Fabian Kettner
Lässt sich zeigen, was sich nicht vorstellen lässt?
Ob und wie man den Holocaust künstlerisch, gar populärästhetisch
darstellen könne und dürfe, das ist eine beliebte Debatte. Selten
geht es dabei um die Frage nach der Darstellbarkeit, d.h. nach der
grundsätzlichen Möglichkeit. Meistens ist es mehr eine Frage der
Moral: darf etwas, was wie der Holocaust qua Grauen auf einen Gipfel schwarzer
Erhabenheit gehoben wurde, gemein gemacht werden? Dann wird Adornos Satz über
Gedichte nach Auschwitz zitiert und Celans Todesfuge als Gegenbeispiel
genannt. Die ehrwürdigen Medien des bildungsbürgerlichen Kanons
(Roman, Gedicht) haben weniger Legitimationsprobleme als die populären
Medien. Die Debatten um den Film sind seit Schindlers Liste
und erst recht seit dem danach einsetzenden Boom der Holocaust-Filme (und
v.a. der Komödien) erledigt. Geht es um Comics, wird diese Debatte immer
noch geführt, denn schließlich gelten Comics als Kinderkram, als
oberflächlich und banal, gar als Schund – und dies trotz des vielgelobten
Maus (Teil 1: 1986, Teil 2: 1991) von Art Spiegelman, der 1992
sogar den Pulitzer-Preis erhielt. Deswegen spricht man statt von „Comics“
lieber von „graphic novels“.
Wenn anlässlich der deutschen Ausgabe der Comics von Croci und Kubert
sogar Bild fragt: „Darf man den Schrecken des Holocaust als Comic
zeigen?“ (20.06.2005), dann geht es allerdings mehr um die Frage, ob man den
Schrecken des Holocaust darstellen dürfe, ob dies ethisch vertretbar
ist; nicht darum, ob man es könne, sondern darum, ob man nicht die Leiden
der Opfer ästhetisch ausbeute oder ob man den Betrachtern nicht zuviel
zumute. Versteht man unter „Schrecken“ Gewalt, Grausamkeit, Erschießungen,
Vergasung und Verbrennung, dann haben beide Comics es dargestellt: Crocis
spielt komplett in Auschwitz; Kuberts im Warschauer Getto in den Tagen des
jüdischen Aufstands, über die Erzählungen eines Flüchtlings
allerdings zu fast einem Drittel auch in Auschwitz.
Sowenig sich der Gesamtprozess der Judenvernichtung, inklusive der Entwicklung
zu ihr hin, sich in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz erschöpft,
sowenig entscheidet sich die Frage, ob die Darstellung der Shoah gelungen
ist, an der Illustration von Kopfschüssen und halb verwesten Menschen.
Auch historische Exaktheit muss nicht ein Kriterium sein. Wenn Kubert „am
anderen Ende“ des Warschauer Gettos ein Gebäude der Sicherheitspolizei
erfindet (31), wenn er Gaswagen auch in Auschwitz zum Einsatz kommen lässt
(52), wenn er berühmt-berüchtigte Häftlingsarbeiten von Mauthausen
nach Auschwitz verlegt (51), wenn er die Wehrmacht statt der SS in Auschwitz
Dienst verrichten lässt, dann ist dies zwar historisch falsch, berührt
die Probleme künstlerischer Darstellung aber nur äußerlich.
Kubert erzählt eine Geschichte und hat keine geschichtspädagogischen
Absichten wie Croci. Kuberts Zusammenziehen unterschiedlicher historischer
Fakten geschieht entweder aus erzählerischer Freiheit oder aus Unwissenheit.
