Fabian Kettner
Give me Convenience – or give me Death
Was soll man zu den no globals noch sagen? Was man an
ihnen kritisieren kann, kann man (wie Michael Heinrich in konkret
09/2001) auf zwei Seiten zusammenfassen: ihre Fixierung auf den Staat als
Mittel gegen eine angeblich verantwortungslos wuchernde Ökonomie, die
unzulässige Auftrennung des Kapitalverhältnisses in Finanzkapital
vs. ‚Realwirtschaft’, die Illusionen über den Janus Staat und Ökonomie.
(Und das ist nur das Gröbste.)
Folgend kann man ideologiekritisch bestimmen, was daraus nach seiner eigenen
Logik zwingend folgt, was praktisch nicht nur folgen kann, sondern
bereits gefolgt ist: die Reduktion, dann die Verdinglichung, dann die Personifizierung
abstrakter gesellschaftlicher Verhältnisse, also genau das Gegenteil
von dem von attac selbstgesetzten Ziel: die „ökonomische Alphabetisierung“
der Bevölkerung (Handbuch, 251) - schließlich ein struktureller
Antisemitismus, d.h. eine Weise, den Kapitalismus zu analysieren und zu kritisieren,
der strukturell dem modernen Antisemitismus gleicht, nur der Figur des Juden
mangelt. Nachfolgend kann man sich an Aktionen, Symbolik und Stellungnahmen
die Bestätigung holen, dass es die Globalisierungsgegner auch zum manifesten
Antisemitismus treibt – oder zu seinen Verpuppungen wie Anti-Amerikanismus
und „berechtigter Israel-Kritik“, d.h. Antizionismus.
All das ist auch geleistet worden. Das theoretische Werkzeug dafür
liegt bereit, jede Antifa-Gruppe, die zwei Ausgaben der Bahamas gelesen
hat, kann ihr lokales attac-Pendant demontieren. All dies ist ebenso
notwendig, wie es ratlos macht. Denn wer will sich mit den no globals
abgeben, deren Denken & Handeln dermaßen unter dem Niveau der Kritik
liegen? Vielleicht gibt es deswegen so wenige Kritiken. Wo soll man anfangen?
Soll man ihre Literatur lesen, in der doch immer nur dasselbe steht? Was
sie schreiben, lesen ihre eigenen Anhänger auch nicht. Was sie brauchen,
sind nur wenige Schlagworte und Symbole, mit denen sie ihr Unbehagen zum
Ressentiment fortbilden.
Gesichtet werden von den Bewegungsmachern „Spontaneität, Visionen
einer anderen Gesellschaft, eine vielfältige Bewegung von unten“ (15).
Spontan wird das Ressentiment, das immer nur dumpf dasselbe vollzieht,
im Pogrom. Die Visionen die sie haben, sind die, die die Gesellschaft
erzeugt, zu der man angeblich eine andere schaffen will und deren Fetischismus
man doch nur bewusstlos reproduziert. Die immer wieder behauptete Vielfältigkeit
ist programmatisch verarbeitete Ahnungslosigkeit und der kleinste gemeinsame
Nenner, der bis zur NPD reicht.
Die Herausgeber des Handbuchs, in dem kurz alle Themen ausgemalt
werden, gehören zur Hälfte zu attac, zur anderen zu linksruck,
einer trotzkistischen Organisation, die gerne mit den Judenmördern von
der Hamas demonstriert. Leider haben Gewerkschaften und Kirchen keine
Berührungsängste mit ihnen, denn sie alle kennen wohl wie Walden
Bello – neben Naomi Klein und dem Auschwitz-Leugner-Verteidiger Noam Chomsky
(vgl. Klaus Thörner in Bahamas No. 45), einer der internationalen
Prominenten im Handbuch – „das tiefe Unrechtsgefühl, das gewöhnliche
Menschen zu Terroristen werden lässt“ (324). Terrorismus, inzwischen
ein anderes Wort für möglichst große Massaker an Zivilpersonen,
sei zwar nicht gut, aber verständlich, „in diesem epochalen Kampf um
Freiheit, Gerechtigkeit und Souveränität der Völker des Südens
gegen das Imperium“ (329f.). Wenn Chomsky, „um es einmal etwas“, aber
auch nur etwas und ausnahmsweise, „zu vereinfachen“, es so sagt, dass
„auf der einen Seite dieses Konfliktes die konzentrierten Machtzentren“ stünden
und „die andere Seite die allgemeine Bevölkerung auf der ganzen Welt
ist“ (Handbuch, 332), dann ist Callinicos mit ihm einig, nur dass
er von der „Arbeiterklasse“ spricht, die „schöpferische Quelle“ (45)
der Welt, die gegen „ein unnatürliches soziales Gebilde“ (Chomsky, 335)
stehe.
Wer das Imperium ist, daran lässt Callinicos’ Buch keinen Zweifel:
das „anti-kapitalistisch“ im Titel ist im Coca Cola-Schriftzug gedruckt.
