Ingo Elbe

Politische Macht, Faschismus und Ideologie

Ernesto Laclaus Auseinandersetzung mit Nicos Poulantzas

Die Rezeption der Schriften von Nicos Poulantzas, einem der prominentesten marxistischen Staatstheoretiker der 1970er Jahre, hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des Werkes von Ernesto Laclau. Im Folgenden werde ich zeigen, dass man dabei zwei thematische Felder und auch Radikalitätsgrade dieser Auseinandersetzung unterscheiden kann: Zunächst interveniert Laclau in die Kontroverse zwischen Poulantzas und dem britischen Politikwissenschaftler Ralph Miliband. Hier übt Laclau eine immanente Kritik am gesellschaftstheoretischen Instanzen-Formalismus der strukturmarxistischen Schule und verbleibt noch innerhalb einer modifizierten ‚historisch-materialistischen Problematik‘. Laclau begnügt sich dabei mit einer Historisierung des Begriffs des Politischen als Moment einer Teilbereichstheorie.
In der Diskussion von Poulantzas‘ Faschismusanalyse, die vor allem unter dem Aspekt der Bedeutung von ideologischen Krisen und Kämpfen geführt wird, formuliert Laclau allerdings Thesen, die nach seiner damaligen Einschätzung zwar lediglich Poulantzas‘ klassenreduktionistische Konzeptualisierung von Ideologien überwinden sollen, de facto aber den grundlegenden Umbau von Laclaus marxistischem Theoriegerüst vorbereiten – allerdings ohne diesen Umbau bereits vorzunehmen. Der ‚populare‘ Diskurs, die antagonistische Reklamation des partikularen Gemeinwesens, wird hier schon zum vornehmlichen Mechanismus des Politischen – zum Modus des ideologisch-politischen Klassenkampfs, wie es hier noch heißt –, aber das Politische ist hier noch nicht, wie in Laclaus postmarxistischer Phase, die Logik der Konstitution des Sozialen schlechthin. Trotz der paradigmatischen Differenzen zwischen Laclaus marxistischer und postmarxistischer Phase wird dabei allerdings eine erstaunliche inhaltliche Kontinuität seines Verständnisses von ‚linker‘ Politik erkennbar, die in seinem Plädoyer für einen linken Populismus und Nationalismus besteht.

Wer sich vornehmlich für Laclaus Theorie des Populismus interessiert, kann problemlos mit der Lektüre des zweiten Teils des Aufsatzes beginnen.

Inhalt:

1. Aufräumarbeiten im strukturmarxistischen Baukasten

1.1. Die Spezifik des Politischen

1.2. Die ideologischen „Staats“apparate

2. Faschismus, Populismus, Ideologie

2.1. Poulantzas über den Klassencharakter des Faschismus

2.2. Laclaus Konzept des popular-demokratischen Klassenkampfs

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erheblich erweiterte Version des 2017 in A. Hetzel (Hg.): Radikale Demokratie. Zum Staatsverständnis von Chantal Mouffe und Ernesto Laclau. Nomos-Verlag. Baden-Baden erschienenen Aufsatzes