Sebastian Herkommer

Ideologie und Ideologien im nachideologischen Zeitalter

Ein Paradoxon macht stutzig und verlangt nach Erklärung: Wieder und wieder wird uns das Ende der Ideologie verkündet, während doch der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch sich nicht nur hartnäckig behauptet, sondern zunehmend inflationär und in den buntesten Wortverbindungen verwendet wird. Es geht ihm darin nicht anders als beim verschwenderischen Umgang mit "Philosophie" und "Kultur". Auffallend ist auch die Vielfältigkeit der Definitionen und die anhaltende Diskussion über die theoretischen Konzepte, was Ideologie eigentlich ist, und wie der Begriff alltagssprachlich zum einen und wissenschaftlich zum andern gebraucht wird. Wenn wir also wissen wollen, ob wir in einem nachideologischen Zeitalter leben, oder ob die Rede vom nachideologischen Zeitalter selber Ideologie ist, dann ist eine Begriffsklärung unerläßlich. Das soll hier, in grober Skizze zwar, zusammen mit einer Aktualisierung der Problemstellung versucht werden.

Was ist Ideologie?

Warum müssen wir uns mit einem Begriff bzw. Sachverhalt befassen, von dem verstärkt behauptet wird, er sei obsolet geworden? Das Ende der Ideologie, schon einmal - in den 50er und 60er Jahren - ausgerufen, wird im gegenwärtigen "postmodernen" Denken erneut verkündet. Wozu dann weitere Bemühung? Es wäre dann wie mit dem Klassenbegriff oder der Vorstellung des Klassenkampfes als Motor der Geschichte: Brauchbar kann der Ideologiebegriff zum Verständnis früherer Zeiten sein. Dem Gebrauch überholter Konzepte könnte nur noch insoweit Wert beigemessen werden, als sie benennen können, was früher relevant war und heute nicht mehr relevant ist. Terry Eagleton weist eine derartige Reduktion gesellschaftswissenschaftlichen Denkens und die Preisgabe des Ideologiekonzepts energisch zurück. [1] Er hält die Behauptung vom Ende der Ideologie für schlicht paradox: In einer Zeit, in der es der islamische Fundamentalismus in den arabischen Ländern, aber nicht nur hier, zu buchstäblich schlagkräftiger Bedeutung gebracht habe, die den Stalinismus in Rußland als eine keineswegs überwundene politische Kraft zeige, die den Evangelismus in allen Schattierungen in den USA lebendig erhalten habe, könne umgekehrt eher von einem beachtlichen Wiederaufleben der Ideologie gesprochen werden. Um so unverständlicher sei es, wenn selbst viele Linke die Beschäftigung mit dem Ideologieproblem als "metaphysisches Geschwafel" verachteten. Statt die Sache selbst, das Ideologische nämlich, im Bereich des Metaphysischen aufzusuchen und zu kritisieren.

Dem Verzicht auf die Klärung des Ideologischen in der gegenwärtigen Gesellschaft steht also die These gegenüber: Was Ideologie ist, welche Funktion sie hat, und wie sie "wirkt", gehört zu den Themen, die an Aktualität und Brisanz seit ihrer ersten Formulierung in der Sozialphilosophie der Aufklärung kaum etwas eingebüßt haben. Das behauptete Ende der Ideologie ist selbst dem Ideologieverdacht ausgesetzt.

Um diese These zu bekräftigen oder sie vielleicht doch zurückzuweisen, um zu verstehen, was jeweils mit ihr gemeint ist, und worin die Unterschiede der wichtigsten theoretischen Konzeptionen bestehen, worin demnach Ideologie oder das Ideologische heute sich ausdrücken - zur Beantwortung all dieser Fragen müssen wir uns einlassen auf die Diskussion. Niemand wird ein Ende der Ideologie oder des ideologischen Zeitalters behaupten können, ohne zuvor gesagt zu haben, was Ideologie ist. So wie niemand ein "Jenseits von Klasse und Schicht" (Ulrich Beck) wird behaupten können, ohne wenigstens in Umrissen deutlich gemacht zu haben, was mit dem Klassen- und dem Schichtbegriff einmal gemeint war. Niemand wird, ohne dogmatisch zu erscheinen, umgekehrt auf der ungebrochenen Relevanz und Aktualität dieser Konzepte beharren können, der nicht zeigt, worin ihre Berechtigung liegt.

Am nächstliegenden scheint es zu sein, mit einer Definition anzufangen. Überprüfen wir diese Möglichkeit zunächst einmal am alltäglichen Gebrauch. Was fällt einem so in die Hände, bei der Zeitungslektüre oder beim Durchblättern von Zeitschriften, Verlagsanzeigen und dergleichen?

Ein erstes Beispiel entnehme ich einem Bericht über Gerhard Schröders Wirtschaftsprogramm für die SPD: "Die Menschen lehnen den Irrweg der konservativen Ideologien ab, also dem Anpassungszwang einer globalisierten Ökonomie durch Abbau der Arbeits- und sozialen Beziehungen zu genügen." Hier wird der Ideologiebegriff sofort verständlich gebraucht: als Bezeichnung für ein politisches Ideengebäude, einen Komplex gesellschaftspolitischer Vorstellungen und Programmatik, dem bestimmte Vorschläge zugeordnet werden hinsichtlich der Lösung von aktuellen Problemen. "Konservative" Vorschläge eben, denen konkurrierend die nicht konservativen des Wirtschaftsprogramms der (Neuen) Sozialdemokratie entgegengestellt werden.

Wir wissen: Außer dem Konservativismus gibt es eine Vielzahl anderer politischer, geistig-kultureller, mehr oder weniger philosophisch, religiös, ethisch und moralisch begründeter Vorstellungen bzw. "Weltanschauungen", die - wenn sie nicht zur negativen Abgrenzung und Diffamierung des Gegners so genannt werden - neutral als Ideologien bezeichnet werden können: Der Liberalismus und der Sozialismus als die wichtigsten Konkurrenten, darin eingeschlossen Vorstellungskomplexe wie Individualismus und Kollektivismus. Oder zu ihrer näheren Kennzeichnung Rechtskonservativismus, Neokonservativismus, Neoliberalismus, ethischer (Tony Blair) und christlicher Sozialismus; der Nationalsozialismus als besondere Spielart des Faschismus; der Kommunismus in seinen verschiedenen Formen von Lenin (Bolschewismus) über Stalin (Stalinismus) und Mao zur nordkoreanischen Spezialität der Dschudse-Ideologie; oder neuerdings auch der Feminismus, der bürgerliche gegenüber dem sozialistischen Feminismus, oder der Kommunitarismus. In jedem Fall wird hier der Begriff Ideologie so gebraucht, daß er im Plural stehen kann. Wir werden sehen, daß davon zu unterscheiden ist die Fassung von Ideologie im Singular.

Als zweites Beispiel nehme ich den Untertitel eines Aufsatzes von Rainer Geißler in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie von 1996. Der lautet: "Ideologische Gefahren der deutschen Sozialstrukturanalyse". Was erwartet man von der Schrift? Über Gefahren wird man etwas erfahren, und zwar über ideologische. Allein die Adjektivstellunng verrät, daß nach Meinung des Autors Gefahren ausgehen können von Ideologie. Aber nur, wenn man seine Position kennengelernt hat, den Aufsatz also gelesen hat, weiß man, worin das Ideologisch-Gefährliche besteht: daß ein Abgehen vom Schichtbegriff in der Analyse der Sozialstruktur unserer Gesellschaft den Sachverhalt der hierarchischen Über- und Unterordnung von sozialen Lagen verschleiern und verdecken, und das heißt: beschönigen würde. Nur von Ungleichheiten zu reden, verzerre die Wirklichkeit einer vertikalen Schichtung bzw. Klassenbildung. Auch ich habe in einem Aufsatztitel den Begriff in diesem Sinn verwendet: "Das Konzept der ’underclass’ - brauchbar für Klassenanalysen oder ideologieverdächtig?"

Das dritte Beispiel entnehme ich einem Streitgespräch zwischen Manfred Gentz vom früheren Daimler-Benz-Vorstand und dem Soziologen und Zukunftsforscher Rolf Kreibich, das in der "Berliner Zeitung" (18. Oktober 1997) abgedruckt war. Kreibich: "Die Wachstumsideologie neoliberaler Provenienz, die verbunden ist mit einem horrenden Wachstum von Stoff-, Energie- und Schadstoffströmen, ist doch ein Fetisch. Wir brauchen statt dessen ein qualitatives Wachstum..." Was liegt hier vor? Einerseits die unter Umständen tautologische Feststellung, daß Ideologie ein Fetisch ist. Andererseits, daß Wachstum als solches, als verselbständigte Zielvorstellung Teil einer Ideologie ist (des Neoliberalismus nämlich), so ähnlich wie die berühmte Tonnenideologie Bestandteil der realsozialistischen Wirtschaftspolitik und -Ideologie war. Und schließlich ist unüberhörbar, daß im Wort Wachstumsideologie ein negativer, pejorativer Unterton enthalten ist - und daß dieses Verächtlichmachen auch beabsichtigt ist.

Der Clou an diesem Streitgespräch ist die Übereinstimmung der beiden in einem abschließenden und entscheidenden Bekenntnis zur Gemeinwohlverpflichtung unserer Gesellschaft: Es geht um die berühmte Adlon-Rede des Bundespräsidenten Herzog vom 26. April 1997, wenn die Redakteurin fragt: "Wie Herzog beklagen Sie den Mangel an Visionen in der Politik. Ist dies nicht ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verfassung?" Darauf Gentz: "Herzog beklagt auch, daß das Gemeinwohlinteresse sehr stark abgenommen hat. Eine freie Gesellschaft ist eigentlich nur existenzfähig, wenn sie Gemeinwohlverpflichtungen anerkennt. Neoliberalismus muß ja nicht verkehrt sein. Man sollte nur nicht verkennen, daß ein extremer Liberalismus, der auf Gemeinwohl keine Rücksicht nimmt, sich selber überlebt und zerstört. Ein Wirtschaftssystem ist gut beraten, auf Gemeinwohlinteressen Rücksicht zu nehmen. Die Gesellschaft setzt die Rahmenbedingungen für das Wirtschaften. Und wenn unser Wirtschaften als gemeinschaftsfeindlich oder schädlich angesehen würde, würde die Gesellschaft dieses auch verbannen. Unsere Gesellschaft ist zu stark auf Individualinteressen fixiert. Wir werden mehr Kraft darauf verwenden müssen, alle etwas mehr für das Gesamte zu tun." Darauf Kreibich: "Ich hätte das nicht besser sagen können."

Eine ideologiekritische Analyse dieser Übereinstimmung würde sich mit den Kennzeichnungen freie Gesellschaft, Gemeinwohl und Gemeinwohlinteresse befassen müssen - wesentlichen Anklängen an die Rezeption kommunitaristischer Gedanken aus den USA, wie sie aber auch in der Idee einer Sozialpartnerschaft eine spezifisch deutsche Geschichte hat.

Ein weiteres Beispiel schlägt andere Seiten unserer Tageszeitungen auf, ist eher auch typisch für ganz andere Medien und hat mit gesellschaftspolitischen Vorstellungen und Programmen weniger zu tun - ich meine die Idolatrie, wie sie etwa mit "Schumi" oder mit "unserm" Boris und "unserer" Steffi (Michael Schumacher, der Rennfahrer, Boris Becker und Steffi Graf, die Tenniscracks) und wie sie weltweit angesichts des Todes von "Lady Di" betrieben wurde. Haben Idole mit Ideologie zu tun? Schon Francis Bacon bezeichnet Idole oder Götzenbilder als die Ursachen falscher und verzerrter (ideologischer!) Wahrnehmung der Wirklichkeit. Was wäre "falsch" an der nationalen oder gar internationalen Begeisterung über Tennisspieler, Boxer, Rennfahrer und schöne Prinzessinnen, Schauspielerinnen usw.?

Was die Prinzessin Diana angeht, so kann ich mit einem letzten Beispiel aus der Wochenend-Zeitungslektüre aufwarten, das noch einen anderen Aspekt unseres Themas sichtbar macht. Der Soziologe Karl Otto Hondrich schreibt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (vom 18. 10. 1997) über die damals alle Welt erstaunende Trauer: "Noch überraschender als ihr Tod war das Ausmaß der Trauer um Prinzessin Diana. Die Trauer ergriff Paläste und Slums, Staatspräsidenten und Stadtstreicher, Popstars und Namenlose... Die Wucht der Trauerbewegung überraschte alle... Überrascht waren auch die Boulevard-Journalisten, die, als Geschäftsleute der Gefühle, in dem Ruf stehen, die Emotionen ihrer Kundschaft am besten zu kennen und von Fall zu Fall zu manipulieren... Am meisten überrascht waren aber wohl die Klugen im Lande. Als Publizisten und Pastoren, als Schriftsteller und Psychoanalytiker geben sie zu den laufenden Ereignissen den moralischen Ton an. Was haben sie zu der Trauerwelle zu sagen? Vorwiegend natürlich Kritisches... Die Trauer um Diana ist manchen deutschen Intellektuellen doppelt unheimlich: als Gefühlsbewegung und als kollektive Bewegung. Kollektive Gefühle gelten als irrational und gefährlich. Am besten, es gäbe sie nicht... In dieser vermeintlichen Scheinwelt haben die Gesellschaftskritiker die Prinzessin angesiedelt. Diana sei ein Idol, eine Ikone, eine Legende, ein Mythos... Nicht nur die lebende und die tote Diana sollen entwirklicht werden, sondern auch ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Gefühlsbindungen zwischen ihr und denen, die sie bewundert haben und betrauern, werden als nichtswürdig, als ein Nichts entlarvt; Träume und Schäume, falsches Bewußtsein... Aus Angst verschließen wir die Augen vor ihnen (den kollektiven Gefühlen, S.H.) oder nehmen sie nicht ernst. So können wir uns dann, als Gefühlsgemeinschaft der Intellektuellen, beim nächsten Auftauchen anderer kollektiver Gefühle - in religiösen, ethnischen, nationalen oder Klassenkonflikten - selbst wieder fassungslos empören; über Realitäten, die wir nicht erkennen und anerkennen wollen."

