Fabian Kettner
Meisterhafte Miniatur
Dass die Marxsche Theorie nicht nur nicht dasselbe
ist wie der Marxismus, sondern diesem sogar entgegengesetzt, das ist nicht
nur dem sog. gesunden Menschenverstand und seiner Rationalisierung: der bürgerlichen
Nationalökonomie unbekannt, sondern auch all denen, die sich wie selbstverständlich
und von altersher auf Marx berufen. Die verschiedenen Spielarten des Marxismus
wiederholten mehr oder minder immer dasselbe. Weil die wissenschaftlichen
bürgerlichen Gegenspieler sowenig Marx gelesen hatten wie seine Bannerträger,
lieferten sich beide Parteien ein Spiegelgefecht, in der es auf beiden Seiten
viel um die zu verteidigende Ideologie, aber fast nie um den Gegenstand
ging.
Die Kritische Theorie hatte Marx zwar auch nicht sehr sorgfältig gelesen,
aber sowohl den wissenschaftlichen Marxismus wie die bürgerliche Wissenschaft
als zwei Varianten der „traditionellen Theorie“ erkannt und damit zu einem
bedeutenden Befreiungsschlag für nicht-autoritäre Emanzipationsbewegungen
ausgeholt. In ihrer ambivalenten Haltung zu Marx war die Wiederaneignung
des Marxschen Werkes aber ein von ihr uneingelöstes Vorhaben. Bezeichnenderweise
waren es direkte oder indirekte Schüler dieses „westlichen Marxismus“
(v.a. Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt), die dies aufnahmen und ab
dem Ende der 1960er Jahre im Zuge der Studentenbewegung – aber in ihr und
für sie unerheblich – eine neue Marx-Lektüre einleiteten, die
sich selbst zwar oftmals erheblich unklar blieb, aber endlich dem kritischen
und dem emanzipativen Potential des Marxschen Werkes Bahn brach.
Michael Heinrich (Jg. 1957) ist Schüler dieser neuen Marx-Lektüre,
und er setzte bereits mit seiner Dissertation Die Wissenschaft vom Wert
(VSA 1991, 2., überarbeitete und erweiterte Neuauflage Westfälisches
Dampfboot 1999, 3., korrigierte Auflage, 2003) deren Bemühungen
beeindruckend fort. Heinrich ist der seltene Glücksfall eines Marx-Kenners,
der nicht in Philologie und Re- oder Dekonstruktion von Textkohärenz
stehen bleibt; der gegen seine linken wie rechten Kritiker einfach und unprätentiös
zeigt, warum man nicht nur Marx gelesen haben muss, um über
die Gesellschaft, in der wir leben, was sagen und sie kritisieren zu können,
sondern auch richtig gelesen haben muss, damit die Kritik nicht fehlgeht.
Nicht nur der Tradition, die stets zur Sozialdemokratisierung mit mehr
oder minder radikalem Gestus neigte, muss das Marxsche Werk entrissen und
gegen sie stark gemacht werden, sondern auch gegenwärtigen populären
verbalradikalen Reaktivierungsversuchen, die etwas propagieren, was man missverstanden
(Robert Kurz, krisis) oder die etwas verabschieden, was man nie verstanden
hat (Michael Hardt & Antonio Negri). Dies gilt auch für die no
globals, nicht nur für deren trotzkistische „revolutionäre Entristen“
und Majorisierer. Zu Marx selber haben die no globals keinen Bezug mehr,
aber einige Marxsche Begriffe kursieren bei ihnen als moralisch-assoziativ
aufgefüllte Phrasen („Unsere Welt ist keine Ware“ etc.). Das, was man
an Zitaten (aber nicht als Zitate) kennt, wird von Heinrich in den richtigen
Zusammenhang gesetzt und exakt bestimmt. Seine Einführung in Marx’ Kritik
der politischen Ökonomie, erschienen in der Reihe theorie.org
des Schmetterling-Verlags, bringt das beachtliche Kunststück
fertig, das weit getreute Werk auf ca. 220 kleinen Seiten gut verständlich
zugänglich zu machen, die Spezialisten-Diskussionen außen vor
zu lassen und dabei inhaltlich nicht an Niveau einzubüßen. Die
erste Auflage von 1000 Exemplaren war nach kurzem vergriffen. Die zweite
wurde noch um ein Kapitel zu „Klassen, Klassenkampf und Geschichtsdeterminismus“
ergänzt.
Gegen den traditionellen wie gegen den modernen Zugriff auf das Marxsche
Werk vergegenwärtigt Heinrich deren Kernthemen wie Wert-, Geld- und
Kapitaltheorie, Begriff und Theorie von Klasse, Ausbeutung, der kapitalistische
Gesamtprozess, Krisentheorie. Ebenso vertieft er nachfolgend angelagerte
Themen, die bei Marx nur angedeutet sind, aber in den Hochzeiten des Marxismus
ausgebaut wurden – freilich ohne auf das Fundament zu achten (Staats- und
Demokratietheorie, Imperialismus); resp. deren Fehlen oder angebliche Abwertung
von anderen sozialen Bewegungen kritisiert wurde (Geschlechterverhältnis);
resp. die im Gefolge der antimarxistischen Marx-Relektüre großes
Gewicht bekamen und dabei teilweise merkwürdige Blüten trieben
(Kritik des Fetischismus, Antisemitismus).
Diese gewaltige und verdienstvolle Ordnungsarbeit ist einigen zu „akademisch“.
Die zuweilen als „zu leidenschaftslos“ und „zu unphilosophisch“ geschmähte
Darstellung, die man in der Tat konstatieren kann, ist aber gerade der Vorzug.
Heinrichs relative Distanz zum Gegenstand ermöglicht eine bessere,
klare Darstellung, da er nicht im glückseligen Taumel der zunächst
befreienden kritischen Einsicht befangen bleibt. Dabei herrscht bei Heinrich
kein seminaristisch gekühltes Desinteresse: er betreibt keine linke
Politik, keine linke Sozialdemokratie. Die Marxsche Kritik ist ihm keine
Methode, kein soziologischer Ansatz unter vielen anderen, sondern der Schlüssel.
Der Kommunismus ist weder eine Sonntagsutopie noch ein – gottseidank – unerreichbares
Ideal, den man vorzeigt, wenn man sich im Feuilleton mal wieder radikal präsentieren
darf, noch eine historisch-gesetzmäßige Notwendigkeit. Aber eine
der menschlichen Gattung und der Sittlichkeit! Die „vernünftige Gesellschaft“
(Adorno) ist eine objektive Möglichkeit, zu deren Verwirklichung es
gleichwohl Menschen bedarf, die nicht mehr nur formell Individuen sein, sondern
sich zu Subjekten ihrer Gesellschaft machen wollen, um die immer noch andauernde
Vorgeschichte der menschlichen Gattung zu beenden.
MICHAEL HEINRICH: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung
Reihe theorie.org
Schmetterling-Verlag, Stuttgart, 1. und 2., durchgesehene und erweiterte
Auflage, 2004
ca. 220 Seiten, Euro 10,00
ISBN 3-89657-588-0
12/04