Ingo Elbe
Werttheoretische Grundlagenreflexion
Dieter Wolf liefert mit dieser Neuauflage
seines Buches „Ware und Geld“ eine systematische Interpretation der ersten
drei Kapitel des ‚Kapital’ unter der leitenden Fragestellung einer Klärung
der Bedeutung des dialektischen Widerspruchs im Rahmen der Marxschen Darstellungsweise.Marx’ Erkenntnisobjekt ist, im radikalen Bruch mit der politischen Ökonomie, eine spezifisch ökonomisch-soziale Gegenständlichkeit, die im Paradigma einer Formtheorie der Arbeit analysiert wird. Marx unterscheidet darin zwischen dem generellen Vergesellschaftungszwang arbeitsteiliger Produktion und einer bestimmten Form der Vergesellschaftung konkret-nützlicher Arbeiten unter Bedingungen isolierter Privatproduktion. Im ersten Teil seiner Arbeit versucht Wolf nun diesen Formaspekt zu explizieren, indem er neben der konkret-nützlichen Arbeit als „ewig gültige(m) Stoffwechselprozess zwischen Mensch und Natur“ (82) drei Bedeutungsebenen des Begriffs ‚abstrakte Arbeit’ unterscheidet.
Zunächst wird der Begriff i.S. einer Nominalabstraktion verwendet: Mittels einer vom „Betrachter vorgenommenen Abstraktion“ (55) wird von der Besonderheit spezifischer Arbeiten abgesehen und diese auf ihre gemeinsame Eigenschaft, „Verausgabungen menschlicher Arbeitskraft schlechthin“ (ebd.) zu sein, reduziert. Diese ideelle Fixierung abstrakt-menschlicher Arbeit gegenüber konkreten Tätigkeitsformen muss allerdings scharf von der reellen Verselbständigung ersterer gegenüber letzteren geschieden werden (vgl. 94). In einem weiteren Schritt konstatiert Wolf nun gegenüber der bloß gedanklichen Abstraktion eine sozialformationsunspezifische, reale gesellschaftliche Funktion abstrakter Arbeit: Demnach ist es der Vorgang der proportionalen Verteilung der Gesamtarbeit auf die einzelnen Produktionszweige per se, in dem die jeweils bestimmten Arbeiten als abstrakt-menschliche aufeinander bezogen werden: „Die Arbeiten werden qualitativ als Glieder der Gesamtarbeit gleichgesetzt, weil die wechselseitige Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse nicht auskommen kann, ohne die einzelnen Arbeiten als quantitativ bestimmte Teile der Gesamtarbeit zu setzen. Bei dieser an der Zeit gemessenen Dauer ihrer Verausgabung zählen die einzelnen, voneinander verschiedenen nützlichen Arbeiten nur als Daseinsweisen der ihnen gemeinsamen, abstrakt-menschlichen Arbeit.“ (58; vgl. auch 69). Über die spezifisch-gesellschaftliche Form der Arbeit ist damit allerdings noch nichts ausgesagt (57): In nichtkapitalistischen Produktionsweisen besteht, aufgrund der Vorgegebenheit des sozialen Zusammenhangs vor den Tätigkeiten der Akteure, eine Identität von Natural- und gesellschaftlicher Form der Arbeiten, Quantität und Qualität gesellschaftlicher Gesamtarbeit werden bewusst (Kommunismus) oder „im Wesentlichen unbewusst“ (64) nach normativen Kriterien eingeteilt – die einzelnen Arbeiten sind a priori als gesellschaftliche Bestimmt. Erst, wenn der soziale Zusammenhang der Produzenten über das gesellschaftliche Verhältnis der Arbeitsprodukte, den Tausch, indirekt vermittelt ist, wird abstrakte Arbeit zur spezifisch gesellschaftlichen Form der konkreten Arbeiten und verselbständigt sich diesen gegenüber real im Wert.
Während die Unterscheidung in Nominal- und Realabstraktion als weitgehend unstrittig gelten darf, sind gegen Wolfs Behauptung einer sozialen Funktion abstrakter Arbeit in vorkapitalistischen Gemeinwesen v.a. seitens Helmut Brentel (1989) und Michael Heinrich (1991/99) grundlegende Einwände erhoben worden (die in dieser leider unveränderten Neuauflage von 1985 keine Berücksichtigung finden). Eine bloße Verteilung der Gesamtarbeit impliziere noch keine Gleichsetzung der konkreten Arbeiten. Wolf reifiziere zudem den als bloßen Explikationsmodus der Werttheorie gedachten fiktiven Charakter einiger von Marx im Fetischkapitel gewählter Beispiele unmittelbarer ‚Arbeitszeitrechnung’ und sei unempfindlich für naturalistische Residuen in der Marxschen Bestimmung der Wertsubstanz.