Das kann als (gar nicht unberechtigte) Kritik einer (in der Tat unzureichenden, bornierten) Ideologiekritik angesehen werden, als Kritik der Kultur- und Medienkritik auch, die darin gipfelt, daß den kritischen Kritikern vorgehalten wird, nicht Dianas Welt und ihre Darstellung in den Medien sei eine Scheinwelt, sondern sie selbst lebten in einer Scheinwelt. Sie begriffen nicht den realen Sachverhalt, der sich als Fähigkeit zu trauern nur deshalb erweist, weil sich die Menschen in ihrer Realität und ihren Gefühlen wiedererkannten: "Die Gefühle hat Diana nicht geschaffen. Aber sie hat sie auf sich gezogen. Sie wurde so zu einem Bezugspunkt geteilter Gefühle. Die Prinzessin gehört zu den wenigen Menschen, die die von ihnen geteilten Gefühle bündeln und wieder ausstrahlen." Sie hatte Ausstrahlung, Charisma. Solange wir, die Intellektuellen, die Realität kollektiver Gefühle - seien sie böse oder gut - nicht erkennten und nicht anerkennten, sie als bloß ideologische Scheinwelt verkennten, als bloßes Resultat der Manipulation durch die Medien, solange würden wir von ihrer plötzlich auftauchenden Realität nur überrumpelt - und fühlten uns überdies bedroht.

Hondrich eröffnet mit seinen Überlegungen, von der Intellektuellenkritik abgesehen, den Zugang zu einem erweiterten Ideologiebegriff, der auf konzeptive Ideologien sich nicht einschränken läßt. Er stellt damit die Frage - auch wenn wir mit der Antwort nicht zufrieden sein müssen -, ob kollektiv geteilte Gefühle nicht ebenso wie Bewußtsein, politische Einstellungen usw. in den Bereich des Ideologischen fallen, und deshalb wie diese auf ihre Wahrheit, ihre Funktion und ihre soziale Wirksamkeit zu untersuchen sind.

Definitionsversuche

Nach diesen Beispielen fragen wir erneut: Was ist Ideologie und wie können wir Ideologie definieren? Man sieht schon soviel: Der Begriff ist überaus vieldeutig. Aber das gilt nicht nur für seinen umgangssprachlichen und politischen Gebrauch, sondern auch für die wissenschaftliche Diskussion. Im politischen Alltagsgebrauch wie in den Sozialwissenschaften kann durchaus Gegensätzliches mit Ideologie gemeint sein. Man findet den Begriff neutral und wertfrei verwendet, oder positiv besetzt, kritisch oder polemisch und mit der Absicht der Verleumdung.

Wenn in der Lehre des Marxismus-Leninismus der "wissenschaftliche Kommunismus" als die Ideologie der Arbeiterklasse bezeichnet wird, dann ist das in einem positiven Sinne verstanden, als ein Lehrgebäude mit wissenschaftlichem Anspruch richtiger Erkenntnis und daraus abgeleiteter erfolgreicher Praxis bei der Erringung und Erhaltung der politischen Macht, der Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung und ihrer Weiterentwicklung zu einer kommunistischen. [2] Die weite Fassung des Ideologiebegriffs erlaubt es, klassenspezifische Ideologien voneinander zu unterscheiden, so insbesondere die "bürgerliche Ideologie" von der "sozialistischen Ideologie", wie jüngst wieder von Erich Hahn bei seiner Betrachtung der gegenwärtigen ideologischen Grundstruktur in unserer Gesellschaft verwandt. [3] Ein positiver Ideologiebegriff liegt auch dann vor, wenn etwa gefordert worden ist, man müsse dem Kommunismus eine wirksame "Gegenideologie" entgegensetzen. Das impliziert die Unterscheidung von richtiger und falscher Ideologie, jeweils definiert nach dem Standort in Klassenverhältnissen und dem Standpunkt in den Klassenauseinandersetzungen. Eine damit verwandte Spielart, auf "Ideologien" zu reagieren, die den eigenen Vorstellungen und Auffassungen entgegenstehen und die es deshalb zu bekämpfen gilt, ist die Gleichsetzung von "ideologisch" mit wirklichkeitsfremd, utopisch, verbohrt, dogmatisch usw. Die eigene Position gilt dann als unideologisch.

Angesichts der angedeuteten Spannweite möchte man fast dem Resümee von Schnädelbach zustimmen: "Das Begriffsspektrum reicht daher von der Ideologie als etwas, auf dessen Besitz man stolz ist, bis zum Vorwurf der Wahnhaftigkeit, ja der absichtlichen Realitätsverkennung, den man mit diesem Begriff gegen andere erhebt. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch, der sich hier als Schiedsrichter anzubieten scheint, überwiegen zwar die wertfreie und die kritische Verwendung des Begriffs ’Ideologie’, aber durch die sehr verschiedenen Prämissen der einzelnen theoretischen Schulen fächert sich das Spektrum noch weiter auf, so daß man mit nur geringer Übertreibung behaupten kann, es gebe ebensoviel verschiedene Ideologiebegriffe wie sozialwissenschaftliche Lehrstühle."

Auch Eagleton betont, daß es keine übereinstimmende Auffassung und (noch) keine angemessene Definition von Ideologie gebe. Dafür eine Menge an Überflüssigem und einiges Nützliche. [4] Die beiden Traditionslinien (von Hegel über Marx bis Lukács und zum Neomarxismus zum einen, die eher soziologische zum andern) gelte es zu verknüpfen. Am verbreitetsten sei die Auffassung, daß Ideologie das Mittel ist, mit dem Herrschaftsverhältnisse legitimiert und aufrechterhalten werden. Mindestens sechs Strategien würden dazu verwendet:
- die Propagierung von Werten und Überzeugungen
- das Selbstverständlichmachen dieser Werte und Überzeugungen
- ihre Universalisierung und Naturalisierung
- die Verunglimpfung konkurrierender Überzeugungen
- die Ausschließung (Verbot, Indizierung) rivalisierender Denkansätze
- die Verschleierung der gesellschaftlichen Wirklichkeit (Mystifizierung)

Allerdings ließen sich nicht alle Ideen und Überzeugungen auf die Herrschaftsverhältnisse und die herrschenden Kräfte einer gegebenen Gesellschaft beziehen, nicht alle ließen sich im Sinne ihrer funktionalen Bedeutung als Mittel der Legitimation verstehen. Er nennt als Beispiele den Puritanismus, das Suffragettentum, die Bewegung der Narodniki und fragt, ob diese Bewegungen zu Ideologien erst würden, wenn sie an die Macht gelangt sind. Die Infragestellung, die Opposition zu den bestehenden Herrschaftsverhältnissen müßte demnach aus dem Begriff herausfallen, was natürlich nicht zu halten sei.

Eagleton unternimmt einen eigenen Definitionsversuch [5] , an dem auffällt, daß die von Hondrich benannte Dimension kollektiver Gefühle fehlt: "Ideologische Diskurse (weisen) gewöhnlich ein bestimmtes Verhältnis von empirischen Aussagen und dem (auf), was man grob als ’Weltanschauung’ bezeichnet, in dem die Weltanschauung meistens das Übergewicht hat." Sie bilden "ein komplexes Netz empirischer und normativer Elemente". Ideologie ist keine aus der Luft gegriffene Illusion, sondern eine solide Realität mit kognitivem Gehalt, fähig das praktische Leben von Menschen zu organisieren. Aber sie kann Verzerrung und Mystifikation beinhalten. Sie kann Machtinteressen dienen, sie kann Verhältnisse der Macht anerkennen helfen, sie kann Illusionen einschließen, aber auch Zynismus und Ironie. Auf wenigstens sechs verschiedene Arten könne Ideologie definiert werden:
- Politisch und epistemologisch neutral: als materieller Prozeß der Produktion von Ideen, Überzeugungen und Werten.
- Als Ideen etc., die sich an die Lebensbedingungen und -Erfahrungen von sozialen Gruppen, Schichten oder Klassen heften und sie symbolisieren (klassenspezifische oder - mit dem Ausdruck Karl Mannheims - "seinsbezogene" Weltanschauungen).
- Als Ideenkomplexe, die angesichts anderer, oppositioneller oder konkurrierender sozialer Gruppen die der eigenen propagieren und legitimieren sollen.
- Als Legitimierung der Partialinteressen von Herrschenden (was an die von Marx und Engels in der "Deutschen Ideologie" formulierte These erinnert, daß die herrschenden Ideen immer die Ideen der Herrschenden sind).
- Aber auch als absichtliche Täuschung und Verzerrung von Tatsachen im Interesse der Beherrschung (Manipulationsthese, vgl. die noch in der Aufklärungsphilosophie verbreitete These vom "Priestertrug").
- Als (implizite, unabsichtliche) Mystifikation schließlich, die aus der materiellen Struktur der Gesellschaft herrührt (z. B. der Fetischismus der Warenwelt, wie von Marx im "Kapital" dargestellt).

Die Vielfältigkeit oder gar Unübersichtlichkeit der Definitionsmöglichkeiten soll uns nicht entmutigen. Allerdings ist damit die strikte Verpflichtung verbunden, den eigenen Gebrauch des Begriffs in jedem Falle genau zu bestimmen. Meine eigene Position liegt in dem angegebenen Spektrum von pejorativem bis positivem, von wertfreiem bis kritischem Ideologiebegriff eindeutig bei diesem letzteren. [6] Wenn es also darum gehen soll, eine Einführung in die Ideologietheorie zu geben und zugleich zu vermitteln, welcher Ideologiebegriff nach meiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit für soziologische Erkenntnis sinnvoll und für empirische Forschung tragfähig ist, dann kann ich nicht mit einer allgemeingültigen Definition beginnen. Die gibt es offensichtlich nicht, und ich will auch nicht so tun, als sei die hier vorgeschlagene Konzeption die einzig mögliche. Ich will die Argumente für sie allerdings möglichst stark machen. Im Gegensatz zu formaler Soziologie halte ich im übrigen das Definieren sozialer Tatbestände für riskant. Es läuft immer Gefahr, unhistorisch zu verfahren, den jeweiligen geschichtlichen Hintergrund der Begriffsbildung und die Gründe ihrer Veränderung zu vernachlässigen. [7]

Ideologie und bürgerliche Gesellschaft

Insofern bietet sich eine begriffsgeschichtliche Darstellung an, "eine begriffsgeschichtliche Analyse" allerdings, sagt Schnädelbach zu Recht, "die nicht von der realen Geschichte der durch die Begriffe bezeichneten Sachverhalte absieht." [8] Dahinter steht die Überzeugung, daß der Begriff Ideologie nicht im Sinne einer Nominaldefinition festgelegt werden kann, wenn man mehr als inhaltsleere Bestimmungen erwartet: Wenn erkennbar werden soll, was Ideologie ist, dann müssen die Sachverhalte selbst im Begriff erfaßt werden: "Befriedigende Realdefinitionen ... setzen eine Gegenstandsanalyse voraus, und je komplexer ein Gegenstand ist, um so schwieriger wird es, ihn in einer handlichen Definition zu charakterisieren." [9]

Was mit realem Gegenstandsbezug begrifflicher Bestimmung gemeint ist, kann ich vielleicht veranschaulichen anhand der Beziehung, die von der Kritischen Theorie der sog. Frankfurter Schule zwischen Ideologie und Bürgerlichkeit hergestellt wird. Adorno kommt zu dem Resultat, daß der klassische Ideologiebegriff gebunden ist an die bürgerliche Gesellschaft. Er sei nicht anwendbar auf Verhältnisse der unmittelbaren Macht, weder auf das Zeitalter der Monarchie feudalistischer Gesellschaften, noch auf moderne Diktaturen, wie sie der Nationalsozialismus einerseits und der Stalinismus andererseits darstellten, weil diesen Vergesellschaftungsformen ein wesentliches Element fehle, das die Formation der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichne: das der Rationalität. "Demgemäß ist auch Ideologiekritik, als Konfrontation der Ideologie mit ihrer eigenen Wahrheit, nur soweit möglich, wie jene ein rationales Element enthält, an dem die Kritik sich abarbeiten kann." [10]

Ideologie in diesem klassischen und kritischen Sinne ist von voller Wahrheit ebenso unterschieden wie von der bloßen Lüge. Ideologie ist Rechtfertigung bürgerlicher Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse, ohne Frage, aber sie legitimiert nicht nur eine gesellschaftliche und politische Ordnung, die selbst widersprüchlich ist und zudem bereits brüchig zu werden droht, sondern sie enthält auch das wahre Moment der bürgerlichen Gesellschaft, das über sie hinaus weist, sich als Idee der Gerechtigkeit, als die Ideen der Freiheit und der Gleichheit am Modell des Tausches orientiert. Den spezifisch bürgerlichen Ideen des Liberalismus und des Individualismus ist das rationale Element des Tausches von Äquivalenten wesentlich. Es erkennt und anerkennt die freie Person in der Gestalt des Warenbesitzers, zwar gebunden an die Institution des Privateigentums, aber doch bereits emanzipiert von persönlicher Herrschaft und Abhängigkeit.

