Fabian Kettner

Kontinuitäten deutscher Dissidenz

Zur Selbsthistorisierung der 68er Bewegung

Janice Sessions, die Protagonistin in Arthur Millers Erzählung Unscheinbares
Mädchen, ein Leben, Tochter eines jüdischen Emigranten in New York, ist in erster
Ehe mit Sam Fink verheiratet, einem überzeugten intellektuellen Kommunisten.
Janice verlässt Sam und kommt mit dem Blinden Charles zusammen, mit dem sie
zum ersten Mal glücklich ist. Ihre Vergangenheit, in der sie sich die Exegesen der
jeweils letzten Stalin-Rede anhören und die Welt vom Klassenstandpunkt
erklären lassen musste, ist ihr peinlich. Ihr neuer Geliebter Charles kennt dies,
aber er wendet ein: „Vieles aus der Vergangenheit ist einem peinlich – wenn man
überhaupt sensibel ist. Was es in einem zurückläßt, darauf kommt es an, egal,
wie dumm dir dein Leben rückblickend erscheint“ (29). Was deutschen Linken
peinlich ist und was in ihnen zurückblieb, ist leider meistens das gleiche.
Kontinuität hat, was damals schon falsch war, was man in unterschiedlichen
Aufführungen wiederholte. Das, wozu man sich später läuterte, ist das alte Elend
in anderer Form. Deswegen geht ebenso fehl, wenn man ihnen von linker Seite
Verrat an den Idealen von einst, wie wenn man ihnen von rechter Seite die
Zersetzung des Landes vorwirft. Ebenso falsch ist es, ihnen Einsicht zu
attestieren, die die angeblichen Brüche in ihren Biographien rechtfertigen sollen,
mit denen sie ihr eigenes Leben und das Deutschlands erfolgreich gestalten
konnten. Die Kontinuität der Naivität und der Flausen eines von links
moralisierenden Alltagsverstandes spricht auch aus den Versuchen ehemaliger
Beteiligter, sich und ihre Zeit zu historisieren, bei den Apologeten ebenso wie bei
den Bekehrten.

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(erschienen in: Prodomo Nr. 3/ 2006)