Wertsubstanz und Wert müssen, so der Fortgang der Wolfschen Argumentation, notwendig erscheinen (120), sind als solche auf der Darstellungsebene von Kapitel 1.1 und 1.2 des ‚Kapital’ nur an sich, noch bloße „Gedankending(e)“ (Marx) (129). Entgegen der von Backhaus (1969) und neuerdings wieder von Alexander Gallas (2003) vertretenen These, zwischen Wertsubstanz und Wertform bestünde ein Bruch in der Marxschen Darstellung, entwickelt Wolf im zweiten Teil seiner Arbeit in bisher unbekannter Ausführlichkeit die Notwendigkeit des Übergangs von der einen zur anderen, wobei er die Wertform zugleich als Form ausweist, worin sich der den Waren immanente Gegensatz von Gebrauchswert und Wert bewegen kann (142f.). Es wird dabei gezeigt, dass die Gesellschaftlichkeit der Warendinge, ihre Wertdimension, sich nur in der Gegenständlichkeit ihrer Gesellschaftlichkeit, der Gebrauchswertdimension der jeweils anderen Waren, äußern kann, was nicht nur in der rein gesellschaftlichen Existenzweise des Werts, sondern auch in der spezifischen Ausdrucksweise der Gesellschaftlichkeit von Gegenständen begründet liegt: „Da der Wert der einzelnen Ware in keinem von ihrem Gebrauchswert verschiedenen Medium erscheinen kann (die Ware ist ein toter Gegenstand, der keine Gesten hat, keine Sprache besitzt usw.), kann der Wert an ihr überhaupt nicht erscheinen. Die Ware ist nicht als das vom Gebrauchswert verschiedene Gesellschaftliche, sondern einzig und allein als Gebrauchswert fassbar. Muss die Ware als Wert erscheinen und kann sie dies in keinem andern Medium als in dem des Gebrauchswerts tun, dann kann die Ware nur in einem Gebrauchswert erscheinen, der vom Gebrauchswert der Ware verschieden ist.“ (141).
In der Wertform erhält der Wert sinnlich-gegenständliche Selbständigkeit (138), womit allerdings die Tücken des Warenfetischs beginnen, dem, wie Wolf in verschiedenen Exkursen zeigt, zuweilen auch marxistische Positionen erliegen, seien sie nun eher hegelianisierender oder eher strukturalistischer Provenienz. Gegen diese sei festzuhalten, dass im Wertverhältnis der Gebrauchswert von Ware B den Wert von Ware A repräsentiert, als deren Wertform gilt, ohne dass sich ersterer damit real in Wert verwandeln würde. Die ‚Identität’ von Gebrauchswert und Wert in der Wertform darf nach Wolf also nicht als „seinslogische“ (174) begriffen werden, wie es Marx von verschiedener Seite unterstellt wird. Dagegen arbeitet er präzise den Sinn der Einheitsdimension im Verhältnis von Gebrauchswert und Wert auf dieser Darstellungsebene heraus (170f.).
An diese Problematik knüpft auch die Frage des Verhältnisses von logischem und dialektischem Widerspruch an. Vor allem in der Auseinandersetzung mit Gerhard Göhler und Lucio Colletti wird nachgewiesen, dass eine Konfundierung von Gebrauchswert- und Wertseite der Ware mit der von logischem und dialektischem Widerspruchsbegriff einhergeht. Dagegen macht Wolf für Marx’ dialektische Widerspruchskonzeption geltend, dass zwar die Ware Einheit gegensätzlicher Bestimmungen ist, diese Bestimmungen (Gebrauchswert und Wert) aber nicht zugleich als sie selbst und als ihr Gegenteil verstanden werden dürfen: „Zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert der Ware besteht der Widerspruch nicht deshalb, weil der Gebrauchswert zugleich Wert und der Wert zugleich Gebrauchswert ist, sondern weil die Ware in einer gesellschaftlich-unspezifischen Hinsicht Gebrauchswert (...) und in einer gesellschaftlich-spezifischen Hinsicht Wert (...) ist.“ (228).