Begriff und Tatbestand von Ideologie sind nach dieser Auffassung, worin gewiß ein gutes Stück "verschwiegener Orthodoxie" (Habermas) erkennbar wird, an die geschichtliche Epoche der bürgerlichen Gesellschaft gebunden. Im strikten Sinne von Ideologie zu reden, sei nur möglich, solange es den objektiven Schein einer von der Freiheit und Gleichheit der Individuen bestimmten Gesellschaft gibt, die in ihrer inneren Konstruktion als einer Klassengesellschaft auf Unfreiheit und Ungleichheit, auf der Ausbeutung der produktiven Klasse beruht. Prägnant hat Schnädelbach diesen an Karl Marx sich anschließenden "klassischen" Ideologiebegriff in der Sicht der Kritischen Theorie umrissen: "Ideologie ist gesellschaftlich notwendig falsches Bewußtsein, sofern man die Subjektseite betrachtet, und gesellschaftlich notwendiger Schein, wenn man vom Gegenstand des ideologischen Bewußtseins spricht. Der Terminus ’gesellschaftlich notwendig’ bedeutet nicht einen naturgesetzlichen Zwang zum falschen Bewußtsein, sondern eine objektive Nötigung, die von der Organisation der Gesellschaft selbst ausgeht. Sie entsteht, wenn die Gesellschaft den Individuen anders erscheint, als sie in Wahrheit ist, wenn bestimmte Oberflächenphänomene ihre innere Organisation verdecken; der ideologische Schein ist ein objektiver Schein, weil die Divergenz von Wesen und Erscheinung der Gesellschaft genetisch auf den Widerstreit zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen zurückverweist." [11]

Für Adorno nun ist dieser klassische Ideologiebegriff durch die veränderte Realität einer "verwalteten Welt" überholt: "Ideologie ist heute der Bewußtseins- und Unbewußtheitszustand der Massen als objektiver Geist, nicht die kümmerlichen Produkte, die ihn nachahmen und unterbieten, um ihn zu reproduzieren. Zur Ideologie im eigentlichen Sinn bedarf es sich selbst undurchsichtiger, vermittelter und insofern auch gemilderter Machtverhältnisse. Heute ist die zu Unrecht wegen ihrer Kompliziertheit gescholtene Gesellschaft dafür zu durchsichtig geworden." [12] Und: "Mit der Krisis der bürgerlichen Gesellschaft scheint der traditionelle Ideologiebegriff selbst seinen Gegenstand zu verlieren. Der Geist spaltet sich auf in die kritische, des Scheins sich entäußernde, aber esoterische und den unmittelbaren gesellschaftlichen Wirkungszusammenhängen entfremdete Wahrheit und die planende Verwaltung dessen, was einmal Ideologie war." ... "Die Ideologie ist keine Hülle mehr, sondern das drohende Antlitz der Welt", sie "geht in Terror über". [13]

Dies zur Veranschaulichung einer versuchten Realdefinition, einer gegenstandsbezogenen Bestimmung von Ideologie, die - und sei es in negativer Hinsicht - den geschichtlichen Phänomenen Rechnung zu tragen versucht, die mit dem Begriff eingefangen werden sollen. Weil damit immer auf wirkliche Erfahrungen der Menschen Bezug genommen wird, sind jeweils die historischen Wurzeln zu beachten, die in dem Bedeutungsgehalt des Begriffs der Ideologie stecken.

Das gilt nicht nur für den kritischen Ideologiebegriff selbst, vielmehr muß die historisch und gegenstandsbezogen verfahrende kritische Theorie versuchen, auch den positiven Ideologiebegriff und den, der sich wertfrei gibt, aus den spezifischen sozialen Bedingungen ihrer Entstehung und ihrer Verwendung zu erklären.

Ideologie in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften

Es scheint mir nun angebracht, knapp zu skizzieren, was das Resultat meiner eigenen Beschäftigung mit dem Ideologiebegriff ist. Durchaus selbst von der Kritischen Theorie geprägt, gehe ich ebenfalls davon aus, daß von Ideologie im "klassischen" Sinne nur im Zusammenhang der bürgerlichen Gesellschaftsformation gesprochen werden kann, unterscheide mich aber hinsichtlich der These, diese sei bereits in einem Maße verändert, daß sie weder in Kategorien des Tausches noch der kapitalistischen Verwertung, sondern eher in Kategorien der Verwaltung und monopolistischen Konsumunterjochung der "Masse" zu denken sei. Im Gegenteil: Statt von einem Ende der Bürgerlichen Gesellschaft oder von einer größeren Durchsichtigkeit "spätkapitalistischer" Verhältnisse, statt von Erstarrung in einem stählernen Gehäuse der verwalteten Welt, kann mit guten Gründen von höchster Lebendigkeit, von der vollen Durchsetzung sich selbst undurchsichtiger, vermittelter Machtverhältnisse ausgegangen werden Es kann zugleich von massiven "Schüben" der Individualisierung und der Verallgemeinerung der bürgerlichen Individualitätsform, von der Ausdehnung der Verrechtlichung auf den Grundlagen des Privateigentums und liberalstaatlicher Rechtsförmigkeit (auch zivilgesellschaftlicher Prinzipien) gerade in den vergangenen Jahrzehnten gesprochen werden. Das schließt immer auch ein, daß sich die Voraussetzungen für den objektiven Schein reproduziert und weiterentwickelt haben, - den objektiven Schein nämlich, daß die Gesellschaft auf der individuellen Leistung von Freien und Gleichen aufgebaut ist. Zu erinnern ist an den Erfolg der neokonservativen Parole, daß Leistung sich wieder lohnen müsse, mit der den Prinzipien liberaler Wirtschaftspolitik und der Reduktion von Wohlfahrtsstaatlichkeit die Wege geebnet worden sind.

Der Begriff der Ideologie in seiner klassischen Form wäre demnach so wenig überholt, das ist meine These, wie der objektive Schein des auf eigener Leistung beruhenden privaten Eigentums. Seine Anwendung auf gegenwärtige Verhältnisse muß allerdings den Veränderungen Rechnung tragen, die sich vor allem durch zwei unübersehbare Entwicklungstendenzen der bürgerlichen Gesellschaft kennzeichnen lassen: die enorme Ausfächerung gesellschaftlicher Lebensbereiche jenseits der unmittelbaren Produktion des gesellschaftlichen Reichtums mit der Tendenz ihrer Verselbständigung zum einen, und die politisch vermittelte Umverteilung der primären Einkommen (Lohn und Kapitalgewinn) durch den Sozialstaat zum andern, wodurch es in der Tat zu der Vorstellung von Leben ohne eigene Arbeit, freiwillig oder unfreiwillig, kommen kann. Um einen sehr begrenzten Entkoppelungseffekt freilich handelt es sich, wenn man bedenkt, daß die Existenz des Sozialhilfeempfängers doch eher den Charakter eines Gnadenverhältnisses hat und angesichts der Beschränktheit des Einkommens alles andere als attraktiv ist.

Zu diesen beiden Momenten kommt allerdings noch ein drittes hinzu, das ebenfalls mindestens modifizierende Bedeutung hat für den Kern des Ideologieproblems: die weltweite Zunahme des Denkens und Handelns in Kategorien unmittelbarer Natürlichkeit, ethnischer oder rassischer Gemeinsamkeit, der Abstammung oder der Hautfarbe. In den separatistischen Bewegungen, die zum Signum unserer Zeit geworden sind, mischt sich nicht selten der Wunsch nahttp://www.rote-ruhr-uni.com/cms/ecrire/?exec=articles_edit&id_article=84ch Autonomie und selbständiger Erringung von "Modernität" mit dem archaischen Streben nach Ursprünglichkeit und Unversehrtheit, die durch alles Fremde bedroht erscheinen. Für diese Seite, den Ausländerhaß und dessen Legitimierung mit nichts anderem als der eigenen Abstammung gilt in der Tat, was Adorno zur Abgrenzung gegen den strikten Ideologiebegriff die Suspendierung des rationalen Elements genannt hat, Rückfall hinter die zivilisatorischen Ergebnisse der bürgerlichen Epoche. [14]

Was folgt aus diesen Veränderungen? In den heute angemessenen Ideologiebegriff geht nicht nur ein, was zweifellos zu seinem zentralen Inhalt nach wie vor gehört: die illusorischen Vorstellungen, die sich die einzelnen als Freie und Gleiche einer auf der Gerechtigkeit des Tausches beruhenden Vergesellschaftungsform machen, sondern es gehen auch Momente ein, die ihren geschichtlichen Ursprung vor den bürgerlichen Verhältnissen haben. Wie diese Elemente eingehen, ist das Problem: Ideologietheorie muß den inneren Zusammenhang und den Stellenwert der einzelnen Elemente aus dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu erklären versuchen.

Eine empirische Frage etwa: Was wird transportiert an verdrehten Vorstellungen, an ideologischen Inhalten also, wenn die Individuen heute, die Industriearbeiter und die Angestellten wie die Manager und Unternehmer, die Dienstleistenden, aber auch die außerhalb des Erwerbslebens Stehenden, einen unvergleichlich größeren Zugang zu den geistigen Produkten, den künstlerischen Hervorbringungen aller Zeiten und Kulturen haben als die Generationen vor ihnen, an denen der klassische Begriff sich bildete? Die reich ausdifferenzierte und sich verselbständigende Struktur von "Überbauverhältnissen", zivilisatorisches Resultat der kapitalistisch entfesselten Kräfte gesellschaftlicher Produktion, begünstigt, das ist meine These, die Mischung aus bürgerlichen und vorbürgerlichen Elementen des Bewußtseins und der Ideen und Vorstellungen. Sie enthält zugleich den ideellen und institutionellen Ausdruck der ökonomischen Basisverhältnisse in den politischen und rechtlichen Formen (Waren werden nach ihrem Wert getauscht, die Besitzer der Waren anerkennen sich wechselseitig als Freie und Gleiche, daraus die bürgerlichen Rechtsformen des formalen und abstrakten Rechts und die Form des politischen Gemeinwesens als eines demokratischen Verfassungsstaats) und die abgehobeneren Hervorbringungen der immateriellen Produktion, also die Schöpfungen geistigen und künstlerischen Schaffens mit ihrer Spannweite von der Kunst bis zur Trivial- oder Alltagskultur. [15]

Nicht nur für die Kunst und die Literatur, auch für die Theologie und Philosophie - ganz zu schweigen von deren Derivaten in den Pseudo-Religionen und Barfuß-Philosophien - kann aber gelten, daß sie immer wieder zurückgreifen auf ihre geschichtlichen Ursprünge und anthropologischen Voraussetzungen: die magischen und mythologisch-religiösen Formen der frühen (ideellen) Naturbeherrschung durch Naturbeschwörung. Ich halte es nicht für ganz zufällig, wenn heute von einer verstärkten Wiederbelebung von Magie und Mythos geredet werden kann - ein Zusammenhang mit den Krisen der materiellen Produktion und den Brüchen in der Rationalität der modernen Produktionsweise ist kaum zu bestreiten: die Brüchigkeit, die in Akkumulationskrisen ebenso ihren Ausdruck findet wie in der globalen Tendenz einer "Risikogesellschaft"; oder die Enttäuschung bzgl. der unterstellten materialen Rationalität des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts. Was einmal, in den vorbürgerlichen oder traditionalen Gesellschaften, Einheit und Einheitlichkeit stiftende, Stabilität sichernde und Zusammengehörigkeit gegen bedrohende Umwelten symbolisch ausdrückende Funktion hatte, wird in einem Akt der Beschwörung - und sei es unbewußt - zu neuem Leben gebracht, um den realen Erscheinungen von Anomie in einer technisch-rationalen Welt ihren Schrecken zu nehmen. Der Rückgriff auf alte Mythen, die neuen Sinn stiften sollen, ist vergeblich. Aber er existiert. Und deshalb muß die Möglichkeit der Reaktivierung mythisch-religiöser Mystifikationen als ein Beieinander mit den rationalistischen Mystifikationen der bürgerlichen Ökonomie in die theoretische Bestimmung des Ideologischen, seines Inhalts und seiner Wirkungsweise eingehen.

Einen Zugang zu dieser hier nur kurz angedeuteten Erweiterung des klassischen Begriffs der Ideologie - notwendig falsches Bewußtsein und objektiver Schein - sehe ich in der Unterscheidung verschiedener Aneignungsweisen im Alltagsleben der modernen Individuen. Aneignung von Welt ist zum einen und grundlegend über die praktisch-geistige Tätigkeit, die Arbeit im materiellen Lebensgewinnungsprozeß vermittelt. Für die illusorischen, d. h. im Keim ideologischen Vorstellungen des bürgerlichen Individuums sind entscheidend die Formen, in denen die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion sich vollziehen. Die täglichen Handlungsweisen des Tauschens, und das heißt: des Umgangs mit Geld, des Arbeitens für Lohn oder der privaten Verfügung über Eigentum, die individuellen Entscheidungen über Konsumieren, Sparen oder Investieren entsprechen den Gestaltungen des Scheins - ich werde darauf zurückkommen und sie mit Marx die "Religion des ökonomischen Alltagslebens" nennen.

Zum andern erfolgt Aneignung von Welt und damit die Anschauung von Natur und Gesellschaft (einschließlich des Verhältnisses der einzelnen zu sich selbst) auch in sinnlich-ästhetischer und in mythisch-religiöser Form. Auch in der bürgerlichen Epoche gibt es angesichts des unbegriffenen Gesamtzusammenhangs von Natur, Gesellschaft und Gedankenformen noch das Bedürfnis nach Erklärung, Bewältigung, Sinnstiftung, Glauben usw., das sich jenseits der rationalen Aufklärung bewegt und sich in den vorbürgerlichen Gesellschaften in magischen, bildlichen oder mythologischen Vorstellungswelten niedergeschlagen hat.

Ängste und Hoffnungen, Träume von Gefahr und von Glück, Bereitschaft für das Schöne und Sehnsucht nach Versöhnung, nach Frieden und Erlösung z. B. sind nicht an sich als illusorisch herabzusetzen gegenüber etwa dem pragmatischen Sinn fürs "Machbare" oder andere Arten banaler Nützlichkeitserwägung. Illusorischen Charakter und ein Moment des Ideologischen bekommen die in magischen Beschwörungsakten, in mythischen Bildern, in sakralen Bauten, in Märchen, Gedichten, Musik und Tanzformen objektivierten Gefühle und Gedanken insofern, als sie die Verdrehung von Subjekt und Objekt symbolisch verfestigen, d. h. wenn sie Gesellschaftliches, von Menschen Gemachtes, in ein äußerliches Schicksal verkehren, als Gewalt der Natur oder als ein (göttliches) Mysterium fürchten, anerkennen und - verehren. Kurz: verkennen.

