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Autor: Fabian Kettner

IX. Antisemitismus und Kapitalismus. Was vom Antisemitismus gewusst werden muss, um durch ihn begreifen zu können


Die geläufige Theoretisierung des Antisemitismus - sofern man überhaupt davon sprechen kann: denn Antisemitismus sui generis taucht meist gar nicht auf -, sei sie subjektivistischer oder objektivistischer Ausrichtung, taugt allenfalls dazu, den Gegenstand, um den es doch angeblich gehe, verschwinden zu lassen. Antisemitismus sei der ,Hass auf die Juden’, eine Abneigung wie jede andere auch, nur dass sie sich diesmal nicht gegen Farbige, Frauen, Kinder oder Tiere richte (was - en passant - nicht nur gegen den Antisemitismus geht, sondern auch das Verständnis von Rassismus, Sexismus etc. auf eine theoretische Schwundstufe zurückwirft), oder eben ein ,von oben’ gelegtes Ventil zur Ab- und Umlenkung sozialen Aufbegehrens. Dieses Vorgehen besorgt zweierlei Entlastung: (1) die antisemitischen Subjekte zu entschulden, indem sie als Opfer wahlweise überwältigender Manipulation, wahlweise zwangscharakterlich determinierender ,gesellschaftlicher Verhältnisse’ (was immer das genau heißen soll) imaginiert werden, um sie sich als Objekte möglicher Agitation warm zu halten - und sich das Plätzchen im Volk zu sichern, in dem ankommen zu wollen linke Theoretiker sich nicht enthalten können. (2) kann man sich um das Verhältnis von ,Antisemitismus & Gesellschaft’ resp. ,Antisemitismus & Kapitalismus’ drücken, dessen Reflexion nicht nur notwendig ist, um erfassen zu können, was Antisemitismus ist, sondern der einem andersherum die Gesellschaft und das Volk, in dem zu leben zufälliger- und dummerweise man gezwungen ist, so fremd machen könnte, um die Abschaffung aller beider als existenzielle Notwendigkeit klar werden zu lassen. Der Antisemitismus ist die durchaus ,idealistische’, freiwillige und selbstbewusste Unter- und Einordnung von Menschen, die partout zu Deutschen oder anderen modernen Barbaren werden wollen. Der Antisemitismus missversteht sich nicht selber, noch ist er Camouflage für das ,eigentliche Interesse’. Er ist das spontane Bewusstsein einer sich selbstverdeckenden und bewusstlosen Form von Vergesellschaftung von Subjekten, die es so genau auch gar nicht wissen wollen, die ihre Selbstbehauptung und ihre Identität nur über Ausschluss und Vernichtung anderer erreichen können.

Der Vortrag versucht sich an einer Kritik herkömmlicher Theoretisierungen von Antisemitismus, die vom Alltagsbewusstsein ausgeschwitzt werden und die dessen Banalisierung betreiben, um über eine Typologie des Antisemitismus dessen ,gesellschaftliche Bedingtheit’ wenigstens anzureißen.

Fabian Kettner hat Philosophie in Bochum studiert. Magisterarbeit über Wirkungskreise des Geldes.


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