Fabian Kettner
Yehuda Bauer. Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in
historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. Frankfurt/M:
Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, 2001
Die dunkle Seite der Geschichte, Ende letzten Jahres erschienen,
ist eine Sammlung verschiedener Aufsätze. Bauer gibt eine Übersicht
über diverse Themenbereiche historischer Forschung, fasst Debatten
(über jüdische theologische Deutungsversuche der Shoah, über
den Weg von der Shoah zum Staat Israel) oder Forschungsstände zusammen
resp. aktualisiert (jüdischer Widerstand, jüdische Frauen in der
Shoah) oder revidiert diese. So bspw. in dem Kapitel über unbewaffneten
Widerstand und andere Reaktionen der Juden unter deutscher Besatzung, in dem
er die negative Beurteilung der Judenräte korrigiert, die v.a. von Hannah
Arendt unter Berufung auf Raul Hilbergs Standardwerk Vernichtung der europäischen
Juden initiiert wurde. Während Arendt „die unbeantwortbare Frage“
(Arendt: Eichmann in Jerusalem, 161), warum die Juden keinen Widerstand
geleistet hätten, richtig als „sehr schön und einleuchtend“ klingend
bezeichnet und sofort als „doch grundfalsch“ abkanzelt, weil „keine nichtjüdische
Gruppe und kein anderes Volk [..] sich unter den gleichen Umständen anders
verhalten“ hätten (ebd., 36), darin mit Bauer einer Meinung ist, muss
ihr Vorwurf gegen die von den Deutschen in den Ghettos der besetzten Gebieten
zwangsweise und zur Vernichtung funktional eingerichteten Verwaltungsinstitutionen
der „Judenräte“, muss ihre Diagnose einer „Totalität des moralischen
Zusammenbruchs“ (ebd., 162) mit Bauer korrigiert werden. In der insistierenden
Frage nach der Kooperation der Juden mit den Opfern steckt bereits die Ausflucht,
dass die Opfer an ihrem Tod nicht ganz unschuldig gewesen sein sollen,
steckt die Abwehr drin, aufs Ganze zu reflektieren, innerhalb dessen es
zu dieser ‚Kooperation’ kommen musste.
Die Reflexion aufs Ganze der Shoah birgt die Gefahr der Rationalisierung.
Fast ein Drittel des Buches ist dem Thema der Erklärung resp. Erklärbarkeit
der Shoah gewidmet. Bauer hält die Shoah für grundsätzlich
erklärbar, da sie von Menschen verursacht wurde (24f.). Von einer Nicht-Erklärbarkeit
könne allein soweit gesprochen werden, als die Brutalität und
die Rigorosität der Morde nicht nachvollziehbar, nicht vorstellbar,
sprachlich nicht ausdrückbar sei (33, 38). Die Shoah sei auch grundsätzlich
vergleichbar, wenn auch nicht mit anderen bisherigen Verfolgungen oder
Massenmorden gleichsetzbar. Um dies zu erweisen, ist der Vergleich aber
notwendig (26, 62). Bauer definiert Genozid als Zerstörung einer Gruppe
mit einer kulturellen Identität als Gruppe (29f., 82). Die Shoah hingegen
sei ein „extremer Genozid“ (74f.), der auf „totale Ausrottung“ ziele (82).
In Absetzung von der These der „Singularität“ oder „Einzigartigkeit“
(Dan Diner) spricht Bauer von der „Präzendenzlosigkeit“. Die Shoah
ist grundsätzlich wiederholbar (38, 71), aber ihr ging nichts Ähnliches
vorweg. Damit argumentiert er sowohl gegen Vergleiche im jüdischen Diskurs,
die die Shoah mit den Zerstörungen des Tempels in Jerusalem oder den
Pogromen in Russland in eine historische Reihe stellen (48f.), wie auch gegen
die Nivellierung der Differenzen zu anderen Genoziden. „In der Shoah [..]