Diese Aneignungsweise schließt nun die geschichtliche Tendenz zur Rationalisierung (Max Weber) allerdings keineswegs aus. Es wäre ein Mißverständnis, die Konfrontation von Schein und Wahrheit - wie mit der kritischen Theorie oben als klassische Funktion von Ideologiekritik benannt - auf diese Form und Dimension der Aneignung nicht anwenden zu wollen.

Ein spätes Produkt der praktisch-geistigen und der sinnlich-ästhetischen Auseinandersetzung mit den Kräften der Natur und der Gesellschaft bzw. deren Aneignung durch die einzelnen ist die theoretische Form, theoretische Aneignungsweise. Auch sie hat eine jahrhunderte- wenn nicht jahrtausendelange Geschichte, bevor sie unter die modernen bürgerlichen Verhältnisse untergeordnet und zu deren Moment geworden ist. Im Ideologiebegriff erhält diese Aneignungsweise ihren Stellenwert über das Problem, inwiefern die Wissenschaften in der ganzen Ausfächerung von Human-, Sozial-, Kultur- und Naturwissenschaften zur Verschleierung der gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse beitragen können, Verhältnisse, auf denen sie selbst beruhen und in denen sie mehr oder weniger gut gedeihen. Das Problem so gestellt, verweist das Kriterium der Wissenschaftlichkeit auf die Differenz von Ideologie und Wahrheit.

Ich spreche hier nicht von unmittelbarer Indienstnahme wissenschaftlicher Arbeit durch die Träger gesellschaftlicher und politischer Macht. Theoretische Aneignungsweise als eine spezialisierte Tätigkeit hat für jedes inhaltliche Gebiet der wissenschaftlichen Forschung einen überlieferten, mehr oder weniger weit zurückreichenden und mehr oder weniger gesicherten Wissensbestand aufgehäuft. Der ideologische Effekt solcher Anhäufung und Verselbständigung ist darin begründet, daß es dem einzelnen Forscher oder Denker ganz verborgen bleiben kann, was die gesellschaftlichen Triebkräfte sind, die ihn so und nicht anders denken und forschen machen - er kann sich einbilden, daß alles Handeln, wie Engels einmal sagte, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint. [16] Solche materialistische Auffassung sieht in jeder Form des expliziten Idealismus oder einer nur bewußtlosen Arbeit mit dem vorgefundenen "Gedankenmaterial" die grundlegende illusorische Form: idealistische Verkehrung von Subjekt und Objekt.

Funktion und Wirkungsweise

Ich habe versucht, einen gewissen Eindruck davon zu vermitteln, was nach meiner Auffassung unter "Ideologie" zu verstehen ist, und in welche Richtung eine am historischen Kontext ansetzende Realdefinition des Begriffs zielt. Fragt man vor diesem Hintergrund danach, welche Funktion Ideologie hat, so ist zunächst zu präzisieren, für wen sie eine bestimmte Funktion haben soll: für die Individuen in ihrem Alltagsleben, für gesellschaftliche Gruppen oder Klassen, oder für den Strukturzusammenhang des ganzen gesellschaftlichen Systems. Den einzelnen mögen Ideologien dazu dienen, sich in der Welt zu orientieren, für sich einen "Ort" auszumachen, an den sie gehören, Halt zu finden in der Unübersichtlichkeit, sie zu entlasten von unablässiger Reflexion oder persönlichem Entscheidungszwang in den Situationen des alltäglichen Handelns. Im Konzept des "Gesellschaftsbilds" steht diese Perspektive im Vordergrund. [17] Dem liegt in der Regel eine wertneutrale Ideologiekonzeption zugrunde, die versucht sich fernzuhalten von einer kritischen Entscheidung über objektiven Schein und objektive Wahrheit ebenso wie von einer positiven Festlegung, die weiter ginge als die rein formale Funktionsbestimmung, daß Ideologien die Funktion haben, die einzelnen zu entlasten, insofern sie ihnen Orientierung versprechen. Ideologien, oder was dafür steht, etwa die Popitzschen Topoi, hätten insofern auch den Sinn der Sinnstiftung. Für die je einzelnen.

Eine andere Perspektive eröffnete bereits die Entlarvungsstrategie der französischen Aufklärer: Ihnen ging es - wie früh schon Francis Bacon, der die Funktion des Aberglaubens aufgedeckt hat - um die Frage des cui bono religiöser Dogmen, im wesentlichen also um die Funktion der Rechtfertigung und der Verschleierung von Herrschaft, wenn nicht gar um die der blanken Manipulation (so die These vom Herren- oder Priestertrug). Die Funktion der Legitimierung von sozialer Ungleichheit und Ausbeutung steht seither im Vordergrund kritischer Ideologiekonzeption. Von ihr werden die Mechanismen aufgedeckt, mittels derer partikulare Interessen als universale ausgegeben werden, und Verhältnisse der Ungleichheit als solche der Gleichheit erscheinen können, von Menschen und sozialen Kräften, Gruppen oder Klassen Gemachtes als "Sachzwang" usw. Diese Funktion der Verschleierung erfüllt Ideologie nach der oben umrissenen Realdefinition in der bürgerlichen Gesellschaft am besten als objektiver Schein, d. h. keineswegs als bewußte Manipulation, Lüge oder Propaganda.

Der französische Philosoph Labica hat dafür eine treffende Formel gefunden: "Die erste Funktion der Ideologie besteht im Vergessen ihres Ursprungs." Ideologiekritik deckt das Vergessene auf, oder - in Adornos Worten - konfrontiert die Ideologie mit dem Moment der Wahrheit, das in ihr enthalten ist. Geht man nicht von solcher kritischen Auffassung aus, verwendet man einen wertneutralen oder einen positiven Begriff von Ideologie, dann wird man auch ihre Funktion ganz anders fassen: Ideologie ist dann z. B. die Wahrheit einer Klasse, ihre Funktion ist die Erringung der gesellschaftlichen Hegemonie für diese Klasse. Als Kampfinstrument dient die positiv gefaßte Ideologie unmittelbar der Festigung der eigenen Reihen und der Bekämpfung des in der Ideologie selbst identifizierten (Klassen- oder Volks-) Feindes. Neben dem bereits erwähnten positiven Ideologiebegriff in der dogmatisierten Weltanschauung des Marxismus-Leninismus können als weitere, diesem durchaus entgegengesetzte Beispiele der Nationalismus und erst recht der reaktionäre Typus des Freund-Feind-Denkens in der völkischen Ideologie sowie der Rassismus angeführt werden.

Im Zusammenhang mit der funktionalen Bedeutung von Ideologie und Ideologien, und zwar die subjektive und die objektive Perspektive verknüpfend, ist schließlich besonderes Augenmerk zu richten auf ihre Wirkungsweise. Wie wirkt Ideologie? Mit zwei Beispielen möchte ich davon ebenfalls einen Eindruck vermitteln: anhand der Funktion und Wirkungsweise "ideologischer Staatsapparate" (Althusser), und anhand der symbolischen Formen der Distinktion (Bourdieu):

Louis Althusser [18] betont den materiellen Charakter der Ideologie, indem er an einen Satz von Pascal anknüpft: "Knie nieder, bewege deine Lippen zum Gebet, und du wirst glauben!" Die Existenz der Ideen eines Glaubens irgend eines beliebigen Individuums ist nach Althusser materiell, "insofern seine Ideen seine materiellen Handlungen sind, die in materielle Praxen eingegliedert und durch materielle Rituale geregelt sind, die ihrerseits durch den materiellen ideologischen Apparat definiert werden, dem die Ideen dieses Subjekts entstammen." [19] Die Idee hat sich materialisiert in der Institution. Die Institution der Kirche mit eigenen ökonomischen Ressourcen, eigenem Personal für klerikale und Verwaltungsaufgaben, mit besonderen Gebäuden, Symbolgerät und besonderer Gewandung ihrer Priester, Mönche usw., mit einer Fülle von angegliederten Vereinen und Hilfsorganisationen sowie Krankenhäusern, Schulen usw. wäre demnach ein "ideologischer Apparat" mit unbestreitbarer Materialität. Die Handlungen von Klerus und Gläubigen, die innerhalb dieser religiösen Institution vollzogen werden, sind "materielle Handlungen": Gottesdienst zelebrieren bzw. besuchen, Predigen, Singen, Beten, Beichten usw. Die Rituale inklusive ihrer besonderen Gestik haben materiellen Charakter: Hinknien, Sichbekreuzigen, Händefalten, die Augen niederschlagen ...

Die Herausbildung einer Religion aus der Volksphantasie und den mystisch-religiösen "Illusionen" einmal vorausgesetzt, kann der ideologische Apparat Kirche also durchaus in seiner realen Existenzweise betrachtet und daraufhin untersucht werden, wie er ideologisch wirkt. Die Materialität der Ideologie macht sich geltend als eine Rückwirkung oder als Verstärkung der illusionären Vorstellungen, aus denen sie sich speist. Mittels einer konzeptiven Ideologie, das wäre die ausgebildete kirchliche Lehrmeinung oder das Dogma der Religion, mittels der Unterweisung der Gläubigen in den Sätzen des Glaubenskanons, und mittels der Ausübung und beständigen Einübung der religiösen Zeremonien und Praxen, mittels eines differenzierten Rituals und einer umfangreichen religiösen Symbolik (Rolle der Musik, des Tanzes und der bildlichen Darstellungen) organisiert und befestigt die Kirche als ideologische Institution die religiösen Vorstellungen und mit ihnen eine Welt von Gefühlen und Empfindungen, die Teil des Glaubens sind.

Die von Althusser hervorgehobene Wirkungsweise (knie nieder, bewege die Lippen, und du wirst schon glauben) beruht bereits auf der Verselbständigung des ideologischen Apparats, das Ritual kann sich ebenso gegen seinen Inhalt verselbständigen wie die Unterwerfung der einzelnen unters Ritual gegen den Glauben. Weil die Materialität der Ideologie so offenkundig ist, kann nun der Eindruck entstehen, als ob die Ideologie grundsätzlich "von oben nach unten" wirke, das "Ideologische" als die Vergesellschaftungsform von oben. [20] Das scheint erst recht zu stimmen, wenn man bedenkt, daß die Individuen nicht fix und fertig vom Himmel fallen, sondern eine Biographie absolvieren, an deren Anfang ein mehr oder weniger subtiler, mehr oder weniger brachialer Prozess der Sozialisation steht. Das Werden der einzelnen zur Person vollzieht sich immer schon innerhalb vorgegebener Verhältnisse und gesellschaftlicher Strukturen, von denen die ideologischen Apparate nicht die unwichtigsten sind. Ohne auf deren systematischen Zusammenhang hier eingehen zu können, möchte ich doch unterstreichen, daß die Wirksamkeit des Ideologischen oder bestimmter Ideologien in der Erziehungsphase der nachwachsenden Generation fraglos von allergrößter Bedeutung ist.

Das gilt auch für das zweite Beispiel und wird durch die Untersuchungen noch kräftig unterstrichen, die Pierre Bourdieu zum Geschmack durchgeführt hat. Er sagt, daß Kunst und Kunstkonsum sich besonders gut und "ganz unabhängig vom Willen und Wissen der Beteiligten zur Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion der Legitimierung sozialer Unterschiede" eignen. [21] Weil in diesen höheren ästhetischen Formen, aber auch in den profansten Formen des Alltagshandelns die einzelnen mit ihrer Bekundung von Geschmack ("Schmecken" im Wortsinn) beständig Bewertungen vornehmen, ohne sich dessen bewußt zu sein, kann der Geschmack seine klassifizierende Wirkung entfalten, ohne daß seine soziale Genese und Funktion, seine "Klassenbedingtheit" und seine legitimierende Rolle für die bestehenden Ungleichheitsverhältnisse erkennbar würden.

Mit Hans-Peter Müller kann man sagen, Bourdieu betone, "daß der Klassencharakter erst dann sichtbar zum Vorschein kommt, wenn ökonomische Unterschiede symbolisch übersetzt werden in soziale Klassifikationen und prestigedifferenzierte Lebensstile. Das Geheimnis des symbolischen Transformationsprozesses besteht darin, daß das unterschiedliche ’Haben’ umgewandelt wird in unterschiedliches ’Sein’ der Akteure: aus ökonomischen Unterschieden werden somit sozial ein exklusiver Lebensstil und individuell eine vornehme, distinguierte Persönlichkeit. Erst wo die vulgären ’Prätentionen des nackten Besitzes’ (Weber) zur Erhabenheit eines distinkten Lebensstils und zum Ideal einer vollkommenen Individualität sublimiert sind, darf die Umwandlung von Vermögen in Ansehen, von Besitz in Status als geglückt gelten." [22]

Bourdieu: "Daher besitzen von allen Unterscheidungen diejenigen das größte Prestige, die am deutlichsten die Stellung in der Sozialstruktur symbolisieren, wie etwa Kleidung, Sprache oder Akzent und vor allem die ’Manieren’, Geschmack und Bildung. Denn sie geben sich den Anschein, als handelte es sich um Wesenseigenschaften einer Person, ein aus dem Haben nicht ableitbares Sein, eine Natur, die paradoxerweise zu Bildung, eine Bildung, die zu Natur, zu einer Begnadung und einer Gabe geworden seien." [23] (Weitere Beispiele aus den "Feinen Unterschieden": Ekel 105, Notwendigkeitsgeschmack 594.)

