Ingo Elbe

Gestalten der Gegenaufklärung

Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne

Die gegenwärtige Zerstörung der Vernunft reicht tiefer und ist weiter fortgeschritten, als viele glauben. Auch im Lager derer, die heute ‚fake news‘ und Rechtspopulismus anklagen, gibt es philosophische und gesellschaftstheoretische Positionen, die dem Irrationalismus der kritisierten Rechten in nichts nachstehen. Oft sind die theoretischen Quellen beider Seiten identisch – es sind Denker wie Nietzsche, Schmitt oder Heidegger, auf die man sich hier wie dort positiv bezieht. In Uniseminaren und Thinktanks, bei Antirassismus-Trainings und Integrationsbeauftragten, in Medien und bei Politaktivisten verschiedenster Couleur hat sich eine ideologische Querfront formiert. Demonstrativ bekämpft man die rationalistischen Grundmotive der Aufklärung und beschwört ein numinoses ‚Heterogenes‘ oder ‚Anderes‘: das Individuum wird in repressiven Kollektiven, Affektströmen oder einem Machtgeschehen aufgelöst, dem höchstens noch ein antiegalitärer, aristokratischer Individualismus herrschender Eliten oder Diskursingenieure zur Seite gestellt wird. Der Band versammelt Aufsätze zur Kritik konservativer, politexistentialistischer und postmoderner politischer Philosophie und beleuchtet auch antisemitische Tenden-zen in diesen Denkströmungen.

Inhalt

Einleitung
Gestalten der Gegenaufklärung: Konservatismus, politischer Existentialismus und Postmoderne

Politische Aufklärung

Kontraktualismus
Zur politischen Philosophie der Aufklärung
1. Traditioneller und moderner Kontraktualismus – 2. Die Begründung des modernen Kontraktualismus (Hobbes, Locke) – 3. Modifikationen des Kontraktualismus im 18. Jahrhundert (Hume, Rousseau, Kant)

Konservatismus und politischer Existentialismus

Ein „erschreckender Prophet unserer Zeit“
Joseph de Maistres „Anti-Gesellschaftsvertrag“
1. Die Nation als Keim und Pflanze – 2. Kulturrelativismus und -determinismus – 3. Funktionalisierung der Religion und Verschwörungstheorie – 4. Ein „erschreckender Prophet unserer Zeit“

Der Zweck des Politischen
Carl Schmitts faschistischer Begriff der ernsthaften Existenz
1. Der deskriptive Gehalt des Begriffs des Politischen – 2. Der normative Gehalt des Begriffs des Politischen: Die Ermöglichung einer ernsthaften Existenz – 3. Der huma-nistische und der faschistische Begriff des Ernstes

„Die Reinigung macht uns frei“
Karl Jaspers‘ Beitrag zur Herstellung der nationalen Schuldgemeinschaft durch Akzeptanz des Kollektivschuldbegriffs
1. Schuldtypologie und das Nachleben der NS-Moral – 2. Moralisch-politische Kollek-tivschuld – 3. Das „Analogon von Mitschuld“ und die selbstbewusste Schuldgemeinschaft

Das öffentliche Leben
Zu Hannah Arendts konservativer Theorie wirtschaftlichen Wachstums
(zusammen mit Sven Ellmers)
1. Menschliche Grundtätigkeiten: Arbeiten, Herstellen, Handeln – 2. Verhältnis von Arbeiten und Herstellen – 3. Kolonialisierung durch Arbeit – 4. Kritische Anmerkungen zu einer verfehlten Wachstumsdiagnose – 5. Resümee

Die falsche Versöhnung von Subjekt und Objekt
Hans-Georg Gadamers Hermeneutik zwischen Heideggerscher Provinz und postmodernem Historyland.
1. Methodischer hermeneutischer Zirkel – 2. Der ontologische hermeneutische Zirkel – 3. Der ontologische Zirkel – traditionalistische Variante – 4. Der ontologische Zirkel – relativistische Variante – 5. Kritik des hermeneutischen Antirealismus – 6. Die Vermi-schung von Erkennen und Anerkennen der Bedeutung – Epilog: Konservative Herme-neutik in Dipesh Chakrabartys postkolonialer Geschichtsschreibung

