Christoph Hesse
Lachen über Hitler – Auschwitz-Gelächter?
Über Hitler kann man lachen – über Auschwitz
nicht. So könnte man die bei filmischen Darstellungen des Nationalsozialismus
bis noch vor wenigen Jahren geltende Moral zusammenfassen. Die Figuren, Symbole
und Institutionen des faschistischen Staates waren bereits Anlaß zu
Hohn und Spott, als ein Ende des Schreckens noch lange nicht abzusehen war.
Im Medium des Komischen, das zeigen vor allem die mißlungenen tragischen
Inszenierungen, kommt der Irrsinn autoritärer Herrschaft vielleicht
erst angemessen zum Ausdruck. Für die Darstellung der Shoa galt das
nicht: Der industrielle Massenmord an den europäischen Juden wurde entweder
dokumentiert oder wiederum in eine tragische Erzählung eingebunden.
Gelacht wurde über Hitler, den großen Diktator, und dessen unfreiwillig
komische Verrenkungen, aber nicht über den Oberbefehlshaber des Deutschen
Reiches, der 1942 gesagt hat, es werde den Juden „das Lachen überall
vergehen.“
Roberto Benignis Film La vita é bella (Das Leben ist schön,
1997), der in seiner zweiteiligen Struktur diese Moral selbst reflektiert,
hat damit endgültig gebrochen. Ob es tatsächlich der erste Film
war, der den Holocaust zum Gegenstand einer Satire gemacht hat, ist Ermessenssache;
jedenfalls hat dieser Film erstmals eine breite Diskussion darüber ausgelöst,
ob die Satire ein geeignetes oder überhaupt zulässiges Mittel
sei, das Grauen der Vernichtung im Film zu thematisieren. Der Streit ist
mittlerweile beigelegt, die Empörung der Routine gewichen: die „Holocaust-Komödie“
hat sich als eigenes Genre etabliert. Das Lachen ist in die Darstellung
der Lager eingegangen, wo neben dem sadistischen Grinsen der Täter
nun auch das subversive Lachen der Opfer seinen Platz hat, in das der Zuschauer
einstimmen darf. Der Frage, ob und wie der Komik hier etwas gelingt, woran
die tragischen Gattungen weithin gescheitert sind, sind 15 Autorinnen und
Autoren in dem Sammelband „Lachen über Hitler – Auschwitz-Gelächter?“
nachgegangen.
Zwar wird das „Auschwitz-Gelächter“ im Titel zunächst mit einem
Fragezeichen versehen, ästhetische und moralische Bedenken gegen solcherart
Amüsement jedoch bald abgebaut. Vielmehr geht es um eine funktionale
Explikation des Komischen in den unterschiedlichen Filmdarstellungen: von
Hollywoodfilmen wie Chaplins The Great Dictator (Der große Diktator,
1940) und Ernst Lubitschs To Be Or Not To Be (Sein oder Nichtsein, 1942)
bis zu den Holocaust-Komödien der letzten Jahre. Daß diese Komödien,
im Unterschied zu den vorangegangenen, die Komik auch auf die Deportationszüge
und Vernichtungslager ausweiten, wird im großen und ganzen sehr wohlwollend
beurteilt. Ausgehend davon, daß der Holocaust selbst alles andere als
eine Tragödie war, wie Hanno Loewy zu Recht betont (vgl. S. 44), sei
die tragische Darstellung keineswegs als die ‚ernsthaftere’ privilegiert.
Abermals scheint es der Komik vorbehalten, auch dem Äußersten
mit spielerischen Mitteln entgegenzutreten. Hierzu werden verschiedene Modelle
angeboten: bei Loewy eine Gattungstheorie, die in Anlehnung an Northrop Frye
das traditionelle Begriffspaar von Tragödie und Komödie um die
Romanze und die Satire erweitert und anhand unterschiedlicher Filmbeispiele
(nicht nur ausgewiesener ‚Komödien’) das Holocaust-Filmdrama als insgesamt
hybrides Genre beschreibt, das selber noch gar keine verbindliche Form gefunden
habe, sich der Wirklichkeit zu bemächtigen; bei Joachim Paech eine an
Luhmanns Begriff des reflexiven Mechanismus orientierte Theorie des Komischen,
worin Komik ihrerseits als reflexive Figur eingeführt wird, die eine
Erinnerung des Holocaust auch für ein Publikum ermöglichen soll,
„das viel von Komödien, aber wenig vom Holocaust weiß“ (S. 66),
was Paech am Beispiel von La vita é bella und To Be Or Not To Be veranschaulicht;
bei Géraldine Kortmann eine Theorie des Absurden, die sie für
Train de vie (Zug des Lebens, 1998) von Radu Mihaileanu geltend macht und
dem Film so „eine Kritik an Darstellungsweisen“ bescheinigt, „die die Vergangenheit
hinter einer festgelegten und reduzierten Ikonografie zum Verschwinden bringen“
(S. 312).
