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Autor: Fabian Kettner

XII. „Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an?“ Über Theorie und Praxis

Theorie und Praxis sind auseinander, der Faden ist gerissen. Wären sie es nicht, könnte man sich nicht das Problem ihrer „Vermittlung“ stellen. Dies bedeutet für die willigen Revolutionäre im Wartestand eine schier ewige Situation, in der man nicht weiß, was man tun soll.

Theorie, das sei das, was der Kopf macht, wenn er die Ungerechtigkeit des Bestehenden erkennt, anderen begreiflich macht und eine folgerichtige Utopie entwirft. Praxis, das sei das, was die Hand macht, wenn diese Ungerechtigkeit abgeschafft werden soll, indem sie eine Barrikade errichtet; - ist das, was die Beine machen, wenn sie den theorieschweren Kopf und den Rest des Körpers vor der Polizei in Sicherheit bringen, wenn die Barrikade sich wieder mal als Abenteuerspielplatz für junge Erwachsene herausgestellt hat. Das Verhältnis beider zueinander könnte so schön sein: der Kopf denkt aus und leitet an, die Extremitäten führen aus. Jeder ist so seine eigene Fabrik: Ingenieursbüro und Werkbank in einem. Aber die Theorie nervt, kritisiert die Praxis, und die Praxis wirft der Theorie Faul- und Feigheit vor.
Die Praktiker fordern die Einheit von Theorie und Praxis. Dies meint, dass man nach seiner Theorie handeln, d.h. meint eigentlich, dass man seinen „Idealen“ folgen solle; - ohne die Frage zu stellen, ob das Aufstellen positiv ausgemalter Ideale denn eine so gute Sache ist. Man solle nicht revolutionären Wein predigen und „privatistisches“, „reformistisches“, sprich: tatenloses Wasser trinken. Dann endlich sollen die Widersprüche im eigenen Leben beseitigt sein, dann endlich kann das Wohlfühlen, die vielbeschworene „politische Identität“ (U.M. Meinhof/RAF) einsetzen. „Talk without action means nothing“ ist das Credo und der persönliche Antreiber der sozial Bewegten. Der Aktivismus, der immer weiß, ‚dass man doch irgendetwas machen muss’, vollzieht die objektive gesellschaftliche Situation, weil und indem er aus Ohnmacht heraus handelt. Über diese täuschen „Mikropraxen“ wie korrekter Konsum und Sprache und politischer Aktionismus hinweg. Stark fühlt sich, wer im Kollektiv laut schreiend sich selbst beschallend durch die Straßen oder über die Dächer von Häusern rennt, in denen er nur geduldet, die erkämpft zu haben er weit entfernt ist. Wie solche Praxis Ausdruck von Ohnmacht, ist das Ressentiment gegen Theorie die Reaktionsbildung darauf, die zu konsequentem Anti-Intellektualismus neigt. Der „Terror der Theorie“ (J.F. Lyotard) ist das schlechte Gewissen der Praktiker. Theorie wirkt als Besinnung und entschleunigt. Ihre Weigerung gegen das Werkeln an dem, was ansteht, was man vorgesetzt bekommt, sich vorsetzen lässt, hemmt Praxis; soviel ist richtig und soviel ist gut an ihr. Der Zwitter der Konstruktion „theoretische Praxis“ soll das schlechte Gewissen der Theoretiker beruhigen. Denken gilt als Ausflucht, „strengt offenbar die Praktischen ungebührlich an: es bereitet zuviel Arbeit, ist zu praktisch“ (Adorno). Die Theorie hat recht - und das, was Praxis entbehrt, und ihr mangelt das, was Praxis ist; aber sie führt zu nichts, außer vielleicht dazu, damit aufzuhören, weiterhin das Falsche zu tun; außer vielleicht zu Depressionen und kafkaesker Bedrückung. Sie macht nicht glücklich, aber dazu ist sie auch nicht da, sie gewährt nichts als die minimale „Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt“ (Adorno).

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