Fabian Kettner

H.G. Adler und Herman Broch. Zwei Schriftsteller im Exil. Briefwechsel

Irrationaler Logos und rationaler Mythos – Über den Briefwechsel von H.G. Adler und Hermann Broch

„Mit vierzig Jahren ist es mir nicht gelungen, auch nur eine Zeile von mir zu veröffentlichen“ (58), so klagte H.G. Adler dem 24 Jahre älteren Hermann Broch im letzten der edierten Briefe sein Leid. Der Kontakt zwischen dem unbekannten Adler und dem berühmten Broch kam auf Vermittlung Elias Canettis zustande, der Broch Adlers Manuskript von Theresienstadt zugesandt hatte. Der Briefwechsel umfasst zwanzig Briefe, vom Juli 1948 bis zum Juli 1950, gedruckt auf 55 Seiten, ergänzt durch 15 Seiten Anmerkungen und 20 Seiten Kommentar, in einer hübschen, bibliophilen Aufmachung.

Broch (1886-1951) lebte zu diesem Zeitpunkt schon länger in den USA und bewältigte auf Grund eines Hüftbruchs vom Krankenhaus aus seine außergewöhnlich umfangreiche Korrespondenz. Die Veröffentlichung seiner großen literarischen Werke lag schon länger zurück (Die Schlafwandler (1931/32), Die Unbekannte Größe (Ende 1933), Der Tod des Vergil (1945)). Ihm war 1938 die Flucht aus Deutschland gelungen, und nun arbeitete er seit 1941 an einer Theorie des Massenwahns, die er nicht mehr abschließen konnte.
Adler (1910-1988) bemühte sich 1938/39 vergebens um eine Ausreise aus Prag. Seit August 1941 ergriff ihn die deutsche Mordmaschinerie. Nach Zwangsarbeit beim Eisenbahnbau wurde er im Februar 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo er sogleich anfing, Material für sein späteres gleichnamiges Werk (1955 veröffentlicht, Neuauflage für 2005 im Wallstein-Verlag) zu sammeln. Seine Eltern wurden in Chelmno und Trostinec ermordet, seine Frau und deren Mutter in Auschwitz, wohin er im Oktober 1944 deportiert wurde. Nach zwei Arbeitslagern wurde er im April 1945 durch amerikanische Truppen befreit. Nachdem er zunächst beim Prager Jüdischen Museum arbeitete, floh er im Februar 1947 aus der CSSR nach England, wo er erfolglos versuchte, wissenschaftliche, literarische und poetische Arbeiten zu veröffentlichen.

Und so geht es in den Briefen v.a. um Publikationsmöglichkeiten, die Broch dem unglücklichen Adler verschaffen oder für die er ihm wenigstens Tipps geben könnte. Es geht aber auch um die literarische Arbeit. An den Manuskripten, die Adler auch schickte, verwundert Broch „eine Kafkasche Form für ein teils erkenntnistheoretisches, teils geschichtsphilosophisches Thema“ (22). Im Gegensatz zu Kafka gehe aber alles „rational vor sich“ (23). Adler widmet sich dem selben Problem, das Broch in Die Schlafwandler und in diversen philosophischen und ästhetisch-theoretischen Aufsätzen verfolgte: kann man über etwas sprechen, das sich den rationalen Methoden positiver Wissenschaft entzieht, das man aber andererseits keinesfalls einem neuen oder alten Mythos überlassen möchte. Und falls man es kann: wie? Beide entdeckten die Literatur und die Poesie als möglichen Bereich. „Die Indirektheit des Ausdrucks, seine dichterische Dunkelheit ist notwendig, wenn dadurch Realitätsschattierungen eingefangen werden, denen mit der diskursiven Sprache nicht beizukommen ist“ (23). Adler ist die diskursive Technik unmöglich, „weil ich Resultate vorzuführen hatte, die wohl mit Kenntnis von und Rücksichtnahme auf Philosophie und Wissenschaft geschrieben, doch keineswegs auf deren Weise oder durch sie allein erreicht worden wären“ (27). Aber was für Resultate sind das? Und wieso erfordern sie eine solche Form der Darstellung?
Auch wenn Adler sich selber als „nicht mythisch, noch mythologisch“ (35) bezeichnet und die Gegenwart kritisiert, die zum Mythos regrediere, weil man dem Rationalismus misstraue und „weder ein Gefühl noch den mutigen Willen für ein Kommendes hat“ (54), so bedient er sich immer wieder mystisch-ontologisierenden Vokabulars. Um den „unerforschlichen Quell des Lebens“ gehe es ihm, der „über alle Ordnung gestellt“ sei (42), um die „Urpotentialität“, „die eigentliche Ordnung der Welt“ (44), weswegen Broch zurecht warnt, dass „schärfste erkenntniskritische und sogar logische Untersuchungen nötig“ seien, wenn es ums Absolute gehe (50).

Auch wenn Broch zu Beginn feststellt, „daß sich in unser beider Denken eine ganze Menge von Berührungspunkten finden werden“ (17), so fällt auf, dass die Verständigung nicht so recht klappt. Dies liegt nicht nur an den vielfach unklaren Beschreibungen der beiden Schriftsteller, die sichtlich noch um das und mit dem ringen, was sie meinen, auch nicht daran, dass sie, wie Broch meint, „verschiedenen Generationen“ angehören (33), sondern vielleicht tatsächlich daran (wie Speirs & White spekulieren), dass Adlers entstehendes Buch Theresienstadt den Ort behandelt, wo Brochs Mutter ermordet wurde.

H.G. Adler und Herman Broch. Zwei Schriftsteller im Exil. Briefwechsel
Herausgegeben und kommentiert von Ronald Speirs und John White.
Göttingen: Wallstein, 2004
ca. 95 Seiten, Euro 16,00
ISBN 3-89244-686-5

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