Majestät
in Berlin hatte sich eher wie ein Tolpatsch benommen als wie ein blutrünstiger
Scarpia“ (246).
George L. Mosse schrieb selber, bevor er 1999 starb. Er war Sohn des
großen Berliner Verlegers. Wie Kraus war auch Mosse Jude, aber während
dieser 1936 in Wien starb, ging jener 1933, nachdem der Vater das Verlagsimperium
zwangsarisieren ließ, mit seiner Familie ins Exil. In England ging
er weiter aufs Internat, studierte und wurde Antifaschist und gemäßigter
Sozialist, später in den USA machte er Karriere als Historiker.
Anders als Kraus, der die Katastrophe traumatisch näherkommen spürte,
spricht aus Mosses Memoiren eine gewisse Unbekümmertheit. War er zu
Schulzeiten zwar auf Salem, wo er sein Judesein besser nicht zugab, so war
er doch relativ abgeschieden, und die finanzielle Sicherheit erleichterte
zweifellos den Gang ins Exil. Das Ende des Krieges kommt bei ihm gar nicht
vor. Auch wenn er selber von einer „Kette der glücklichen Fügungen,
mit denen ich gesegnet war“, spricht (234), so hat die Vertreibung doch Spuren
hinterlassen: „Angst vor Identitätslosigkeit“ (151) und d.h. Staaten-/Passlosigkeit
und die „ständige Erwartung wenn nicht einer Katastrophe, dann doch
irgendeines bevorstehenden Unglücks ... und mir konkret vorzustellen,
wie ich mich im Falle des Falles verhalten würde“ (169).
Länger und sorgfältiger als sein Judesein hielt er seine Homosexualität
geheim. Er fühlte sich „gleichsam als Inhaber zweier schmutziger Geheimnisse“
(118). Dass er sich bevorzugt mit den „Spannungen zwischen Insidern und
Außenseitern innerhalb einer Gesellschaft“ (304) beschäftigte,
sieht er darin begründet. Sein Lebenslauf ist Grund für seine Betätigung
als Historiker, was für ihn stets „mehr als bloß ein Job“ (274)
war. Die Beschäftigung mit Geschichte „war zugleich ein Versuch, meine
eigene Vergangenheit zu verstehen“ (305).
Ab Mitte der 1950er arbeitete er zum NS, „dem ich bis dahin ausgewichen
war“ (242). Mosse, auf den Kraus’ Spruch über den Historiker, dieser
sei „einer, der so schlecht schreibt, daß er selbst an einem Tagesblatt
nicht mitarbeiten darf“, nicht zutrifft, verdanken wir einige der besten
Studien zur Mentalitätsgeschichte „die sich mit Wahrnehmungen, Mythen,
Symbolen und deren Wirkung auf die Bevölkerung befasste“ (232), von
Nationalismus und Faschismus, auch wenn er die Spezifika des NS und des Antisemitismus
nie herausarbeitete (so bspw. in Die Geschichte des Rassismus in Europa).
In Die Nationalisierung der Massen beschreibt er die „Sakralisierung
von Politik“, die im NS als „politischer Religion“ gipfelte (307). Die
völkische Revolution ist nach wie vor das Standardwerk zur völkischen
Bewegung. Mit Nationalismus und Sexualität habe er sein „Bekenntnis
zum Schwulsein“ abgelegt (311). Mosse wusste, dass er den Objekten seiner
Arbeit komplizenhaft nahestand. Wie er „aus eigener Erfahrung etwas vom
verführerischen Zauber“ des Nationalismus wusste (117), so spürte
er später in Israel erotische Faszination für den Typ des stolzen,
starken Juden als Soldat. Die Reflexion auf das, was in ihm selber auf das
anspricht, was er entmystifizieren wollte, ermöglichte ihm eine distanzierte
Einfühlung, wie bspw. in Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der
modernen Männlichkeit.
GEORGE L. MOSSE: Aus großem Hause. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen
Historikers. Aus dem Amerikanischen von Karl-Heinz Siber. Mit einem
Nachwort von Elisabeth Kraus. München: Ullstein – Heyne – List, 2003.
Ca. 380 Seiten. € 24,00
FRIEDRICH ROTHE: Karl Kraus. Die Biographie. Mit 49 Abbildungen.
München – Zürich: Piper, 2003. Ca. 420 Seiten. € 24,90