Fabian Kettner

Andreas Bernard & Ulrich Raulff (Hg.): ‚Minima Moralia’ neu gelesen.
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Spiegel: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung ...
Adorno: Mir nicht.

Am 11.09. dieses Jahres wäre Theodor W. Adorno, Mitbegründer der Frankfurter Schule aka Kritischen Theorie, 100 Jahre alt geworden. Im Sommer 1969 starb er überarbeitet im Urlaub, nicht zuletzt, wie Hans-Georg Backhaus gerne erzählt, an gebrochenem Herzen wegen seiner ihn bloßstellenden StudentInnen. „Ein chronologischer Anlaß“ schrieb Adorno in der ersten seiner Drei Studien zu Hegel, könnte „zu dem verführen, was man Würdigung nennt. Aber deren Begriff, wenn er überhaupt je was taugte, ist unerträglich geworden.“ Den Hundertsten nahm Suhrkamp dennoch zum Anlass, 24 Feuilleton-Beiträge zu einer Relektüre der berühmten Minima Moralia zu versammeln. Die Hälfte davon ist lesenswert, stammt sie doch von Adorno selbst: jedem Beitrag ist der Aphorismus vorangestellt, auf den er sich bezieht.

Die Beiträge kann man grob in vier Kategorien einteilen: (a) der Aphorismus wird erläutert, nach-gedacht, (b) der Aphorismus ist Anlass für einen eigenen Text, (c) Rätselhaftes und Belangloses, (d) Adorno wird geschmäht. Letzteres ist am häufigsten. Zwar ehrt man „den Humanisten Adorno“ (72) als „Held der Aufklärung“ (82); aber „der hellsichtige Kritiker“ (55), „der dialektisch-listenreiche Adorno“, auch als „Teddyseus“ bekannt (56), ist ihnen als „Vater der Kritischen Theorie“ (87) auch „der strenge Adorno“ (88). Er ist „der Unbedingte“ (68), man fürchtet „den unbarmherzigen Samariter“ und verachtet den „Prophet des ‚Negativen’“ (14), denn von Negation will man nichts mehr wissen. Aber dies geht nicht ohne schlechtes Gewissen. Deswegen beklagt man „den unerbittlichen Ton der Dialektik Adornos, die keine Einwände mehr duldet“ (110), „die zuweilen verbohrte, oft unerträglich rechthaberische, häufig von Ressentiments imprägnierte Diktion“, „die gnadenlos strengen Reflexionen“ (95). „Mit Unerbittlichkeit“ (110), „in solch asketischer Strenge, für die er ja bis heute berüchtigt ist“ (91), habe er „adlergleich von höchster zeitlicher Warte auf das schlechte Bestehende“ (68) geblickt. Nun muss er exorziert werden. Adorno habe sich v.a. etwas Besseres gedünkt. Bekannt ist „der snobistische Reflex eines Kulturbürgers“ (9), die Klage über „verallgemeinernden Dogmatismus“ (14). Dank Habermas ist man inzwischen zu Differenzierung fähig.
Dass Theorie „Hirnwichserei“ sei, weiß man dank der anti-intellektualistischen Bewegungslinken schon länger. „Wenn Adorno sich all dies Ätzend-Kritische wieder einmal von der Seele geschrieben hat“ (92), traf „Adornos klebrigster Faden“ (41) David Wagner mitten ins Gesicht, als er ungebeten vor ihm kniete, anstatt selber zu denken. Nun fühlt er sich unsittlich berührt und spürt den Text näherkommen, „der sich festsetzt, der unter die große Hülle reicht.“ „Ist der Text das Bett, in dem ich rumliegen, mich einspinnen, einwickeln, mich festkleben kann?“ (42) Wer kann das wissen? „Als Leser bin ich, zumindest solange der Text dauert, das Insekt, das im Spinnennetz zappelt“ (41), gefesselt, wehrlos und ausgeliefert. Die härtere Gangart bevorzugen auch andere. Robert Gernhardt, der die satirische Neue Frankfurter Schule mitbegründete, hört lieber „herrisch“ „die Reflexionspeitsche des Unbedingten“ (69) knallen.
