Ingo Elbe

Soziale Form und Geschichte

Bemerkungen zum Gegenstand des ’Kapital’ aus der Perspektive neuerer Marx-Lektüren

Dass das Kapital Gegenstand des Kapital von Karl Marx ist und Kapital ein soziales Verhältnis darstellt, scheint eine banale Aussage. Und doch hat die Debatte um die Marxsche Theorie mehr als 100 Jahre benötigt, um nach Veröffentlichung des Hauptwerks von Marx zu dieser Einsicht zu gelangen. Den wichtigsten Beitrag zu dieser Erkenntnis hat die sog. neue Marx-Lektüre geleistet, eine schulenübergreifende Theorieströmung, die seit Mitte der 1960er Jahre das restringierte Marxverständnis des staatsoffiziellen Marxismus und seines antikommunistischen Komplementärparts gleichermaßen in Frage stellt. Im Gegensatz zu anderen dissidenten Formen des Marxismus, deren Vertreter einige Berühmtheit erlangten, aber in der Regel die wert- und staatstheoretischen Prämissen des von ihnen bemängelten Marxismus-Leninismus teilten, hat die neue Marx-Lektüre die methodologischen und objekttheoretischen Probleme der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie sowie deren staats- und revolutionstheoretische Implikationen zum Gegenstand ihrer Auseinandersetzung gemacht. Diese Auseinandersetzung nahm schnell die Gestalt einer Rekonstruktion der Marxschen Theorie an, deren nicht nur für die Marxforschung wichtige Ergebnisse allerdings vom Mainstream der Gesellschaftswissenschaften und Sozialphilosophie schlicht ignoriert wurden.

Saying that Marx’s Capital is about capital which in itself constitutes a social relation, seems quite trivial. However, the debate on Marxian theory took more than 100 years from the first edition of his opus magnum to arrive at this understanding. The most fruitful contribution in this regard was being made by the so-called “neue Marx-Lektüre” in Western Germany since the late 1960s, which was an attempt to a new reading of Marx opposed to both the governmental Marxism and its anti-communist counterpart. While other, certainly more renowned, strands of dissident Marxist theorising still widely shared the orthodox assumptions on the theory of value, the “neue Marx-Lektüre” addressed central issues of the Marxian critique of political economy, concerning its subject matter and its peculiar method of research and representation.

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(eine leicht gekürzte Version erschien zuerst in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, 58. Jahrgang, Heft 2/2010)