Ingo Elbe

Angst vor der Freiheit

Ist Sartres Existentialismus eine geeignete Grundlage für die Antisemitismustheorie?

Wird man zum Antisemiten oder macht man sich dazu?
Ich möchte im Folgenden die These der ’Überlegungen zur Judenfrage’ darstellen, der Antisemitismus sei „eine freie
und totale Wahl“ und einige ihrer theoretischen Hintergründe beleuchten. Denn es ist
auffällig, dass Sartres Aussage häufig zitiert, aber selten mit seinen existentialistischen Prämissen in
Verbindung gebracht wird. Dabei, so meine These, würde nämlich auffallen, dass Begriffe wie Wahl
und Verantwortung sich dem alltagssprachlichen Bedeutungsgehalt
entziehen und sich in ihr Gegenteil verkehren. Ich werde darlegen, dass der Antisemitismus, nimmt
man Sartres dezisionistische Freiheitstheorie ernst, zum blinden, unerklärlichen und unverständlichen
Schicksal mutiert, die behauptete totale Verantwortung für den ‚unaufrichtigen Seinsmodus’
Antisemitismus in totale Unfreiheit und Unzurechenbarkeit umschlägt. Damit sollen keineswegs die
großen Verdienste der Überlegungen geleugnet werden, im Gegenteil werde ich versuchen zu zeigen,
dass dieser Essay ein Werk des Übergangs von einer vermeintlich konkreten, tatsächlich aber schlecht
abstrakten existentialontologischen Betrachtung des Subjekts zu einer stärker gesellschaftstheoretisch
orientierten Analyse der ‚Freiheit in Situation’ darstellt.

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(zuerst in kürzerer Form erschienen in: Prodomo 14/2010)