Postmoderne Theorien des Politischen

Prolog: Theorien des Politischen in der Kritik

Politische Macht, Faschismus und Ideologie
Zur Genese von Ernesto Laclaus Postmarxismus in der Auseinandersetzung mit Nicos Poulantzas
1. Aufräumarbeiten im strukturmarxistischen Baukasten – 2. Faschismus, Populismus, Ideologie

Die postmoderne Querfront
Anmerkungen zu Chantal Mouffes Theorie des Politischen
1. Sozialtheoretischer Antiliberalismus und Irrationalismus – 2. Liberalismus, Rechtspopulismus und Terror – Dampfkessel und Ventil – 3. Schluss: Eine Sozialphilo-sophie des autoritären Charakters

‚Wir – und nur wir – sind das Volk‘
Zu Jan-Werner Müller: Was ist Populismus?

Antisemitismus im Kontext

„Anständig geblieben“ – Die Moral der NS-Täter
Zu Raphael Gross: Anständig geblieben

Alphabet und Antisemitismus
Zu Michael Blume: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht

Die „Verschwörung der Asche von Zion“
Zur Vorgeschichte der gegenwärtigen Holocaustrelativierung
1. Präzedenzlosigkeit und die Gefahren der Mystifizierung – 2. Überlagerung der Erin-nerung, Verstellung des Blicks, Holocaustrelativierung – 3. Fallstricke ‚multidirektionaler Erinnerung‘

‚Wir Opfer‘, oder: ‚Die Welt als KZ‘
Auschwitzrelativierung mit Adorno

“… it’s not systemic”
Antisemitismus im postmodernen Antirassismus
1. Begriffliche Eliminierung des Antisemitismus – 2. Holocaustrelativierung – 3. Dä-monisierung Israels – 4. Postmoderne Dethematisierung des islamischen Antisemitismus – 5. Resümee: Ein Persilschein für den Hass der ‚Subalternen‘

Literaturverzeichnis

Drucknachweise

ISBN: 978-3-8260-7121-8

38,- Euro

Verlag Königshausen&Neumann, Würzburg 2020

Rezensionen:

"Elbe konstatiert mit Ferry und Renaut einen “Sieg des Daseins über das Bewußtsein” (8), der sich in der postmodernen Philosophie äußert. Eine potentielle politische Verwirklichung von Vernunft wird durch die Subsumtion unter das Dasein verunmöglicht. Die Individuen werden affirmativ als Kollektive sortiert, sei es in Karl Jaspers’ Konstruktion einer deutschen Moralgemeinschaft bis hin zur explizit faschistischen Partisanentheorie von Carl Schmitt, die in den Postmarxisten und Poststrukturalisten Ernesto Laclau und Chantal Mouffe fortlebt. Elbe begegnet den Theorien dabei gründlich und mit einer Rationalität, die zuweilen ob der Irrationalität der untersuchten Gegenstände redundant wirkt. Stets wieder wird am postmodernen Relativismus, Interpretationismus, Fiktionalismus aufgezeigt, dass er sich selbst widerspreche oder zirkulär sei. Dabei lässt sich fragen, ob diese gewiss richtige Analyse das Wesentliche jener Theoreme treffe. Denn der bekannte und antizipierte Gegenvorwurf, mit dem “Postmoderne behaupten, man habe die Texte ihrer Meisterdenker falsch verstanden” (134), zeigt auch die Grenzen von Elbes Kritik auf, die nämlich voraussetzen muss, dass die Postmoderne überhaupt richtig und rational verstanden werden will. ... Elbes Sprache bezeugt ein Bewusstsein von dieser Grenze, wenn sie an einigen Stellen die theoretische Ebene zur polemischen hin übersteigt, und nur noch festhält, dass in der Postmoderne “schwadroniert” (256) wird oder wenn er dem Derrida-Schüler Gianni Vattimo und anderen mit Recht vorwirft, “jeden Kontakt zur Wirklichkeit verloren [zu] haben und sich in einem hasserfüllten Paralleluniversum mit Israel als dem Teufel der säkularen Staatenwelt [zu] befinden” (257). So sehr die Postmoderne falsches Bewusstsein ist, so sehr ist es auch die logische Kritik an ihr. Elbes Texte machen das nicht immer explizit, aber sie wissen das. "

https://nilpferdkoenige.wordpress.com/2020/12/04/elbe-gestalten-der-gegenaufklarung/