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rru 09


Autor: Christine Zunke

Hirnphysiologie und Willensfreiheit. Zur Kritik der Hirnforschung

Die naturalistische These, dass es keine Freiheit geben könne, weil alles Material den Naturgesetzen unterliege, ist mindestens 200 Jahre alt. Wenig überraschend also, dass auch die Neuronen in unseren Gehirnen sich streng naturkausal verhalten. Die moderne Hirnforschung überrascht mehr durch ihre Popularität als durch ihre Forschungsergebnisse. Diese Popularität verdankt sich zu einem großen Teil der ideologischen Paßform dieser Wissenschaft: Die naturwissenschaftliche These, unser Wille sei nicht frei, aber die Vorstellung der Freiheit sei gleichzeitig eine notwendige Illusion unseres Gehirns, affirmiert vollständig jene gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die Freiheit des Einzelnen staatlich garantiert wird und jeder Wille sich gleichzeitig selbst zum bloßen Mittel der Kapitalakkumulation bestimmen muss. (weiterlesen)

Autor: Hendrik Wallat

Zur Kritik der radikalen Demokratie(theorie). Anmerkungen zum Links-Politizismus bei Mouffe, Derrida und Rancière

Im Zentrum des Diskurses der radikalen Demokratie steht die Etablierung und Aktualisierung eines emphatischen Begriffs des Politischen. Dieser richtet sich explizit gegen (a) die politologische Restriktion von Politik und Demokratie auf ein etabliertes Teilsystem von Gesellschaft, (b) das sog. Primat des Sozialen wie es im Marxismus, aber auch in der Systemtheorie vertreten wird und (c) die herrschende politische Philosophie des liberalen Normativismus. In meinem Vortrag will ich diesen an sich begrüßenswerten Diskurs zum einen in seinen Umrissen skizzieren, zum anderen an dem Beitrag von Jacques Ranciere analysieren. Letzteres ist dem Anspruch nach mehr als eine Einführung: Kritik an der Hypostasierung des Politischem in der postmarxistischen radikalen Demokratie. (weiterlesen)

Autor: Gerhard Scheit

Hannah Arendts ungewollte Beiträge zur Kritischen Theorie

Es gibt keinen anderen Weg für die politische Urteilskraft wie für die kritische Theorie, als intransigent die Freiheit des Individuums und die „Naturgesetze“ der Gesellschaft gegeneinander zu halten. Unvermeidlich fast, daß dabei der Akzent auf der einen oder der anderen Seite gesetzt wird – wobei gerade die unterschiedliche Akzentuierung bei derselben Sache die größte Feindschaft begründen kann. Letzteres scheint in den Beziehungen Hannah Arendts zu Adorno und zur kritischen Theorie der Fall gewesen zu sein. Keineswegs aber hat sich Arendt über die Antinomie Kants einfach hinweggesetzt und etwa nur die Freiheit eingeklagt, als sie sich gegen Hegel, Marx und Freud wandte und die kritische Theorie, die ihr doch in mancher Hinsicht nahestand, absichtsvoll mißachtete. Ihr Projekt – von den Ursprüngen und Elementen totaler Herrschaft bis zum Leben des Geistes – war die Politisierung der Urteilskraft: „Die Urteilskraft ist das politische Vermögen par excellance. Weil sie es immer mit Partikularem zu tun hat – allerdings nach Kant im Hinblick auf ein vorgegebenes Allgemeines – Regel oder Begriff.“ Das Partikulare nicht dem Allgemeinen zu opfern, bestimmt auch Arendts Begriff des Politischen, und das Partikulare meint nun zuallererst den Leib des Individuums. Das ist es, was sie von Heideggers Denken trennen sollte, ohne dass sie sich dessen recht bewusst wurde. (weiterlesen)

Autor: Christoph Hesse

"Zeugenschaft der Toten" – Über Claude Lanzmanns Film "Shoah"

Vortrag mit Filmausschnitten

»Ja, das ist das Platz«, erinnert sich Simon Srebnik, Überlebender des Vernichtungslagers Chelmno, als er zusammen mit Claude Lanzmann an den Ort des Geschehens zurückkehrt, an dessen Stelle inzwischen nur mehr eine recht beschauliche grüne Wiese zu sehen ist; »das kann man nicht erzählen.« Mit seinem zwischen 1974 und 1985 entstandenen, über neun Stunden dauernden Film Shoah unternahm Lanzmann den Versuch, es doch zu erzählen, es von den Überlebenden erzählen, zeigen, darstellen zu lassen, um dem Zuschauer eine Vorstellung des Unvorstellbaren zu geben, das mit Begriffen wie Shoah oder Holocaust allenfalls benannt werden kann. Auf Archivmaterial, wie es sonst durch jede historische Dokumentation des Nationalsozialismus geistert, hat er dabei vollständig verzichtet. Lanzmann ging es darum, »einen lebendigen Film nur aus der Gegenwart zu machen« – und zwar zu dem scheinbar höchst widersinnigen Zweck, einen Film über den Tod zu machen, der mit Auschwitz zu etwas geworden ist, »was so noch nie zu fürchten war« (Adorno). Der Film, so hat Lanzmann stets betont, handle nicht von Überlebenden. Die Überlebenden in Shoah seien »Sprecher der Toten«. (weiterlesen)

Autor: Frédéric Krier

Pierre Joseph Proudhon - Wegbereiter des Dritten Reiches?

Im Vortrag werden die Verbindungslinien zwischen dem Werk des anarchistischen Sozialtheoretikers Pierre Joseph Proudhon (1809–1865) und der Ideologie des Nationalsozialismus rekonstruiert. Kontinuitäten bestehen vor allem zwischen dessen Konzept eines "kleinbürgerlichen Sozialismus" und dem sogenannten "Mittelstandssozialismus" der Nationalsozialisten. In der Analyse von Proudhons Antisemitismus sollen dessen Parallelen und Unterschiede zum Antisemitismus im deutschsprachigen Raum deutlich werden. (weiterlesen)

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