Fabian Kettner
Deutsche Geschichtsarbeit
Manchmal kann die Historiographie die Philosophie einholen. 1962 schrieb
Max Horkheimer, dass „das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage
des Nationalsozialismus 1945 [..] ein famoses Verfahren [war], das völkische
Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das
Wir zu bewahren, war die Hauptsache.“ Die Richtigkeit dieser spekulativen
Beobachtung bestätigte vor wenigen Jahren die akribische Faktenordnung
in Person von Norbert Frei. Joachim Bruhns Diktum von 1997, es sei die Aufgabe
der deutschen Geschichtsschreibung, die Erkenntnis der Shoah abzuwehren,
hat Nicolas Berg nun umfangreich und beeindruckend belegt.
Historische Forschung wird hier ihrerseits zu einem Gegenstand historischer
Forschung. Berg untersucht, ob und wie deutsche Historiker die Shoah erforscht
und dargestellt haben. Hierfür hat Berg sich nicht nur mit den Publikationen
beschäftigt, sondern auch mit Manuskripten, Notizen und Briefwechseln
aus Archiven und Nachlässen. Er erbringt den Beweis, dass die deutsche
Geschichtswissenschaft es sich seit je zur Aufgabe machte, Erkenntnis über
die Judenvernichtung abzuwehren und dass man dieses Bedürfnis noch
da aufspüren kann, wo das Gegenteil die offizielle Intention ist.
Berg unterteilt seinen Gegenstand zeitlich in Phasen. In der ersten ging
man auf Abwehr: Abwehr der deutschen Verantwortung, der (breiten) Beteiligung
an Verbrechen, des Urteils des Auslandes, eines Zusammenhanges von deutscher
Geschichte und NS. Opfer des NS war das deutsche Volk, zu beklagen die Zerstörung
der deutschen Kultur. Die Shoah kommt gar nicht erst vor, bestimmt aber
die Konstruktion der Historie. Bei Friedrich Meinecke (Die deutsche Katastrophe,
1946) findet man „eine hochaggregierte Mischung aus Flucht vor der Realgeschichte
und Rettung in sogenannte Ewigkeitswerte“ (S. 79). Komplementär dazu
wurde in einer „weitausgreifende[n] Universalisierungsrhetorik“ (S. 54)
der NS als Auswuchs der ‚Moderne’, der ‚Massengesellschaft’ oder auch des
‚Menschen an sich’ analysiert. Berg spürt dem Erkenntnisinteresse auch
in der Sprache nach: durch die Semantik erscheint der NS als Naturgeschehen,
die Deutschen als passiv und ausgeliefert. Spätestens mit Hans Rothfels’
Die deutsche Opposition gegen Hitler (1949) wusste man, „daß
Deutschland nach 1933 ein ‚besetztes Land’ war“ (S. 160) und deshalb betonte
man das sogenannte ‚andere Deutschland’; der 20. Juli 1944 wurde bei Gerhard
Ritter zu einem „Aufstandsversuch eines ganzen Volkes“ (S. 121) umgelogen.
Die zweite Phase wurde von den Vokabeln „Scham & Schuld“ bestimmt.
Die 1950er Jahre waren das „Erinnerungsjahrzehnt“ (S. 194). Man spürte
weiterhin Rechtfertigungsdruck, begann aber zu erkennen, dass Beschäftigung
mit der Vergangenheit nicht ‚Nestbeschmutzung’ bedeuten muss. In der Abwehr-Phase
galt Schweigen als Zeichen von Erhabenheit für eine Zeit der Bewährung
und Prüfung; - in der von Scham & Schuld wurde die Shoah erstmals
Thema, allerdings weniger der Forschung, als vielmehr aus Sorge um die junge
Generation, um diese zu entlasten (S. 199). Die Auseinandersetzung mit dem
NS wurde als deutsche Aufgabe begriffen. Indem es um die Auseinandersetzung
mit der Judenvernichtung ging, indem sie Gegenstand einer individuellen
wie öffentlichen Reflexion wurde, konnte man der Tat selber ausweichen
(S. 211). Thematisiert wurde die Scham, nicht aber der Grund für die
Scham (S. 247). Die Versubjektivierung und Verpersönlichung diente
dem, der die Erinnerung durchführt, nicht dem, wem die Erinnerung gilt.