Die Beziehung zur Ideologieproblematik ist, denke ich, damit deutlich geworden: Es geht Bourdieu um die (unbewußte) Verschleierung von unterliegenden Verteilungs- und Herrschaftsverhältnissen, um den Anspruch der Mächtigen und Besitzenden auf Legitimität, um die Transformation ökonomischer Unterschiede in symbolische, um die Rechtfertigung als Funktion des Ideologischen und die Wirksamkeit des Ideologischen im Verborgenen. Ideologiekritisch verhält sich der Untersuchungsansatz, insofern er den Schein des Natürlichen einer sozialen Distinktion aufzudecken sucht. Diese aufdeckende Funktion kritischer Sozialwissenschaft ist nicht neu, sie steht an ihrer Wiege, aber sie auch anzuwenden auf die symbolische Dimension, auf das Alltagsleben, auf die Alltagskultur, auf die Mode, auf nicht nur kognitive Momente und Rationalität, das gehört in die mit diesem Jahrhundert beginnende soziologische Kulturkritik.

Ende der Ideologie? Kritik des Postmodernismus

Kommen wir nun zurück zu unserem Ausgangspunkt. Die hartnäckige Wiederkehr der Behauptung, wir lebten im postideologischen Zeitalter, ist ebenso auffallend wie andererseits die Vielfältigkeit der Definitionen und die anhaltende Diskussion über die theoretischen Konzepte, was Ideologie eigentlich ist, und wie der Begriff alltagssprachlich zum einen und wissenschaftlich zum andern gebraucht wird. Wir haben soweit darzustellen versucht, was Ideologie eigentlich ist, und damit zusammenhängend: welche Funktion sie hat für die einzelnen (Orientierung) und für die gesellschaftlichen Verhältnisse (Verschleierung von Interessen oder Strukturzusammenhängen, Rechtfertigung von Herrschaft), und wie sie wirkt (durch ideologische Praxen und Symbole, vermittelt über inkorporierte Wahrnehmungs- und Distinktionsmuster). Wir unterschieden grundlegende Bedeutungsinhalte, die bei der Diskussion unserer aktuellen Problemstellung zu beachten sind: Wertfrei und neutral verstand sich die "Wissenschaft von den Ideen" (besser: von den Vorstellungen) von ihrem offiziellen Anfang an, d. h. mit der Begründung des "Institut de France" 1795 durch Destutt de Tracy. Das tatsächlich aufklärerische bzw. entlarvende Moment, das noch in solcher erkenntnistheoretischer und am Muster der Naturwissenschaften orientierter Absicht lag, hat die scharfe Reaktion von Napoleon hervorgerufen. Mit seiner Polemik gegen den intellektualistisch zersetzenden Charakter der "Ideologen", und das heißt auch gegen die naturrechtliche Vernunftkonzeption, führte er einen denunziatorischen und pejorativen Ideologiebegriff ein, der sich bis in die Gegenwart gehalten hat. "Ideologisch" (im Sinne von dogmatisch, verbohrt, zersetzend u. ä.) denken und handeln danach die anderen, die deshalb sowohl verächtlich gemacht als auch bekämpft werden können. Eine dritte Variante sahen wir in einem allgemeinen Ideologiebegriff, der die Klassen- oder "Seinsbezogenheit" zum Ausgangspunkt nimmt und der Abgrenzung und Herausbildung einer eigenen Gruppenidentität dient. Ideologie wird auf dieser Grundlage zugleich zum Kampfbegriff. Positiv besetzt wird etwa die "sozialistische Ideologie" der negativ oder kritisch behandelten "bürgerlichen Ideologie" entgegengestellt, so wie umgekehrt dem Kommunismus die "Gegenideologie" der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Als vierten Typus begrifflicher Bestimmung von Ideologie machten wir den in der kritisch-aufklärerischen Tradition stehenden aus. Als ideologisch verzerrt gelten bereits der Aufklärungsphilosophie die Vorurteile und der Aberglaube, radikalisiert wird diese Entschlüsselung gesellschaftlich bedingter Verblendung mit der Kritik der Religionskritik und der Kritik idealistischer Philosophie, schließlich mit der Kritik der politischen Ökonomie. Marx und Engels führen in der Analyse der Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft den Nachweis, inwiefern "falsches" und "mystifiziertes" Bewußtsein notwendig mit den historisch spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen der Produktion verbunden und als die maßgebliche Voraussetzung der (bürgerlichen) Ideologie anzusehen ist. [24] Wer heute von der klassischen Ideologietheorie spricht, meint im wesentlichen die von Marx bzw. von Marx und Engels entwickelte. In dieser Tradition stehen meine eigenen Überlegungen in bezug auf die gestellte Frage: Leben wir im postideologischen Zeitalter, oder ist die Rede vom postideologischen Zeitalter selber Ideologie?

Das Ende des ideologischen Zeitalters hat schon Raymond Aron zur Zeit des kalten Kriegs beschäftigt (1955) [25] , Daniel Bell hat das Ende der Ideologie verkündet (1956), Ernst Topitsch spricht vom nachideologischen Zeitalter (1961), und dann natürlich wieder die Philosophen der sog. Postmoderne, für die das Ende der Geschichte (Fukuyama) und das Ende der großen Erzählungen (Jean-Francois Lyotard) kennzeichnend sind für das nun endgültige postideologische Zeitalter und gleichbedeutend mit ihm. Aber auch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule hatte schon ausgangs der 60er Jahre von einem Ende der Ideologie "im eigentlichen Sinne" gesprochen. Noch einmal sei erinnert an Schnädelbach: "Ideologien im klassischen Sinne sind immer Versuche gewesen, sich auf das gesellschaftliche Ganze einen Vers zu machen, es rational zu durchdringen und es als etwas Rationales zu erweisen. Wir leben in einem nachideologischen Zeitalter insofern, als solche Versuche heute weitgehend unterbleiben, weil sie durch bestimmte gesellschaftliche Bedingungen ungemein erschwert werden." [26]

Näher als die Kritische Theorie liegt uns aber der Postmodernismus. Für ihn kann es Ideologie nicht mehr geben, wenn es die großen sinnstiftenden Ideen und Mythen nicht mehr gibt: die Ideen der Aufklärung nicht mehr, nicht den Anspruch auf Wahrheit, den Mythos vom Fortschritt nicht mehr, aber auch nicht mehr den Puritanismus, Liberalismus, Sozialismus, den Nationalismus. [27] Lyotard: "Die Sehnsucht nach der verlorenen Erzählung ist für den Großteil der Menschen selbst verloren." Jacques Derrida: "Es gibt keine Geschichte mehr, sondern bestenfalls `Geschichten´." Es gibt keine großen "Meta-Erzählungen" mehr, bestenfalls nur noch kleine Erzählungen. Abschied ist zu nehmen von jeglichem Totalitätsanspruch. Mit der Geschichte und mit dem übergreifenden Mythos eines geschichtlichen Telos ist nicht nur die Ideologie am Ende, auch die Utopie - so schon in einem "Konkursbuch" von 1983: "Die Zukunft ist schon angekommen, alles ist schon angekommen, alles ist schon da ... Es ist nichts mehr zu erwarten." Das spiegelt den Zeitgeist der 80er Jahre, dem Jean Baudrillard 1979 schon Ausdruck verliehen hat: "Es ist nichts mehr zu erwarten... weder die Realisierung einer revolutionären Utopie noch andererseits ein explosives Atomereignis... Der Endpunkt liegt schon hinter uns."

Unwidersprochen sind diese Thesen nicht geblieben. In einem scharfsinnigen "Nachruf" auf die Postmoderne hat jüngst Hans-Peter Müller die Einwände des Soziologen formuliert. [28] Und Terry Eagleton mokierte sich in seinem Einführungsbuch schon vor Jahren über die paradoxe Behauptung vom Ende der Ideologie angesichts des "überall beachtlichen Wiederauflebens" von Fundamentalismen aller Art, dem islamischen, dem christlichen Evangelismus in den USA, dem neo-stalinistischen in Rußland, oder angesichts der breiten feministischen Bewegung und des Kommunitarismus in den entwickelten westlichen Gesellschaften. In einem Interview resümiert er: "Es gibt keine ideologischere Annahme als die, man habe alle Ideologie hinter sich gelassen." [29] Weil seine Beispiele so einleuchtend sind, darf es nicht Wunder nehmen, wenn die Rede vom nachideologischen Zeitalter erheblichen Zweifeln ausgesetzt worden sind, und mehr noch: daß das Denken der Postmoderne inzwischen selber unter Ideologieverdacht geraten ist. [30]

H.-P. Müller meint: Der Postmodernismus ist tot. Er geht nicht einmal mehr als Gespenst um. Heute haben wir andere Sorgen. Auch das Feuilleton der "Zeit" spricht hinsichtlich der Postmoderne heute unumwunden als "Schnee von gestern" und nennt auch den Grund für das Dahinschmelzen: "Die Krisen des Kapitalismus treiben das postmoderne Denken in die Defensive... Tod der Moderne? Die moderne Welt hat andere Sorgen, und das postmoderne Denken ist mit seinem Latein am Ende. Es hat alle Illusionen durchschauen wollen und ist doch einer entscheidenden auf den Leim gegangen: den Stabilitätsversprechen der achtziger Jahre. Das postmoderne Denken hat die sozialstaatlichen Bestandsgarantien der Moderne mit dem Ende der Geschichte verwechselt. Doch diese Seifenblase ist 1989 zerplatzt, und nun hat die Welt ihre Krise wieder am Hals. Der Kapitalismus ... kehrt zurück und streift auf der freien Wildbahn des Weltmarktes seine sozialstaatlichen Fesseln ab. Nicht das postmoderne `Verschwinden der Wirklichkeit´, sondern ihre brutale Wiederkehr ist das Problem..." [31]

Diese Wirklichkeit ist, nach heute allgemeiner Ansicht, gekennzeichnet als die "Globalisierung" der kapitalistischen Wirtschaft, und in ihren weltweiten Turbulenzen bricht zusammen, was immer schon Ideologie war: die Behauptung, daß wir in einem nachideologischen Zeitalter angekommen sind. Dies ist die verbreitete These, und das ist der Abschied vom Postmodernismus. Und damit wären wir also schon am Ende. Aber treten wir zuvor noch einen Schritt zurück. Ideologiekritik am postmodernen Denken verlangt dem Moment von Wahrheit nachzugehen, das in ihm steckt oder gesteckt haben mag, dem Verständnis von Adorno gemäß, daß Ideologie im strengen Sinne immer die Verschränkung von Wahrem und Falschem sei. Einfacher gesagt, müssen wir sehen, was plausibel oder wahr ist am postmodernen Denken, und was die Ursachen sind für die Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten. So wie Eagleton es in seinem erwähnten Essay zu den Illusionen der Postmoderne versucht hat. Seine These: "Die Politik der Postmoderne ist gleichzeitig eine Bereicherung und eine Ausflucht." (Illusionen, 33) [32]

Eine Bereicherung insofern, als sie Fragen der Sexualität, des Geschlechts und der Ethnizität entschieden auf die politische Tagesordnung gesetzt habe (29), damit neue Gruppen von "Erniedrigten und Ausgestoßenen" ins Blickfeld gerückt und auf manche Weise, vor allem mit dem Mittel der Ironie, "die selbstherrliche Identität des Systems bis auf die Grundfesten erschüttert" habe (33).

Die postmodernen Schlüsselbegriffe des Fremden und des Anderen, der Differenz und Diversität, der Relativität und Gleich-Gültigkeit, der "Dekonstruktion" vor allem - dieser neue Diskurs trägt Veränderungen Rechnung, die gewissermaßen als "Gesteinsverschiebungen" einer ausdifferenzierten, multikulturellen, auf jeden Fall komplexer zusammengesetzten modernen Gesellschaft zu betrachten sind: "Die Postmoderne ist eine intellektuelle Strömung, die mißtrauisch ist gegenüber den klassischen Begriffen von Wahrheit, Vernunft, Identität und Objektivität, von universalem Fortschritt oder Emanzipation, von singulären Rahmenkonzepten, `großen Erzählungen´ oder letzten Erklärungsprinzipien. Im Gegensatz zu diesen Leitvorstellungen der Aufklärung betrachtet die Postmoderne die Welt als kontingent, als unbegründet, als vielgestaltig, unstabil, unbestimmt, als ein Nebeneinander getrennter Kulturen oder Interpretationen... Diese Sichtweise beruht, wie manche behaupten, auf realen Verhältnissen: Sie entspringt dem im Westen stattfindenden historischen Wandel zu einer neuen Form des Kapitalismus ... Die Postmoderne ist ein kultureller Stil, der etwas von diesem epochalen Wandel reflektiert..." (VII f.)

Ist da nicht manches an Plausibilität und Wahrheit? Nehmen wir den Begriff des Fortschritts: Ist er nicht zusammen mit dem geschichtsphilosophischen Denken insgesamt fragwürdig geworden angesichts globaler Zerstörung der Lebensbedingungen? Oder das Konzept der rationalen Gestaltung der modernen Gesellschaft: Ist es nicht praktisch und theoretisch diskreditiert durch die Niederlage des einmal real existierenden Sozialismus? Oder die Konzeption einer gesellschaftlichen Totalität: Ist sie nicht anmaßend wegen der naiven Vorstellung, alle politischen und kulturellen Phänomene ableiten zu können aus einem einzigen bewegenden Prinzip, dem Kapital, und sie somit zu entwickeln aus der Analyse der historisch spezifischen Form gesellschaftlicher Arbeit? Ist es ein Zufall, daß Luhmanns These einer Differenzierung moderner Gesellschaften in Sybsysteme mit je eigener Logik, die eine Erklärung ex toto nicht mehr möglich mache, so erfolgreich geworden ist?

