Fabian Kettner
Spekulationsblase
Geld bringt viele Menschen um den Verstand. Nicht nur in dem Sinne,
dass sie für Geld alles tun, sondern dass das Nachdenken über
Geld Verwirrung bewirkt. Die Wissenschaft kommt mit ihm nicht klar, weil
es „durch die Raster [der] sich verfestigenden wissenschaftlichen Arbeitsteilung
hindurch[fällt]“ (35). Bei Hans-Georg Backhaus (Dialektik der
Wertform, ca ira 1997) kann man in extenso nachlesen, dass die Wirtschaftswissenschaft
nicht weiß, was Geld ist. Das hält auch Deutschmann ihr vor,
und wie Backhaus sieht er im Geld eine „’philosophische’, nicht nur eine
wirtschaftliche Kategorie“ (25).
Was man über Geld & die Welt sagen kann, über die
Auswirkungen des Geldes auf die Lebenswelt, auf Denken, Verhalten und
Selbstwahrnehmung der Menschen, das hat Georg Simmel in seiner Philosophie
des Geldes (GA 6) zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesagt. Nun
kann man diese Beobachtungen nur noch nach dem jeweiligen Stand der Vergesellschaftung
aktualisieren und die Neubildungen sozialwissenschaftlicher Theorie auf
ihr Verständnis fürs Geld hin abklopfen. Deutschmann erledigt
dies bei Parsons, Habermas und Luhmann (Kap. 3 – 5). Von Simmel hält
er wesentlich mehr und von ihm übernimmt er einen Gedanken, den er
„absoluten Reichtum“ nennt. Darunter versteht er nicht eine überaus
große Menge, sondern eine allgemeine Qualität des Geldes: „Vermögenseigenschaft“,
„verallgemeinerte[s] soziale[s] Machtpotential“ (10) zu sein, Zugriff
auf alles zu ermöglichen, eine „a priori unbestimmte Fähigkeit“
(21) zu verleihen.
„Die Verheißung des absoluten Reichtums“ ist ein genitivus
subiectivus: der absolute Reichtum verheiße etwas. Nämlich?
Der „Möglichkeitsraum“ des Geldes sei „unermeßlich“ (135).
Dies nennt Deutschmann dessen „imaginäre Dimension“ (Castoriadis):
„es weckt bei seinem Besitzer Träume und Phantasien“ und gebe Option
auf allen und auch noch unbekannten Reichtum (53). Durch die „im Geldvermögen
angelegte [...] Verheißung privater Verfügung über die
Totalität menschlicher Möglichkeiten“ (104) trete „der Mensch
jetzt selbst an die Stelle Gottes“ und überbiete dessen Allmacht
(117). U.a. hierin bestehe „die religiöse Natur des Kapitalismus“.
Deutschmann greift an dieser Stelle auf Überlegungen aus einem Fragment
Walter Benjamins (Kapitalismus und Religion (GS VI, 100 – 103)) zurück,
in dem jener einige Analogisierungen auflistet. Deutschmann sieht die Gefahr
einer bloßen Analogie, die suggeriert, aber nichts beweist, spricht
deswegen auch von „Deckungsgleichheit“ (104), „Verwandtschaft“ (7). Diese
kann man in strukturelle Ähnlichkeiten einerseits und Substituierungen
andererseits aufteilen. Zum einen sei an Stelle des religiösen Götzendienstes
der ökonomische getreten (65); war früher der Gottesglaube
der „Endpunkt, in den alles soziales Handeln zurückläuft“, so
sei es heute der Gelderwerb (23). Zum anderen leisteten beide eine „sinnhafte[.]
Bewältigung des Unbestimmbaren“ (7), haben sie unermessliche Potenz
(84), sei Gott wie Wert „unsichtbar und unerforschlich“ (98), regierten
sie die Welt in allen Dimensionen (108), haben sie imperativen Charakter
(109), benötigten sie Kommunikatoren (Priester/Marktideologen), die
das Absolute vermitteln (154f.), sähen und bestraften sie alles (166).
Wie Geld & Gott sich zueinander verhalten und was die Theologie dazu
sagt, wäre durch die Überlegungen Falk Wagners (Geld oder Gott.
Zur Geldbestimmtheit der kulturellen und religiösen Lebenswelt
(Klett-Cotta, 1985)) zu ergänzen.
Geld, das „auf den ersten Blick profan und trivial“ (7) aussehe,
so weiß man nun, hat es ganz schön in sich. Aber was die Absicht
von Deutschmanns Studien ist, die dieser als „ein unkonventionelles Unternehmen“
(15) preist, das bleibt unklar. Will er die Religion entherrlichen, indem
er ihre Nähe zu Geld und Kapital nachweist? Oder will er andersherum
die Vorstellung entzaubern, der Kapitalismus sei höchste Rationalität
in Aktion, indem er dessen Nähe zu Religion und Metaphysik herausstellt?
Eitel auf jeden Fall der Satz, „es kostet offenkundig Überwindung,
das Kapitalverhältnis umstandslos als ‚Religion’ zu qualifizieren“
(105). Da hat wieder einer ein Tabu gebrochen.
Die Verwirrung durchs Geld ergreift auch seine Kritiker. Ob Deutschmann
einer von ihnen ist, erfährt man nicht. Aber man weiß, dass
er Professor für Soziologie in Tübingen ist. Das muss nichts
heißen, ebensowie dass er es sicher nicht schön findet, „was
Geld aus den Menschen und der Gesellschaft macht“ (9), wie es „nicht nur
die ganze Welt [umfaßt], sondern sie auch bis in ihre letzten Winkel
[durchdringt]“ (132). Aber bei ihm durchdringen sich wie bei dem von ihm
geschätzten Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch (bspw. Kopf
oder Zahl. Die Poesie des Geldes, Suhrkamp 1996) Betonung der Ambivalenz,
Warnung und Apologie zu einer Identifikation mit dem Aggressor (siehe nur
bei dem US-Evangelikalen Jacob Needleman (Geld und der Sinn des Lebens
(Suhrkamp, 1994)), wenn nicht die Sätze unnachvollziehbar
sind.
Dunkel bleiben auch die Perspektiven. Ihm ist klar, dass der Kapitalismus
sich selber in die Krise führt (Kap. 10). Durch den Neoliberalismus
sieht er auch die Verheißung gefährdet (173ff.). Dies ist
ihm recht, um wieder nüchterner zu werden, um zu einem „reiferen
Verständnis von Autonomie“ zu gelangen und um „eine Rückführung
der Ökonomie auf Bedürfnisbefriedigung“ zu erreichen (176),
was beides wahrscheinlich Unterordnung bedeutet. Dazu gebe es auch schon
ein „Modell“, dasselbe, dessen Grundlagen er vorher verworfen hatte:
„die neoklassische Theorie des statischen Marktgleichgewichts und das
auf ihm aufgebaute Parsonianische Modell des sozialen Systems“ (176).
So ausgeglichen und kontrolliert sieht er nun die Möglichkeit für
eine Arbeitszeitrechnung (181), was einen Wertquantensubstanzialismus
voraussetzt, den er vorher an Marx zu unrecht kritisiert hatte. Über
diese Proudhonsche Utopie, über die Marx seinerzeit das Nötige
gesagt hatte, holt er sich den Kapitalismus mit allen Konsequenzen wieder
herein.
Christoph Deutschmann: Die Verheißung des absoluten Reichtums.
Zur religiösen Natur des Kapitalismus. Frankfurt/M: Campus, 2001