waren die Juden von totaler physischer Vernichtung bedroht“ (49), wohingegen
sowohl die Zerstörung des Tempels und die Pogrome in Russland, wie der
Genozid an den Armeniern, in Ruanda, durch die Roten Khmer, an den Indianern
entweder auf die Zerstörung einer kulturellen Identität einer auf
Selbstbehauptung und –bestimmung beharrenden Gruppe gerichtet oder von Bereicherung
angetrieben waren (69ff.). Selbst der Mord an den Roma & Sinti, der dem
an den Juden noch am ehesten zu gleichen scheint, unterscheidet sich dadurch,
dass Roma & Sinti nicht der „Hauptfeind“ der Nazis waren (88f.). Auch
wenn sie in Massen in vernichtet wurden, so galt ihnen gegenüber die
Akzeptanz und Erhaltung „rassischer Eigenart“. Problematisch waren den Nazis
die Mischlinge und 1942/43 sollte zwischen sess- und nicht-sesshaften Zigeunern
unterschieden werden (87f.).
Die Juden konnten darauf nicht rechnen, sie waren und sind der „metahistorische
Satan“ (89). Bauer führt drei Hauptkriterien für die „Präzedenzlosigkeit“
an: (1) Motivation durch mörderische Ideologie, (2) globaler, universeller
Charakter der Judenverfolgung und –vernichtung, die keinerlei geographische
Begrenzung kannte, (3) die Totalität der Vernichtung, die Verurteilung
eines Menschen zum Tode, weil er – nach den Definitonen der Nazis – als
Jude geboren war (72ff.). Bauer führt noch zwei weitere Punkte an –
(4) totale und systematische Demütigung und Entmenschlichung gerade
der Juden in den KZ, (5) Revolution nach einem neuem Prinzip, dem der Rasse
(76f.) – aber die ergeben oder überschneiden sich teilweise mit den
ersten drei und werden von Bauer selbst nicht immer stark gemacht. Besonderes
Gewicht legt Bauer auf die ideologische Motivation, die er in Auseinandersetzung
mit den Arbeiten Zygmunt Baumans, Jeffrey Herfs, Götz Alys, Daniel
J. Goldhagens, John Weiss’ und Saul Friedländers diskutiert. Er stimmt
mit Goldhagen soweit überein, als die „antisemitische Ideologie ins
Zentrum [der] Erklärung“ gehöre (125), „dass die deutsche Gesellschaft
1940/41 zu einem Reservoir williger Vollstrecker geworden war“ (133) und
dass er zeigen will, „warum die Shoah gerade von der deutschen Gesellschaft
ausging“ (135). Aber er meint, dass Goldhagen seinen eigenen Intentionen im
Weg stehe und mit seinem Vorgehen nicht zeigen könne, was er zeigen will.
Ertragreicher ist Bauers Auseinandersetzung mit den anderen Positionen. Die
Schule des „Intentionalismus“ (Eberhard Jäckel, Lucy Dawidowicz et al.)
war die einzige gewesen, die der Ideologie Rechnung trug, sie beschränkte
sich allerdings auf die Rolle Hitlers und seiner Paladine. Sie könne
„Wirkung und Ausmaß“ des mörderischen Antisemitismus nicht erklären.
Demgegenüber betonte der „Funktionalismus“ (Martin Broszat, Hans Mommsen
et al.) die Strukturen, die Rolle der Bürokratie. Laut Bauer könne
diese Schule zwar Abläufe erklären und aufzeigen, aber nicht erklären,
weshalb es geschah, v.a. wieso gerade die Juden es waren, die im Fadenkreuz
der Vernichtungsmaschinerie standen (50f.). Diese Frage kümmert auch
Zygmunt Bauman und Götz Aly nicht. Die Rede von „Die Moderne und der
Holocaust“ oder von der „Rationalität der Massenvernichtung“ mag als
kritisch beeindrucken, weil sie aufs Zentrum der Zivilisation zu zielen scheint,
– kann aber nicht halten, was sie verspricht. Die Moderne gab und gibt es
woanders auch, ebensowie den „eliminatorischen Antisemitismus“ Goldhagens,
und die deutschen Täter sind damit fein raus (102f.). Die Einzigartigkeit
der Judenvernichtung, an der auch Bauman festhalten möchte, ist damit
bereits verspielt (104). Die Rolle der Bürokratie, von Hilberg fein
herausgearbeitet, sei notwendig, aber nicht hinreichend (97). Zum einen,
