Fabian Kettner
Le décadent ennuyant
„Durch den vollkommnen Mangel an Vernunft in der Küche ist die Entwicklung
des Menschen am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt
worden“, notierte Friedrich Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse
(Unsere Tugenden, Aph. 234). Ob das vorliegende Werk diesem Mangel
abhelfen wird, ist fraglich.
Zu den zwölf Kapiteln gehören ein einleitender Text, ein Rezept
oder ein Gelage mit Beschreibung und ein un-/bekannter literarischer Text.
Die Speisen sind opulent, wie die Essorgien Caligulas oder von Pius V., als
er noch Großinquisitor war und seinen Küchenchef Bartolomeo Scappi
Gottes Welt systematisch nach Essbarem und seiner Zubereitung durchforschen
ließ. Sie sind exotisch und außergewöhnlich, bevorzugt werden
seltene oder gar vom Aussterben bedrohte Tiere, wie Delfinwurst, Ibisbraten
mit Chawdronsauce oder Pandapfoten im Schmortopf. Andere sind eklig und
abstoßend, nicht nur für Europäer, weil Hunde, Katzen, Ratten
und Krähen verwendet werden, sondern weil Verfaultes und Verwestes
im Mittelpunkt steht. Manche schließlich sind grotesk, weil schlicht
unsinnig, indem man am Ende der Zubereitung das Essen aus dem Fenster werfen
soll.
Lucan & Gray hatten von 1991-94 selber ein extravagant eingerichtetes
Restaurant, The Decadent, in Edinburgh. Sie müssen Genies als
Gastgeber, Dekorateur und Koch gewesen sein. Aber wo fängt die Legende
und die Selbststilisierung an? Haben sie tatsächlich ein sagenhaftes
Kochbuch von Christoforo de Messisbugo aus dem frühen 16. Jahrhundert
und ein über 600 Wurstsorten fassendes Book of Sausages von Antony
& Araminta Coxes? Hatten sie tatsächlich vergessenes Kochgerät
aus der Renaissance-Zeit nachkonstruiert? Bedienten sie ihre Gäste wirklich
mit einem „Pianocktail“?
Das Pseudonym „Durian Gray“ verrät es schon: die Autoren des Kochbuchs
haben sich dem Abseitigen und Morbiden verschrieben, dem Fin de Siècle,
der Décadence. Neben The decadent Cookbook haben sie auch The
decadent Gardener und The decadent Traveller verfasst, im britischen
Dedalus-Verlag in einer Reihe erschienen, zu der auch The
decadent Handbook, The Dedalus Book of decadent Saints, ... of
Decadence allgemein, sowie in seinen deutschen, englischen und römischen
Ausformungen gehören. Hier wird findet man auch die dunklen Werke von
Rachilde (aka Marguerite Vallette aka Jean de Cildra), Joris-Karl Huysmans
(aka Charles Marie Georges) und Gabriele d’Annunzio. Man pflegt die Pose
des Décadents, des Dandys und hat eine Faszination für das Außergewöhnliche,
Extreme, für das Abseitige und Verfemte, geht dem „ästhetischen
Extremismus“ (8) nach. Die Beschäftigung hiermit hat das Moment des
schocken Wollens. Aber wen? Und was hat man damit gewonnen? Die Kunst
der dekadenten Küche ist nicht ein Buch für Menschen, die immer
noch prusten und kichern, wenn nicht-medizinische Namen für Unterleibspartien
oder Körperausscheidungen fallen, weil die, für die dieses Buch
eignet, hierüber schon hinaus sind. Es ist für die, die sich die
Freude am Abseitigen, Schmutzigen bewahrt haben – aber dahin sublimiert,
dass sie souverän mit dem Verfemten umgehen können. Sehen sie es,
laufen sie nicht kreischend mit schaurig-schöner Gänsehaut davon,
sondern nehmen es in die Hand. Sie sind nicht mehr so nah dran, dass sie
von der Faszination hingerissen würden, sondern distanziert genug, dass
sie das Verfemte einsetzen können, um andere damit zu erregen. Sie sind
seine Priester.
Der Grundirrtum des Décadents besteht zum einen in seiner ästhetischen
Existenz, die er nicht nur aus privatreligiösen Geschmacksgründen
pflegt, sondern aus der Überzeugung, sie sei nicht nur Zeichen einer
alle Parteien überhobenen Opposition, sondern bereits diese Opposition
selbst. Zum zweiten in der Meinung, er stehe überhaupt in Opposition;
dass er verkennt, dass er nur eine bunte Spielart im gesellschaftlichen Betrieb
ist. Zum dritten in seinem Zynismus: seine Geschmackslosigkeit, seine Maßlosigkeit
greift das an, was ihm als Inbegriff der guten Gesellschaft erscheint, aber
nicht das, was Gesellschaft im Innersten zusammenhält und ausmacht.
Denn dessen Zynismus arbeitet der seine vor, zu ihrer Attacke reitet er nolens
volens die Vorhut. Es gehe ihm um mehr als um „épater la bourgeoisie“.
„Der wahre Décadent jedoch wird sich damit nicht zufrieden geben.
Er will die Überschreitung. Sein Verlangen nach dem Bizarren und Außergewöhnlichen“
(113). Diese Überschreitung bedarf absoluter Macht über Wehrloses,
das noch nicht tot ist, zerschmetternder Souveränität, die am
Objekt noch seine Freude haben kann. Deswegen heftet sich das begehrliche
Auge des Transgressors immer wieder an Caligula, die Inquisition, de Sade
und den ästhetischen Faschismus.
Medlar Lucan & Durian Gray: Die Kunst der dekadenten Küche.
Ein Kochbuch für Ästheten, Gourmands und schräge Genießer.
Hgg.v. Alex Martin und Jerome Fletcher. Mit einem Nachwort von Vincent
Klink. Aus dem Englischen von Norbert Hofmann.
Edition Tiamat, Berlin 2005
206 Seiten. Euro14,00
ISBN 3-783893-200825