Fabian Kettner
Ohne Sprache wäre ich wie ein Stein
Die Daten, die die deutschen Verleger von Aharon Appelfelds Büchern
bereitstellen, sind widersprüchlich. Geboren wurde er 1932 in der kleinen
Stadt Jadova, nahe Czernowitz, in dem nördlichen Teil eines Gebietes,
das man Bukowina nannte, dessen nördlicher Teil heute zur Ukraine und
dessen südlicher Teil heute zu Rumänien gehört. 1940 wurde
die Bukowina von der Sowjetunion besetzt, 1941 von den Rumänen zurückerobert
und 1944 von der Sowjetunion befreit und nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen
Rumänien und der Sowjetunion aufgeteilt. In den drei Jahren unter rumänischer
Herrschaft wurde auch eine Einsatzgruppe in die Bukowina geschickt, die
dort, unterstützt von rumänischen Truppen, zehntausende von Juden
ermordete.
Appelfelds Mutter und Gromutter waren unter den Ermordeten; er und sein
Vater flüchteten in das Getto von Czernowitz. Auf einem Todesmarsch in
ein Lager wurde er von seinem Vater getrennt. Er floh aus dem Lager und schlug
sich alleine in der Wildnis durch. Gegen Ende des Krieges wurde er Küchenjunge
der Roten Armee und nach Kriegsende gelangte er über Italien nach Israel,
wo er den Militärdienst absolvierte, danach eine akademische Laufbahn
einschlug und schließlich Professor an der Ben Gurion-Universität
in Beer Sheba wurde. Heute zählt Appelfeld zu den wichtigsten Schriftstellern
Israels.
Appelfelds Autobiographie ist keine exakte, detaillierte, engmaschige Darstellung
seines Lebens. Jahreszahlen und Ortsnamen kommen kaum vor. Er beginnt mit
Kindheitsbildern vom Lande, konstatiert eine Verschlechterung der Lage für
Juden und ist im nächsten Kapitel bereits im Getto. Seine Biographie
besteht aus einzelnen Geschichten, die er schlicht und einfach schreibt.
Der Augenzeugenbericht gilt als authentisch; Appelfeld enthält sich
dessen absichtlich. Von seinem Vater wird er getrennt, aber diese Szene
findet man nicht beschrieben. Dass die Mutter ermordet wurde, kann man sich
denken, wird aber nichtmals ausgesprochen. „Über Gefühle spreche
ich nicht gern. Zu viel Reden über Gefühle führt uns in ein
Labyrinth der Sentimentalitäten, zu abgedroschenen Phrasen“ (112).
In den üblichen Augenzeugenberichten hingegen finden sich „viele Schmerzen
[...] festgehalten, aber auch viele Klischees und oberflächliche Aussagen“,
denn „oft neigen wir dazu, Katastrophen mit Wörtern einzukreisen, um
uns vor ihnen zu schützen“ (110f.). Die Erinnerung kann also die Erinnerung
vereiteln. Appelfeld möchte kein „Schoah-Dichter“ sein. Für ihn
gibt „keine ärgerlichere Bezeichnung.“ Er möchte vorrangig Schriftsteller
sein, die Themen, die er dabei berührt, sind ihm „eine Begleiterscheinung
des Schreibens, nicht die Hauptsache selbst“ (130). Vielleicht ist er deshalb
in Deutschland bis zur Brigitte hin beliebt. Ein Roman wie Für
alle Sünden (dtv, 2000) handelt von Überlebenden, offensichtlich
„in den bitteren Tagen“ (33), aber in einem gänzlich raum- und zeitlosen
setting, wie ein existentialistisches Theaterstück. Da lässt sich
immer gut über gänzlich abstrakte Themen wie den ‚Menschen an
sich’ und ‚die Schuld’ grübeln.
Aber das, was und worüber Appelfeld schreibt, ist weder beliebig noch
von seinen Kindheitserfahrungen unabhängig: „Ich erfinde nicht, sondern
ich bringe aus den Tiefen meines Körpers Empfindungen und Gefühle
herauf, die ich blind in mich aufgenommen habe“ (191). Die Verwüstung
der Verfolgung und der Auslöschungsdrohung reichen bis ins Vegetative
hinein. Einer der Gründe, warum er keine Augenzeugenberichte schreibt,
liegt darin, dass er über keine intellektuelle Erinnerung verfügt.
Ihm haben sich „v.a. körperliche Empfindungen eingeprägt“, denn
„alles, was damals passierte, hat sich den Zellen meines Körpers eingeprägt.
Nicht meinem Gedächtnis“ (95). Den Grund hierfür sieht er in seinem
damaligen Alter, denn Kindern prägt sich „etwas völlig anderes“
ein (97) als Erwachsenen. Deswegen „erinnert sich mein Körper besser
als ich“ (57).
Ein anderer Grund liegt in Problemen mit der Sprache. Sein „Misstrauen
gegenüber Wörtern“, das seinem „Körper tief eingepflanzt“
(108) ist, rührt von der Ausweglosigkeit her, die jedes Wort überflüssig
macht. Das Reden fiel schwer, wenn man keine Wörter mehr hatte, denn
die, „die einem von zu Hause geblieben waren, klangen schal“ (91). Sie stammen
aus einer Welt, die existierte, bevor „alle Ordnungen waren zusammengebrochen“
(46).
„Erst nach dem Krieg kehrten die Wörter zurück“ (110), aber nur
langsam und mühselig und nicht von alleine. Durchblättert Appelfeld
sein Tagebuch aus jener Zeit, sieht er ein Chaos aus verschiedenen Sprachen
und Bruchstücken von Erinnerungen und Erlebnissen. Er musste sich neue
Sprachen suchen. Jiddisch lernte er, aus assimiliertem bürgerlichen
Hause stammend, er, dessen Eltern nichtmals in die Synagoge gingen, in einem
Lager für displaced persons vom Dichter Jasch, der befürchtete,
„dass es keine Fortsetzung geben werde, wenn wir nicht in der Sprache der
Geschundenen redeten. Wer in deren Sprache rede, gedenke ihrer im Diesseits“
(82). Hebräisch musste er in Israel angekommen lernen. Sprache mag
ein Fürchterliches bannen, und insofern droht sie, Rationalisierung
eines Unbewältigten zu sein, aber „wenn man keine Sprache hat, ist
alles Chaos und Durcheinander, und man hat Angst vor Dingen, vor denen man
sich nicht zu fürchten braucht“ (113).
AHARON APPELFELD: Geschichte eines Lebens
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Rowohlt Berlin, Berlin, Januar 2005
ca. 200 Seiten, € 17,90
ISBN: 3-87134-508-3
Dank an Peter Kape, Buchhandlung Kape in Velbert-Langenberg. Für
biographische Auskünfte großen Dank an Yael Kampf vom Aharon
Appelfeld-Archiv an der Ben Gurion-Universität in
Beersheba, Israel.