Autor: Fabian Kettner
Zu Geschichte und Logik der Protestbewegung
Bezeichne man sie als „Studentenbewegung“ oder als „Jugendrevolte“, die 68er-Bewegung gilt als Geburtsstunde der Neuen Linken. Neu sei an ihr die Konstitution eines linken, alternativen Milieus, sowohl einer radikalen politischen Szene wie einer Theorie jenseits der marxistischen Tradition. Hier kam die Kritische Theorie in Deutschland zum ersten Mal zur Geltung – zumindest nominell. An Adorno, Horkheimer und Marcuse orientierte studentische Theoretiker wie Hans-Jürgen Krahl, Frank Böckelmann u.a. schafften es, Mitte der sechziger Jahre im heterogenen Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) kurzzeitig die Oberhand zu gewinnen und die traditionslinke Strömung zurückzudrängen.
Doch dieser erfreuliche Zustand war nur von kurzer Dauer, denn schon auf dem Höhepunkt des studentischen Protestes entstanden aus der antiautoritären Bewegung heraus neoleninistische Strömungen, die die Kritische Theorie als „kleinbürgerlich” zurückwiesen. Die daraus folgende „schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung” und die Konstitution der maostalinistischen K-Gruppen bedeuteten dann die endgültige Abkehr eines großen Teils der Protestbewegung von kritischer Theorie. Die Abwehr der vermeintlichen „Zumutungen” der Kritischen Theorie gewann bei den K-Gruppen teilweise einen antisemitischen Unterton, wenn z.B. die konkrete Arbeit der deutschen Proleten, die man so gerne erreicht hätte, gegen die abstrakte, immer nur negative Kritik der Frankfurter Theoretiker gewendet wurde. Beispielhaft für eine solche Sichtweise schrieb der Erste Sekretär des Zentralkomitees des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), Joscha Schmierer, im Theorieorgan Kommunismus und Klassenkampf: „Die Kritische Theorie ist auf Entwaffnung der Arbeiter aus. Ihr Haß gilt der Arbeit, von der sie lebt und die sie scheut.“
Die Neue Linke war also auch sehr schnell wieder die alte. Die von 68ff. initiierte Lossagung von der marxistischen Orthodoxie war gleichzeitig deren Verlängerung. Die antiautoritäre Bewegung beherbergte selber autoritäre Tendenzen, sei’s innerhalb der eigenen Organisationen, sei’s innerhalb der eigenen alternativen Lebensformen. Die vielgerühmte Revolte gegen die Eltern, der Prozess, den man ihnen und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit angeblich machte, verschüttete diese Vergangenheit gleichzeitig durch die alt-neuen Theorien. Die Verfallsformen der antiautoritären Bewegung, die von den K-Gruppen über die alternative Lebensreform bis hin zu fernöstlich inspirierten Sekten reichen, vom marginalen rabiaten Antiimperialismus bis hin zur erfolgreichen Vergangenheitspolitik, waren in ’68 schon angelegt.