Fabian Kettner
Idas Welt
Wenn Deutsche über den Nationalsozialismus sprechen, stellen
sie sich gerne naiv. Und wie perfekter ließen sich Einsicht und Erkenntnis
vermeiden, wenn man die Perspektive eines Kindes und die der gewöhnlichen
Leute einnimmt? Ida Pelzer, die Ich-Erzählerin, wird 1931 geboren.
Der Leser verfolgt ihre Kindheit in einem kleinen Ort vor Köln während
des Dritten Reichs. Indem die Autorin durch sie beobachtet und spricht,
muss sie ‚realistisch’ sein, d.h. sie kann sich vorweg gegen den Vorwurf immunisieren,
das, was der Nationalsozialismus war, nicht adäquat zu erfassen. Sie
erwähnt zum richtigen Zeitpunkt die ‚großen Ereignisse’ (und
damit soll das Buch wohl Bildungseffekte erzielen), aber stets kommt es
fremd, wie durch einen Filter an. Mit Ida steht der Leser vorm Schlüsselloch
und sieht mehr oder weniger von dem, was ‚die da’ wieder treiben. Sie gibt
nur wieder, was durchs Kind hindurchpasst, und der Kindermund, der es dann
naiv bis altklug wiedergibt, das weiß der Reader’s Digest-Leser, tut
immer Wahrheit kund. Sie erzählt also eine kleine Geschichte von Ida,
ihrem Vater, dem Lehrer der alten Sprachen und dem Rest der Familie mit dem
Milieu von Milchmännern, Postboten, Bauern, Handwerkern, Bediensteten
und Jugendfreunden und –freundinnen, das um sie herum existiert. „Ich las
die ersten zwei, drei Seiten und hatte gleich den Ton im Ohr, auf den diese
Welt gestimmt ist“, so in der Verlagsempfehlung. Diese Welt, das ist die
der Kindheit in Feld, Wald und Wiese, über Blumenwiese und Bach, unter
Kirschbaum und Abendrot; ihr Ton ist das Lokalkolorit des Kölsch, und
diese Welt und dieser Ton, in den man sich gleich behaglich einfindet und
unter deren Führung man die ca. 350 Seiten des Buches flugs durchgelesen
hat, sind verlogen. Irmtraut Balz betreibt sicherlich keine Verklärung
oder gar Verherrlichung. Sie lässt keine der Unannehmlich- und Ungerechtigkeiten
einer Kindheit aus, und der Nationalsozialismus kommt in allen Facetten vor:
die Parteifunktionäre, die Schwemme des Symbolkitsches, der Zwang zur
Anpassung ebenso wie die begeisterte, die freiwillige, die widerwillige oder
die opportunistische Unterordnung, die HJ und der BDM, die Verhaftungen nonkonformistischer
Originale ins KZ, die Diskriminierung und das Abholen der Juden, sowie die
Gerüchte über deren Ermordung im Osten, die Bombenangriffe, das
Warten im Keller und die Kinderlandverschickung. Sie lässt nichts aus
und vielleicht kann man insofern dieses Buch ‚realistisch’ nennen, aber
es bewirkt nur eines: es bestätigt die Sicht, die die Deutschen schon
immer über ihr Lieblingsthema haben und das sie nicht müde werden,
auf »Spiegel«-Titelbildern zu begaffen.
In irgendeiner Lokalzeitung in Deutschland wird man am 09. November
immer diesen Satz finden: „Die Nazis/die braunen Horden warfen Fensterscheiben
jüdischer Geschäfte ein/zündeten die Synagoge an und die Deutschen
schauten zu.“ Die Nazis, das sind immer die anderen. Im Schuldeingeständnis,
dass die Deutschen nichts dagegen gemacht haben, steckt gleichzeitig die
Abwehr. In Balz’ Buch tritt der Nationalsozialismus vornehmlich in Gestalt
von Eindringlingen und Neuerungen auf. Da gibt es den an Vaters Schule neu
eingesetzten Direktor, „den Braunen“, der den Vater zuerst verwarnt, dann
schikaniert und vor den Schülern lächerlich macht, indem er sich
gegen die alten Sprachen ausspricht; die SA-Männer, die ständig
besoffen sind, Radau machen und die eigene Freundin schlagen (43f.); den Herrn
Flintscher, ein verwachsenes Kerlchen, der als Blockwart den symbolischen
Alltag seiner Mitmenschen überprüft, aber unterwürfig vor einem
beliebigen Napola-Schüler in HJ-Uniform kuscht (107f.); Paulchen, ein
Halbwüchsiger, der als Päderast auffällig und verhaftet wird
und schließlich bei der SS landet (112f.). „Die Nazis“ (123), das sind
staatlich gedeckte Kriminelle, die lügen (317), „die klauen alle wie
die Raben“ (171). „Wie diese Nazis meine Kinder und mich ausrauben“, kann
Idas Mutter einmal seufzen (314). Der Nationalsozialismus verwirrt die Menschen
mit „den vielen Feiertagen, die wir jetzt haben“ (74) und stiehlt den Deutschen
ihre Orte der Erinnerung, indem der „Deutsche Ring“ in Köln, wo Mutter