Entsprechend empfand man wohltuend eine „reinigende Funktion der Zeitgeschichte“
(Paul Kluke, 1955), die der „seelischen, moralischen und politischen Gesundheit
unseres Volkes“ nützlich sei (Bodo Scheurig, 1962; S. 216). Erinnerung
galt als „Form einer Buße von Schuld“ (S. 250), Aufgabe der Erinnerung
war Bewältigung und Versöhnung, die Beschäftigung mit der
Vergangenheit diente dazu, ebendiese Beschäftigung zum Abschluss zu
bringen.
Also war auch die Erinnerung ein Vermeidungsdiskurs. Im einsetzenden Anne
Frank-Kult bemerkte Gerhard Schönberner 1959 ein „brennendes Interesse
für Sekundärfragen“, denn wie im Tagebuch wird wie in der Erinnerungsarbeit
„die Judenverfolgung nur indirekt behandelt.“ Denn durch den Zugang über
das als Theaterstück erfolgreich aufgeführte Tagebuch bleiben,
so Norbert Muhlen 1957, „Nationalsozialismus und Judenverfolgung für
die große Mehrzahl jugendlicher Theaterbesucher nur seltsame äußere
Umstände zweiten Ranges für die persönliche Tragödie
ihrer Heldin“ (S. 324).
Hiergegen wandte sich das „Pathos der Sachlichkeit“ des Instituts für
Zeitgeschichte in München. Mit „einwandfreie[r] sachliche[r] Forschung“
(S. 273) wollte man sowohl dem Vorwurf der ‚Nestbeschmutzung’ wie ausländischer
Verurteilung wehren. Schon 1952 bezeichnete Herman Mau es als „die wichtigste
politische Funktion des Instituts, der ausländischen Forschung anstelle
von Memoiren und Enthüllungen echte Forschung vom deutschen Standpunkt
gegenüberzustellen“ (S. 532). Hans Rothfels bekannte 1964, dass seiner
„und vieler anderer Bemühungen [..] gerade dahin [gehen] und wie mir
scheint nicht ohne erheblichen Erfolg, die Unterscheidung von Deutschen
und Nationalsozialisten zu internationaler Anerkennung zu bringen“ (S. 297).
Topoi der Abwehr tauchten wieder auf, allerdings im typisch strukturfunktionalistischen
Rahmen. In Hermann Maus & Helmut Krausnicks Deutsche Geschichte der
jüngsten Vergangenheit 1933-45 (1953) wurde die Shoah auf zehn
(!) Seiten abgehandelt, tritt der NS-Staat als Subjekt auf, unter dessen
Vorherrschaft der SS die Verbrechen zum einen im Verborgenen begangen, zum
anderen als Einschüchterungsmittel eingesetzt worden seien. Auch Hans
Buchheim (Das Dritte Reich, 1958, Totalitäre Herrschaft,
1962) und Martin Broszat (Der Nationalsozialismus, 1960) betonten
die lückenlose Organisation des Zwangs, durch den die Deutschen total
beherrscht worden seien. Die eigene Aufgabe sah man in Forschung statt in
Vergangenheitsbewältigung. Im Vordergrund sollte die Ursachen- nicht
die Schuldforschung stehen. Die Analyse der Funktionsweise des NS, seiner
„Technik“ (S. 541) geriet allerdings bestmöglich abstrakt, die Bemühung
um „sachliche Klärung“ (S. 540), darum, „die immer noch weitgehende
Befangenheit im Emotionalen“ (Hermann Mau, 1952; S. 536) und die Fixierung
auf das juristische (und d.h. schuldzuweisende) Urteil zu überwinden,
tilgte konsequent die Täter. Bei Hans Mommsen gibt es „Strukturen, die
aus sich heraus Gewalt produzieren“ (S. 521). Was für Strukturen
das sind, woraus und wofür sie bestehen, wer sie
wozu schuf und aufrechterhält, wer in ihnen aktiv
war, das wurde nicht untersucht. Man restringiert sich selbst auf Fakten-Beschreibung
und schöpfte für deren erklärende Verknüpfung aus diffusen
kulturskeptischen und -konservativen Vorstellungen von den Auswüchsen
der ‚Moderne’, ihrer Verobjektivierung, Rationalisierung und ‚Maschinenhaftigkeit’.