Manchmal allerdings muss man beobachten, wie ein Mangel an historischem
Wissen mit Assoziationen und wilden Vermutungen aufgefüllt wird. Wenn
Kubert aus den sog. „Sonderkommandos“ in den Lagern (eine abgesonderte Gruppe
Häftlinge, die ausschließlich mit dem Vernichtungsprozess beschäftigt
waren) Elitekommandos für verdiente, freiwillig besonders hart arbeitende
Häftlinge macht, dann wird es ärgerlich. Nicht nur weil es scheint,
dass die grauenhafte Hohn-Parole, dass Arbeit frei mache, wenigstens zum
Teil gestimmt habe, sondern noch viel mehr weil die Angehörigen dieses
Sonderkommandos zu einer Art derber ‚Frontschweine’ mit harten, fast trutzigen
soldatischen Gesichtern stilisiert werden, die von harter Arbeit und Erfahrung
des Grauens gestählt worden seien (73 und 74). Der nackte Körper
eines Fliehenden, der sich unter den Stacheldraht durcharbeitet, ist ein
muskelbepackter Kämpferkörper, der allein auf Grund der Ernährung
in Auschwitz verunmöglicht war, der bei Kubert aber auch noch von einem
finster entschlossenen Gesicht angeführt wird (78). Das Profil seines
kahlen Schädels sieht aus wie das von Marlon Brando als Colonel Kurtz
in Francis Ford Coppolas Film Apocalypse now (85). Der Weg eines
Rabbi vom gewöhnlichen Häftling übers Sonderkommando zur Flucht
aus Auschwitz, um die Bewohner des Gettos zu warnen, ist eine Helden- und
Märtyrergeschichte, mit der man aus der vollendeten Sinnlosigkeit der
Judenvernichtung noch Funken von Sinn & Ziel schlagen möchte. Für
Kuberts Comic insgesamt gilt dies glücklicherweise nicht.
Dass Kubert an diversen Superhelden-Comics mitarbeitete, schlägt leider
durch. Sein Erzähler und alter ego ist Yossel, ein 16jähriger
Getto-Bewohner, der gerne typische Superhelden zeichnet, um so der schlimmen
Realität zu entfliehen. Dass er für die Nazis immer wieder arische
Superhelden zeichnen muss, dass also das Körperideal seiner Helden
mit dem Breker-haften seiner Mörder nahezu übereinstimmen muss,
das hätte Kubert zu einer schönen Reflexion über den Comic
im Comic ausbauen können. Aber diese Chance verpasst er. „Sogar meine
von Comic-Helden angeheizte Vorstellungskraft konnte nicht die schrecklichen
Ereignisse erfassen“, lässt Kubert seinen Yossel an einer Stelle erkennen
(113). Eben drum kann er es nicht! Hier sind Form und Inhalt inkompatibel.
Kuberts Zeichnungen hervorstürmender und kämpfender deutscher Soldaten
(107ff.) könnten auch einem SA-Mann gefallen.
Doch im Gegensatz zu Crocis flächigen, blassen, glatten Bildern sind
die Kuberts die besseren. Absichtlich verwendete er Bleistift-Reinzeichnungen,
die teilweise wie halbfertige Skizzen aussehen, nur angedeutet. Gestalten
schälen sich aus dem Hintergrund, nehmen Kontur an, verschwinden. Auch
wenn er dies um der „Unmittelbarkeit“ willen tat, wie er selber sagt (7),
so wird bspw. durch die Sichtbarkeit von Hilfslinien eine möglicherweise
vorgetäuschte Authentizität durchbrochen. Gerade diese möchte
Croci erreichen und dabei möglichst getreu reale Historie erzählen.
Sowohl die Geschichte wie die Historie werden eilig erzählt, als sollten
möglichst schnell alle Eckpfeiler der Shoah im allgemeinen wie die
von Auschwitz im besonderen versammelt werden. Zwischen ihnen schickt Croci
hilflos Menschen hin und her; Textblasen ergänzen die Informationen.
Aber nicht nur scheitert er bereits bei der ästhetischen Umsetzung,
weil bspw. die Häftlinge einfach zu gut aussehen, zu gut gekleidet
und genährt, ärmlich zwar, aber stark und trotzig-mürrisch
bis verwegen, - er biegt es sich auch nach Beleiben zurecht. Obwohl
er von einem der ehemaligen Häftlinge, mit denen Croci sich bei der
Arbeit zu seinem Comic ausgetauscht hat, darauf hingewiesen wurde, dass
die von ihm erfundene Kopfbedeckung nicht wirklichkeitsgetreu sei, blieb
er bei seiner Version; denn, so bekennt er frei weg: „Die Häftlinge
sahen lächerlich damit aus“ (80). Und mit lächerlichen Gestalten
kann man keine gescheite Geschichte erzählen. Aber mit einem Obersturmbannführer
mit fiesem Gesicht, der stets an einer Zigarette in einem dekadent langen
Mundstück zieht, dessen Hände mit unnatürlich langen und
dünnen Fingern wie Fledermausklauen aussehen und der sich in einer Traumsequenz
folgerichtig in Nosferatu verwandelt (35).
