Olaf Kistenmacher

Sarah Speck/Volker Weiß (Hg.): Herrschaftsverhältnisse und Herrschaftsdiskurse. Essays zur dekonstruktivistischen Herausforderung kritischer Gesellschaftstheorie

In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begann in der radikalen Linken nicht nur die
Auseinandersetzung über den Antisemitismus in der Linken, sondern im Rahmen dessen kam für
kurze Zeit auch eine Diskussion über die zeitgemäße kritische Gesellschaftstheorie auf. Zumindest
in der neu gegründeten Wochenzeitung Jungle World. Als die Jungle World sich von der Jungen
Welt abspaltete, stritten sich kurz darauf auf ihren Dossierseiten zwei Fraktionen um die bessere
Theorie: auf der einen Seite Linke, die für so genannte ‚postmoderne’ oder ‚poststrukturalistische’
Theorien aufgeschlossen waren, und auf der anderen Seite die Vertreterinnen und Vertreter der
Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Die Debatte verebbte, aber die Differenzen blieben
bestehen. Die Berliner Jour-fixe-Initiative brachte 1999 noch einen Sammelband Kritische Theorie
und Poststrukturalismus. Theoretische Lockerungsübungen heraus, in der die Herausgeber/innen
nicht nur behaupteten, die Kritische Theorie und der Poststrukturalismus hätten mit der „Kritik der
Philosophie der Aufklärung“ und der „Kritik am traditionellen Marxismus“ „einen gemeinsamen
Ausgangspunkt“, sondern überdies die Ansicht vertraten, der Poststrukturalismus – oder mit
Namen: Gilles Deleuze, Felix Guattari, Michel Foucault, Jacques Derrida u. a. – sei „eine Kritische
Theorie der Gesellschaft auf der Höhe der Zeit“. Als der Sammelband erschien, wurde die
Diskussion kaum noch öffentlich geführt.
Der von Sarah Speck und Volker Weiß herausgegebene Sammelband Herrschaftsverhältnisse
und Herrschaftsdiskurse. Essays zur dekonstruktivistischen Herausforderung kritischer
Gesellschaftstheorie nimmt die Debatte von damals wieder auf.

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