Nennen wir es so: Eine Bereicherung könnte mit Eagleton darin gesehen werden, daß Zweifel geweckt sind, Dogmen erschüttert, alte Gewißheiten überprüft werden müssen hinsichtlich der Gültigkeit klassischer Konzepte. "Das postmoderne Denken hat die selbstverständlichsten Institutionen entzaubert, indem es die Konventionen freigelegt hat, die sie bestimmen..." (37) Die postmoderne Kultur hat "all diejenigen gründlich desorientiert, die sich nur allzu gut ihrer Identität bewußt waren..." (36) Sie hat das zuwege gebracht mit den Mitteln der Ironie vor allem und mit der Lust am Paradox. [33] In diesem Sinne könnte die Entdeckung des Körpers, ein zentrales Moment postmodernen Denkens, und der damit verbundene kulturelle Stil ebenfalls als Reflex veränderter Verhältnisse und als Bereicherung aufgefaßt werden - wie immer ambivalent: "Für das postmoderne Subjekt ist, im Gegensatz zu seinem cartesianischen Vorläufer, der Körper ein integraler Bestandteil seiner Identität. Von Bachtin bis zum Bodyshop, von Lyotard bis zu Leotard-Trikots ist der Körper tatsächlich zu einem Hauptanliegen postmodernen Denkens geworden. Ob nun zerstückelte Gliedmaßen, gefolterte Rümpfe, bemalte oder eingesperrte, disziplinierte oder begehrliche Körper: Die Buchläden sind übervoll von solchen Phänomenen, und es lohnt sich, nach der Ursache dafür zu fragen." (92)

Die von Eagleton gemeinte Ausflucht ist schon in der Ambivalenz angedeutet, die er in die Bereicherung eingeschlossen sieht, dem Körper, der Sexualität, der Sinnlichkeit, dem kulturell Anderen als politischen Themen sich zuzuwenden. Was ist daran Ausflucht? Was ist daran ideologisch? Es ist ja nicht so, daß die zentralen Fragen der Herrschaft, der Macht und der Gewalt nicht gestellt würden. Im Gegenteil: Alles ist politisch, alles ist von Macht und Gewalt durchdrungen, das hat man von Foucault. Und Derrida sagt selbst ausdrücklich: "Anstatt in der Euphorie des Endes der Geschichte die Ankunft des Ideals der liberalen Demokratie und des kapitalistischen Marktes zu besingen, anstatt das `Ende der Ideologien´ und der großen emanzipatorischen Diskurse zu feiern, sollten wir niemals folgende offensichtliche makroskopische Tatsache vergessen, die aus den tausendfältigen Leiden einzelner besteht: Kein Fortschritt der Welt erlaubt es zu ignorieren, daß niemals zuvor auf der Erde, in absoluten Zahlen, so viele Männer, Frauen und Kinder unterjocht, dem Hungertod überlassen oder ausgerottet worden sind." [34]

Auch ist es nicht so, daß das klassische Thema der Totalität ganz aus den Diskursen ausgeschlossen wäre - es ist, wie Eagleton vermerkt, zugelassen in bezug auf das Patriarchat, auf den Körper, auf das Gefängnis, aber ausgeschlossen, wenn es um die Gesamtgesellschaft geht, und erst recht, wenn es um die Theorie der modernen Gesellschaft als globalisiertem Kapitalismus geht: "Hinter der Weigerung, nach Totalität zu suchen, verbirgt sich einfach die Weigerung, den Kapitalismus zu betrachten." (14) Theorie war für die Postmodernen mehr oder minder kognitiver Terror, befindet Müller, und: "Wo einst Gesellschaft war, mußte nun Kultur sein." [35] Mit einem Wort: Gesellschaftstheorie ist ersetzt worden durch Kulturalismus.

Eagleton vermutet, die kulturalistische Wende zum Körper, aber auch der Feminismus und die Ethnizität nähmen nicht zuletzt deswegen im postmodernen Denken zentrale Stellen ein, weil sie nicht einhergehen müssen mit einer spezifisch antikapitalistischen politischen Thematisierung: "Feminismus und Ethnizität sind heute populär, weil sie Orientierungspunkte in einigen der lebenswichtigen politischen Kämpfen bieten, mit denen wir in der Realität konfrontiert sind. Sie sind auch deshalb populär, weil sie nicht unbedingt antikapitalistisch sind und deshalb gut in ein postradikales Zeitalter passen." (33) Wegen der offenkundigen Übermacht des Kapitalismus, insbesondere nach dem Scheitern des Sozialismus in der Sowjetunion und anderswo, sei es auch für Teile der Linken (und die ist bekanntlich von postmoderner Wende nicht verschont geblieben), sei es also für postmoderne Wendehälse fraglos geworden, ihren lahm gewordenen Veränderungswillen und ihre Radikalität auf Themen zu verschieben, die sozusagen Stellvertreterfunktion für den klassischen Antikapitalismus (für Sozialismus und Marxismus) übernommen haben (vgl. 30).

Für ideologisch hält er deshalb auch die in den Sozialwissenschaften verbreitete Triade Klasse-Rasse-Geschlecht, die ja auf den ersten Blick ziemlich überzeugend sei, und doch eine völlig irreführende Voraussetzung enthalte. Klasse im Sinne der Unterdrückung und Ausbeutung stelle eine soziale Kategorie dar, "was für die Existenz als Frau oder für eine Gruppe mit einer bestimmten Hautpigmentierung nicht zutrifft" (76f). "Ist man bürgerlich oder proletarisch, so handelt es sich dabei überhaupt nicht um eine biologische Angelegenheit." (78) Das ist soweit schon richtig. Was aber Arbeiter, Frauen und Schwarze als soziale Gruppen sehr wohl gemeinsam haben können, ist die Tatsache ihrer Unterdrückung, Ausbeutung und Benachteiligung, die darin kulminieren kann, daß man sie von voller gesellschaftlicher und politischer Teilhabe ausgrenzt, ihnen ihre vollen Bürgerrechte, die sozialen insbesondere, z. T. aber auch die zivilen und politischen, vorenthält.

Der postmoderne Kulturalismus sieht solche Ausgrenzungen in den kulturellen Dimensionen des Alltagslebens sehr wohl, aber er relativiert sie durch die Konzentration auf Sexismus und Rassismus, und so vergißt er oder lenkt er ab von den allgemeinen sozialen Voraussetzungen der Klassenverhältnisse und ihrer materiellen Bedingungen, aus denen jene geschlechts- und rassenspezifische Diskriminierung als zusätzliche erst ihre volle Erklärung finden könnte. Das etwa meint der Autor mit Ausflucht, und das hat für ihn ideologische Funktion. Die Funktion von Ideologien bestehe nämlich darin, Handlungen zu legitimieren, nicht sie zu reflektieren. (177)

Kulturalismus als wesentliches Merkmal der Postmoderne dient der Legitimierung durch Ablenkung und damit der Verschleierung der Wirklichkeit einer kapitalistischen Totalität. Mit dem Bewußtsein, mit dem Subjekt, mit der geschichtsmächtigen Klasse als Repräsentanten der Ideen von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, schließlich mit der Vernunft, den klassischen Themen der Moderne, sind von den Postmodernisten auch die Themen der klassischen Ideologiekritik aufgegeben.

Der Körper und die Sexualität, sagt Eagleton, sind auf dem besten Weg, die größten Fetische von allen zu werden (34, 93). In der positiv zu bewertenden Befreiung des Körpers und der Sinnlichkeit ist als ideologische Kehrseite angelegt die Rückkehr zum alten Organizismus, i. e. die Naturalisierung von Gesellschaft - aber, so fügt er treffend hinzu, "für die neue Somatik ist nicht jeder Körper zureichend. Während der libidinöse Körper `in´ ist, ist der arbeitende Körper `out´." (94 f.) Dem kulturalistischen Reduktionismus (98) ist gemäß, wenn Themen wie Gender, Body Culture und Exotik der fremden Kulturen an die Stelle von Kapital und Arbeit treten. Aber nicht nur die Themen der klassischen Ideologiekritik werden fallengelassen, vielmehr das Konzept der Ideologie selbst - "ein bequemes Verfahren ... genau genommen selbst ein ideologischer Diskurs." (49f.)

Sehnsucht nach dem Mythos

"Die Theoriegeschichte des Marxismus ist durch zahlreiche Ansätze zur Selbstreflexion gekennzeichnet...; bislang hat die Postmoderne nichts annähernd Gleichwertiges geliefert." Dies war noch einmal Eagleton (36). Darin liegt für mich Aufforderungscharakter insofern, als auch marxistische Ideologietheorie in Selbstreflexion bedenken muß, welche Momente im postmodernen Denken sie nicht einfach übergehen oder fallenlassen kann, sondern daraufhin überprüfen muß, ob sie außer Falschem auch Richtiges enthalten.

Zunächst also sind einige Fragen zu stellen: Wenn die wachsende Bedeutung von Sinnlichkeit, Körper und sozialen Zuschreibungen nach dem biologischen Alter, dem Geschlecht, der Hautfarbe und der ethnischen Zugehörigkeit unstrittig ist, muß das nicht folgenreich sein für die Konzeption des klassischen Ideologiebegriffs, womöglich für die zeitgemäße begriffliche Fassung von Ideologie überhaupt? Wo der Ideologiebegriff doch stets bezogen war auf Vorstellungen, Ideen und Ideengebäude, also auf Bewußtsein, auf bewußtes Sein, auf Erkenntnisprobleme, verzerrte Wahrnehmung und verkehrte Formen der Interpretation von Wirklichkeit, scheint definitionsgemäß die kognitive Dimension allein bestimmend zu sein. Nicht Emotion, nicht Affekte, nicht in den Körper eingelassene Formen von Konditionierung des Verhaltens. Muß aber Ideologie begrenzt sein auf ihren sprachlichen Ausdruck? Gibt es nicht auch nonverbale Kommunikation, die "ideologisch" sein kann?

Und weiter: Ist der klassische Ideologiebegriff nicht von vornherein ergänzungsbedürftig, weil er in seiner Durchführung bei Marx beschränkt blieb auf die ökonomische Totalität der bürgerlichen Gesellschaft, und nicht nur andere Bereiche der gesellschaftlichen Totalität strikt darauf bezogen blieben (Basis - Überbau), sondern auch vorbürgerliche und überhaupt historisch vergangene "Erzählungen" (Erklärungsmuster für Welt und Natur) eher unberücksichtigt blieben?

Am Beispiel eines wachsenden Bedürfnisses nach dem Mythos kann versucht werden, der Wirkung des Vergangenen im Gegenwärtigen der Ideologie nachzuspüren. Und zugleich werden daran auch Hinweise erkennbar auf die symbolischen, nonverbalen Formen von Mystifikation.

Die "Sozialistischen Studiengruppen" haben in einem längeren Essay [36] die in den achtziger Jahren auffälligen Phänomene der Stilisierung und Individualisierung, verstärkter Entwicklung des Körperkults, Wiederzuwendung zu mehr "Weiblichkeit" und zu Zärtlichkeit, zu den Märchenerzählungen und zur Heimat zum Anlaß genommen, das Verhältnis von Sinnlichkeit und begrifflichem Denken in der modenen Gesellschaft zu reflektieren. An der Mode zeigen sie auf, was sie den "gesellschaftlichen Bedeutungswert" nennen, der zum Gebrauchswert jedes Gegenstands im Alltagsleben hinzutreten könne. "Es gibt kaum einen Bereich der gesellschaftlichen Wirklichkeit, der nicht gleichzeitig auch Träger von Bedeutungen ist." (9) [37] Die Mode als eine Form symbolischer Reproduktion kann als Feld sinnlicher Darstellungsformen von Individualität verstanden werden, und so auch die Betonung der Körperlichkeit: Tanz und Sport, Jogging und Aerobic, Fitness Center und Love Parade. Nach dem Unisex der Jeansmode in der Kleidung jetzt ein Trend zu "neuer Weiblichkeit" und ein anderes Verhältnis der Geschlechter zueinander.

Ganz im Sinne der Widersprüchlichkeit, die Eagleton mit Bereicherung auf der einen Seite und ideologischer Ausflucht auf der anderen Seite benannt hat, sehen auch die SOST die positive Seite einer "Entwicklung von Individualität der Personen, sich bewußter zur eigenen Sinnlichkeit und Körperlichkeit und damit zu sich selbst zu verhalten", und andererseits die Flucht aus der Wirklichkeit, die als Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter, imaginiert als Hort der Wärme, der Nähe und Geborgenheit in der Familie, der Nachbarschaft und der Heimat, zu interpretieren ist.

"Die Wiederverzauberung der Welt durch Magie und Mystik, Mythologie und Märchen, Meditation und Imagination, Traum und Phantasie ..., Parapsychologie und Okkultismus" begleite jenen Prozeß zunehmender Bedeutung von Sinnlichkeit im Alltagsleben und Alltagsbewußtsein. "Die Sehnsucht nach dem Mythos erobert sich einen Teil des Terrains des bildhaften und sinnlichen Aneignens der Wirklichkeit. Das Unmittelbare, Anschauliche wird rätselhafter, geheimnisvoller gekleidet, kurz: mythisch." (18)

Diese Sehnsucht wächst in dem Maße, wie sich Sinnlichkeit und abstraktes Denken gegeneinander verselbständigen. Der Mythos nimmt die Funktion eines Lückenbüßers ein, der die Leere füllen soll, die durch die Krise der Vernunft entstanden ist. Das Erzählen von Märchen und Mythen bedient das Gemüt, es soll das Gefühlsdefizit der Gegenwart ausgleichen und "dem Leben wieder Sinnhaftes vermitteln" (25), nachdem die Ratio enttäuschte. Mysterium und Magie, Mythos und Religion bieten die Möglichkeit zum "ideellen Ausstieg" (83). Ideologisch ist die Gegenaufklärung als Programm, wenn wie im Neokonservativismus der Mythos als das andere der Vernunft (Habermas) gefeiert wird und rückwärtsorientierte Sehnsüchte zum Kitt der brüchig gewordenen Legitimation politisch-ökonomischer Herrschaftsverhältnisse herhalten sollen. Als harmlos kann er nicht eingestuft werden: "Der Mythos ist die Vereinfachung von Komplexität - und letztlich von Welt. Darin gründet seine Macht. Er stiftet Identität, wo Unsicherheit ist. Darauf beruht seine Wirkung, die im Politischen zur Gefahr werden kann. Es ist dem Mythos eigentümlich, dass er zur Verwirklichung drängt und doch sich nicht als Theorie des Handelns eignet. Insofern ist jeder Rückfall hinter die Aufklärung mit Folgen verbunden, die tendenziell totalitär sind." [38]

Ideologie und Ideologien am Ende des Jahrhunderts der Extreme

Um die Möglichkeit einer "geistig-moralischen Wende" und den postmodernen Kulturalismus in den 80er Jahren zu verstehen, um damit zugleich die Behauptung von der Fortexistenz der Ideologie im sogenannten nachideologischen Zeitalter theoretisch zu fundieren, werde ich nun in sieben Thesen eine Skizze der Schrittfolge versuchen, die eine wissenschaftliche Ideologiekritik nach meinem Verständnis einzuhalten hat. [39]

1. Praktisch-geistige Formen der Aneignung von Natur und Gesellschaft schließen unter bornierten Verhältnissen die Verkehrung von Subjekt und Objekt ein. Das ist Grundthese aus der "Deutschen Ideologie" von Marx und Engels. Für die kapitalistische Gesellschaftsformation ist das nachgewiesen in den Studien zum "Kapital". Es ist daher in der Ideologietheorie und -Kritik unabdingbar auszugehen von der Kritik der politischen Ökonomie und den hier dargestellten Stufen der Mystifikation - von der Ware zum Geld und den Formen des Kapitals bis zur "Trinitarischen Formel", in der sich die bürgerliche Gesellschaft an ihrer "Oberfläche" darstellt. Dieser Schritt beschränkt sich also auf die ökonomische Totalität der bürgerlichen Gesellschaftsformation. Es handelt sich um die Entschlüsselung der "Fiktionsweisen ohne Phantasie", um die "Religion des ökonomischen Alltagslebens".