„Schamhaft“ aber erinnert man sich an früher, als man „auch selbst diese emblematischen Worthülsen im Munde“ führte, „um den Gegner zu treffen“ (95), als man „diese seduktive Geste“ (17), den „unverwechselbaren Sound der Sätze“ pflegte, „zur Imitation herausgefordert“ (9) „zum Adorno-Bauchredner“ wurde (10). Dass man die Minima Moralia „immer im Affekt gelesen“ (8) hat und „ein eigentümliches Einrasten der Zustimmung“ (17) genoss, dass man sich „immer verhängnisvoller im so stringenten Netz des Unverbindlichen verstrickte“ (68), die eigene Dummheit und autoritäre Unterwürfigkeit also, wird nun, nachdem man „die Umschlagpunkte der intellektuellen Biographie“ (7) hinter sich hat, dem Autor angekreidet.
Hetzte noch 1984, als man sich den vollen Heidegger über die frz. Philosophie zu einer „Vernunftkritik“ wieder ins Land holte, Gerd Bergfleth bei den Salonfaschisten vom Matthes & Seitz-Verlag gegen „die zurückgekehrte deutsch-jüdische Intelligenz, die eine letzte Chance erhielt, Deutschland nach ihren Maßstäben umzumodeln“, so widerfährt Adorno inzwischen Schlimmeres: aus einem aufgeklärten denkenden Menschen soll ein Deutscher werden, der Jude und ehem. Exilant wird als „germanischer Denker“ verunglimpft. Bernard kennt dessen „dialektisch-deutsches Philosophieren“ (14), als könne es so etwas geben. Kein Unfug, kein Widerspruch ist zu groß, als dass er nicht doch geäußert werden könnte. Adorno habe „den Deutschen eines der ganz wenigen und vermutlich das letzte ihrer philosophischen Volksbücher geschenkt“ (123f.). Dieses habe auch Nutzwert für die Gegenwart. Denn es sei Adorno gewesen, „der die deutsche Intelligenz der zweiten Jahrhunderthälfte mit einem Amerikabild ausstattete“, und dies zu einer Zeit, als „die Verführungsmacht Amerika ihren Siegeszug gerade erst begonnen“ (131) hatte. Es wird nicht mehr lange dauern und das Kapitel Kulturindustrie aus der Dialektik der Aufklärung wird zu einer Kritik US-amerikanischer ‚Kulturlosigkeit’ vor der Folie deutscher Geistessubstanz dienen.
Eine Würdigung meldet lt. Adorno „den unverschämten Anspruch an, daß, wer das fragwürdige Glück besitzt, später zu leben ... darum auch souverän dem Toten seine Stelle zuweisen und damit gewissermaßen über ihn sich stellen dürfe. In den abscheulichen Fragen“, ob ein Autor „der Gegenwart etwas bedeute ... klingt diese Anmaßung mit. Nicht wird die umgekehrte Frage auch nur aufgeworfen, was die Gegenwart“ vor diesem Autor bedeute. Ob vor Adorno oder vor jemand anderem – die Gegenwart bedeutet nur eines: dass sie kritisch durchdrungen, dass die sie bestimmenden Faktoren: Staat & Kapital abgeschafft gehören. Für die theoretische Antizipation dessen mag man Adornos Schriften zur Hand nehmen.

Theodor W. Adorno, ‚Minima Moralia’ neu gelesen. Hgg.v. Andreas Bernard & Ulrich Raulff. Frankfurt/M: Suhrkamp, 2003. ca. 130 Seiten, € 9,-
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben.
Frankfurt/M: Suhrkamp, entweder Einzelausgabe der Bibliothek Suhrkamp, oder Band 5 der Gesammelten Schriften.

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