dies zeigen die Funktionalisten, war die deutsche Bürokratie im ganzen
gar nicht so effizient, weil die „Polykratie“ konkurrierender Machtgruppen
hemmende Effekte nach sich zog; zum anderen war sie sehr wohl effizient,
jedoch fast nur, wenn es um die Identifizierung, Erfassung, Absonderung, Konzentration
und Vernichtung der Juden ging (106). „... der Massenmord im allgemeinen
und insbesondere das Vorhaben, das jüdische Volk zu vernichten, bleibt
jedoch ohne eine leitende ideologische Motivation und Rechtfertigung undenkbar“
(68). Diese Ideologie nennt Bauer „unpragmatisch und irrational“ (69), um
gerade dem bei Linken beliebten Vorurteil zu widersprechen, es habe eine
„Ökonomie der Endlösung“ (Aly) gegeben. „Abstrakte, ideologische
Motive“ (71) setzten eine Vernichtung in Gang, die er mit Friedländer
als „Erlösungsantisemitismus“ (148) bezeichnet: von der Tilgung der
Juden von der Erde sollte das Heil kommen. Diese Überzeugung, diese „Mythen
und Halluzinationen, [die] auf einer so abstrakten, nichtpragmatischen Ideologie
[basierten], die dann mit äußerst rationalen, pragmatischen Mitteln
in die Tat umgesetzt wurde[n]“ (72), pflegte v.a. die akdemische Intelligenz,
auf deren entscheidende Rolle Bauer in Anschluss an Ulrich Herbert großes
Gewicht legt (53f., 136f.).
Yehuda Bauer gibt also einen guten Überblick – und Einblick in
eine Masse hierzulande meist unbekannter, da unübersetzter historischer
Studien von israelischen und us-amerikanischen Forschern. Er bewährt
sich als sachlicher Historiker. So berechtigt die Kritik an der Historiker
Fachborniertheit sein mag – besser wäre es, sie verließen ihr
Fachgebiet nie. Denn wenn der Historiker über die Welt und den ‚Menschen
an sich’ schreibt, wenn er das Übel beseitigen will, das moderne Wissenschaft
eben auszeichnet: nicht auf die eigenen Grundlagen zu reflektieren, dann
wird es dunkel. Bauer rekurriert wie noch jeder Theoretiker der bürgerlichen
Welt auf eine positive Anthropologie. Er entdeckt ein „Bedürfnis“ (als
Erklärung für den christlichen Antijudaismus, 66) und eine ‚Neigung’
„der menschlichen Zivilisation [...], Ereignisse wie die Shoah möglich
zu machen, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind“ (74), oder ganz
umstandslos setzt er (unter Berufung auf Erich Fromm!), dass „Gegensätze“
von Lebens- und Todestrieb im Menschen an sich „genetisch festgelegt“ seien,
womit er „Gewalt und Tod“ (63f.) erklären möchte, die vorher geleistete
kritische Analyse der Phänomene aber wieder zuschüttet.
Als Bauer anlässlich des 43. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz
vor dem deutschen Bundestag sprechen durfte, konnte er sich nicht enthalten,
unter Hinweis auf „das, was in Ruanda oder Bosnien passierte“, die Anwesenden
darauf hinzuweisen, dass sie „eine besondere Verantwortung“ hätten,
„besonders als Europäer, besonders als Deutsche“ (327). Die Hoffnung,
dass er den Deutschen damit etwas anderes sagen wollte als sonst üblich,
ist wohl vergebens. Wieso er den Bock zum Gärtner machen will, versteht
man nach der Lektüre der vorangehenden 300 Seiten nicht, denn sowohl
weist er wiederholt auf die Besonderheit Deutschlands zur Erklärung
des Mordes an den europäischen Juden hin, wie er auch Kritierien anführt,
die eine Gleichsetzung der Shoah mit Ruanda oder Bosnien verbieten. Dass
die Logik der Formulierung „besonders als Deutsche“ dahin führt, dass,
mit Eike Geisel gesprochen, ein Kinderschänder besonders geeignet für
die Leitung eines Kinderhortes sei, das müsste selbst ein Historiker
verstehen. Die Deutschen aber haben den Wink verstanden und führten
mit Scharping und Fischer deutsche Soldaten an ihre alten Einsatzorte zurück
– „wegen Auschwitz“. Sie pfeifen ihre Juden hervor, wann immer sie sie brauchen.