Christoph Hesse
“Hat Israel noch eine Chance?”
Spätestens seit dem 11. September würden nicht wenige “antideutsche”
Linke diese Frage fatalistisch verneinen: Durch die neu geschaffene “Anti-Terror-Koalition”,
in der neben den üblichen Verdächtigen auch Rußland, China
und sogar islamische Staaten, nicht aber Israel eine Rolle spielt, sei dessen
Existenz mehr denn je gefährdet. Konkret-Herausgeber Hermann Gremliza
hat in einem gleichnamigen Sammelband die Frage nach Israels Chancen in
der neuen Weltordnung gestellt, als es noch die alte war. Mehr als um geostrategische
Überlegungen großen Stils, zu denen sich heute jeder Dilettant
ungefragt bereit findet, geht es dabei um das Verhältnis der deutschen
Linken zum jüdischen Staat.
1967 schrieb Ulrike Meinhof in Konkret, es gebe “für die europäische
Linke keinen Grund, ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben,
sie reicht in die Gegenwart und schließt den Staat Israel ein, den
britische Kolonialpolitik und nationalsozialistische Judenverfolgung begründet
haben.” Gegen die während des Sechstagekrieges in der Neuen Linken
einsetzende Diffamierung Israels als “Brückenkopf des US-Imperialismus”
oder gar als “Faschismus” hielt sie an der Solidarität fest. Israel,
so der Tenor damals, ist das Land der Davongekommenen des Holocaust, woran
keine Schutzmacht USA etwas ändert. Dem jüdischen Staat, wie er
selber sich versteht, hat niemand – und am wenigsten die Deutschen – das
Existenzrecht streitig zu machen. Dieser kategorische Imperativ läßt
sich mit keiner politischen Kritik Israels verrechnen.
Daß genau dies über Jahrzehnte geschehen ist und noch immer
geschieht, gehört zu den Traumatisierungen insbesondere der deutschen
Linken. Es zeigt sich daran schmerzlich, daß eine kritische Beschäftigung
mit Auschwitz auch bei jenen weithin ausgeblieben ist, die 1968ff. den Aufstand
gegen die Nazi-Eltern initiiert haben. Meinhofs Aufsatz von 1967 ist eines
der wenigen Zeugnisse, das die Neue Linke über ihr Verhältnis
zu Israel noch heute ohne Scham vorzeigen kann. Er markiert zugleich den
Wendepunkt, an dem die Solidarität, die Israel bis dahin erfahren hatte,
in blanken Haß umschlug.
Die deutsche Vergangenheitsbewältigung hatte plötzlich eine
merkwürdige Wendung genommen: Während Konservative ihren neuentdeckten
Philosemitismus vor allem auf die Leistungen des israelischen Militärs
projizierten – auf die Juden, die nun endlich “kriegstauglich” geworden waren
–, griffen die Linken mit zuweilen traumwandlerischer Sicherheit auf
das alte Repertoire zurück. Unter dem Banner eines Antiimperialismus,
der jeden Feind Amerikas zum Freund der guten Sache und jeden Freund Amerikas
zum Feind stempelte, geriet Israel ins Visier schäbigster Verleumdungen.
Hinter dem vorgeschobenen Schlagwort “Zionismus” schien alles erlaubt und
nichts radikal genug. Antisemitische Klischees wurden kaum verborgen. Auch
geschichtsrevisionistische Floskeln wie, die Juden hätten aus Auschwitz
nichts gelernt und machten es nun genauso mit den Palästinensern, gehörten
zum propagandistischen Ton. Dabei waren Aufrufe zum Boykott israelischer
Waren noch nicht das Schlimmste: Deutsche Terroristen dachten sich sogar
nichts Böses bei der Selektion jüdischer Passagiere während
einer Flugzeugentführung. Daß es die eben noch so vernünftige
Meinhof war, die diese Entwicklung seit Anfang der Siebziger mit vorantrieb,
ist nur die bittere Ironie am Rande.
Im Verhältnis der deutschen Linken zu Israel bestätigt sich
etwas vom spießbürgerlichen Verdacht, wonach der Wille zur Emanzipation
und die Bereitschaft zu barbarischem Tun allemal dicht beisammen liegen.
Unter den radikalen Studentinnen und Studenten der sechziger Jahre beispielsweise
galt jemand wie Max Horkheimer zuletzt – und dies nicht ganz zu Unrecht
– als alterskonservativ. Dennoch hat dessen Diagnose, daß “überall
dort, wo der Anti-Amerikanismus sich findet, auch der Antisemitismus sich
breitmacht”, als weitsichtige Kritik der Neuen Linken und darüber hinaus
Recht behalten.
Erst aus der Niederlage wird man schlau, das gilt auch hier: Der Kollaps
des “realen Sozialismus” und die Wiederherstellung Superdeutschlands haben
in der davon übriggebliebenen Linken ein Einsehen befördert, das
mit manchen alten Gewißheiten und schlechten Gewohnheiten zu brechen
versprach, so z.B. mit dem vormals gern instrumentalistisch verstandenen,
tatsächlich aber viel herzlicheren Verhältnis zu Volk und Nation.
Auch der Zusammenhang von Antizionismus und Antisemitismus wird seither
in weiten Teilen der Linken zumindest kritisch gesehen.
An dieser Entwicklung hat Konkret bis heute maßgeblichen Anteil.
Wer die nicht immer glücklich geführte, aber ohne Zweifel notwendige
Auseinandersetzung um das Verhältnis der (deutschen) Linken zu Israel
in den laufenden Nummern der letzten Jahre versäumt hat oder es trotzdem
nachlesen will, ist mit dem vorliegenden Sammelband gut beraten. Allein
der dem Buch vorangestellte Essay von Jean Améry aus dem Jahr 1969
– damals übrigens als Kritik auch an Konkret gedacht – lohnt
die Anschaffung.
Hermann L. Gremliza (Hg.), Hat Israel noch eine Chance? Palästina
in der neuen Weltordnung, Konkret Texte, Hamburg 2001, 239 S., 29,80 DM