Realhistorie baut Croci immer wieder ein, bspw. indem er die Szene vom
Beginn von Claude Lanzmanns Film Shoah aufnimmt, in der ein polnischer
Bauernjunge den in Viehwaggons zum Vernichtungslager Sobibor vorbeirollenden
Juden gegenüber die ‚Kopf ab’-Geste macht. Aber wieso kennzeichnet
er nicht, woher er seine Ideen nimmt, hier sowenig wie auf den Seiten 42f.,
wo er fast wortgetreu (aber das mag bei der Übersetzung ins Deutsche
verloren gegangen sein) eine Aussage des Auschwitz-Überlebenden Filip
Müllers (auch aus Shoah) abschrieb? Wieso vermerkt er nicht,
dass das Bild auf Seite 48 Mitte links die fast exakte zeichnerische Kopie
eines relativ unbekannten unscharfen Fotos von Verbrennungsarbeiten ist,
das von einem Angehörigen eines Sonderkommandos aus einer Barackentür
heraus aufgenommen wurde?
Seinem Comic ist ein achtseitiges Dossier angefügt, in dem er Stellung
zu seinem Werk nimmt; aber auch dort findet sich kein Hinweis auf solche
problematischen Plagiats-Stellen. Dafür soll hier dem Leser Gelegenheit
gegeben werden (so die Einleitung zum Dossier), die Puzzle-Teile des Comics
zusammenzufügen. Stattdessen finden sich hier häufig sinn- und
zusammenhanglose Äußerungen des Autors. Man versteht nicht, wieso
er „ein großes Risiko“ einging, indem er Mitglieder von Amicale
d’Auschwitz kontaktierte (76) – aber die Wagnis-Pose sieht gut aus. Man
weiß nicht, was er damit meint, dass der Zweite Weltkrieg „über
eine lange Zeit hin ... nur sehr eindimensional dargestellt worden“ ist (77),
sowenig wie wenn er meint: „Und außerdem, Jude oder Nicht-Jude, Geschichte
gehört allen.“ Meint er, dass die Geschichte, v.a. die des Holocausts,
zu lange von den Juden an sich gerissen worden sei? Nun spannt Croci sie
für seine Ideologieproduktion ein: der äußere Rahmen seiner
Erzählung sind die Erinnerungen eines alten Ehepaars, welches 1993 in
der Nähe von Tuzla von serbischen Soldaten eingesperrt wurde und angesichts
der bevorstehenden Exekution ihr Schweigen über Auschwitz bricht. Und
dafür kann Croci die Juden und ihre Vergangenheit gut gebrauchen. Croci,
der bei der Berichterstattung aus Serbien brav „sofort an die Nazi-Todeslager“
dachte, ist es „sehr wichtig, die Geschichte mit der heutigen Wirklichkeit
zu verbinden“ (78). Seine Moral von der Geschicht dabei ist: was die Nazis
damals nicht mehr schafften, das vollenden in der Gegenwart die Serben. Vielleicht
zeichnet er demnächst einen Comic über Palästina und die sog.
„Nakba“ der Palästinenser, damit nicht nur die Juden ihre Shoah haben.
Pascal Croci: Auschwitz
Mit Hintergrundinformationen und Glossar.
88 Seiten, Hardcover, Euro 16,00
Ehapa, Köln 2005
ISDN 3-7704-2948-6
Joe Kubert: Yossel 19. April 1943. Eine Geschichte des Aufstands im
Warschauer Ghetto
Aus dem Englischen übersetzt vom deutschen Comic-Künstler Horus
128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Euro 22,00
Ehapa, Köln 2005
ISDN 3-7704-2947-8