Hans-Walter Leonhard

Diktat der Gene? Eine Kritik der Soziobiologie

Die Soziobiologie gewinnt in Publikationen, die sich an das wissenschaftliche
oder das wissenschaftlich interessierte Publikum wenden, zunehmend Einfluß. Sie ist jedoch durchaus umstritten und sieht sich vielfältigen
Angriffen ausgesetzt. Bei meiner eigenen kritischen Analyse bevorzuge ich nun die
zunächst rein immanente Kritik, die innere Schwachstellen aufzuspüren und den
wissenschaftlichen Kontrahenten auf seinem eigenen Feld zu schlagen versucht,
statt von alternativen Annahmen auszugehen, die für sich durchaus, und manchmal
sogar besser begründet sein mögen. Deshalb akzeptiere ich auch die
Begrifflichkeit der Biologie und verwende sie weitgehend in meinem Vortrag,
obwohl ich sie in vielen Fällen vor allem dann für problematisch halte, wenn
homo sapiens zum Gegenstand der Betrachtung wird. Außerdem werde ich, soweit
ich kritische Argumente anderer Wissenschaftler aufnehme, mich fast
ausnahmslos auf Biologen und Genetiker stützen. Durch diese Vorgehensweise
möchte ich es der Soziobiologie erschweren, ihren beliebten (und leider manchmal
zutreffenden) Vorwurf zu erheben, Kontrahenten aus dem geistes- und
sozialwissenschaftlichen Bereich würden zumeist ohne zureichende Sachkenntnis
pauschalisierende Kritik üben.

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Für die Internet-Publikation bearbeitete Neufassung des gleichnamigen Beitrags in: G. Fischer,
M. Wölflingseder (Hrsg.): Biologismus, Rassismus, Nationalismus. Wien: Promedia 1995.