Christoph Hesse
Marx reloaded
Es gibt Bücher, die zu sagenhaften Berühmtheiten werden, lange
bevor sie jemand zu Gesicht bekommen hat. Dazu zählt Moishe Postones
Time, Labor, and Social Domination von 1993, das nach etlichen
Vorankündigungen nun in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Erlösungshoffnungen,
die manche unterdessen in das Buch gesetzt haben, werden sicherlich enttäuscht;
auch eine kritische Theorie des Antisemitismus, für die Postone hierzulande
bekannt geworden ist, kommt nur noch am Rande zur Sprache. Erfüllen
könnte sich aber vielleicht die Hoffnung, daß Postones Marx-Interpretation
den Leuten gerade so viel Schwierigkeiten machen wird, daß sie bei
Marx selbst nachlesen.
Max Horkheimer schrieb einmal, es komme darauf an, „Marx nicht mit den
Augen des ökonomischen Fachmannes zu sehen, sondern mit denen eines
Menschen, der weiß, daß er in einer verkehrten Gesellschaft
lebt und die richtige Gesellschaft will.“ Das war als Vorbehalt gegen eine
Wissenschaft gemeint, die das Marxsche Werk hin und her wälzt und darüber
vergißt, daß sie mit revolutionärem Sprengstoff hantiert,
der gedacht war nicht als Füllmaterial für Bibliotheken und Symposien,
sondern als Anweisung, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch
ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches
Wesen ist“ (Marx). Umgekehrt wäre daran zu erinnern, daß es allerdings
sehr wohl darauf ankommt, die gesellschaftlichen Verhältnisse mit den
fachmännischen Augen eines Karl Marx zu betrachten, um sich wenigstens
einen Begriff davon machen zu können, warum man in einer verkehrten
Gesellschaft lebt. Wer die Welt interpretieren will, muß zuerst einmal
Marx interpretieren.
In dessen kritischer Theorie sieht Moishe Postone den Schlüssel zum
Verständnis moderner Gesellschaft: einen Schlüssel, mit dem sich
vielleicht nicht jede Tür im Haus öffnen läßt, mit
dem man aber überhaupt erst ins Haus hineinkommt. Und sogar wieder
hinaus: denn mit Marx kann die moderne kapitalistische Gesellschaft als
Ganzes begrifflich gefaßt und im Zuge dessen zugleich deren mögliche
Aufhebung gedacht werden; auch darin unterscheidet sich die kritische Theorie
von handelsüblichen Soziologien und Volkswirtschaftslehren.
Postone beansprucht mit seiner Interpretation eine Theorie des Kapitalismus
im allgemeinen, eine Theorie, die auf das Wesen dieser Produktionsweise
zielt und demnach für das 19. ebenso wie für das 21. Jahrhundert
ihre Gültigkeit beweisen muß. Ans Wesen des Kapitalismus rührt
Postone auch in dem Sinn, daß er gleichsam die tiefsten Schichten
der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie freilegt und auf diese
Weise eine sehr viel weitergehende Vorstellung möglicher Freiheit entwickeln
kann, als dies in herkömmlichen Sozialismuskonzeptionen bis heute der
Fall ist: statt Befreiung der Arbeit eine Befreiung von der Arbeit
(die als Vergesellschaftungsprinzip allein der kapitalistischen Produktion
zugehörig ist), statt ‚gerechter’ Verteilung die Abschaffung der Wertlogik
usw. usf.
Im Gegenzug wendet er sich gegen solche marxistischen Theorien, die den
Kapitalismus vom Standpunkt der Arbeit analysieren und Herrschaftsverhältnisse
vor allem mit Klassenherrschaft identifizieren. Im traditionellen Marxismus,
wie Postone ihn skizziert, wird die kapitalistische Produktionsweise unter
dem Gesichtspunkt von Ausbeutung und Klassenherrschaft angeprangert, aber
als spezifische Produktionsweise im Grunde gar nicht erfaßt. Zur Kritik
steht die Aneignung des Mehrwerts und mithin die Verteilung des gesellschaftlichen
Reichtums, wie sie sich aus dem Privateigentum an Produktionsmitteln ergibt,
wohingegen die elementaren Formbestimmungen dieser Produktionsweise zu ewig
gültigen Naturtatsachen verdinglicht oder sogar positiv für den
Sozialismus reklamiert werden (wenn z.B. von der ‚richtigen Anwendung’ des
Wertgesetzes die Rede ist). Die eigentümliche Ironie der Marxschen
Kategorien, von der Horkheimer gesprochen hat, findet sich in der politischen
Ökonomie des traditionellen Marxismus ins Gegenteil verkehrt. Das kritische
Potential dieser Kategorien, die als soziale Formen zugleich eine bestimmte
Art der Vergesellschaftung beinhalten, sucht Postone gegen jedwede positivistische
Marx-Interpretation zu retten. Auch um den Kapitalismus als Ausbeutungs-
und Klassenverhältnis kritisieren zu können, müssen die ‚abstrakten’
Formen kapitalistischer Herrschaft ins Visier genommen werden, die solche
Verhältnisse beständig reproduzieren.
Diese abstrakten Formen – das heißt: Ware, Wert, Arbeit, Kapital
und Postone zufolge auch die abstrakte Zeit – begrifflich auseinanderzulegen,
ist Ziel dieser neuen Marx-Interpretation. Vieles davon ist freilich nicht
so nagelneu, wie Postone behauptet. Zumal in der BRD sind seit den späten
sechziger Jahren immer wieder Texte und Bücher erschienen, die sich
mit eben jener ‚formkritischen’ Neuinterpretation der Marxschen Theorie befassen,
weshalb die angeblich neueste Interpretation kundigen Leserinnen und Lesern
bereits wie ein alter Hut vorkommen mag. Ein für allemal geklärt
ist die Sache jedoch bei weitem nicht. Das zeigen auch die zahlreichen Ungereimtheiten
und Widersprüche, mit denen Postone selbst aufwartet. Die Probleme,
die in seiner Darstellung etwa die Bestimmung abstrakter Arbeit oder die
Frage nach Wertkonstitution und Klassenverhältnis bereiten, seien hier
nur genannt.*
Ein anderes Problem ist, daß Postone mit seinen bisweilen etwas langatmigen
Ausführungen dem interessierten Publikum mehr Zeit, Arbeit und Selbstbeherrschung
zumutet, als nötig gewesen wäre, um die Marxsche Theorie solcherart
zu interpretieren. Andererseits ist die Kritik der politischen Ökonomie
auch von ihrem Erfinder nie als besonderes Pläsier ausgelobt worden.
Das Reich der Freiheit, würde Marx sagen, beginnt in der Tat erst da,
wo auch das Lesen und Schreiben von Büchern, welche durch Not und äußere
Zweckmäßigkeit bestimmt sind, aufhört.
* Näheres dazu unter www.rote-ruhr-uni.org/texte/elbe_postone.shtml
Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft.
Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx, Freiburg 2003 (ça
ira), 616 Seiten, € 34