Das sieht gesellschaftstheoretisch, gar -kritisch aus und wurde für
manche Linke kompatibel. Indem sie Auschwitz als Signum der Moderne darstellen,
treffen sich Linke, Liberale und Nationalkonservative. Während die
einen damit nur Grauenhaftes über die Moderne aussagen wollen, gehen
die anderen mit und ziehen die Konsequenz, die der Möglichkeit bei
den einen schon angelegt war: das Deutsche, den NS, in der Moderne verschwinden
zu lassen. Bereits mit Rudolf Höß (S. 580ff.) und Albert Speer
(S. 588ff.) wurden die Prototypen des kalten funktionierenden Menschen und
des unideologischen Managers aufgebaut. Hans Mommsen schrieb über Beamtentum
im Dritten Reich (1962) und über Aufgabenkreis und Verantwortlichkeit
des Staatssekretärs der Reichskanzelei Dr. Wilhelm Kritzinger (1962)
wie Hannah Arendt, Günther Anders und Harry Mulisch über den angeblich
‚grauen Bürokraten’ Adolf Eichmann: nichts als ein korrekter Beamter,
der sich auch jeder anderen Regierung zur Verfügung gestellt hätte.
Die Differenz von Arendt zu dieser Exkulpierungsstrategie stellt Berg dankenswerterweise
heraus (S. 466-503).
Dem Antipoden des Strukturfunktionalismus, dem Intentionalismus, widmet
Berg fast keine Aufmerksamkeit. An diesem ist zu kritisieren, dass er, indem
er den Faktor Ideologie auf Hitler + Satrapen verkürzte, durch eine Personalisierung
ebenfalls eine Entschuldung betrieb, - gegen die sich der Funktionsstrukturalismus
eigentümlicherweise aussprach. Beide Seiten dieser „erkenntnistheoretische[n]
Dichotomie“ artikulieren eine „deutsche Perspektive [...] die die gedächtnistheoretische
Perspektivenwahl der wissenschaftlichen Erklärungen thematisiert, in
der die nationalsozialistische Judenvernichtung eine Deutung erhält,
die weder die Motive der Täter noch die Herkunft der Opfer ins Zentrum
der Interpretation rückt“ (S. 529). Laut Berg liegt der Grund für
jene theoretischen Prämissen in der Shoah selbst. Er legt nahe, dass
sie „nicht dem Nachdenken über den Holocaust, sondern ihm selbst entsprungen
sein könnte[n], also nicht seiner Interpretation, sondern seinem Funktionieren“
(S. 569). Man kann davon ausgehen, „daß NS-Täter zwischen 1933
und 1945 eventuell gar nur deshalb so gut funktionierten, weil sie bereits
als ‚bewußte Strukturalisten’ handelten“ (S. 576). Hanno Loewy, Alf
Lüdtke, u.a. haben gezeigt, wie Täter sich selber als bewusstlos
ausführende Teilchen einer Struktur dargestellt haben; damals, bei der
Tat, vor sich selber und ihren Volksgenossen, wie später, auch hier
wieder vor sich selber, aber auch vor Familienangehörigen und der Öffentlichkeit.
„Unversehens in sein Wirken schuldhaft verstrickt“ (Hans Buchheim: Totalitäre
Herrschaft, 1962; S. 414) konnte man sich tragisch-heroisch stilisieren.
Harald Welzer et al. haben gezeigt, wie bereitwillig diese Selbstdarstellung
von den Folgegenerationen aufgenommen und weitergesponnen wurde. Die Historiker
zeichneten deutsche Erfahrung auf, mit einer unreflektierten Theorie, die
die Entschuldung unter der Hand gleich mitlieferte. Der Erfolg des Funktionalismus
„gründete darauf, daß hier Beschreibungsversuche des eigenen Erlebens
in die Sprache der Wissenschaft überführt werden konnten, die den
Charakter einer Erklärung aufwiesen“ (S. 548).
Die Nähe der Historiker jenseits von Offensichtlichem wie Kriegseinsatz
und NSDAP-Mitgliedschaft manifestierte sich zum einen in der Nähe zu
den Tätern, wobei es im Falle Speers zu einer „regelrechte[n] Zusammenarbeit
zwischen dem Führungspersonal des Nationalsozialismus und der Geschichtswissenschaft“
(S. 588) kam. Zum zweiten blieb „die Erforschung der Täter selbst und
ihrer Motive [..] über Jahrzehnte hinweg Desiderat“, weil sie nie „von
der ‚Angst’ zu separieren [war], daß hier die Rede von den eigenen
Vätern, Brüdern oder Freunden war“ (S. 571). Zum dritten richtete
sich die Parteinahme pro „nüchterne Bestandsaufnahme“ contra „vordergründige
Kritik“ (Hans Buchheim: Die Chiffren des ‚Dritten Reichs’, 1955; S.
556) gegen die Überlebenden der Opfer, gegen jüdische Historiker.
