Ingo Elbe

Entfremdete und abstrakte Arbeit

Marx’ "Ökonomisch-philosophische Manuskripte" im Vergleich zu seiner späteren Kritik der politischen Ökonomie

Der Begriff Entfremdung hat Konjunktur. TheoretikerInnen, die sich als gesellschaftskritisch verstehen, greifen auf ‚Entfremdung‘ als sozialtheoretischen und -philosophischen „Schlüsselbegriff“ zurück. Dabei spielt allerdings der Begriff der entfremdeten Arbeit, wenn überhaupt, nur noch eine untergeordnete Rolle, während der frühe Marx und eine ganze Tradition des humanistischen Marxismus in diesem Begriff die wesentliche Grundlage zum Verständnis der modernen Entfremdungsphänomene erblickten. Im Folgenden soll der Begriff der entfremdeten Arbeit, wie Marx ihn insbesondere in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844 verwendet, rekapituliert und der dort formulierte Anspruch geprüft werden, mit ihm eine Analyse des inneren Zusammenhangs und der Dynamik des Kapitalismus zu liefern. In einem zweiten Schritt wird dann der Frage nachgegangen, in welchem Verhältnis der Begriff entfremdeter Arbeit zum Zentralbegriff des Kapitals, der ‚abstrakten Arbeit‘, steht, mit dem Marx beansprucht, den „Springpunkt“ (MEW 23, 56) zu einer Kritik der politischen Ökonomie gefunden zu haben. Diese Frage verlangt nicht nur Aufmerksamkeit, weil die Manuskripte eine enorme Wirkmächtigkeit entfaltet haben, die sowohl Anhänger wie Kritiker von Marx dazu verleitet hat, sein Projekt der Ökonomiekritik ausgehend vom Arbeitskonzept dieser Frühschrift stehen oder fallen zu sehen. Die Behandlung dieser Frage könnte auch dazu beitragen, an das in heutigen Entfremdungsdiagnosen häufig nur in Nebensätzen verhandelte Hypozentrum moderner Entzweiungs-, Verselbständigungs- und Beschleunigungsdynamiken zu erinnern. Der Schwerpunkt wird daher auf der Herausarbeitung und dem Vergleich der Begriffe entfremdeter und abstrakter Arbeit liegen.

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(eine leicht gekürzte Version dieses Textes erschien in: I. Elbe, Paradigmen anonymer Herrschaft, Würzburg 2015)