Fabian Kettner
Spiegel: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung
...
Adorno: Mir nicht.
Am 11.09. dieses Jahres wäre Theodor W. Adorno, Mitbegründer
der Frankfurter Schule aka Kritischen Theorie, 100 Jahre alt
geworden. Im Sommer 1969 starb er überarbeitet im Urlaub, nicht zuletzt,
wie Hans-Georg Backhaus gerne erzählt, an gebrochenem Herzen wegen
seiner ihn bloßstellenden StudentInnen. „Ein chronologischer Anlaß“
schrieb Adorno in der ersten seiner Drei Studien zu Hegel, könnte
„zu dem verführen, was man Würdigung nennt. Aber deren Begriff,
wenn er überhaupt je was taugte, ist unerträglich geworden.“ Den
Hundertsten nahm Suhrkamp dennoch zum Anlass, 24 Feuilleton-Beiträge
zu einer Relektüre der berühmten Minima Moralia zu versammeln.
Die Hälfte davon ist lesenswert, stammt sie doch von Adorno selbst:
jedem Beitrag ist der Aphorismus vorangestellt, auf den er sich bezieht.
Die Beiträge kann man grob in vier Kategorien einteilen: (a) der Aphorismus
wird erläutert, nach-gedacht, (b) der Aphorismus ist Anlass für
einen eigenen Text, (c) Rätselhaftes und Belangloses, (d) Adorno wird
geschmäht. Letzteres ist am häufigsten. Zwar ehrt man „den Humanisten
Adorno“ (72) als „Held der Aufklärung“ (82); aber „der hellsichtige
Kritiker“ (55), „der dialektisch-listenreiche Adorno“, auch als „Teddyseus“
bekannt (56), ist ihnen als „Vater der Kritischen Theorie“ (87) auch „der
strenge Adorno“ (88). Er ist „der Unbedingte“ (68), man fürchtet „den
unbarmherzigen Samariter“ und verachtet den „Prophet des ‚Negativen’“ (14),
denn von Negation will man nichts mehr wissen. Aber dies geht nicht ohne
schlechtes Gewissen. Deswegen beklagt man „den unerbittlichen Ton der Dialektik
Adornos, die keine Einwände mehr duldet“ (110), „die zuweilen verbohrte,
oft unerträglich rechthaberische, häufig von Ressentiments imprägnierte
Diktion“, „die gnadenlos strengen Reflexionen“ (95). „Mit Unerbittlichkeit“
(110), „in solch asketischer Strenge, für die er ja bis heute berüchtigt
ist“ (91), habe er „adlergleich von höchster zeitlicher Warte
auf das schlechte Bestehende“ (68) geblickt. Nun muss er exorziert werden.
Adorno habe sich v.a. etwas Besseres gedünkt. Bekannt ist „der snobistische
Reflex eines Kulturbürgers“ (9), die Klage über „verallgemeinernden
Dogmatismus“ (14). Dank Habermas ist man inzwischen zu Differenzierung fähig.
Dass Theorie „Hirnwichserei“ sei, weiß man dank der anti-intellektualistischen
Bewegungslinken schon länger. „Wenn Adorno sich all dies Ätzend-Kritische
wieder einmal von der Seele geschrieben hat“ (92), traf „Adornos klebrigster
Faden“ (41) David Wagner mitten ins Gesicht, als er ungebeten vor ihm kniete,
anstatt selber zu denken. Nun fühlt er sich unsittlich berührt
und spürt den Text näherkommen, „der sich festsetzt, der unter
die große Hülle reicht.“ „Ist der Text das Bett, in dem ich rumliegen,
mich einspinnen, einwickeln, mich festkleben kann?“ (42) Wer kann das wissen?
„Als Leser bin ich, zumindest solange der Text dauert, das Insekt, das im
Spinnennetz zappelt“ (41), gefesselt, wehrlos und ausgeliefert. Die härtere
Gangart bevorzugen auch andere. Robert Gernhardt, der die satirische Neue
Frankfurter Schule mitbegründete, hört lieber „herrisch“ „die
Reflexionspeitsche des Unbedingten“ (69) knallen.
