Fabian Kettner

Raul Hilberg. Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren

doing lifetime

H.G. Adler, Überlebender der Shoah und Historiker, schrieb nach der Lektüre von Raul Hilbergs Die Vernichtung der euopäischen Juden [Orig. 1961, dt. 1982 (Olle & Wolter)/1990 (Fischer)]: „Am Ende bleibt nichts als die Verzweiflung über alles und der Zweifel an allem, denn für Hilberg gibt es nur ein Erkennen, vielleicht auch noch ein Begreifen, aber bestimmt kein Verstehen.“ Ihm fiel „die Hoffnungslosigkeit des Verfassers“ auf, der „ratlos vor [den Ereignissen] steht, bitter und verbittert, anklagend, kritisch nicht nur den Deutschen gegenüber.“ Damit ist er so gut charakterisiert, dass Hilberg dieses Zitat unkommentiert ans Ende seiner Memoiren Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaust-Forschers [Orig. und dt. 1994 (Fischer)] stellte.

Raul Hilberg wurde 1926 in Wien geboren. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 war seine Kindheit „mit einem Schlag beendet.“ Gut ein Jahr später floh er mit Vater und Mutter über Frankreich und Kuba in die USA, wo er exakt an dem Tag ankam, als Deutschland den Zweiten Weltkrieg begann. Viele seiner Verwandten hatten nicht soviel Glück; ihre Namen konnte er später, als Historiker, in den Akten der Judenvernichtung wiederfinden.
In der Schule und beim Militär entwickelte er eine sympathische Aversion gegen Gehorsam und Drill und traf so im April 1945 in Bayern als GI umso fassungsloser auf Deutsche, die bis zum Schluss kämpften und so „die Tragfähigkeit des Systems“ bewiesen.. „Was ... mochte diese Männer in einer so späten Kriegsphase noch angespornt haben, in den fast sicheren Tod zu laufen?“

Nach dem Krieg studierte er Staat und Recht u.a. bei Franz Neumann (u.a. Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus), der zum Umkreis der Kritischen Theorie gehörte. Hier entwickelte er seine Vorstellung von der „Bürokratie als ein Organismus“, die bislang „eine unbeachtete Welt“ war. Unter Zugriff auf umfangreiche Aktenbestände des Dritten Reichs als Angestellter des War Documentaton Projects arbeitete er bis 1956, als er an die University of Vermont kam, an einem ersten Manuskript, das als Die Vernichtung der europäischen Juden nach vielen Schwierigkeiten erst fünf Jahre später verlegt wurde und das bis heute ein Standardwerk ist. Hierin finden sich drei Leitmotive: (1) war ihm schon damals klar, dass die Shoah nicht zentral gelenkt wurde, dass es aber eine „Richtung“, eine „innere oder latente Struktur“ gab. (2) wollte er konsequent der „Täterperspektive“ folgen, d.h. aus den Maßnahmen der diversen beteiligten Stellen die „Komplexität“ der Tat aufdecken, die (3) „keine Greueltat im üblichen Sinne“ war.

Hannah Arendt rezipierte es zustimmend für ihr folgenreiches Werk Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Beiden geschah durch die Rezeption Unrecht: von den Überlebenden und ihren Nachkommen wurde ihnen ‚Kälte’ und ‚Mitleidlosigkeit’ vorgeworfen, weil die Opfer nicht anders denn als Objekte von Maßnahmen vorkommen. Hilbergs Werk wurde von israelischer Seite abgelehnt und finanzielle Unterstützung versagt, was ihn traf, denn „zehn Jahre lang hatte gehofft, daß Juden und gerade Juden meinen Text lesen würden. Für sie arbeitete ich.“ Bei den TäterInnen und ihren Nachkommen fanden Hilberg & Arendt Zustimmung, weil die Täter in Phrasen von Bürokratie, Genozid und Moderne verschwinden konnten. Dabei bedeutet Bürokratie für Hilberg nicht interesseloses, unbeteiligtes Mittun an verselbständigten Abläufen. Arendt bspw., die er abschätzig als „Geschichtsphilosophin“ bezeichnet, habe nicht erkannt, „wieviel Gewaltiges [Eichmann] mit so wenig Personal vollbracht hatte“, „welche Pfade Eichmann im Dickicht des deutschen Verwaltungsapparates für seine beispiellosen Maßnahmen aufgespürt hatte.“ Hilberg stellt die Bürokratie heraus, um zu zeigen, dass „die Bandbreite der Ämter, die letzten Endes an den Vorgängen beteiligt waren, identisch mit der ganzen Verwaltung oder gar mit der gesamten organisierten Gesellschaft Deutschlands“ war. Mit der Bürokratie will er die Judenvernichtung nicht aus Deutschland herauslösen, sondern die Gesamtbeteiligung der Deutschen unterstreichen.

Seine Haltung zur Tat bestimmt die Nüchternheit seines Stiles. Bewusst und mit Absicht gab er seinem Hauptwerk „eine kühl distanzierte Stimmung.“ Ihm war klar, „daß ich nicht tausend Seiten lang schreien konnte.“ Von George Steiner übernahm er, dass „die einzige Sprache, in der man über den Holocaust schreiben kann, die deutsche Sprache“ sei, weil „in der Sprache etwas von dem Gedankengang steckt.“ Umgang mit Deutschen vermied er, Deutschland mied er bis in die 1980er Jahre. Hans Mommsen kann ein Lied davon singen. Er beklagt Demütigungen und „scharfe antideutsche Töne“ bei US-Historiker-Tagungen. Hilberg zeigt also Vernunft.
Sonderzüge nach Auschwitz [Orig. 1976, dt. 1981 (Dumjahn)] kann als ein Extrakapitel zu Die Vernichtung der europäischen Juden über die Rolle der Deutschen Reichsbahn bei der Shoah betrachtet werden. Sein vorletztes Werk, Täter, Opfer, Zuschauer. Vernichtung der Juden 1933 – 1945 [Orig. und dt. 1992 (Fischer)] wurde in den USA verrissen, in Deutschland positiv aufgenommen. Hilberg variiert durch die Darstellungsweise das Thema seines Hauptwerks, holt quellengestützt weit aus und erzählt Geschichten, gegliedert nach den drei Gruppen im Titel. Seine jüngste Veröffentlichung macht ratlos. Hilberg gibt eine Übersicht über die Quellen der Shoah, ihre Besonderheiten, auf was man achten muss, wenn man sich mit ihnen beschäftigt, wie sie einzuordnen sind etc. Dies teilweise so simpel und belanglos, dass auch ein Proseminar davon nicht profitieren könnte. Dazu erzählt er wieder Geschichten, Ausschnitte aus Schicksalen von Opfern. Der Erkenntnisgewinn geht leider gegen Null. Vielleicht ist sein Problem, dass er, im Gegensatz zur neueren Täterforschung, an die nach dem Fall des Ostblocks nach und nach freigegebenen Archive den Anschluss nicht geschafft hat.

Raul Hilberg. Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. Aus dem Amerikanischen von Udo Rennert. Frankfurt/M: Fischer, 2002. ca. 250 Seiten, € 22,90

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