‚Widerspruchsentwicklung’ oder ‚dialektische Darstellung’ wird von Wolf explizit als ‚logisch’-begriffliche Strukturanalyse der Reproduktionsdynamik (nicht der Ursprungsdynamik) der kapitalistischen Produktionsweise verstanden (14f.).Die Abfolge der Kategorien im ‚Kapital’, ihre ‚Entwicklung’ aus den widersprüchlichen Vergesellschaftungsbedingungen der Arbeit, folgt ihrer „Beziehung, die sie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft aufeinander haben“ (Marx). Zwar geht Wolf leider nicht auf die fatalen objekttheoretischen Konsequenzen einer historizistischen Lesart der Marxschen ‚Methode’ ein (wozu man sich einen Exkurs durchaus gewünscht hätte), doch lässt sich seine Interpretation der Dialektik der Wertform(analyse) zumindest als implizite Kritik an dieser Lesart begreifen: Hat der „Widerspruch zwischen dem ungesellschaftlich-stofflich Einzelnen und dem gesellschaftlich-nicht-stofflich Allgemeinen“ (217), der der ‚Ware an sich’ immanent ist, in der (einfachen) Wertform eine Bewegungsform gefunden, tut sich ein neuer Widerspruch auf: der berühmte „Mangel“ der einfachen, schließlich der entfalteten Wertform, d.h. das Missverhältnis zwischen der Allgemeinheit des Werts und der Partikularität seiner Erscheinungsformen (im einzelnen, schließlich besonderen Äquivalent, vgl. 191f.). Dieser Mangel, als Symptom für einen noch unterbestimmten Waren- und Wertbegriff (keinesfalls für ein reales Vergesellschaftungsproblem in einem vermeintlich prämonetären, einfachen Warentausch, wie die marxistische Orthodoxie von Engels bis Haug weismachen wollte) wird im Rahmen der Wertformanalyse sukzessive beseitigt, bis mit der Einführung des Begriffs des allgemeinen Äquivalents die (vorläufig) adäquate Existenzweise des Werts entfaltet ist. Erst in der allgemeinen Wertform stellen alle Waren ihre Werte einheitlich und gesellschaftlich-allgemein, also ihrem Begriff gemäß, dar, erst hier ist der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert für alle Waren ‚gelöst’ und die Verselbständigung des Werts gegenüber dem Gebrauchswert wirklich vollzogen (194-197). Die Wertformanalyse stellt sich von daher als Explizierung des monetären Gehalts des Wertbegriffs, als Erklärung des „inneren, nothwendigen Zusammenhangs“ (Marx) zwischen Ware und Geld dar.
Die Mystifizierung der nur begrifflich erfassbaren Vermittlungszusammenhänge der kapitalistischen Empirie besorgen die ökonomischen Formen dieser Produktionsweise schon selbst. Sie liefern ihr eigenes Legitimationsprogramm, ihren verkehrten Sinn mit ihrem bloßen Sein frei Haus. Auf Grundlage der Tatsache, dass die sozialen Verhältnisse der Menschen über die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Arbeitsprodukte nachträglich-sachlich vermittelt sind und im Geld zum handgreiflichen Ding gerinnen, aus der „reelle(n) Verkehrung von Subjekt und Objekt“ (250) also, lassen sich, so Wolf im dritten Teil, auf rationale Weise, d.h. ohne eine „irrationale Vermischung von stofflicher Gebrauchswert- und gesellschaftlicher Wertseite“ (266f.), die prosaischen Mystifikationen der ökonomisch-sozialen Formen zu Naturformen erklären: Im Schein der unmittelbaren Austauschbarkeit als natürliche Sacheigenschaft der Äquivalentform verschwindet die vermittelnde Bewegung – die Tatsache, dass diese Form nur in einem spezifischen, gegenständlich vermittelten, sozialen Verhältnis zwischen Menschen als unmittelbare Inkarnation des Werts gilt -, im Resultat. Die realen Erscheinungsformen des Werts, seine gegenständlichen Repräsentationsverhältnisse, transportieren so einen objektiven Schein, dem die begriffslose empirische Wahrnehmung der Wareneigner aufsitzt (271). Wolfs äußerst klare Ausführungen zum Warenfetisch untersuchen dabei gleichsam, „was den Warenbesitzern vom Wert bewusst gegeben ist und was nicht“ (255). Eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Status der Beispiele (von Robinson bis zum Verein freier Menschen) im Fetischkapitel sucht man indessen vergebens.