„Sachlichkeit“ richtete sich gegen „Engagement“, „Zeugenschaft“ und „Pathos“
(S. 317f.). Nicht nur wurden „semantische Strategien“ (S. 111) von Deutschen
bestimmt, mit denen festgelegt wurde, wie über ein Thema gesprochen
wird, denen Überlebende wie Eugen Kogon sich einfügen mussten.
Berg zeigt, v.a. unter besonderer Berücksichtigung Joseph Wulffs (S.
447-463), dass deren Themen „begründungspflichtig“ (S. 192) waren und
dass die Beschäftigung mit der Shoah unter deutschen Historikern sehr
lange „als jüdische partikuläre Perspektive, nicht jedoch als wissenschaftliche
Aufgabe angesehen wurde“ (S. 291). Auch jemand wie H.G. Adler, der sich in
wissenschaftlicher Methodik und theoretischen Grundannahmen mit den Strukturfunktionalisten
weitgehend einig war (S. 624ff.), wurde misstrauisch marginalisiert.
Jüdische Historiker sahen sich unter Generalverdacht gestellt. In
gewohnter Manier, den Antisemitismus vorab durch angebliches Fehlverhalten
der Juden zu entschulden, wurde an Juden der durchaus freundlich gemeinte
und dabei arglos antisemitische Appell gerichtet, „die deutsche Aufarbeitung
und das fragile Verhältnis zwischen Deutschen und Juden gefälligst
nicht durch irgendwelche Forderungen neu [zu] belasten“ (S. 200). In völkischer
Argumentation wurde in Hinblick auf emigrierte Wissenschaftler von einer
„langjährige[n] Entfremdung von deutschem Boden“ darauf geschlossen,
dass dies „leicht zu verzerrter Sicht der Wirklichkeit“ (Gerhard Ritter,
1949; S. 167) führe. Historiker dekretierten patzig wie Ex-Landser,
dass wer nicht dabei war, den Mund zu halten habe, oder, feiner ausgedrückt,
dass „wer das nicht am eigenen Leibe erfahren hat, [..] allerdings größte
Mühe haben [wird], das Verhalten an sich normaler Menschen unter einem
totalitären System zu verstehen“ (Hans Buchheim: Totalitäre
Herrschaft, 1962; S. 413, ebenso Hermann Mau, S. 541).
Dass „die Deutschen einem suggerieren, daß ihre Erfahrung zu kompliziert
ist, als daß irgend jemand anders sie verstehen könnte“, stellte
Jane Kramer noch Ende der 1980er fest (Unter Deutschen, S.
61). Sie erfinden sich ihre eigene Erkenntnistheorie und Wirklichkeit, deshalb
sehen sie sich alleine zuständig für die Erklärung des Dritten
Reichs. Zum einen gebe es zweierlei Arten von Wissen. Johannes Kühn
unterschied schon 1947 (Die Wahrheit der Geschichte) zwischen „Richtigkeitswissen“
vs. „Wahrheitswissen“. Das erste sei oberflächlich, deshalb verächtlich
zu vernachlässigen; das zweite das vorzuziehende höhere. Die Wahrheit
der deutschen Geschichte aber sei, dass Auschwitz nur ein Phänomen
an der „Oberfläche“ sei (S. 59f.).
Zum anderen gebe es auch zwei Arten von Wirklichkeit, denn der NS, so Martin
Broszat, habe eine „jenseits der Realität eigene Wirklichkeit“ (S.
549) geschaffen. Es gebe erstens die Wirklichkeit und dann noch „die wirkliche
Wirklichkeit des totalitären Systems“ (Hans Bucheim, Totalitäre
Herrschaft, 1962; S. 417). An der deutschen Geschichtswissenschaft zeigt
sich, wie man auf formale Wissenschaftlichkeit oder erkenntnistheoretischen
Skeptizismus zurückgreift, wann immer es gilt, Erkenntnis abzuwehren,
die einen bedrängt. Um aus nationalhistorischer Sicht falschen Schlüssen
vorzubeugen, forderte Martin Broszat das, woran Philosophie sich jahrhundertelang
erfolglos versucht hat: nötig sei ein „Erkennen vor allem Urteil“ (S.
551f.)
Aber dabei bleibt es nicht. Es zeigt sich desweiteren, wie der Positivismus
in Metaphysik zurückschlägt. Wenn es um Abwehr und Vermeidung
geht, zeigt sich die Dialektik der Historiographie, dann werden aus den
ausdrücklichen Sachbearbeitern der Faktenordnung die Metaphysiker,
die sie auch vorher schon waren, ohne es zu wissen.
Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung
und Erinnerung. Göttingen, Wallstein, 2003. ca. 760 Seiten