Fabian Kettner
Europäische Obsessionen
Andrei S. Markovits untersucht den Antiamerikanismus
„Es bedarf des Bewußtseins, daß von Amerika die europäische
Zukunft, die Verwirklichung der Freiheit diesseits, wie ernsthaft drüben
sie gefährdet sei, nicht abzulösen ist.“
MAX HORKHEIMER (1967, in GS 13, 83)
„Kein Deutscher, der sich so nennt, hat das Recht, Amerika zu
richten. Wer in Deutschland lebt und trotzdem zu den Verbrechen, die überall
auf der Welt begangen werden, nicht schweigen will, muß zuallererst
auf seine Nationalität verzichten.“
WOLFGANG POHRT (1982)
Auf einer kirchlichen Trauung im letzten Sommer rekapitulierte der Pastor
das Brevier des progressiven, linksliberalen, grünwählenden Deutschen:
zitierte Erich Fromms Vom Haben zum Sein (ziehe die ‚inneren Werte’
dem ‚weltlichen Tand’ vor), Antoine de Saint-Exupérys „man sieht nur
mit dem Herzen gut“ (denke nicht so viel) und indianische Horoskope (denke
gar nicht, ergib dich in dein menschengemachtes Schicksal). Denn er ist
einer der fortschrittlichen seiner Zunft: vollzieht homosexuelle Trauungen,
schenkte der Braut ein von nicaraguanischen Müttern geknoteten Kreuzumhänger
und trägt einen Dritte Welt-Schal. Und in seiner Predigt fehlte auch
nicht der Seitenhieb auf die ‚amerikanische Oberflächlichkeit’ der
‚heilen Hollywood-Welt’, die die Brautleute sich nicht anstelle des ‚authentischen
Lebens’ zum Vorbild nehmen sollten. Leider hat die Evangelische Kirche keinen
Papst.
Der europäische Antiamerikanismus hat eine lange Geschichte, neu
aber ist, so der Professor für Politikwissenschaft und Soziologie an
der University of Michigan in Ann Arbor, Andrei S. Markovits, dass er Mainstream
wurde. Dorthin gelangte er über das Bildungsbürgertum (54), hat
inzwischen aber eine „einmalige Hegemonie im täglichen Diskurs von Eliten
und Bürgern“ inne. Auch wenn man von einer „außergewöhnlichen
Meinungskonvergenz zwischen Eliten und Bevölkerung“ (67) sprechen kann,
so gilt Antiamerikanismus nach wie vor als Ausweis von Protest, ja Widerstand
(36). Nimmt man hinzu, dass in ihm sich außerdem Links & Rechts
treffen, so sollte man sich wundern, gegen wen diese Widerständigkeit
sich denn richten sollte.
Markovits belegt dies mit neun Pew-Studien über die Einstellung
der Weltbevölkerung zu den USA, die zwischen August 2001 und März
2004 durchgeführt wurden, mit einer kurzen Historie des Antiamerikanismus
und indem er den Diskurs europäischer Zeitungen und Zeitschriften zum
Thema „Amerikanisierung“ auswertet.
„Amerikanisierung“ ist in Europa ein „völlig salonfähiges Schimpfwort“
(115) geworden. Die Rede von ihr ist ein europäisches Selbstgespräch,
v.a. Frankreichs und Deutschlands, die sich selbst als „Musterknaben des
Weltfriedens“ (190) wahrnehmen. Denn hier ist der Antiamerikanismus i.ü.
viel stärker als in den übrigen Kontinenten, bemerkenswerterweise
auch als in islamischen Ländern (17, 42), für deren ‚berechtigte
Empörung’ und ‚Verzweiflungsakte’ (d.h. Massaker) man in Europa so sehr
um Verständnis wirbt.
„Amerikanisierung“ steht für alles, was der Kapitalismus nach seiner
inneren Logik über die Menschen bringt, die nicht nur unter ihm leiden,
sondern ihn auch mit Leib & Seele erhalten – und ihn deswegen aufteilen
in einen guten Teil und in einen schlechten, den sie auf die USA projizieren.
Der Antiamerikanismus ist die Ideologie derjenigen, die ihre Versehrung durch
den Kapitalismus in Leidenschaft für seine autoritäre Alternative
verwandeln, die ihn kritisieren, indem sie sich immer fester an ihn binden.
Er entsteht „völlig unabhängig davon, was tatsächlich geschieht“
und sagt „entschieden mehr über diejenigen, die ihm anhängen, als
über das Objekt ihrer Wut“ (35).
Die USA befinden sich in einem Dilemma, das Markovits in dem Ausdruck
„damned if you do, damned if you don’t“ (127, 139, 149, 157) zusammenfasst.
Er weiß, dass man gegen solch ein Ressentiment „mit Empirie nicht
viel ausrichten“ kann; sympathischerweise versucht er es trotzdem (136).
Wenn Markovits, obwohl er weiß, dass der Antiamerikanismus „zumeist
keine konkreten Gründe oder Anlässe benötigt, um auf der
Bildfläche zu erscheinen“, dennoch von „verständlicher Empörung“
(17) spricht, dann weil auch er George W. Bush hasst. Dieser mag es dem
Antiamerikanismus leicht machen, - aber das Ressentiment, Markovits selbst
weist es immer wieder nach, kennt keine Barrieren der Vernunft. Er begibt
er sich in diesen Widerspruch zu seiner besseren Einsicht, weil er das ist,
wovon deutsche Amerika-Kritiker tatsächlich schon sagten, dass es dies
offensichtlich nicht gebe: ein linker, kritischer Intellektueller.
Der Antiamerikanismus ist von solch beeindruckender Monotonie und Gleichförmigkeit,
dass man seine ca. zweihundertjährige Geschichte in wenigen Sätzen
zusammenfassen kann. Es ist immer dasselbe. Hat man einen Abriss gelesen,
hat man alle gelesen. Dadurch ergibt sich nicht nur im historischen
Teil von Markovits’ Studie das Problem ständiger Wiederholungen.
Die systematische Ausführlichkeit und Vollständigkeit gerät
zur Redundanz, das letzte Kapitel fast unleserlich, nicht zuletzt wegen des
Co-Autors Lars Rensmann, der auch an anderer Stelle durch die Häufung
von Wiederholungen und begrifflichen Hülsen und durch eine von sozialphilosophischem
Modevokabular überbordene Sprache auffiel. Markovits, der passend dazu
die Shoah als „Kulminationspunkt eines europäischen Prozesses“ (175)
bezeichnet, drückt sich auch um die Konsequenzen der Analyse, die auf
der Hand liegen: Wenn man in old Europe „Amerikanisierung“ statt „Kapitalismus“
sagt – wovon lenkt man dann warum ab?
Aber dies war ja auch nicht sein Erkenntnisinteresse. Ob man den Antiamerikanismus,
und v.a. den Antisemitismus, zu dem Markovits „Überlappung“ feststellt
(90f.), auf seinen Begriff bringt, wenn man hiervon schweigt, ob man dann
nicht einfach nur diskursive Ereignisse vor sich liegen hat, die man konstatieren,
aber nicht erklären kann (und hieran krankt bspw. die Studie
des Duisburger Insitituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS)
über Die Nahost Berichterstattung zur Zweiten Intifada in deutschen
Printmedien, unter besonderer Berücksichtigung des Israel-Bildes von
2003 noch viel mehr), dies sollte man sich allerdings fragen.
ANDREI S. MARKOVITS: Amerika, dich haßt sich’s besser.
Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa
Konkret, Hamburg 11.2004 (konkret-texte 40)
239 Seiten, € 15,50
ISBN 3-930786-45-1