Im letzten Abschnitt des Buches wird der Begriff des dialektischen Widerspruchs vor dem Hintergrund von Differenzen zwischen Marx’ Auffassung desselben in seiner Frühschrift ‚Kritik des Hegelschen Staatsrechts’ und im ‚Kapital’ behandelt. Begreift Marx 1843 vor dem Hintergrund einer Kritik des idealistischen Widerspruchskonzepts Hegels, in dem der absolute Geist als über den Gegensatz von endlichem Geist und Natur übergreifendes Drittes gefasst wird (362f.), ‚Vermittlung’ noch ausschließlich als mystische Konfundierung von Extremen, während er als ‚wirklichen Gegensatz’ nur den aus nicht vermittelbaren Extremen bestehenden akzeptiert, so wird das Vermittlungsmodell im ‚Kapital’ in nichtidealistischer Manier adaptiert. Wolf zufolge lässt sich dabei der Gegensatz zwischen konkreter und abstrakter Arbeit als ‚Differenz innerhalb der Existenz eines Wesens’ fassen (381-385), der sich erst im Kapitalismus, wenn abstrakte Arbeit die gesellschaftliche Form der konkreten Arbeiten darstellt und sich als Bestimmung real verselbständigt, zu einem ‚wirklichen Gegensatz’ entwickelt: „Während der gesellschaftliche Zusammenhang als Existenzbedingung der einzelnen Arbeiten von vornherein selbständig existiert, muss die abstrakt-menschliche Arbeit, um selbständig zu existieren, sich gegenüber der konkret-nützlichen Arbeit verselbständigen, d.h. in ihrer durch den gesellschaftlich-allgemeinen Charakter gewonnenen Eigenständigkeit so selbständig gegenüber der konkret-nützlichen Arbeit existieren wie eine zweite ‚Sorte’ Arbeit, obgleich sie keine solche ist.“ (386f.) Auf der Ebene der Analyse der ‚Ware an sich’ liegt nun zunächst eine ‚Realopposition’ zwischen Gebrauchswert und Wert vor. Eine Vermittlung zwischen beiden lässt sich nicht ausmachen: Beide sind, als konkret-Stoffliches und als abstrakt-Gesellschaftliches, von verschiedener Qualität. Zwar ist konkrete Arbeit in arbeitsteiligen Gemeinwesen auf einen gesellschaftlichen Zusammenhang verwiesen, nicht aber auf dessen spezifische Form in Gestalt abstrakter Arbeit. Kurz, beide Seiten des Gegensatzes ‚bedürfen einander nicht’(388-391). Im Fortgang der Darstellung zeigt sich aber, dass der Wert über den Gebrauchswert ‚übergreift’, zuerst in der allgemeinen Wertform, in der ein Gebrauchswert die Form unmittelbarer Austauschbarkeit und damit gesellschaftliche Allgemeinheit erhält, eine Vermittlung der Extreme sich vollzieht, die aber keine mystische Vermischung beider impliziert (393f.). Geld ist so als „die Gebrauchswerte und Werte der Waren zusammenfassende Mitte“ (ebd.) bestimmbar.
Wer sich durch den reichlich spröden und redundanten Stil des Autors hindurcharbeitet, wird in diesem Band einen wichtigen Beitrag zur Klärung einer Reihe werttheoretischer Einzelprobleme sowie der Frage nach dem wissenschaftstheoretischen Status der Marxschen Ökonomiekritik überhaupt erkennen. Er kann vor allem in der Auseinandersetzung mit Positionen fruchtbar gemacht werden, die – ob mit positivem oder negativem Vorzeichen – die Wissenschaftsfähigkeit der Kritik der politischen Ökonomie leugnen oder deren Gegenstand nur noch raunend als unbegreifbares „blanke(s) Anti der Ratio“ (Joachim Bruhn) mystifizieren. Eine Schwäche der Wolfschen Ausführungen ist allerdings der fehlende Sinn für Ambivalenzen im Marxschen Werk. Das ‚Kapital’ wird als Werk aus einem Guss präsentiert. Wer nur Augen hat, zu lesen, wird es richtig verstehen, so der Subtext. Substantialistische Residuen in der Werttheorie werden beispielsweise ebenso wenig ausgemacht wie eine ‚Popularisierung’ (Backhaus) bzw. ein ‚Verstecken’ (Reichelt) der Methode dialektischer Darstellung von der Erst- zur Zweitauflage.
Dieter Wolf: Der dialektische Widerspruch im Kapital. Ein Beitrag zur Marxschen Werttheorie, VSA-Verlag, Hamburg 2002, 474 S., 24,80 Euro