Mangelnde Sorgfalt oder was immer man Aufsatzsammlungen häufig vorwerfen
kann, läßt sich den Herausgebern dieses Bandes sicher nicht nachsagen.
Auch wer den Holocaust-Komödien durchaus skeptisch gegenübersteht,
wird hier zahlreiche Argumente finden können, ohne sich deshalb eines
Besseren belehren lassen zu müssen. Die Einbettung dieses Genres nicht
nur in filmgeschichtliche, sondern ebenso in literarische und sogenannte
populärkulturelle Kontexte gibt einen Überblick weit über die
einschlägigen Kontroversen hinaus (siehe z.B. die Beiträge über
Heinrich Manns ‚Filmroman’ Lidice [1943] von Stephan Braese und über
Herbert Achternbuschs Das letzte Loch [1981] von Thomas Elsaesser). Verblüffen
dürfte manchen Leser die kommentierte Filmographie im Anhang, die insgesamt
57 Spielfilme umfaßt, in denen Geschichte und Nachwirkungen des Holocaust
mit satirischen Mitteln aufgegriffen werden. Obschon die Kriterien dafür
recht großzügig angelegt und die so bezeichneten Satiren nicht
mit den neueren Holocaust-Komödien in eins zu setzen sind, bleibt erstaunlich,
wie zahlreich bereits seit den 1940er Jahren die Versuche waren, so etwas
wie Komik zumindest um die Katastrophe herum entstehen zu lassen.
Sehr grundsätzlich wäre zu bemängeln, daß kritische
Einwände gegen die Holocaust-Komödie nicht eigens zu Wort kommen
und in der Konzeption auch gar nicht vorgesehen sind, so als sei mit dem
Ende der öffentlichen Auseinandersetzung die Kritik hinfällig geworden
und selbst nur noch als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung interessant.
Kritik kann von hier aus als moralischer Vorbehalt verständnisvoll zurückgewiesen
werden mit Hinweis auf eine komplizierte Dramaturgie, der gegenüber
solche Sentiments sich bald als kunstfremd herausstellen. Nicht nur den inzwischen
verstummten Kritikern Benignis, auch den Autoren dieses Bandes fällt
es offenbar schwer, „einen Film zu kritisieren, der immerhin mit drei Oscars
und zahlreichen internationalen Preisen, darunter dem Jewish Experience
Award in Jerusalem, ausgezeichnet worden war“ (S. 181).
Mögliche Ansätze, die Holocaust-Komödie ethisch oder anhand
ihrer eigenen ästhetischen Maßstäbe zu hinterfragen, werden
durchaus benannt: „Die schwierigste ethische Frage, die die Politik der Holocaust-Komödie
aufwirft,“ schreibt Yosefa Loshitzky, sei die „des Überlebens“ (S.
30). Adorno sprach von der drastischen Schuld des Verschonten, den zur Vergeltung
Träume heimsuchen wie der, daß er gar nicht mehr am Leben sei.
Was hat es aber zu bedeuten, wenn ein Filmdrama von Überlebenden erzählt
und ein Publikum, dessen Leben nie auf dem Spiel stand, in ‚befreiendes’
Gelächter ausbricht?
In der Einleitung der Herausgeber heißt es, daß „die ‚unernsten’
Formen von Satire, Groteske, Absurdität und sogar Clownerie und Komik“,
indem sie die Spannung von Filmwahrnehmung und illusionistischer Filmwirklichkeit
nicht zu überspielen suchen, sondern selber kenntlich machen, der „Reflexivität
einen Raum öffnen. Doch sie können sich auch verselbstständigen,
und die schamlose Lust am Spiel mit der Realität sowie die Hemmungslosigkeit
der ‚Versöhnung’ am Ende einer Komödie können genauso ideologisch
sein wie der Triumph des Guten am Ende einer Romanze oder die wohlfeile Erschütterung
und Katharsis einer Tragödie“ (S. 14). Wer einen Film wie La vita é
bella oder Train de vie im Kino sieht und das Lachen des Publikums vernimmt,
kann sich auch bei genauester Kenntnis der dramaturgischen Funktionsprinzipien
dieses Genres plötzlich in einem Stahlbad der Geschmacklosigkeiten
wiederfinden. Ob das komische Element hier nicht ebenso versagt wie das
tragische, darüber gibt weder der Erfolg der Filme noch eine Theorie
des Komischen verläßliche Auskunft.
Margrit Frölich / Hanno Loewy / Heinz Steinert
(Hg.): Lachen über Hitler – Auschwitz-Gelächter? Filmkomödie,
Satire und Holocaust. München: edition text + kritik 2003, 386 S.
erschienen in: Medienwissenschaft Nr. 2/2004