2. Die "abgeleiteten" Strukturen des gesellschaftlichen Überbaus lassen sich nach größrer Nähe oder Entferntheit von der Basis unterscheiden: zum einen die politischen Werte und Ideen bzw. Institutionen (Recht und Staat, zivile, politische und soziale Bürgerrechte), zum anderen die kulturellen Felder der Bildung und Erziehung, der Kunst als Kunstproduktion und Kunstgenuß oder -Konsum (esoterische Hochkultur und Massenkultur).

Es handelt sich hier um die Erweiterung der ideologischen Dimension des Alltagsbewußtseins, um die "Fiktionsweisen mit Phantasie". Nicht nur ökonomisches Kalkül (und Verkehrtheit!), sondern Momente des Gefühls und der Sinnlichkeit auf dieser Grundlage. Die ästhetisch-bildhafte bzw. sinnlich-künstlerische Aneignung der Wirklichkeit ist in dieser Systematik der praktisch-geistigen Aneignungsweise nachgeordnet, obwohl sie in den frühesten Formen von Gesellschaft mit dieser eins war oder ihr gar vorausging. Hegel nennt in der "Phänomenologie des Geistes" die früheste Stufe des Geistes ein "sinnliches Bewußtsein", das noch einen langen Weg durch die Geschichte machen mußte, bevor es zum abstrakten Bewußtsein, zum reinen Geist wird.

3. Die Gesamtheit der Überbaustrukturen, ihrer Inhalte wie institutionellen Formen, kann nicht vollständig abgeleitet und erklärt werden aus den entwickeltsten ökonomischen Verhältnissen der bürgerlichen Gesellschaft. "Die Totalität des Überbaus in der bürgerlichen Gesellschaft ist durch eine Vermischung vorbürgerlicher und bürgerlicher Strukturelemente charakterisiert... Wir begreifen den Mythos als Bewußtseinsform vorbürgerlicher Gesellschaftsepochen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zwar zurückgedrängt wird, ohne dabei aber völlig zu verschwinden." Sehnsucht nach dem Mythos und einem goldenen Zeitalter, Rückwärtsorientierung oder "romantische Kapitalismuskritik begleitet daher die bürgerliche Gesellschaft bis an ihr seliges Ende wie die Religion... Insofern ist das bürgerliche Bewußtsein immer eine Mischung aus modern-prosaischen und aus archaisch-mythischen Schichten." [40] Zur Erklärung dieses Sachverhalts ist zurückzugreifen auf die im "Kapital" als zentral dargestellte theoretische Schlüsselstelle: "Umschlag der Eigentumsgesetze der Warenproduktion in Gesetze der kapitalistischen Aneignung". [41] Die illusionären Vorstellungen vom gerechten Tausch der einfachen Warenproduktion und von der Begründung des Eigentumsrechts durch eigene Arbeit transportieren zugleich die irrige Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, das erst mit der großen Industrie und den großen Monopolen ein Ende gefunden hat.

4. Als Kennzeichen historischer Veränderungen innerhalb der vom Kapital bestimmten Epoche kann empirisch festgestellt werden, daß romantisierende Rückbindung an eine ursprungsmythische Geisteslage in ihrer Stärke und Ausprägung abhängig ist von den Krisen, die den dynamischen Prozess des Kapitals (Entwicklung der Produktivkräfte, Akkumulation) begleiten. Die Verunsicherung der von Erwerbsarbeit abhängigen Menschen hinsichtlich einer rationalen Lebensplanung, bei drohender Arbeitslosigkeit und Deklassierung, angesichts der Beschneidung sozialstaatlicher Absicherung von individuellen Risikolagen usw., führt keineswegs automatisch zur Einsicht in die Natur der gesellschaftlichen Verhältnisse, sie eröffnen auch Bereitschaft für Reaktivierung vorbürgerlicher Mythen, mitunter sogar für planmäßig neu produzierte, wie es dem Faschismus gelungen ist.

Man muß sich davor hüten, statische Zuordnungen oder Gesetzmäßigkeiten zu konstruieren (Prosperität = ideologischer Waffenstillstand, Krise und Depression = ideologischer Schlachtenlärm). Vielmehr: Auch in Prosperitätsphasen werden aufgrund der Produktivkraftentwicklung die Anschauungsweisen, Gefühle und Gedanken wie die Lebensformen des Alltags beständig umgewälzt. Die Modernisierung treibt nicht nur soziale Ungleichzeitigkeiten und Verwerfungen überlieferter Strukturen und Gewohnheiten hervor, sondern auch Ängste und irrationale Sehnsüchte. In die wachsende Distanz zwischen überlieferten Habitusformen (Bourdieu) und veränderten Lebensumständen greifen die ideologischen Auseinandersetzungen ein, bei denen auch rechtsgerichtete politische und kulturelle Strömungen an Einfluß gewinnen.

Diesen Aspekt hatte Bourdieu in seiner Untersuchung zu Heidegger und die Durchsetzung eines rechtsgerichteten Politik- und Kulturkonzepts herausgestellt: "Die Ideologie verdankt einen Teil ihrer Stärke dem Umstand, daß sie sich nur in und kraft der Orchestrierung der generativen Habitusformen verwirklicht. Diese Systeme singulärer, aber gleichwohl objektiv aufeinander abgestimmter Dispositionen gewährleisten die Einheit in der und durch die kaleidoskopische Mannigfaltigkeit ihrer Produkte ... Die konservativen Revolutionäre ... sehen in der `geistigen Wiedergeburt´ und der deutschen Revolution als eine Revolution der Seele die mythische Erfüllung ihrer widersprüchlichen Erwartungen ... Das regressive Verlangen nach beruhigender Wiedereingliederung in die organische Ganzheit einer bäuerlichen (oder feudalen) Gesellschaft stellt nur die Kehrseite jener von Haß erfüllten Angst vor allem dar, das in der Gegenwart eine drohende Zukunft ankündigt: der Kapitalismus wie der Marxismus, der kapitalistische Materialismus der Bourgeois wie der gottlose Rationalismus der Sozialisten." [42]

Soviel kann wohl verallgemeinert werden: Das beobachtbare zunehmende Gewicht nonverbaler Kommunikation, symbolischer Reproduktion, Anschauung und Gefühl, und die abnehmende Bedeutung des gedanklich-verbalen oder des begrifflichen Denkens ist widersprüchlichen Tendenzen geschuldet. Die Entwicklung von Individualität einschließlich der Sinnlichkeit etc. schließt romantische Vorstellungen eines goldenen Zeitalters und entsprechende Abkehr von enttäuschender Rationalität nicht aus.

5. Die schon bei Marx anzutreffende Unterscheidung von Ideologie im Singular und Ideologien im Plural erlaubt es, solange wir unser Alltagsleben und Alltagsbewußtsein unter kapitalistischen Bedingungen reproduzieren, von der in der Warenform begründeten Mystifikation (Fetischcharakter, Verkehrung von gesellschaftlichen Verhältnissen in sachliche) zu sprechen. Ideologie in der Einzahl ist noch immer begründet als objektiver Schein, notwendig falsches Bewußtsein, auch in einer Phase, die sich modisch postmodern bezeichnet. Wenn Adorno bemerkt hat, daß es zur "Ideologie im eigentlichen Sinne" sich selbst undurchsichtiger, vermittelter Machtverhältnisse bedürfe, so ist zu fragen, ob wirklich, wie er gemeint hat, diese Voraussetzungen etwa geschwunden sind und die Verhältnisse, die Funktionsweise des Kapitals, dadurch "durchsichtiger" geworden sind, daß dem Finanzkapital, dem Kreditwesen und der globalen Vernetzung der Unternehmen eine ungleich größere Bedeutung zukommt als in den vergangenen Perioden. So bedeutsam andererseits die vermittelnden Wirkungen von Massenkultur und "Kulturindustrie" (Adorno) und von Technik und Wissenschaft "als Ideologie" (Habermas) im Sinne historischer Veränderungen auch sind, so können wir doch kaum behaupten, sie seien an die Stelle des Waren-, Geld- und Kapitalfetischs, der Verkehrung von Subjekt und Objekt getreten.

Bleiben wir also bei dieser Bestimmung: Ideologie im Singular ist in der bürgerlichen Gesellschaftsformation zu fassen als der gesellschaftlich notwendige Schein und - wieder in den Worten von Adorno - als Verschränkung des Wahren mit dem Unwahren. Die Ideen der Freiheit, der Gleichheit und des auf individueller Leistung beruhenden Eigentums sind "ideologiekritisch" dechiffriert, indem nachgewiesen wurde, daß und wie in der kapitalistischen Produktionsweise unter der Form der Äquivalenz sich ihr gegenteiliger Inhalt reproduziert: Ungleichheit, Aneignung fremder Arbeit.

Behalten wir aber unter dieser Voraussetzung im Auge, daß wohl zu Recht von einer Regression der Ideologie (wie der Vernunft) gesprochen werden kann insofern, als eine Verschiebung im ideologischen Bewußtsein stattfindet vom kritisch-rationalen zum mythischen Denken. In Anwendung von Hegel: eine Rückkehr zum sinnlichen Bewußtsein unter Ausschaltung der historischen Errungenschaften des vernunftgeleiteten Denkens. Zentrale Aufgabe - und Schwierigkeit - für eine komplexe und zeitgemäße Analyse des Ideologischen ist, den Zusammenhang und die Vermitlungen aufzeigen zu können, die zwischen den Bestimmungen aus der ökonomischen Totalität der bürgerlichen Gesellschaft und den "nachgeordneten", z. T. verselbständigten Bereichen der politischen und kulturellen Betätigung bestehen, und wie diese gewachsene Komplexität selbst noch das Resultat der kapitalistischen Dynamik ist.

Die heterogene Vielfalt politischer und kultureller Ideologien im Plural, die im Zeitalter der Globalisierung, der Pluralisierung und Individualisierung miteinander konkurrieren, mitunter auch friedlich koexistieren, ist jeweils in Beziehung zu setzen zur Grundstruktur des Ideologischen in seiner "klassischen", d. h. auf die Kernstruktur der kapitalistischen Organsiation der Arbeit zurückgeführten Form. Der Kulturalismus der Postmodernisten ist eine unter ihnen. Neokonservativismus und Neoliberalismus sind andere. Der Feminismus und die vielerlei neuen sozialen Bewegungen repräsentieren wieder andere. Von den Religionen und diversen Fundamentalismen war schon die Rede. Alte Bekannte trifft man an in den neuen Ausgrenzungsideologien (Bischof W. Huber), wo mit einer Anthropologie der Ungleichheit die Vorherrschaft von Rassen, Eliten oder sozialen Klassen legitimiert werden soll. [43] Nationalistische, rassisch oder ethnisch begründete Homogenitäts- und Überlegenheitsvorstellungen, die eine Ausgrenzung der Anderen, wenn nicht sogar ihre Vertreibung ("ethnische Säuberung") oder Vernichtung ("Ausmerzung" des sog. unwerten Lebens, der "Untermenschen") rechtfertigen sollen.

6. Aber auch hier, wenn wir von einer Mehrzahl und Heterogentität heute existierender Ideologien sprechen, sollte gewarnt sein vor der postmodernen Beliebigkeit. Am Beispiel der zur buchstäblich umfassenden Weltanschauung avancierten Schule der Neoklassik ist gut zu studieren, inwiefern es nach wie vor ökonomische Zentralideologie ist, von der auszugehen ist. Die Neoklassik als neue Weltreligion oder als Religionsersatz (Karl Georg Zinn) braucht zwar selbst wiederum ideologische Schonbezüge oder die Unterfütterung mit jenen Rückbesinnungen auf frühere "Bindungen, in denen Menschen Geborgenheit finden" (Helmut Kohl 1984), aber zunächst einmal ist sie als die zeitgemäße Kernideologie oder "hegemoniale Ideologie" zu begreifen, die auszustrahlen vermag in die entferntesten, persönlichsten Verhältnisse und symbolischen Ausdruck findet auch in den Lebensstilen jenseits des Arbeits- und Wirtschaftssystems.