„Schamhaft“ aber erinnert man sich an früher, als man „auch selbst
diese emblematischen Worthülsen im Munde“ führte, „um den Gegner
zu treffen“ (95), als man „diese seduktive Geste“ (17), den „unverwechselbaren
Sound der Sätze“ pflegte, „zur Imitation herausgefordert“ (9) „zum Adorno-Bauchredner“
wurde (10). Dass man die Minima Moralia „immer im Affekt gelesen“
(8) hat und „ein eigentümliches Einrasten der Zustimmung“ (17) genoss,
dass man sich „immer verhängnisvoller im so stringenten Netz des Unverbindlichen
verstrickte“ (68), die eigene Dummheit und autoritäre Unterwürfigkeit
also, wird nun, nachdem man „die Umschlagpunkte der intellektuellen Biographie“
(7) hinter sich hat, dem Autor angekreidet.
Hetzte noch 1984, als man sich den vollen Heidegger über die frz.
Philosophie zu einer „Vernunftkritik“ wieder ins Land holte, Gerd Bergfleth
bei den Salonfaschisten vom Matthes & Seitz-Verlag gegen „die
zurückgekehrte deutsch-jüdische Intelligenz, die eine letzte Chance
erhielt, Deutschland nach ihren Maßstäben umzumodeln“, so widerfährt
Adorno inzwischen Schlimmeres: aus einem aufgeklärten denkenden Menschen
soll ein Deutscher werden, der Jude und ehem. Exilant wird als „germanischer
Denker“ verunglimpft. Bernard kennt dessen „dialektisch-deutsches Philosophieren“
(14), als könne es so etwas geben. Kein Unfug, kein Widerspruch ist
zu groß, als dass er nicht doch geäußert werden könnte.
Adorno habe „den Deutschen eines der ganz wenigen und vermutlich das letzte
ihrer philosophischen Volksbücher geschenkt“ (123f.). Dieses habe auch
Nutzwert für die Gegenwart. Denn es sei Adorno gewesen, „der die deutsche
Intelligenz der zweiten Jahrhunderthälfte mit einem Amerikabild ausstattete“,
und dies zu einer Zeit, als „die Verführungsmacht Amerika ihren Siegeszug
gerade erst begonnen“ (131) hatte. Es wird nicht mehr lange dauern und das
Kapitel Kulturindustrie aus der Dialektik der Aufklärung
wird zu einer Kritik US-amerikanischer ‚Kulturlosigkeit’ vor der Folie deutscher
Geistessubstanz dienen.
Eine Würdigung meldet lt. Adorno „den unverschämten Anspruch
an, daß, wer das fragwürdige Glück besitzt, später
zu leben ... darum auch souverän dem Toten seine Stelle zuweisen und
damit gewissermaßen über ihn sich stellen dürfe. In den
abscheulichen Fragen“, ob ein Autor „der Gegenwart etwas bedeute ... klingt
diese Anmaßung mit. Nicht wird die umgekehrte Frage auch nur aufgeworfen,
was die Gegenwart“ vor diesem Autor bedeute. Ob vor Adorno oder vor jemand
anderem – die Gegenwart bedeutet nur eines: dass sie kritisch durchdrungen,
dass die sie bestimmenden Faktoren: Staat & Kapital abgeschafft gehören.
Für die theoretische Antizipation dessen mag man Adornos Schriften
zur Hand nehmen.
Theodor W. Adorno, ‚Minima Moralia’ neu gelesen. Hgg.v. Andreas Bernard
& Ulrich Raulff. Frankfurt/M: Suhrkamp, 2003. ca. 130 Seiten,
€ 9,-
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten
Leben. Frankfurt/M: Suhrkamp, entweder Einzelausgabe der Bibliothek
Suhrkamp, oder Band 5 der Gesammelten Schriften.