schrieb Thomas Mann am 11.07.1950 aus Zürich an Theodor W. Adorno.
Letzterer war bereits im November 1949 aus der Emigration nach Deutschland
zurückgekehrt, Mann hingegen tat sich schwer damit. „Nach Deutschland
bringen mich keine zehn Pferde. Der Geist des Landes ist mir widerwärtig,
die Mischung aus Miserabilität und Frechheit aufgrund vorzüglicher
Aussichten abstoßend.“ Mann ahnte bereits 1950, wohin der europäische
Aufbauplan führt. Deutschland „ist im Grunde das Vorzugskind der Welt.
[...] der Schuhmann-Plan ist nichts als der abgekartete Entwurf eines deutschen
Europa“ (01.07.1950). So sollte es dann kommen.
Der Briefwechsel, dem wir diese treffenden Beschreibungen verdanken,
kam durch Manns Lektüre von Adornos Abhandlung »Schönberg
und der Fortschritt« zustande. „Ich fand eine artistisch-soziologische
Situationskritik“, so Mann an anderer Stelle rückblickend, „von größter
Fortgeschrittenheit, Feinheit und Tiefe, welche die eigentümliche Affinität
zur Idee meines Werkes, zu der ‚Komposition’ hatte, in der ich lebte, an
der ich lebte. In mir entschied es sich: ‚Das ist mein Mann.’“ Er gewann
den geschmeichelten Adorno als musikalischen Berater und Gestalter für
die Arbeit an seinem Roman »Doktor Faustus«, für den jener
das musikalische Spätwerk der Hauptfigur Leverkühn sich ausdachte.
Fortan (der Briefwechsel reicht vom 05.10.1943 bis zum 13.08.1955) kommentierten
beide des anderen Werk. Adorno nahm nicht nur an der Entstehung des »Doktor
Faustus« teil, sondern auch an der des »Erwählten«,
der »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« und der »Betrogenen«.
Mann las u.a. Adornos »Minima Moralia« und den »Versuch
über Wagner«.
Das ist zwar alles interessant, aber nichts Neues, auch Manns Brief vom
30.12.1945 über sein Verfahren der „Montage“ ist längst bekannt.
Wer keine Scheu hat, in ausdrücklich privater Korrespondenz zu wühlen,
der mag sich das dünne, edle und teure Bändchen kaufen, das der
Suhrkamp-Verlag offenkundig abgreiferisch nach Familie Mann-Fernsehfilmen
und »Spiegel«-Titelstory auf den Markt warf, um Zeilen beidseitiger
aufrichtiger Verehrung und Zuneigung zu entwenden. Adorno, der öffentlichem
unvorbereitetem Sprechen gegenüber skrupulös war, hätte einer
Veröffentlichung bestimmt nicht zugestimmt. Den Unterschied zwischen
privatem Brief (mit zahlreichen Kommatafehlern!) und philosophischer Abhandlung
gewahrt auch Mann, als bei Adorno jene in ersteren einbricht: „Es war mir
ganz seltsam, Ihren unglaublich hochgezüchteten kritischen Stil, der
wie ein Dolch ins Fleisch der Dinge geht, so brieflich-privat angewandt zu
finden auf das Eigene“ (08.03.1954).
Von Stichworten abgesehen sind einzig die Beschreibungen der deutschen
Gegenwart interessant. Am 28.12.1949 schrieb Adorno einen langen Brief
über seine ersten Eindrücke. Nach Eigenauskunft hätten die
Deutschen mit dem Nationalsozialismus nicht das geringste zu tun gehabt,
so „daß die unsägliche Schuld gleichsam ins Wesenlose zerrinnt.
[...] Ich habe, außer ein paar rührend marionettenhaften Schurken
von altem Schrot und Korn, noch keinen Nazi gesehen, und das keineswegs
bloß in dem ironischen Sinn, daß keiner es gewesen sein will,
sondern in dem weit unheimlicheren, daß sie glauben, es nicht gewesen
zu sein; daß sie es ganz und gar verdrängen.“ Auch einer seiner
geschätztesten Studenten will glaubhaft machen, daß die Deutschen
„den Antisemitismus nie ernst genommen“ hätten und Auschwitz war diesem
bereits entfallen, wohingegen Adorno aus Gesprächen mit Oppositions-
und Widerstandskreisen weiß, „daß man in Wahrheit seit 1943 alles
wußte.“ Adorno war mit seinen Studenten sehr zufrieden, er konnte keinen
„Niveauverlust“ feststellen, gleichwohl behagte ihm ihr „Uebereifer“ in Sachen
Philosophie nicht ganz, da dieser ihm als Überkompensation und Verschiebung
verdächtig wurde. „Es wird über höchst undurchsichtige Fragen
an der Grenze von Logik und Metaphysik verhandelt, als ginge es um Politik
– vielleicht weil es diese in Wahrheit nicht mehr gibt.“ Weil die Menschen
machtlos geworden sind, weil ihnen der große Weltanschauungsentwurf
genommen wurde, weil „die kollektive Energie der Deutschen wirklich in einem
Maße wie nie zuvor in das faschistische Unternehmen eingegangen war“
(03.06.1950), muss der auf sich selbst zurückgeworfene Mensch sich auf
seinen Geist verlegen und diesen ins Gebiet der unverdächtig scheinenden
theoretischen Beschäftigung lenken. „Es ist dafür besonders charakteristisch,
daß es fast immer um Auslegungsfragen, kaum um solche der Wahrheit
einer Theorie selber geht – ein Spiel des Geistes mit sich selber.“ Die Juden,
die sie ermordet hatten, scheinen kannibalistisch angeeignet worden zu sein.
„Der Vergleich mit einer Talmud-Schule drängt sich auf; manchmal ist
mir zumute, als wären die Geister der ermordeten Juden in die deutschen
Intellektuellen gefahren“ (28.12.1949); spätestens im durchsichtigen
Philosemitismus der 1980er Jahre wurde dies manifest. Adorno ist sicher, dass
„Deutschland aufgehört [habe], überhaupt politisches Subjekt zu
sein, Politik wird bloß noch tragiert“, auch wenn ihn die Tatsache,
dass ihm wenig Neofaschismus und Antisemitismus „unter die Augen kam, nicht
darüber betrügt, daß es all das gibt“ (03.06.1950), beobachtet
aber gleichzeitig besorgt, „daß Bestrebungen im Gange sind, Bayreuth
wieder aufzusperren“, was, „neben der Wiederzulassung Heideggers, zu den bedenklichsten
Symptomen hier gehört“ (01.08.1950). Dafür sei „das Verhältnis
der Deutschen zu Ihnen [...] unbeschreiblich affektbesetzt. [...] Als ob
sie gar nicht von Ihnen loskämen, aber, da sie zu lieben sich nicht
getrauen, schimpfen müßten“ (28.12.1949).
Mann spielt mit dem Gedanken zurückzukehren, aber noch am 19.04.1952
„kommt [Deutschland] nicht in Betracht. Es ist mir zu unheimlich, ...“,
und auch wenn er am 08.03.1954 gänzlich unvermittelt schreibt, dass
Deutschlands „Lebensfreude und unglaubliche Urständ [ihn] immer wieder
zum Lachen bringen. Ein fabelhaftes Volk ...“, so bewies er Verstand und
Geschmack und kehrte Zeit seines Lebens nicht mehr zurück. Thomas Mann
starb am 12.08.1955 in Zürich.
Theodor W. Adorno - Thomas Mann. Briefwechsel 1943 – 1955.
Hg.v. Christoph Gödde und Thomas Sprecher. Frankfurt/M: Suhrkamp,
2002.