Im wesentlichen beruht sie auf der Radikalisierung des liberalen Individualismus durch F. A. Hayek und auf der "Verabsolutierung der Marktkonkurrenz" oder Marktgesetzlichkeiten. [44] Unterstellt ist ein Rationalitätskonzept, wonach die Maximierung des Nutzens und die Minimierung der Kosten erreicht wird über den Markt, der für alle Güter, auch die Arbeit, auf dem gleichen Prinzip des Äquivalententauschs beruht, der die Optimierung auf Grundlage vollständiger Information über alle Vorgänge (Bewegung der Preise) und das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen in der Lage ist, wenn keine Störungen "von außen", z. B. dem Staat oder den Gewerkschaften, stattfinden.

Zentrale Botschaft der Neoklassiker in bezug auf die Massenarbeitslosigkeit ist bekanntlich, daß sie verursacht sei durch zu hohe Löhne und zu geringe Flexibiliät im Einsatz der Arbeitskräfte und daher das einzig wirksame Gegenmittel die Deregulierung darstelle: also noch mehr Markt. Wenn sich das Lohnniveau bei zu großem Angebot an Arbeitskräften nach Marktgesetzen deutlich nach unten bewege, würden die Unternehmen auch wieder vermehrt Arbeitskräfte einstellen. Das ist durchaus Plausibilitätskalkül. Hat sich nur in der Realität nicht so eingestellt.

Thomas von der Vring hat den ideologischen Gehalt der Neoklassik denn auch als "Realitätsabwehr" gekennzeichnet. Er zeigte das am historischen Beispiel des Kampfes der Buchdrucker um Lohn und Beschäftigung vor 150 Jahren, der nach Streiks und Aussperrungen zu einer Regulierung geführt hat, die von beiden Seiten angestrebt wurde, um Stabilität gegen die heftigen Schwankungen der Marktverhältnisse zu gewinnen. [45]

7. Was die ideologischen Schonbezüge der herrschenden Neoklassik angeht, so können wir die Belege dafür in den Vorstellungen des Neokonservativismus finden. [46] Die Verbindung liberaler Werte (eigene Leistung, individuelle Freiheit und Postulat der Gleichheit auf dem Markt und vor dem Gesetz) mit dem traditionalen Fundus religiös-moralischer und nation- sowie familienzentrierter Werte macht das Spezifische des Neokonservativismus aus. In dieser Verbindung von liberalen und konservativen Motiven, von freier Marktgesetzlichkeit und einem starken, regulierend eingreifenden Staat, ist aber ein grundlegender Widerspruch in den neokonservativen Zielsetzungen angelegt: Einerseits soll die überlieferte Wertordnung erhalten werden, andererseits soll eine beschleunigte Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft betrieben werden, deren negative Folgen wiederum von der konservativen Kulturkritik vehement beklagt werden. Düstere Untergangsszenarien beziehen ihren Stoff aus den technischen Möglichkeiten der Massenunterhaltung. Neil Postman etwa sah die Nation in Gefahr, wenn sich das Volk im Massenkonsum des Fernsehens von Trivialitäten ablenken ließe! "Vermassung" ist der immer wiederkehrende Grundtopos konservativer anti-industriegesellschaftlicher Kultur-, Zivilisations- und Kapitalismuskritik (Grebing).

Das Neue am neokonservativen Gesellschaftsbild ist jedoch, daß es die nachdrückliche Bejahung von industriegesellschaftlicher Modernisierung auf kapitalistischer Grundlage zu verbinden sucht mit der Beibehaltung jener Kritik am Massencharakter der modernen Kultur, an deren immanenter Tendenz zur Enttabuisierung und Enthemmung, zur Säkularisierung und Profanisierung des Sakralen ("nichts ist mehr heilig"), zur allgegenwärtigen Trivialisierung und Zerstreuung durch die schrankenlose Umgestaltung aller geistigen Produktion und Unterhaltung.

Habermas hat diese eigentümliche Widersprüchlichkeit überzeugend an Daniel Bell demonstriert: "Die affirmative Einstellung zur gesellschaftlichen Moderne und die Abwertung der kulturellen Moderne sind typisch für das Bewertungsmuster, das allen neukonservativen Zeitdiagnosen zugrunde liegt." [47] Für Bell verdanke sich - wie schon für Max Weber - "Moderne" dem Prozeß der Säkularisierung und Rationalisierung, und zwar sowohl im Bereich der Ökonomie ("Gesellschaft") als auch in dem der "Kultur": "Aber was für die säkularisierte Gesellschaft gut ist, eben die kapitalistische Modernisierung, schlägt der Kultur zum Verhängnis aus. Eine profanisierte Kultur bringt nämlich subversive Einstellungen zum Zuge..." Soweit Bell bei der Analyse der Ursachen der Kulturkrise verharre, fährt Habermas fort, könne ihm neokonservative Apologetik kaum angekreidet werden, und er zitiert ihn: "Die Maschine des modernen Kapitalismus hat diese (gegenkulturellen) Lebensstile aufgenommen und kommerzialisiert. Ohne diesen durch Massenkonsum stimulierten Hedonismus würde die Konsumgüterindustrie zusammenbrechen. Der kulturelle Widerspruch des Kapitalismus besteht am Ende nur darin: der Kapitalismus hat, nachdem er seine ursprünglichen Legitimationen eingebüßt hat, die Legitimation einer einstmals antibürgerlichen Kultur übernommen, um den Bestand der eigenen ökonomischen Institutionen zu erhalten."

An diesem Bestand aber ist der konservative Soziologe heftig interessiert, und so hofft er darauf, daß eine Erneuerung des religiösen Bewußtseins dazu führt, "das Heilige zurückzuerobern", "die Ökonomie wieder zu sittlichen Normen zurückzuführen" und damit "den kulturellen Widerspruch (zu) beseitigen zwischen dem Kapitalismus und seinem trügerischen Doppelgänger, seinem semblable et frère - der modernistischen Kultur." [48]

Als kultureller Widerspruch verstanden, als Kulturkrise eben, wird von der epochalen Wende in den Einstellungen, Empfindungen und Haltungen auch erwartet, daß jener zuvor scharfsinnig aufgedeckte Widerspruch in der kapitalistischen "Maschine" sich überbrücken lasse. Nicht alle zeitgenössischen Vertreter konservativer Ideen vereinen in ihrer eigenen Analyse und Zeitdiagnose in der gleichen Weise wie Bell treffende Ursachenbeschreibung mit spezifisch konservativer Argumentation. Allen gemeinsam aber ist der Gedanke der Versöhnung eines modernisierten Kapitalismus mit der wiederbelebten Ordnung sittlicher Normen und religiöser Gefühle, die in vorbürgerlichen Gesellschaften entstanden sind, für die Entwicklung des Kapitalismus auch durchaus "funktional" waren, von diesem in seiner eigenen Entwicklungslogik aber und im Maße seiner vollständigen Durchsetzung auch wieder "aufgezehrt" wurden.

Nur im Negieren dieser notwendigen Auflösung traditionaler Wertbestände kann sich die These einer "Versöhnungsgesellschaft" (Lothar Späth) halten. Es hebt nicht den fundamentalen Widerspruch auf, in dem die Neokonservativen befangen sind. Gleichwohl unterscheiden sie sich mit diesem Widerspruch zugleich von den älteren Formen eines zivilisationskritischen Konservativismus und vom Liberalismus. Angesichts der versuchten Versöhnung von liberalistischer Wirtschaftspolitik, gesellschaftlicher Modernisierung und Entfesselung der Kräfte des Individuums mit der Wiederbelebung vormoderner Wertordnungen scheint es allerdings so, als liefen die Bedeutungen von "neokonservativ" und "neoliberal" heute ineinander. Zugleich entwickeln die inneren Widersprüche aber soviel Sprengkraft, daß das zeitweilige Bündnis des liberal-konservativen historischen Blocks sich wieder auflösen kann - nicht ohne Spielräume und Entwicklungsmöglichkeiten auch für eine Neue Rechte geschaffen zu haben, die nicht bereit ist, den demokratischen Konsens zu tragen.

Aufhebung der Ideologie - eine Utopie?

Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, daß noch nie soviel Ideologie war wie im sogenannten nachideologischen Zeitalter. Das gilt für die ideologische Verblendung als allgemeine Bewußtseinsverfassung wie für die Vielzahl und Heterogenität einzelner ideologischer Weltbilder. Den Tendenzen der Individualisierung und Pluralisierung in der Form der alltäglichen Lebensführung schien zu entsprechen, daß wie aus einer Menükarte auszuwählen war, was je zur Orientierung tauglich erschien. Aus der oft beobachteten Unübersichtlichkeit dieses Angebots und der resultierenden Orientierungslosigkeit den Schluß einer prinzipiellen Beliebigkeit oder gar endgültiger Erosion von Ideologie zu ziehen, verbietet sich, wie wir gezeigt haben, bei näherem Zusehen. Mit der Zuspitzung der gesellschaftlichen Widersprüche, mit zunehmender Anomie und dem drohenden Verlust des erreichten Zivilisationsniveaus rücken die überwunden geglaubten zentralen Fragen nach der gesellschaftlichen Organisation der ökonomischen Grundlagen unserer Gesellschaft wieder in den Mittelpunkt. Der Nachruf auf die Postmoderne beinhaltet, daß wir wieder andere Sorgen haben. Und das heißt auch, daß die in der Linken selbst gepflegte Ökonomismus-Kritik auf den Prüfstand zurückzuholen ist. Nicht mechanistisches Ableiten als gekonnte Seminarübung ist gefragt, aber die Rückgewinnung der Fragen danach, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält. So wenig sich deshalb zeitgemäße Ideologiekritik auf den Nachweis des ideologischen Charakters des postmodernen Kulturalismus beschränken kann, so wenig darf sie andererseits unterschätzen, welche Funktion dieser hat im Kontext der anstehenden Auseinandersetzungen um eine umfassende Gesellschaftsreform. Die aufgezeigte Verschränkung von Bereicherung und Ausflucht, die mit der Erweiterung der kulturellen Lebensgestaltung im Alltag einhergegangen ist, erhält eine neue, noch ganz ungewisse Bewegungsrichtung, wenn die Voraussetzungen ökonomischer Prosperität und Sicherheit entfallen. In dem Maße, wie die neoklassische Weltanschauung an der Realität ihre Grenzen gefunden hat, eröffnen sich Möglichkeiten alternativer Konzepte, auch die Gefahren einer Systemkritik von Rechts. Deren ideologisches Material findet sich im Fundus kultureller Überlieferung und politischer Ideen aus verschiedenen Epochen der Geschichte. Das soll noch einmal an meine These erinnern, daß der Ideologie im Singular gegenüberstehen eine Reihe von Ideologien im Plural, die allerdings sich unterscheiden lassen nach ihrer jeweiligen Stellung und Bedeutung innerhalb des gesamten ideologischen Rechtfertigungs- oder Legitimierungsapparates der kapitalistischen Gesellschaft.

Ideologiekritik ist Aufklärung. Worüber Kritik aufklären muß, kann hier nur heißen: den Zusammenhang aufzudecken zwischen den Herrschaft, Ausbeutung und Ausgrenzung legitimierenden oder verschleiernden Ideologien (einschließlich ihrer Rituale und symbolischen Formen) und den gesellschaftlichen Verhältnissen selbst. Am Beispiel des Nationalismus, des Ethnozentrismus und Rassismus ist das leichter zu demonstrieren [49] als an der unterliegenden Grundstruktur der Mystifizierung der von der Ökonomie bestimmten sozialen Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Auf den Nachweis ihrer jeweils gegebenen Vermittlung käme es an. Wer aber bewerkstelligt die Aufklärung, und an wen richtet sie sich? Wer sind die Subjekte der Kritik, und wer ist das Subjekt der Aufhebung von Ideologie? Gramsci hat die Stichworte gegeben: Wenn ein neuer, den liberal-konservativen ablösender historischer Block sich denken läßt, der die Kraft zur politischen Hegemonie besitzt, dann sind es die demokratisch organisierten Abhängigen und Ausgebeuteten, die Benachteiligten und Ausgegrenzten, die ihn bilden. Im Parteienspektrum der sozialistischen und sozialdemokratischen sowie ökologisch-alternativen politischen Strömungen, in den Gewerkschaften und auch in Teilen der kirchlichen Organisationen haben sie ihre Repräsentanten bereits gefunden. Ihre "organischen Intellektuellen" - sind wir! Nach dem hier vertretenen begrifflichen Zuschnitt von Ideologie kann es die Aufgabe der Intellektuellen nicht sein, eine Gegenideologie zur herrschenden zu entwickeln, sondern die Bedingungen ihrer Aufhebung zu benennen. Die Kritik der Ideologie ist die Kritik der Verhältnisse, die sie täglich produziert und reproduziert. Es scheint in unerreichbare Ferne gerückt, daß sich solche radikale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse einmal mit Erfolg durchsetzen ließe und der Ideologie damit der Boden entzogen wäre. Zwischen der Befürchtung eines möglichen Rückfalls in Barbarei zum einen und der Gewißheit zum andern, daß zivilisatorische Fortschritte sich in den vergangenen Jahrzehnten haben verwirklichen lassen, erhält sich die Hoffnung auf eine Zukunft in Freiheit von Herrschaft und Unterdrückung. Nennen wir es das utopische Potential, das der Kritik der Ideologie auf die Beine hilft, und das ihr die Kraft gibt, von der Utopie auch wieder zur Wissenschaft fortzuschreiten. Darüber gründlich belehrt, daß mit totalitären Mitteln eine freie Gesellschaft niemals zu erreichen ist, weiß die Generation, die am Ende dieses Jahrhunderts auf die Politik und die Gedanken Einfluß nimmt, daß die Arbeit der Aufklärung und die Bedingung ihres Erfolgs gebunden bleiben an die Garantie der gleichen Chancen für alle, ihre Verhältnisse selbstbewußt zu gestalten.

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Sebastian Herkommer, Ideologie und Ideologien im ’nachideologischen’ Zeitalter (Veröffentlicht als Supplement-Band der Zeitschrift Sozialismus 4/99)