Der Titel ist allerdings Etikettenschwindel: kein mitreißendes Manifest
ist es, denn Callinicos ist nicht nur Professor für Politik in York,
sondern auch Mitglied der Socialist Worker Party, einer Schwesterorganisation
von linksruck. Oliver Nachtwey übernahm die Redaktion, Christine
Buchholz stellte das Buch im Mai 2004 auf den Linken Buchtagen im
garantiert linksradikalen Berliner Mehringhof vor. Sein Buch erschien
bei VSA, der früher auch schon mal gute Bücher verlegte,
inzwischen aber ein attac-Hausverlag geworden ist. Von Callinicos ist
auch Die revolutionären Ideen von Karl Marx, verlegt bei
Edition Aurora, wo man sich von seinen Genossen über Öl,
Imperialismus und Zionismus: Israel und seine Rolle in Nahost (John Rose,
Vorwort von Phil Marshall), Israel und der palästinensische Befreiungskampf.
Ursachen des Nahostkonfliktes und Perspektiven für den Frieden (hg.v.
Werner Halbauer), sowie über Islamischer Fundamentalismus. Unterdrückung
und Revolution (Phil Marshall) informieren lassen kann; Büchlein,
die der Verlag so wichtig findet, dass man sie kostenlos downloaden kann.
Callinicos mag die no globals, denn mit ihnen sei „etwas Widerspenstiges“
(14) geschehen, woraus man etwas machen könne. Auch wenn er weite Teile
ihrer Vielfalt dafür tadelt, dass sie dem Kapitalismus nur reformerisch
gegenübertreten, so sieht er dennoch eine Bewegung nicht nur gegen einzelne
Missstände, sondern ein „wachsendes Bewusstsein für das System“
(25). Das sog. System stellt er einerseits theoretisch-abstrakt dar und
bringt es, gut marxistisch, auf die zwei „grundlegenden Merkmale“ (45) Ausbeutung
von Lohnarbeit und Konkurrenz der Kapitalien. Andererseits aber weiß
er, dass er nicht nur die „zerstörerische Macht, die die Herren des
Kapitals befehligen“ (150) konkretisieren, sondern auch, auf wen er zu sprechen
kommen muss, sollte jemand sein Buch nicht nur wegen des Covers kaufen. Die
USA seien zwar „Handlanger einer unpersönlichen Struktur“ (62), hätten
aber auch „eigene Interessen“ (70), deren Durchsetzung die „Aussicht auf
einen permanenten Zustand des globalen Krieges“ (72) eröffnete. Unter
den Fittichen der USA dürfe Israel sich erlauben, was andere Staaten
nicht dürften (73), weswegen er gerne verschweigt, dass Israel von der
UN unter der Führung der arabischen Staaten für Aktionen mit Verurteilungen
überzogen wird, für die dieselben Staaten kein mahnendes Wort hören.
„In Anbetracht des Todes und der Zerstörung, die die israelische
Armee im Namen der ‚Terrorismusbekämpfung’ dem Westjordanland und dem
Gazastreifen zugefügt hat“ (156) möchte Callinicos dringend für
„eine Form sozialistischer Demokratie“ eintreten, die von „antikapitalistischen
Werten“ (114) geleitet sein soll: vom „sozialen Ethos“ der Gerechtigkeit
(115), von Effizienz, von Demokratie und Nachhaltigkeit. Sie sollen die „Logik
des Kapitals“ (148) herausfordern. So betulich und idealistisch er hier
an das Verantwortungsgefühl der Menschen appelliert, so bieder und
pragmatisch wird er in der Praxis, wenn er für Oxymorone wie „Marktsozialismus“
eintritt, um die Ausbeutung abzuschaffen oder auch für einen „Stakeholder-Kapitalismus“,
der „die Märkte reguliert, um so wirtschaftliche Stabilität und
soziale Harmonie aufrechtzuerhalten“ (126). Dass die Ausbeutung ihm das eine
ist und die gesellschaftliche Verkehrsweise, in der sie auftritt, das andere,
das beweist er, wenn er das Geld „weiterhin eine Rolle als bequemes Rechnungsmittel
spielen“ lassen möchte (140). – Womit wir wieder am Anfang sind.
CHRISTINE BUCHHOLZ, ANNE KARRASS, OLIVER NACHTWEY, INGO SCHMIDT (Hgg.):
Unsere Welt ist keine Ware. Handbuch für Globalisierungskritiker
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2002
ca. 350 S., € 09,90
ISBN 3-462-03164-3
ALEX CALLINICOS: Ein Anti-Kapitalistisches Manifest
Aus dem Englischen von David Penson, in Zusammenarbeit mit Rosemarie Nünning
und Thomas Weiss
Hamburg: VSA, 2004
ca. 155 Seiten, € 14,80
ISBN 3-89965-066-2