mit Vater zum ersten Mal auf der Bank saß, in „Adolf Hitler-Platz“ umbenannt
wird (77). Er verordnet Neues und tritt als fremde Macht auf. Man muss sich
Sorgen über seine Abstammung machen (20f., 27); im Laufe der Remilitarisierung
werden wieder Wehrpflichtige einberufen (97); von dem Anschluss Österreichs
erfährt man übers Radio vom „Schreihals“ Führer wie aus einer
fremden Welt (99); der Blockwart Flintscher, den alle „Pinscher“ nennen wie
ein Nachkriegs-Nazi die Intellektuellen, bringt Gasmasken ins Haus und zwängt
eine davon Ida aufs Gesicht, bis sie ohnmächtig wird (104). „Die Nazis“,
die sind nicht von hier, nicht von uns, nicht von Idas Welt & Ton. Wie
aber reagiert diese darauf? Sie spottet über die „Joldfasane“ und „dat
Kackbraun“ und albert: „Du bist das beste Beispiel für unsere Verwelschung,
sagt mein Onkel grinsend [zur Oma, die französische Worte verwendet],
paß nur auf, daß sie dir nicht den Mund verbieten“ (115); sie
mosert über „den braunen Quatsch von den Fahnen im Sturmwind“ (140),
wo sie doch lieber was anderes singen möchte (bspw. die gänzlich
unverdächtige Marika Rökk aus der Nazis Kriegsstimmungsbombe „Wunschkonzert“
(295f.)) und „dat falsche Kreuz [das Mutterkreuz] näm ich nit. Un schon
janit von däm Jesocks, die den da oben verleugnen“ (135). Sie legt also
genau die Haltung an den Tag, die Martin Broszat „Resistenz“ taufte, in Ermangelung
von wirklichem Widerstand der Deutschen, was aber trotzdem schön nach
der französischen „Résistance“ klingt. Aber auch die vergeht Idas
Welt & Ton, genauso wie das Lachen. Zum einen, weil man ständig Angst
vor Denunziationen haben muss (120,125f.), vor den „Zuträgern“ (297),
die überall unerkannt sitzen wie die IMs in der DDR. „Gestapo, flüstert
Mutter“ dann nur noch angstvoll (141) und fühlt man sich erwischt hält
man Ausschau nach der „schwarzen Limousine“, die einen verfolgen könnte.
„Nachts werden sie abgeholt“ (252) weiß ein jeder, und man weiß
auch wohin: „dorthin [..,] wo der Eisenkrämer schon ist und der Pfarrer
Niemöller“ (121f.).
Zum anderen, weil man in den Bombennächten zermürbt wird.
Weil Balz die Perspektive eines Kindes eingenommen hat, nimmt dies viel
Raum ein, und der geneigte Leser mag mitseufzen über soviel Unglück.
Weil dies so ist kommt der Kern des Nationalsozialismus: die Endlösung
ganz natürlich nicht weiter vor, als dass man bemerkt, dass die wenigen
Juden aus der Umwelt verschwinden (126) und man sich wundert, wohin die alle
kommen. Man bekommt Mutmaßungen und Gerüchte über deren Ermordung
zugetragen (166) und Idas Mutter gegenüber schüttet im Zug ein
unbekannter SS-Mann sein Herz aus (257f.).
Ida kann das alles nicht verstehen: „zusehen, wie die Juden langsam
zugrunde gehen, wer macht denn sowas?“ (120). Die Antwort wissen wir, ohne
dass wir sie bei Balz nachgelesen haben müssten, aber zur Sicherheit
steht sie auf fast jeder Seite: „die Dummheit“ (191), „die Nazis“, „die
Braunen“, oder, an besonders prägnanter Stelle, „die da oben“, „die
uns das antun“ (323). So ‚realistisch’ die Autorin werden mag, wenn sie
auch Ida mitmachen lässt, so sehr bleibt Ida außen vor und kann
sich immer wieder in ihre Familie zurückziehen. Die ist zwar nicht
mehr heil wie sie sein sollte, weil der nationalsozialistische Staat in
Gestalt Flintschers in die Kochtöpfe schaut, um zu überprüfen,
ob am großen Volkssolidaritätstag alle Eintopf essen (111f.),
weil er versucht, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen und sogar jene gegen
diese bis zur Denunziation aufhetzt (197f.). Aber dann gibt es auch noch
die Natur, die Heimat, das Hinterland mit den ehrlichen Menschen, die sich
ein normaler Deutscher vom „braune[n] Spuk mit seinen kopflosen Geistern“
(59) nicht enteignen lässt, – auch wenn in anderen Geschichten manche
Juden aus Deutschland nach ihrer Befreiung feststellten, dass sie wegen „der
Nazis“ nichtmals mehr die Sprache Hölderlins, die sie vorher so sehr
liebten, sprechen können. Aber soviel Sensibilität und Liebe fehlt
dem, der schreiben möchte wie ein zartfühlendes Kind.
Irmtraut Balz: Für einen Augenblick wachsen uns Flügel.
Eine Kindheit 1933 – 1945. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2002